mini|Bestwig mini|Luftbild
Bestwig ist eine Gemeinde in Nordrhein-Westfalen, die zum Hochsauerlandkreis gehört. Weite Teile des Gemeindegebiets sind als großräumiges Natur- oder Landschaftsschutzgebiet ausgewiesen. Die Plästerlegge, der höchste natürliche Wasserfall Nordrhein-Westfalens, liegt innerhalb des gleichnamigen Naturschutzgebietes.
Der an der Ruhr und am Rande des Arnsberger Waldes liegende Ort war im 14. Jahrhundert ein Kleinweiler mit einem Doppelhof des Stiftes Meschede und einem Hof des Klosters Grafschaft. Nach dem Bau eines Bahnhofs an der Oberen Ruhrtalbahn entwickelte sich der Weiler in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einer Eisenbahnergemeinde. Zudem führte der Bergbau in der damaligen Nachbargemeinde Ramsbeck zum Anwachsen der Einwohnerzahl. Die Gemeinde Bestwig entstand in ihrer heutigen Form erst im Zusammenhang mit der kommunalen Neugliederung von Nordrhein-Westfalen im Jahr 1975. Durch sie wurden stark gewerblich oder noch bergbaulich orientierte Gemeinden mit überwiegend landwirtschaftlich geprägten Orten zusammengelegt.
Geographie Geographische Lage Die Gemeinde Bestwig liegt an der Nordgrenze des Hochsauerlandkreises zwischen den Städten Meschede im Westen, Warstein und Rüthen im Norden (beide Kreis Soest), Olsberg und Brilon (an der schmalsten Stelle durch nur rund 1300 m Olsberger Stadtgebiet zwischen OT Grimlinghausen und OT Esshoff getrennt) im Osten und Schmallenberg und Winterberg (ein gemeinsamer Grenzpunkt) im Süden. Der höchste Punkt ist der Bastenberg (), die tiefste Stelle liegt im Ruhrtal mit . Die höchste Erhebung im Höhenzug, der die Täler von Elpe und Valme trennt, ist mit der Berg Stüppel.
Geologie Bestwig liegt am Nordrand des Rheinischen Schiefergebirges. Die Hochlagen mit den Ramsbecker Höhen und Schluchten im Süden bilden den Nordrand des Rothaargebirges. Der geologische Aufbau ist von den Sedimentgesteinen des Karbons und Devons bestimmt. Die aus dem Mitteldevon stammenden Ton- und Sandsteine weichen nach Norden hin einem jüngeren Sedimentgestein. Der Naturpark Arnsberger Wald im Norden ist höchstens hoch. Dort herrschen Ton-, Schluff- und Sandsteine aus dem Pennsylvanium vor. Diese sind teilweise tiefgründig verwittert und von starken Lehmauflagen bedeckt. Im Gemeindegebiet ist bodentypologisch die Braunerde mit mittlerer bis großer, seltener mit sehr großer oder geringer Entwicklungstiefe am stärksten verbreitet. Braunerden mit großer bis sehr großer Entwicklungstiefe haben ihre größte Verbreitung im Bereich der Nuttlarer Schiefer. Die meist flachgründigen Höhenzüge werden überwiegend forstwirtschaftlich genutzt. Ackernutzung im stärkeren Umfang ist im Wesentlichen auf zwei breite, fast parallel von Südwest nach Nordost verlaufende Ruhrtalzonen und die Gebiete zwischen Halbeswig, Heringhausen und Ramsbeck beschränkt.
Naturräumliche Gliederung mini|Blick vom Lörmecketurm zum Berg Stüppel mit dem Stüppelturm
Das Gemeindegebiet gliedert sich im Wesentlichen in drei unterschiedliche naturräumliche Haupteinheiten. Der nördliche Teil der Gemeinde gehört zum Arnsberger Wald. Er ist überwiegend von forstwirtschaftlicher Nutzung geprägt. Zwei Drittel des Waldes bestehen aus Nadelhölzern. Es gibt dort auch Moor-, Bruch- und Quellstandorte sowie einige Oberläufe von Fließgewässern.
Den mittleren Teil des Gemeindegebiets nimmt das Ruhrtal und seine Umgebung ein. Dort reihen sich verstärkt Siedlungsgebiete aneinander. Dazu gehören auch die früher landwirtschaftlich genutzten Unterhanganlagen. Südlich grenzen Mischnutzungsbereiche an, die bis an die Nordhänge des Bastenbergs, des Dörnbergs und des Stüppel reichen. Die Kuppen erreichen Höhen bis zu . Dazwischen befinden sich recht breite Urstromtäler, die teilweise die landwirtschaftliche Nutzung ermöglichten. Heute dominieren allerdings in der Achse Heringhausen bis Nierbachtal Weihnachtsbaumkulturen. Ökologische Sonderbedingungen herrschen in einem großen, südlich des Ruhrtals verlaufenden Diabas- und Spanganophyliumkalkzuges und einem kleinen Diabaskalkzug zwischen Heringhausen und Ramsbeck.
Der Süden des Gemeindegebiets ist geprägt vom Nordrand des Hochsauerländer Schluchtgebirges. Dort erreichen die Kuppen wie Dörnberg, Bastenberg und Stüppel eine Höhe von . Im Gebirgsland liegen auch das tief eingeschnittene Tal der Valme und seine Zuflüsse. Wegen der starken Höhenunterschiede konnte dort in der Vergangenheit kaum Landwirtschaft betrieben werden.
Ausdehnung des Stadtgebiets und Nachbargemeinden Das Gemeindegebiet erstreckt sich über etwa 16 Kilometer vom Arnsberger Wald im Norden bis südlich von Obervalme im Süden. Die West-Ost-Ausdehnung beträgt sieben Kilometer von Wehrstapel im Westen bis Bigge im Osten, wobei die genannten Ortschaften nicht zum Gemeindegebiet Bestwigs gehören.Topografische Karte 1:25.000
Die Gesamtfläche der Gemeinde beträgt 69,36 km², davon sind etwa 8,5 km² (11,3 %) Siedlungsfläche, davon 4,92 km² (7,1 %) mit Gebäuden bestanden oder Betriebsflächen. Von den 60,83 km² Freiflächen sind 46,47 km² (67 %) Waldungen und 13,66 km² (19,7 %) landwirtschaftliche Nutzflächen. Der Freiflächenanteil von 87,7 % liegt über dem Landesdurchschnitt von 78,7 %. Ebenso ist der 67-prozentige Waldanteil überdurchschnittlich (Nordrhein-Westfalen: 25 %).
Bestwig grenzt im Uhrzeigersinn, im Nordwesten beginnend, an die Städte Warstein, Rüthen (beide im Kreis Soest), Olsberg, Schmallenberg und Meschede (alle im Hochsauerlandkreis).
Gemeindegliederung Die Gemeinde besteht aus 17 Ortsteilen, die den Ortschaften Velmede, Nuttlar, Ostwig, Heringhausen, Ramsbeck und Andreasberg angehören, in Klammern Einwohnerzahlen (für die Ortschaften kumuliert) und durchschnittliche Höhe über NHN (nur für einzelne Ortsteile): zu Bestwig auf bestwig.de, abgerufen am 8. Juli 2022
Ortschaft Ortsteile Andreasberg (562 EW) Andreasberg (454 EW; 480 m), Dörnberg (64 EW; 590 m), Wasserfall (44 EW; 700 m)Bestwig (1311 EW)Bestwig (1311 EW; 410 m) Heringhausen (816 EW) Heringhausen (816 EW; 380 m) Nuttlar (1513 EW) Nuttlar (1489 EW; 365 m), Grimlinghausen (24 EW; 410 m) Ostwig (1641 EW) Ostwig (953 EW; 360 m), Borghausen (636 EW; 360 m), Alfert (52 EW; 307 m) Ramsbeck (1737 EW) Ramsbeck (1393 EW; 435 m), Berlar (134 EW; 520 m), Valme (210 EW; 460 m) Velmede (4457 EW) Velmede (3086 EW; 325 m), Nierbachtal (29 EW; 355 m), Föckinghausen (24 EW; 476 m), Halbeswig (7 EW; 400 m) Velmede, Nuttlar (ohne Grimlinghausen), Ostwig, Heringhausen und Ramsbeck nebst aller Teile von Andreasbergnachvollziehbar anhand der Gemarkungen, siehe etwa waren bis 1975 eigenständige Gemeinden im Amt Bestwig gewesen; Valme war eine solche im Amt Schmallenberg gewesen, Grimlinghausen eine im Amt Bigge.
Klima In Bestwig herrscht typisches Mittelgebirgsklima, das durch den im südöstlichen Westfalen vorherrschenden Übergangsbereich zwischen dem ozeanischen und dem kontinentalen Klima geprägt ist. Die Sommer waren in einigen Jahren trocken-warm, manchmal aber auch feucht-kühl. Im Winter wurden Tiefstwerte von unter −20 °C gemessen. Die Jahresniederschlagsmenge lag in den Jahren 1961 bis 1991 im Jahresmittel bei 1065,9 Millimeter pro Jahr. Die Monatsdaten können dem Klimadiagramm entnommen werden.
Geschichte Frühgeschichte, Mittelalter und frühe Neuzeit Archäologische Funde bei Heringhausen aus der Bronzezeit sowie in der Veledahöhle bei Velmede aus der Eisenzeit belegen die Anfänge der Besiedlung.
Die frühmittelalterliche Besiedlung bestand aus Weilern und Einzelhöfen. Aufgrund seiner verkehrsgünstigen Lage wurde Velmede von den Kölner Erzbischöfen zum Zentralort des Kirchspiels erhoben. Albert K. Hömberg sah die Pfarrei Velmede als die erste Missionspfarrei zu Beginn der Christianisierung der Region an. Es ist anzunehmen, dass die Ortschaft im 10. Jahrhundert aus etwa sechs Höfen bestand. In einer Stiftungsurkunde der Benediktinerabtei Grafschaft wurden die Orte Nuttlar und Velmede 1072 erstmals erwähnt. Das an der Einmündung der Valme in die Ruhr gelegene Bestwig bestand im 14. Jahrhundert aus einem Doppelhof des Stifts Meschede und einem Hof des Klosters Grafschaft. Kloster Grafschaft vergab bis zum Ende des Alten Reiches die Pfarrstelle in Velmede.
Das Gebiet bildete die Freigrafschaft Velmede und gehörte den Edelherrn von Rüdenberg mit Stammsitz in Altenrüthen.Familie von Rüden: Die Edelherren von Rüdenberg, abgerufen am 13. Juli 2026. Im Jahre 1296 erwarb Graf Ludwig von Arnsberg die Hälfte der Freigrafschaft; die andere Hälfte ging an den Grafen von Waldeck. Seit 1368 gehörte das Gebiet zum kurkölnischen Herzogtum Westfalen.
Bergbau wurde im Raum Ramsbeck wohl seit dem Hoch- oder Spätmittelalter betrieben. Die 1936 aufgebrachte These, dass es dort bereits um 1500 v. Chr. Bergbau gab, ist wohl nicht zu halten. Dass der überaus enge, nur 1,30 m hohe Venetianerstollen von Venetern, einem angeblich kleinwüchsigen Volksstamm der Illyrer, in den Berg gehauen wurde, ist eine Legende.Sie geht auf den Ingenieur Heinrich Quiring zurück, der 1936 aufgrund der Enge und geringen Höhe des Stollens darüber spekulierte (Zeitschrift für das Berg-, Hütten- und Salinenwesen, Band 84 (1936), S. 126). Urkundlich nachgewiesen ist der Bergbau erstmals für das Jahr 1518. 1559 wurde Ramsbeck zur Bergfreiheit erhoben..
Der Beginn des Schieferabbaus ist unklar. In Nuttlar wurde das Gewerbe jedenfalls im 18. Jahrhundert als bäuerlicher Nebenerwerb offenbar mit einigem Erfolg betrieben. Daher strengten die Besitzer des Hauses Antfeld, zu dem auch Schiefergruben gehörten, 1727 einen Prozess vor dem Reichskammergericht gegen die Konkurrenz an.Wilfried Reininghaus: Salinen, Berg- und Hüttenwerke, Gewerbe und Handel im Herzogtum Westfalen. In: Harm Klueting (Hrsg.): Das Herzogtum Westfalen. Bd. 1: Das kölnische Herzogtum Westfalen von den Anfängen der Kölner Herrschaft im südlichen Westfalen bis zur Säkularisation 1803. Münster, 2009 S. 742
Im Jahr 1759 gab es im Gericht Velmede, zu dem große Teile des heutigen Bestwigs gehörten, keine nennenswerten adligen oder klösterlichen Besitzungen. 35 ganze Bauernstellen entsprachen 14 % aller Besitzungen. Ebenfalls recht gering war die Zahl der Halbbauern mit 23 (9,2 %). Deutlich größer mit 63 (25,2 %) war die Zahl der Kötter mit nur sehr geringem Besitz. Die größte Gruppe waren die 129 Brinksitzer (51,6 %), die weitgehend ohne landwirtschaftlichen Besitz waren.Bernward Selter: Landwirtschaft, Waldnutzung und Forstwesen im Herzogtum Westfalen. In: Harm Klueting (Hrsg.): Das Herzogtum Westfalen. Bd. 1: Das kölnische Herzogtum Westfalen von den Anfängen der Kölner Herrschaft im südlichen Westfalen bis zur Säkularisation 1803. Münster, 2009 S. 780
Eisenbahn und Bergbauexpansion Das Gebiet der heutigen Gemeinde Bestwig wurde im 19. Jahrhundert von zwei Entwicklungen entscheidend geprägt. Die eine war der Anschluss an die Eisenbahn durch den Bau der Oberen Ruhrtalbahn. Dies führte ab 1870 zum Bau des für das Sauerland bedeutenden Bahnhofs und schuf zahlreiche Arbeitsplätze, vor allem im örtlichen Bahnbetriebswerk. Durch die Bahn nahm die Einwohnerzahl, insbesondere in Bestwig selbst, deutlich zu.https://woll-magazin.de/bestwiger-bahnhof-anno1900/ Lebten dort 1864 nur 44 Einwohner, nahm die Einwohnerzahl in der „Eisenbahngemeinde“ bis 1905 auf 625 zu. Bestwig.de, abgerufen am 27. Oktober 2015. Die zweite war die Expansion des Ramsbecker Blei- und Zinkbergbaus zunächst durch die Ramsbecker Gewerkschaft und seit den 1850er Jahren durch die Aktiengesellschaft für Bergbau, Blei- und Zinkfabrikation. Über Jahrzehnte war dieser Betrieb das mit Abstand größte Unternehmen im gesamten heutigen Hochsauerlandkreis. Beide Entwicklungen unterschieden das Gebiet der heutigen Gemeinde Bestwig von anderen Teilen des oberen Sauerlandes. In weiten Teilen der heutigen Gemeinde dominierte nicht die bäuerliche, sondern die Arbeiterbevölkerung.