Das Evangelium nach Johannes (oder Johannesevangelium, abgekürzt Joh), , ist ein Buch des Neuen Testaments der Bibel. Als eines der vier kanonischen Evangelien ist es zentral für den christlichen Glauben. Es wurde bereits in der Alten Kirche ebenso wie von der Theologie der Gegenwart als das zuletzt geschriebene Evangelium betrachtet (datiert auf das späte 1. Jh. n. Chr.).
Johannes hat in Darstellung und Theologie ein eigenes Profil, wohingegen die anderen drei Evangelien viele Ähnlichkeiten miteinander aufweisen (und deshalb die drei synoptischen Evangelien genannt werden).
Die Überschrift „Evangelium nach Johannes“ war im – nicht bewahrt gebliebenen – Original noch nicht enthalten, aber dann einheitlich in den Abschriften. Dabei wurde der Name „Johannes“ bereits in der Alten Kirche einhellig auf den Apostel Johannes bezogen, also auf einen Augenzeugen. Diese Gleichsetzung wird inzwischen von der neutestamentlichen Forschung bezweifelt; sie geht mehrheitlich davon aus, dass sowohl die literarische Gestaltung als auch das theologische Profil des Johannesevangeliums dagegen sprechen, dass ein Augenzeuge und Jünger Jesu der Verfasser des Textes war.
Verfasser
Buchtitel Die bereits in den ältesten Textzeugnissen seit dem Ende des 2. Jahrhunderts (, ) vorhandene Überschrift „Evangelium nach Johannes“ nennt einen „Johannes“ als Verfasser des Evangeliums. Diese Überschrift wird jedoch kaum ursprünglich sein, da sie mit der Präposition „nach“ den Begriff Evangelium als Gattungsbegriff verwendet und so die parallele Existenz mehrerer Evangelien in einer Sammlung voraussetzt.Hartwig Thyen: Das Johannesevangelium. S. 2. Bei den zwei genannten Handschriften handelt es sich um Sammlungen. Als Einzeltexte identifizierbare Handschriften des Johannesevangeliums existieren nicht.
Angaben im Evangelium über die Verfasserschaft Einige Angaben im Evangelium erwecken den Eindruck, dass mehrere Personen an der Entstehung beteiligt waren: In der dritten Person wird derjenige genannt, der die berichteten Ereignisse bezeugt; außerdem werden die Leser von einem „wir“ angeredet. Und im letzten Vers des Evangeliums meldet sich ein „ich“ zu Wort: „Wenn man alles einzeln aufschreiben wollte, so könnte, wie ich glaube, die ganze Welt die dann geschriebenen Bücher nicht fassen.“ (). Dieser als „ich“ Schreibende war offenbar an der Niederschrift beteiligt, zumindest am Ende. Entweder schrieb er eigenhändig, oder er diktierte.
Um den Zeugen geht es beim Sterben Jesu: „Einer der Soldaten stieß mit der Lanze in seine Seite und sogleich floss Blut und Wasser heraus. Und der es gesehen hat, hat es bezeugt und sein Zeugnis ist wahr. Und er weiß, dass er Wahres sagt ...“ (). Vielleicht sprach dieser Augenzeuge eine Art Bekräftigungs- oder Beteuerungsformel, etwa so: „Ich bin ganz sicher, dass ich das so beobachtet habe!“So Armin D. Baum: Einleitung in das Neue Testament. Evangelien und Apostelgeschichte. Brunnen, Gießen 2017, S. 775f. In Bezug auf dieses Ereignis wird hervorgehoben, dass der Zeuge (in der Einzahl) weiß, dass sein Zeugnis wahr ist. Alle vier Evangelien stimmen darin überein, dass nur wenige Jünger bei der Kreuzigung anwesend waren. An anderer Stelle bestätigt eine Mehrzahl die Wahrheit: „Petrus aber wandte sich um und sah den Jünger folgen, den Jesus lieb hatte, ... Das ist der Jünger, der diese [Ereignisse] bezeugt, und der dies geschrieben hat; und wir wissen, dass sein Zeugnis wahr ist.“ (). Der Ausdruck „schreiben“ kann manuell niederschreiben oder diktieren bedeuten. Die Bestätigung durch diese in „wir“–Form Auftretenden bezieht sich hier wohl auf mehrere oder so ziemlich alle im Evangelium berichteten Ereignisse. Von einer Mehrzahl bestätigender Augenzeugen erzählt der Kanon Muratori: „Als ihn [nämlich Johannes] seine Mitjünger und Bischöfe [zum Schreiben?] aufforderten, sagte er: ‚Fastet mit mir von heute ab drei Tage, und was einem jeden offenbart werden wird, das wollen wir einander mitteilen.‘ In derselben Nacht wurde dem Apostel Andreas offenbart, dass Johannes in seinem [eigenen] Namen alles niederschreiben und alle es durchsehen sollten.“ Diese unterschiedlichen Angaben sind nicht leicht zu einem stimmigen Bild von der Verfasserschaft zu vereinigen.Zur möglichen Deutung siehe Franz Graf-Stuhlhofer: Verfasser und Herausgeber des Johannes-Evangeliums: Johannes („er“), ein Schreiber („ich“), und mehrere Augenzeugen („wir“), in: Glauben und Denken heute, Heft 1 von 2023, S. 42–47.
Der Jünger, den Jesus liebte Das Evangelium selbst nennt keinen Verfassernamen. Allerdings wird ein Jünger Jesu bezeichnet als der „Jünger, den Jesus liebte“ ( und ). Dies hebt ihn aber nicht von den anderen Jüngern ab, da Jesus diese genauso liebte. Von diesem wird in Joh 19,25–27 gesagt, dass er unmittelbar bei der Kreuzigung zugegen war. Außerdem wird in diesem Zusammenhang den Augenzeugen des Geschehens eine besondere Zeugenfunktion beigemessen (). Am Ende des Evangeliums in benennt der Text den „Jünger, den Jesus liebte“ ausdrücklich als seinen Autor: Das ist der Jünger, der von diesen Dingen zeugt und der dies geschrieben hat; und wir wissen, dass sein Zeugnis wahr ist.
Der Apostel Johannes Die christliche Tradition hat den namenlosen Lieblingsjünger mit dem Apostel Johannes identifiziert, da von den drei Jüngern, die Jesus nach dem übereinstimmenden Zeugnis der Evangelien besonders nahestanden – Petrus, Jakobus, Johannes – Jakobus schon im Jahr 44 getötet wurde und Petrus ausdrücklich von dem Lieblingsjünger unterschieden wird (; ). Auch die nachbiblische Überlieferung berichtet von Johannes als dem Verfasser des vierten Evangeliums. Irenäus von Lyon (120–202) war in seiner Jugend ein Schüler von Polykarp von Smyrna (69–155), der – so schreibt Irenäus – seinerseits ein Schüler des Apostels Johannes war. Dieser habe bis in die Zeit Trajans (98–117) in Ephesos gelebt und dort nach Matthäus, Markus und Lukas seinerseits ein Evangelium herausgegeben:
Zuletzt gab Johannes, der Jünger des Herrn, der auch an seiner Brust ruhte, selbst das Evangelium heraus, als er sich in Ephesos in der Asia aufhielt (Irenäus, Adversus Haereses III 1,1, zitiert auch bei Eusebius, Historia Ecclesiastica V 8,4)
Aus diesen Gründen hat die christliche Tradition den Apostel Johannes als Verfasser angenommen. Diese Position wird heute von vielen, insbesondere biblizistischen und evangelikalen Autoren vertreten. Damit wäre mindestens eines der vier Evangelien auf einen direkten Augenzeugen des Erdenwirkens Jesu zurückzuführen und seine Darstellung der Ereignisse als weitgehend authentisch anzusehen. Hinzu kommt, dass dieser Verfasser nicht nur als Autor der Johannesbriefe, sondern auch der Offenbarung des Johannes angesehen wird, also des gesamten in der Tradition so genannten „Corpus Johanneum“.
Exegeten, die diese Meinung heute vertreten, begründen ihre Position auch damit, dass der Autor eine gute Kenntnis der jüdischen Festzeiten, Sitten und Gebräuche habe. Er kenne Details über Jerusalem () vor der Zerstörung der Stadt im Jüdischen Krieg im Jahr 70, die durch die Archäologie bestätigt worden seien.Urban C. von Wahlde: Archaeology and John’s Gospel. In: James H. Charlesworth (Hrsg.): Jesus and Archaeology. Eerdmans, Grand Rapids 2006, S. 523–586. „Diese Studie zeigt, dass wenigstens die topographischen Informationen des Evangeliums als solche … keine Konstruktionen sind … und keine ‚späten‘ Züge zeigen. Sie sind ganz und gar historisch. Es trifft deshalb eher zu, dass das Evangelium eine Mischung von Traditionen repräsentiert, von denen einige genau, detailliert und historisch, andere aber spät, fortentwickelt und für das öffentliche Auftreten [von Jesus] anachronistisch sind.“ (ebd., S. 585 f.)
Der Presbyter Johannes Eine andere Auffassung sieht eine weitere Person, den Presbyter (Ältesten) Johannes als wahrscheinlichen Verfasser des Corpus Johanneum an. Dieser wäre nach einem Zeugnis des Papias von Hierapolis (ca. 130, zitiert bei Eusebius von Caesarea, Kirchengeschichte 3,39,4) als „Jünger des Herrn“ deutlich von dem Apostel Johannes, dem Zebedaiden, unterschieden und in 2 Joh 1 und 3 Joh 1 ausdrücklich als Verfasser der Johannesbriefe genannt worden. Das würde nach Inhalt, Sprache und Stilmitteln der Briefe den gleichen Verfasser auch für das Johannesevangelium nahelegen.S. M. Hengel, Die johanneische Frage, 79ff.321ff; W.G. Kümmel, Einleitung in das NT, 19.A., 1978, 206ff; P. Stuhlmacher, Biblische Theologie des Neuen Testaments, Bd. 2, 203ff zur Person des Presbyters Johannes. Der Titel ὁ πρεσβύτερος (ho presbýteros) ist dabei besser gesichert als der Name „Johannes“. Folker Siegert kommentiert: dieser Titel sei nicht mit dem stets pluralisch begegnendem Presbyter-Titel zu verwechseln, sondern bezeichne ein ad personam beanspruchtes Lehramt.Folker Siegert: Das Evangelium des Johannes in seiner ursprünglichen Gestalt. Wiederherstellung und Kommentar. S. 62–81. „Johannes ‚der Senior‘ als Autor“. Jörg Frey unterzieht Siegerts Kommentar einer grundsätzlichen Kritik: hiermit sei der „Gipfel des Idiosynkratischen erreicht“, Literarkritik wie vor 100 Jahren; der von Siegert daraus abgeleiteten Rekonstruktion des historischen Jesus wird eine Akzeptanz in der Fachwelt von „nahe null“ vorhergesagt. Vgl. Jörg Frey: Die Herrlichkeit des Gekreuzigten. Studien zu den Johanneischen Schriften, Band 1 (= Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament. Band 307). Tübingen 2013, S. 20.
Nach dieser Theorie käme der Apostel Johannes als Verfasser des Johannesevangeliums nicht in Frage und auch nicht als der Lieblingsjünger (siehe ). Dazu wird darauf hingewiesen, dass der Apostel Johannes im Evangelium niemals mit Namen genannt oder als Verfasser und „geliebter Jünger“ bezeichnet wird. Auch würden die im Evangelium erzählten Szenen nicht zu den aus den Synoptikern bekannten Erzählungen passen und die anspruchsvollen Sprach- und Stilmerkmale einen schreibungewandten Fischer aus Galiläa ausschließen.
Es ist auch versucht worden, den Presbyter Johannes als Verfasser des Evangeliums mit der hinter dem Kunstnamen „Lazarus“ versteckten Gestalt (Kapitel ) zu identifizieren, da er im Evangelium viermal als derjenige bezeichnet wird, den Jesus „liebte“ (Verse 3, 5, 11 und 36).S. R. Nordsieck, Johannes, 3ff.120ff; G. Keil, Johannesevangelium, 175f.180f.240ff; A. Stimpfle, Blinde sehen, 128f.143f; M.W.G. Stibbe, John as Storyteller, 81ff unter anderem zur Identifikation mit dem „Lazarus“. Auch Rudolf Steiner sah in Lazarus den Lieblingsjünger. Die Forschung zum Johannesevangelium ist diesen Interpretationen allerdings nur vereinzelt gefolgt.
Redaktion und johanneische Schule Die meisten Wissenschaftler gehen heutzutage von mehreren Autoren aus. Es gab einen Autor der Grundschrift des Evangeliums, Autoren, die redaktionelle Erweiterungen besonders in den Kapiteln 15, 16, 17 vorgenommen haben, und einen Herausgeber, der Kapitel 21 geschrieben hat.Prof. Dr. Thomas Söding, Lehrstuhl Neues Testament, Ruhr-Universität Bochum, Vorlesung "Das Johannesevangelium" Sommersemester 2010