mini|hochkant=1|Stadtkirche in Leonberg, Relief an der Außenseite des Hauptportals, Jesus beruft Fischer zu Menschenfischern (Evangelium nach Markus, Kapitel 1, Verse 16ff), Kunstwerk von Ulrich Henn Das Evangelium nach Markus (auch Markusevangelium, abgekürzt Mk) ist das zweite Buch des Neuen Testaments in der christlichen Bibel. Die Erzählung setzt sich aus 16 Kapiteln mit 661 Versen zusammen und ist das kürzeste der vier kanonischen Evangelien. Im griechischen Original trägt es den Titel euangelion kata Markon (), also: „Gute Botschaft nach Markus“; jedoch steht über den ältesten Unzialhandschriften nur der kürzere Titel kata Markon (), d. h.: „nach Markus“.
Es stellt das öffentliche Wirken des Jesus von Nazaret dar, beschreibt seine Person und insbesondere sein Leiden und Sterben. Jesus wird als Knecht Gottes dargestellt, der die nahe gekommene Herrschaft Gottes verkündigt. Er wird als Mensch dargestellt, der den Menschen dient, sie heilt und lehrt. Gleichzeitig wird so seine Messianität und Gottessohnschaft verkündigt. Nach ist Jesus selbst das „Geheimnis der Gottesherrschaft“, das anhand typischer Szenen aus seinem Leben umrissen wird (Thomas Söding). Wie aus hervorgeht, ging der Verfasser davon aus, dass Jesus selbst das unmittelbar bevorstehende Gottesreich auf Erden angekündigt habe: „Und er sagte zu ihnen: Amen, ich sage euch: Von denen, die hier stehen, werden manche den Tod nicht schmecken, ehe sie gesehen haben, dass das Reich Gottes in Macht gekommen ist.“
Das Markusevangelium ist nach historisch-kritischer Mehrheitsmeinung wahrscheinlich das älteste Evangelium. Gemäß der sogenannten Zweiquellentheorie diente es gemeinsam mit einer griechischen Sammlung von Aussprüchen Jesu (Logienquelle Q) als schriftliche Vorlage für das Matthäus- und das Lukasevangelium. Nach vorherrschender Meinung entstand es recht bald nach dem Ersten Jüdischen Krieg (66 bis 73 n. Chr.), also etwa vier bis fünf Jahrzehnte nach den in ihm geschilderten Ereignissen.
Verfasser Wie alle im Neuen Testament gesammelten Texte wurde auch das Markusevangelium in sehr einfacher altgriechischer Sprache verfasst, um möglichst weite Verbreitung zu finden. Das Markusevangelium wurde – wie viele Zeugnisse jüdischer und frühchristlicher Literatur – ursprünglich anonym überliefert, denn die uns bekannte Evangelienüberschrift „Evangelium nach Markus“ wurde erst später hinzugefügt. Vielleicht war den betreffenden Autoren vor allem die Lehre oder die von ihnen verarbeitete Tradition wichtig, nicht so sehr ihr eigener Ruhm als Schriftsteller, weshalb sie hinter ihrem Werk zurücktraten.So etwa Joachim Gnilka: Das Evangelium nach Markus. 1. Teil, 1994, S. 32. Typisch für antike Texte ist, dass der Verfasser bzw. die Verfasser häufig nicht mehr eindeutig benennbar sind,Silke Petersen: Brot, Licht und Weinstock: Intertextuelle Analysen johanneischer Ich-bin-Worte. Brill, Leiden/Boston 2008; ISBN 978-90-04-16599-1, S. 70 was allerdings zumeist der Überlieferung geschuldet ist.
Marcus, gräzisiert Markos, ist kein jüdischer, sondern ein römischer Name. Der älteste Beleg für die Abfassung durch einen Markus findet sich bei Bischof Papias von Hierapolis (wohl um 100 n. Chr.),Robert W. Yarbrough: The Date of Papias: A Reassessment. In: Journal of the Evangelical Theological Society. Band 26, Nummer 2, 1983, S. 181–191 ().Enrico Norelli: Papia di Hierapolis, Esposizione degli Oracoli del Signore: I frammenti (= Letture cristiane del primo millennio. Band 36). Paoline, Mailand 2005, ISBN 88-315-2752-5, S. 38–54. den Eusebius von Caesarea in seiner Kirchengeschichte zitiert: „Marcus war der Dolmetscher des Petrus und schrieb sorgfältig auf, was er im Gedächtnis behalten hatte“.Eusebius von Caesarea: Kirchengeschichte. III, 39 (15). Diese Tradition führt Papias auf die Apostel Jesu zurück: „Wenn aber irgendwo jemand, der den Presbytern [Aposteln] nachgefolgt war, kam, erkundigte ich [Papias] mich nach den Berichten der Presbyter: Was hat Andreas oder was hat Petrus gesagt, oder was Philippus oder was Thomas oder Jakobus oder was Johannes oder was Matthäus oder irgendein anderer der Jünger des Herrn; was Aristion und der Presbyter Johannes, (beide) des Herrn Jünger, sagen. Denn ich war der Ansicht, dass die aus Büchern (stammenden Berichte) mir nicht soviel nützen würden wie die (Berichte) von der lebendigen und bleibenden Stimme.“Eusebius, Kirchengeschichte 3,39,4.
Alle späteren Zeugnisse über die Entstehung des Evangeliums, etwa bei Tertullian, Clemens von Alexandria oder Hieronymus, berufen sich auf Papias und scheiden somit als selbstständige Zeugen aus.
Nach späterer kirchlicher Tradition wurde das Evangelium von dem aus Jerusalem stammenden Johannes Markus (vgl. ) verfasst, einem Begleiter des Apostels Paulus.Als solcher in ; ; und in erwähnt. Aus wird zudem gefolgert, dass dieser Johannes Markus später zu einem Schüler des Petrus wurde. Er soll dessen Dolmetscher in Rom gewesen sein und dessen Verkündigung aufgeschrieben haben.Klaus-Michael Bull: 2.3. Das Markusevangelium (Mk). In: Ders.: Bibelkunde NT auf die-bibel.de/ressourcen/bibelkunde/bibelkunde-nt. Abgerufen am 1. April 2026. Gegen die Zuordnung dieses Markus zu Paulus und zu Petrus gibt es den Einwand, dass im Markusevangelium keinerlei paulinische Theologie zu finden sei.So etwa Udo Schnelle, 2007, S. 239, aber schon Rudolf Bultmann: Theologie des Neuen Testaments. Tübingen 1980, 8. Auflage, § 56, S. 494. Andererseits spricht der Umstand, dass das geographisch und chronologisch breit gestreute patristische Zeugnis kontinuierlich und unumstritten eine relativ unbekannte und nicht apostolische Person als Verfasser nennt, für die Verfasserschaft des Johannes Markus. Dies wird durch die Beobachtung gestützt, dass der Markusbericht lebhafte und lebensnahe Schilderungen enthält, die Vertrautheit mit Augenzeugendetails vermuten lassen, so dass die geschilderten Ereignisse aus dem Blickwinkel des Petrus erscheinen.
Aus der Sicht historisch-kritischer Forschung erscheint es jedoch zweifelhaft, ob der Evangelist Heidenchrist oder Judenchrist palästinischer Herkunft gewesen sein kann, wie es für Johannes Markus und einen Begleiter des Paulus und Petrus vorauszusetzen wäre. Einerseits wird in seinem Griechisch ohne semitische Spracheinflüsse ein Hinweis auf einen hellenistischen bzw. römischen Hintergrund gesehen, andererseits verweist man darauf, dass er zahlreiche aramäische Ausdrücke korrekt übersetzt (zum Beispiel Hephata in ) und somit des Aramäischen mächtig gewesen sein dürfte. Von Befürwortern der Annahme, Markus sei Heidenchrist gewesen, wird zudem auf seine wiederholte Kritik am Judentum und die positive Haltung gegenüber den römischen Autoritäten verwiesen; die Gegenposition bezweifelt dagegen, dass ein ehemaliger Heide so früh in der christlichen Geschichte eine so große Wirkungsgeschichte hätte entfalten können.
Diese Erwägungen legen insgesamt den Schluss nahe, der Evangelist könne nicht identisch mit dem Johannes Markus der Apostelgeschichte sein.Ingo Broer: Einleitung in das Neue Testament. Studienausgabe. Echter Verlag, Würzburg 2006, S. 79–82. Insgesamt konnte in der historisch-kritischen Forschung jedoch keine Einigkeit über die Person des Autors erzielt werden.
Textzeugnisse
Das älteste Textzeugnis, das größere Abschnitte des Markusevangeliums enthält,(so 4,36–52; 5; 16–26; 5,38–63; 6,15–25; 6,36–51; 7,3–15; 7,25–37; 8,10–26; 8,34–9,9; 9,18–31; 11,21–12,8; 12,13–28) ist der Papyrus Chester Beatty, nach seinem Sammler Alfred Chester Beatty, „P. Chester Beatty I, (P45)“. Er wird auf das Ende des 2. Jahrhunderts bis Anfang des 3. Jahrhunderts datiert (siehe auch Liste der Papyri des Neuen Testaments und Liste der Unzialhandschriften des Neuen Testaments).
Entstehungszeit In Bezug auf die Entstehungszeit des Markusevangeliums besteht weitgehender akademischer Konsens: Da in eine Anspielung auf die Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahre 70 n. Chr. durch Titus gesehen wird, bezieht sich die Mehrheit der jüngeren Datierungsversuche auf diesen Zeitpunkt: Es wird mehrheitlich davon ausgegangen, dass 13,2 eine unechte Prophezeiung (vaticinium ex eventu) sei, d. h., dass hier eine Ankündigung des bereits vergangenen Geschehens der Tempelzerstörung im Nachhinein Jesus in den Mund gelegt worden sei und dass das Evangelium somit nach der Tempelzerstörung entstanden sein müsse.
Einige wenige Exegeten verstehen diesen Vers als echte Prophezeiung und vermuten somit eine Entstehung des Evangeliums in einer Zeit, als der Ausgang des Jüdischen Krieges bereits abzusehen war. Für diese These wird außerdem vorgebracht, dass im genannten Vers die Tempelzerstörung mit dem Weltuntergang gleichgesetzt wird, der historisch ja nicht eingetreten ist; somit müsse es sich um eine echte Prophezeiung handeln, da sie noch von einem Weltuntergang ausgeht.So etwa M. Hengel: Entstehungszeit und Situation des Markusevangeliums. In: H. Canick: Markusphilologie. WUNT 33. Tübingen: Mohr Siebeck, 1984, S. 1–45.
Eine weitere Gruppe beruft sich auf , worin sie eine Anspielung auf die bürgerkriegsähnliche Situation zwischen Sikariern und Zeloten in Jerusalem im Jahre 68/69 sieht und das Evangelium damit in diesen Zeitraum datiert.So etwa W. Eckey: Das Markusevangelium: Orientierung am Weg Jesu. Neukirchen: Neukirchener, 1998, S. 6–9. Dieser Vers wird von anderen Auslegern jedoch eher als Überlieferungsstück aus der Zeit der Caligulakrise (40–50 n. Chr.) gewertet.
Eine dritte Gruppe geht davon aus, dass die Eroberung Jerusalems vor Kriegsende zwar absehbar war, die Zerstörung des zweiten Tempels hingegen nicht.So etwa J. Gnilka: Das Evangelium nach Markus. Teil 1: Mk 1–8,26. EKK II/1, 5. Auflage 1994, S. 32–35. Auch wird von Vertretern dieser These betont, dass die Abfassung des Verses 13,2 nicht mit der Entstehung des gesamten Evangeliums gleichgesetzt werden könneTeilweise wird der Vers komplett in vormarkinische Zeit zurückdatiert, so etwa bei Brandenburger, Egon: Markus 13 und die Apokalyptik. FRLANT 134, Göttingen, 1984. und das Evangelium somit jünger als dieser Vers sein müsse.
José O’Callaghan Martínez (1972)José O’Callaghan: ¿Papiros neotestamentarios en la cueva 7 de Qumran? In: Biblica, 53, 1972, S. 91–100. interpretierte den Text des Papyrus-Fragments 7Q5 als eine frühe Form des Markusevangeliums. Dies hätte bedeutet, dass das Evangelium bereits um 50 n. Chr. verfasst worden wäre. Ihm folgend, vertraten Thiede (1984)Carsten Peter Thiede: 7Q – Eine Rückkehr zu den neutestamentlichen Papyrusfragmenten in der siebten Höhle von Qumran. In: Biblica 65 (1984), S. 538–559; Errata: Biblica 66 (1985), S. 261. und Jaroš (2008)Karl Jaroš: Das Neue Testament und seine Autoren. Eine Einführung. (= UTB. 3087 Theologie, Religion), Böhlau, Köln/Weimar/Wien 2008, ISBN 978-3-8252-3087-6, S. 571. die These, dass es sich um die eineinhalb Verse handle. Die hoch umstrittene Identität des Fragments mit der Markusstelle widerlegte jedoch Stefan Enste (2000).Stefan Enste: Kein Markustext in Qumran. Eine Untersuchung der These: Qumran-Fragment 7Q5 = Mk 6,52–53. Universitätsverlag, Freiburg 2000, ISBN 3-7278-1286-9Armin Daniel Baum: Die historische Glaubwürdigkeit der neutestamentlichen Geschichtsbücher aus wissenschaftlicher Sicht. !mpulse 2/09, S. 6–9, hier S. 8 PDF 303 kB, 4 Seiten auf Armin-baum.de