mini|Zwei Fragmente von Unzial 0171 (um 300) mit dem Text von ; linke Spalte unten: der früheste Beleg für den oft als sekundär eingestuften Satz (Biblioteca Medicea Laurenziana, PSI 2.124)
Das Evangelium nach Lukas (oder Lukasevangelium, abgekürzt Lk) ist das dritte der vier Evangelien des Neuen Testaments. Der Verfasser nennt seinen Namen im Buch nicht. Der Buchtitel und damit der Verfassername Lukas wurden erst später hinzugefügt. Durch diesen Titel wird der Verfasser mit einem Reisebegleiter des Paulus von Tarsus identifiziert. Obwohl dies unsicher ist, wird der Verfasser des dritten Evangeliums in der exegetischen Literatur einfachheitshalber Lukas genannt. Seine gute Beherrschung der koine-griechischen Sprache kennzeichnet ihn als einen Autor mit hellenistischer Bildung. Er verfügte über ausgeprägte Kenntnisse der jüdischen Tradition, insbesondere war ihm die antike jüdische Übersetzung des Alten Testaments ins Griechische (Septuaginta) so vertraut, dass er ihren Stil imitieren konnte. Die Abfassung des Lukasevangeliums wird mehrheitlich in die Zeit zwischen etwa 70 und 90 n. Chr. angesetzt. Lukas benutzte Quellen; neben dem Markusevangelium lag ihm nach exegetischer Mehrheitsmeinung die Logienquelle Q vor. Mehr als ein Drittel des Evangelientextes sind Sondergut.
Da das Lukas-, das Matthäus- und das Markusevangelium viele Ähnlichkeiten und Übereinstimmungen im Textbestand aufweisen, die man in einer „Zusammenschau“ (Synopse) darstellen kann, werden diese drei Evangelien als synoptische Evangelien bezeichnet. Seit der Alten Kirche dominiert in diesem Trio das Matthäusevangelium. Lukas stand in seinem Schatten und wurde mit seinen Besonderheiten, etwa dem umfangreichen Reisebericht vor dem Einzug Jesu in Jerusalem oder der von Matthäus und Markus erheblich abweichenden Passionsgeschichte, viel weniger wahrgenommen. Dagegen wirkten Erzählungen seines Sonderguts nachhaltig auf die christliche Frömmigkeit ein: vor allem die Verkündigung an Maria, der Besuch Marias bei Elisabeth, die Weihnachtsgeschichte mit der Verkündigung an die Hirten sowie bekannte Gleichnisse wie der Barmherzige Samariter und der Verlorene Sohn.
Während die anderen kanonischen Evangelien in sich abgeschlossene Schriften sind, handelt es sich beim Lukasevangelium um den ersten Teil des sogenannten „lukanischen Doppelwerks“: Das Evangelium und die Apostelgeschichte bilden formal und inhaltlich eine Einheit.
Buchtitel Der griechische Buchtitel lautet „(Evangelium) nach Lukas“ und findet sich erstmals im Papyrus Bodmer XIV () als Kolophon (subscriptio) am Ende des Textes. Er begegnet in den großen Bibelcodices des 4. und 5. Jahrhunderts (Sinaiticus, Alexandrinus, Vaticanus, Ephraemi Rescriptus) und später sowohl am Textende als subscriptio als auch am Textanfang als inscriptio. Der häufige Name Lukas () ist eine Kurzform von , oder , gräzisierten Formen der lateinischen Namen Lucanus, Lucanius und Lucius.Michael Wolter: Das Lukasevangelium, Tübingen 2008, S. 4.
Textüberlieferung
Als ältester Textzeuge des Lukasevangeliums wird meist angenommen. Dieser Papyrus wird in die Zeit um 200 n. Chr.So Michael Wolter: Das Lukasevangelium, Tübingen 2008, S. 1. oder ins 3. Jahrhundert datiertSo im Novum Testamentum Graece28, Stuttgart 2012, S. 792. Zu den Unsicherheiten der paläographischen Datierung von vgl. Brent Nongbri: God’s Library: The Archaeology of the Earliest Christian Manuscripts. Yale University Press, New Haven/London 2018, S. 263–268. und enthält lediglich die Kapitel 1–6. Nur wenig jünger ist , der die Kapitel 3–18 und 22–24 und damit etwa 80 Prozent des Gesamttextes enthält.Novum Testamentum Graece28, Stuttgart 2012, S. 794. Ins 3. Jahrhundert werden auch die Papyri , und datiert.Novum Testamentum Graece28, Stuttgart 2012, S. 794, 796 und 798. Als ältestes Fragment einer Pergamenthandschrift gilt Unzial 0171; hier wird im Novum Testamentum Graece28 eine Datierung „ca. 300“ vorgeschlagen.Novum Testamentum Graece28, Stuttgart 2012, S. 806.
Die ältesten Handschriften mit dem Gesamttext des Lukasevangeliums sind die beiden großen Codices Sinaiticus und Vaticanus aus dem 4. Jahrhundert. Im 5. Jahrhundert folgen der Codex Alexandrinus und der Palimpsest Codex Ephraemi Rescriptus (letzterer mit erheblichen Textlücken). Im Codex Bezae (5. Jahrhundert) finden sich einige Texterweiterungen, darunter zwei Jesus-Agrapha:Donald A. Carson, Douglas J. Moo: An Introduction to the New Testament. 2. Auflage. Apollos, Nottingham 2005, S. 215. Deutsche Übersetzung der Agrapha nach: Das Neue Testament und frühchristliche Schriften, übersetzt und kommentiert von Klaus Berger und Christiane Nord. 5. Auflage. Insel, Frankfurt am Main/Leipzig 2001, S. 1117. zu : „An diesem Tag sah Jesus einen Menschen am Sabbat arbeiten und sagte zu ihm: Lieber Mann, selig bist du, wenn du weißt, was du tust. Wenn du das aber nicht weißt, bist du verflucht und ein Gesetzesbrecher.“ zu : „Wachst in meinem Dienst als Diener.“
Das Arrangement der neutestamentlichen Bücher ist in den spätantik-frühmittelalterlichen Manuskripten variabel. Es ist aber kein neutestamentliches Bücherarrangement bekannt, in dem Lukasevangelium und Apostelgeschichte direkt aufeinander folgen. Deshalb ist es wahrscheinlich, dass diese beiden Werke zwar den gleichen Verfasser haben, aber als zwei physische Einheiten getrennt publiziert wurden und deshalb auch auf unterschiedlichen Wegen ins Neue Testament fanden.Michael Wolter: Das Lukasevangelium, Tübingen 2008, S. 1 f.
Verfasser, Entstehungszeit und -ort Altkirchliche Überlieferung In drei Briefen des Neuen Testaments wird ein Paulusmitarbeiter namens Lukas erwähnt: : „Es grüßen dich Epaphras, mein Mitgefangener in Christus Jesus, Markus, Aristarch, Demas und Lukas, meine Mitarbeiter.“ : „Es grüßen euch Lukas, der geliebte Arzt, und Demas.“ : „Lukas ist als Einziger bei mir. Nimm Markus und bring ihn mit; denn er ist für mich nützlich zum Dienst.“
Bei Irenäus von Lyon (um 180) findet sich der erste sichere Beleg für die Tradition, dass „Lukas, der Begleiter des Paulus, … das von diesem verkündigte Evangelium in einem Buch zusammengestellt“ habe.Irenäus von Lyon: Adversus haereses 3,1,1 (online: BKV). Mehr Informationen hat der Kanon Muratori, dessen Datierung allerdings unsicher ist. Demnach hatte Paulus den Arzt Lukas „gewissermaßen als Rechtskundigen“ (quasi ut iuris studiosum) zum Begleiter gewählt. Weitere biografische Angaben macht der sogenannte „antimarkionitische“ Prolog zum Lukasevangelium (4. Jahrhundert). Demnach war der Arzt und Paulusbegleiter Lukas ein Syrer aus Antiochia am Orontes, der ehelos lebte und 74-jährig in Bithynien starb. Die Tradition, dass der Evangelist ein Arzt aus Antiochia gewesen sei, war auch Eusebius von Caesarea und Hieronymus bekannt. Hinsichtlich des Abfassungsorts des Evangeliums gab es eine solche feste Tradition im 4./5. Jahrhundert nicht. So schwankte Hieronymus zwischen Rom und der Gegend von Achaia und Boötien.Michael Wolter: Das Lukasevangelium, Tübingen 2008, S. 5 und 10. Vgl. Eusebius von Caesarea: Historia ecclesiastica 3,4,6 (online: BKV); Hieronymus: De viris illustribus 7 und Commentarius in Matthaeum, praefatio 36 f.
Die Legende von Lukas als dem Maler Mariens, Jesu Christi und der Apostel lässt sich, allerdings unsicher, bis ins 6. Jahrhundert zurückverfolgen; mit dem Heiligen Lukas verbindet sich daher „die Prototypik ikonischer Malerei“.Reinhard von Bendemann: Lukas. In: Reallexikon für Antike und Christentum, Band 23. Hiersemann, Stuttgart 2010, Sp. 646–676, hier Sp. 655.
Historisch-kritische Diskussion Die historisch-kritische Exegese stellt fest, dass der Verfassername Lukas aus den drei Erwähnungen des Paulusmitarbeiters Lukas in den neutestamentlichen Briefen (siehe oben) kombiniert werden konnte. Insbesondere der 2. Brief an Timotheus, der mehrheitlich nicht als authentischer Paulusbrief, sondern als Schrift eines Paulusschülers gilt, nennt Lukas als den letzten bei Paulus in römischer Gefangenschaft ausharrenden Mitarbeiter. Da die Apostelgeschichte gute Kenntnis der Biografie des Paulus zeigt und mit seiner Gefangenschaft in Rom endet, passt das zu einer Verfasserschaft des Lukas. Mit dieser Argumentation kann die Entstehung der altkirchlichen Lukas-Tradition erklärt werden, sie ist damit jedoch nicht falsifiziert.Udo Schnelle: Einleitung in das Neue Testament. 10., neu bearbeitete Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2024, S. 372.
Gegen die Autorschaft eines Apostelschülers Lukas werden vor allem Diskrepanzen zwischen dem lukanischen Doppelwerk und den Paulusbriefen vorgebracht. Bereits Rudolf Bultmann argumentierte, dass, falls es zwischen Paulus und dem Verfasser des Evangeliums eine enge Beziehung gab, sich diese kaum theologisch auf das Lukasevangelium ausgewirkt habe.Rudolf Bultmann: Theologie des Neuen Testaments. Tübingen 1980, 8. Auflage, § 56, S. 494: „Auf die Redaktion der Evangelien hat die Theologie des Paulus freilich keinen Einfluß gehabt.“ Die neuere Forschung sieht dagegen durchaus Berührungspunkte: das lukanische Doppelwerk weise „eine Nähe zur paulinischen Theologie auf, auch in terminologischer Hinsicht (so zeigen zum Beispiel der Schluss der Paulusrede in Apg 13,38 f. und das Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner in Lk 18,9–14 Berührungen mit der Rechtfertigungslehre des Paulus).“Andreas Lindemann, Jens Schröter, Konrad Schwarz: Arbeitsbuch zum Neuen Testament. 15. vollständig neu bearbeitete Auflage. Mohr Siebeck, Tübingen 2024, S. 373. Schwerer zu erklären bleiben die chronologischen und sachlichen Widersprüche:Walter Radl: Das Evangelium nach Lukas, Band 1, Freiburg/Basel/Wien 2003, S. 5. So steht die zweite Jerusalemreise des Paulus vor dem Apostelkonzil nach der Apostelgeschichte ( und ) im Gegensatz zur Aussage des Paulus im Galaterbrief . Lukas nennt Paulus auch nicht „Apostel“, was für das Selbstverständnis des Paulus in seinen Briefen zentral ist. Daraus folgt beispielsweise für Udo Schnelle und Ingo Broer, dass der Autor des lukanischen Doppelwerks nicht der Freund und Reisebegleiter des Paulus gewesen sein könne.Udo Schnelle: Einleitung in das Neue Testament. 10., neu bearbeitete Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2024, S. 373–375; Ingo Broer: Einleitung in das Neue Testament. 4., überarbeitete Auflage. Echter, Würzburg 2016, S. 144 f. Die Abfassung aller kanonischen Evangelien durch Apostel oder Apostelschüler wird durch den Liturgiewissenschaftler und Ostkirchenkundler Hans-Joachim Schulz vertreten (Die apostolische Herkunft der Evangelien, 1993), der auch keine theologischen Unterschiede zwischen Paulus und Lukas sieht; vgl. dazu die Rezensionen von Stefan Schreiber (SNTS 22, 1997, S. 238–241, online) und Georg Schelbert (FZPhTh 41, 1994, S. 534–541, online).