mini|Das 1896/97 in Oxyrhynchos gefundene Papyrusblatt (frühes 3. Jahrhundert) gehört als „ständiger Zeuge erster Ordnung“ zu den wichtigsten Handschriftfragmenten des Matthäusevangeliums. Hier die Vorderseite mit dem Text von .
Das Evangelium nach Matthäus (oder Matthäusevangelium, abgekürzt Mt) ist das erste der vier Evangelien des Neuen Testaments. Der Verfasser nennt seinen Namen im Buch nicht. Der Buchtitel und damit der Verfassername Matthäus wurden erst später hinzugefügt. Durch diesen Titel wird der Verfasser mit einer Person identifiziert, die im Buch als Jünger von Jesus erwähnt wird.
Das Matthäusevangelium stammt aus einem judenchristlichen Milieu in Syrien, entstand nach Mehrheitsmeinung etwa 80/90 n. Chr. und beschreibt Jesus von Nazaret als königlichen Messias sowie als Sohn Gottes. In scharfer Abgrenzung gegen jüdische Autoritäten (Pharisäer) schildert Matthäus, wie sich Jesus dem Volk Israel freundlich und hilfreich zugewandt habe. So habe er die Prophetenworte des Alten Testaments erfüllt. Die Lehre Jesu wird in fünf großen Reden entfaltet, von denen die Bergpredigt am bekanntesten ist. Nachfolge Jesu wird für Matthäus konkret im gerechten Handeln. Nach Ostern sah sich die Gemeinde des Matthäus beauftragt, Menschen aus allen Völkern zu missionieren. Sie wurden durch die Taufe der Ekklesia eingegliedert; die Autorität des Simon Petrus garantierte die authentische Jesustradition. Schon sehr früh rezipierte die mehrheitlich heidenchristliche Großkirche das Buch und machte es zu ihrem Hauptevangelium.
Da die Evangelien nach Matthäus, Markus und Lukas eine ähnliche Darstellung der Jesustradition bieten (Zusammenschau, Synopsis), die sich vom Evangelium nach Johannes unterscheidet, werden diese drei Schriften die Synoptischen Evangelien genannt.
Buchtitel
mini|400px|links|Vorsatzblatt mit dem Schriftzug „Evangelium nach Matthäus“ (, 2. oder 3. Jahrhundert) Der griechische Buchtitel lautet , „Evangelium nach Matthäus“. Er wird schon von Papias von Hierapolis vorausgesetzt; damit war das Buch bereits um das Jahr 100 n. Chr. unter diesem Namen bekannt. Die altkirchliche Überlieferung (Papias-Notiz und Ebionitenevangelium als früheste Zeugen)Ulrich Luz: Das Evangelium nach Matthäus (Mt 1–7), Neukirchen-Vluyn, 4. Auflage 1997, S. 76, Anm. 204. bezeichnet den im Buch genannten Zöllner Matthäus (, ) als Autor. Nach Ulrich Luz hat die Exegese bei dieser Frage nur die Wahl zwischen Erklärungen, die alle mit Schwierigkeiten behaftet sind: Dass das Buch ursprünglich einen anderen oder gar keinen Titel hatte, sei ebenso unwahrscheinlich wie die Annahme, dass der Verfasser ein sonst unbekannter Christ namens Mattaj gewesen sei – dieser aramäische Name ist relativ selten. Trotzdem ist der Buchtitel nach Luz jünger als das Buch selbst.Ulrich Luz: Das Evangelium nach Matthäus (Mt 1–7). Neukirchen-Vluyn, 4. Auflage 1997, S. 77.
Es ist nicht genau bekannt, wie die Evangelien zu ihrem jeweiligen Buchtitel (inscriptio) kamen. Die christlichen Ortsgemeinden sammelten wohl schon im 1. Jahrhundert wichtige Schriften, z. B. auch die Paulusbriefe, und tauschten sie untereinander. Martin Hengel vermutet, dass einzelne Gemeinden ihren Bücherschrank hatten, in dem Texte aufbewahrt wurden, die zum Verlesen im Gottesdienst, weniger zur privaten Lektüre, vorgesehen waren. Wahrscheinlich, so Hengel, wurden die Titel von jenen Schreibern hinzugefügt, die Kopien der Werke zur Weitergabe an andere Gemeinden anlegten.Martin Hengel: Die Evangelienüberschriften. In: Jesus und die Evangelien (= Kleine Schriften. Band 5). Tübingen 2007, S. 526–567, hier S. 564. Außerdem kam es vor, dass mehrere Evangelien zu einem Kodex vereint wurden. Erst 2012 wurde ein Vorsatzblatt mit dem Titel des Matthäusevangeliums publiziert, das als Fragment zu gehört, einem Papyrus, der ansonsten Text aus dem Lukasevangelium enthält.Simon Gathercole: The Earliest Manuscript Title of Matthew’s Gospel (BnF Suppl. gr. 1120 ii 3 / P4). In: Novum Testamentum 54 (2012), S. 209–235.
Altkirchliche Überlieferung Über den Verfasser des Evangeliums berichtete Papias von Hierapolis mit Berufung auf einen anonymen Presbyter:
Diese Information, erhalten als Exzerpt des Eusebius aus dem verlorenen Werk des Papias, steht im Widerspruch zu dem Befund, dass das Matthäusevangelium nicht nur auf Griechisch vorliege, sondern auch in dieser Sprache verfasst worden sei. „Stil und Sprachgebrauch sind durch das ganze Buch hindurch von einer Einheitlichkeit, die ein Übersetzer nie erreichen würde.“Konstantinos Nikolakopoulos: Das Neue Testament in der Orthodoxen Kirche. Grundlegende Fragen einer Einführung in das Neue Testament. Berlin 2014, S. 100. Eine hebräische (oder aramäische) Urfassung von Überlieferungskomplexen lasse sich nicht nachweisen.Udo Schnelle: Einleitung in das Neue Testament, Göttingen 2013, S. 289. Serge Ruzer: Matthäus-Evangelium, Stuttgart 2012, Sp. 411. Doch muss die Wendung nicht unbedingt als „in hebräischer Sprache“ übersetzt werden; dies sei, wie Josef Kürzinger herausarbeitete, philologisch nicht einmal naheliegend. Gemeint habe Papias „in jüdischer Darstellungsweise“, nämlich eine bestimmte Art, den Stoff zu disponieren. Die altkirchlichen Autoren hätten Papias missverstanden.Zustimmend Ulrich Luz: Das Evangelium nach Matthäus (Mt 1–7). Neukirchen-Vluyn, 4. Auflage 1997, S. 63. Vgl. Josef Kürzinger: Das Papiaszeugnis und die Erstgestalt des Matthäusevangeliums (1960). In: Papias von Hierapolis und die Evangelien des Neuen Testaments (= Eichstätter Materialien 4). Regensburg 1983, S. 9–32.
Verfasser, Entstehungszeit und -ort Mehrheitsmeinung In der historisch-kritischen Exegese besteht ein weitgehender Konsens, wonach der Verfasser des Evangeliums namentlich nicht bekannt sei.Alexander Sand: Matthäusevangelium, Sp. 1481. Diese Exegeten sehen hinter der Papias-Notiz von der Abfassung durch den Jünger Matthäus nämlich keine historische Information,Peter Fiedler: Das Matthäusevangelium, Stuttgart 2006, S. 19. sondern den Wunsch, das Werk einem Apostel zuzuschreiben.Reinhard Feldmeier: Die synoptischen Evangelien. In: Karl-Wilhelm Niebuhr (Hrsg.): Grundinformation Neues Testament. Vandenhoeck & Ruprecht, 4., durchgesehene Auflage Göttingen 2011, S. 75–142, hier S. 82. Allerdings ist auch die Vermutung, mit dem Namen Matthäus solle ein Garant für die kirchliche Tradition benannt werden,Willi Marxsen: Einleitung in das Neue Testament. Eine Einführung in ihre Probleme. 3. Auflage, Gütersloh 1963, S. 136. rein hypothetisch.Alexander Sand: Das Matthäus-Evangelium, Darmstadt 1999, S. 13. Das Standardargument gegen die Abfassung durch den Jünger Matthäus lautet, dass das Matthäusevangelium vom Markusevangelium abhängig sei und ein Augenzeuge sich bei der Abfassung nicht auf das Werk eines Nicht-Augenzeugen gestützt hätte.Udo Schnelle: Einleitung in das Neue Testament, Göttingen 2013, S. 289. Martin Ebner: Das Matthäusevangelium, Stuttgart 2008, S. 140. Der anonyme Autor wird in der Fachliteratur der Einfachheit halber gleichwohl als „Matthäus“ bezeichnet.Matthias Konradt: Das Evangelium nach Matthäus. Göttingen 2015, S. 17.
Während das Markusevangelium in einem volkstümlichen Griechisch geschrieben ist, wählte der Verfasser des Matthäusevangeliums einen gehobeneren Stil. Er schrieb knapper, konzentrierter. Gerne wiederholte er Formeln und arbeitete mit Leitworten, Chiasmen und Inklusionen. Anders als das Evangelium nach Lukas, in dem Formulierungen der Septuaginta bewusst als Stilmittel eingesetzt werden, ist Matthäus zwar stark vom Bibelgriechischen geprägt, ohne aber absichtlich Septuaginta-Stil zu schreiben.Ulrich Luz: Das Evangelium nach Matthäus (Mt 1–7), Neukirchen-Vluyn, 4. Auflage 1997, S. 31–34.
Der anonyme Autor wird häufig als judenchristlicher Gemeindeleiter charakterisiert, bzw. mit einer Formulierung von Ernst von Dobschütz als „Rabbi und Katechet.“Ernst von Dobschütz: Matthäus als Rabbi und Katechet. In: Zeitschrift für die Neutestamentliche Wissenschaft und die Kunde der Älteren Kirche 27 (1928), S. 338–348. Martin Hengel vermutete, er habe eine „palästinisch-jüdische schriftgelehrte ‚Grundausbildung‘ erhalten.“Reinhard Feldmeier: Die synoptischen Evangelien. In: Karl-Wilhelm Niebuhr (Hrsg.): Grundinformation Neues Testament. Vandenhoeck & Ruprecht, 4., durchgesehene Auflage Göttingen 2011, S. 75–142, hier S. 82 f. Vgl. Martin Hengel: Zur matthäischen Bergpredigt und ihrem jüdischen Hintergrund. In: Judaica, Hellenistica et Christiana, Kleine Schriften, Band 2. Mohr Siebeck, Tübingen 1999, S. 219–292, hier S. 238. Er schrieb als „Exponent seiner Gemeinde“ und setzte dabei, wo er konnte, auf Vertrautes. Deshalb verwendete er Formeln, die im Gottesdienst rezitiert wurden (Vaterunser , Einsetzungsworte beim Abendmahl , Taufformel ).Ulrich Luz: Das Evangelium nach Matthäus (Mt 1–7), Neukirchen-Vluyn, 4. Auflage 1997, S. 59 f.
Terminus post quem ist die Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 n. Chr. Dies ist weitgehend Konsens der historisch-kritischen Exegese, denn sie erkennt im Matthäusevangelium mehrfach Bezugnahmen auf dieses traumatisierende Ereignis (z. B. , ).Matthias Konradt: Das Evangelium nach Matthäus. Göttingen 2015, S. 23. Außerdem folgt aus der Zweiquellentheorie, dass das Markusevangelium Matthäus bereits vorlag, und das Markusevangelium wird weitgehend nach dem Jüdischen Krieg datiert. Bei der Bestimmung des Terminus ante quem ist die Frage entscheidend, wer das Matthäusevangelium zitiert. Die Didache entstand in einer durch das Matthäusevangelium geprägten Gemeinde – aber ihre Datierung ist unsicher. Mehrere altkirchliche Autoren kennen das Evangelium (Ignatius von Antiochien, Polykarp von Smyrna, Barnabasbrief, Erster Clemensbrief, Justin), so dass das Buch um 100/120 offenbar bereits an verschiedenen Orten gelesen wurde: in Rom, in Smyrna, in Ägypten. Am nächsten kommt man der Abfassungszeit wohl, falls der Verfasser des 1. Petrusbriefs das Matthäusevangelium kannte (vgl. und sowie und ). Alle Indizien zusammengenommen sprechen für eine Datierung bald nach dem Jahr 80 n. Chr.,Ulrich Luz: Das Evangelium nach Matthäus (Mt 1–7), Neukirchen-Vluyn, 4. Auflage 1997, S. 75 f. Alexander Sand: Matthäusevangelium, Sp. 1481. Reinhard Feldmeier: Die synoptischen Evangelien. In: Karl-Wilhelm Niebuhr (Hrsg.): Grundinformation Neues Testament. Vandenhoeck & Ruprecht, 4., durchgesehene Auflage Göttingen 2011, S. 75–142, hier S. 83. Serge Ruzer: Matthäus-Evangelium, Stuttgart 2012, Sp. 411. Martin Ebner: Das Matthäusevangelium, Stuttgart 2008, S. 146. bzw. um 90 n. Chr., wenn man in Ignatius von Antiochien den ersten Autor sieht, der das Matthäusevangelium kannte.Udo Schnelle: Einleitung in das Neue Testament, Göttingen 2013, S. 291.
Recht allgemein wird eine Entstehung im syrischen Raum vermutet. Ein textinterner Hinweis ist die Erwähnung von Syrien in , eine Notiz, die zeigt, dass diese Region dem Matthäus wichtig war.Matthias Konradt: Das Evangelium nach Matthäus. Göttingen 2015, S. 22. Martin Ebner: Das Matthäusevangelium, Stuttgart 2008, S. 146. Die schnelle Verbreitung des Buchs im östlichen Mittelmeergebiet spricht für die Abfassung in einer Stadt. Viele Exegeten denken dabei an Antiochia am Orontes,Peter Fiedler: Das Matthäusevangelium, Stuttgart 2006, S. 19 f. obwohl z. B. Caesarea Maritima, Caesarea Philippi oder auch Edessa die gleichen Qualifikationen aufweisen: gute Einbindung in das antike Verkehrsnetz und einen größeren jüdischen Bevölkerungsanteil.Ulrich Luz: Das Evangelium nach Matthäus (Mt 1–7), Neukirchen-Vluyn, 4. Auflage 1997, S. 73–75. Man kann sich die Lebenswelt der Matthäusgruppe in Antiochia hypothetisch etwa so vorstellen: In der Stadt wurde griechisch gesprochen, auf dem Land dagegen aramäisch. Eine zentrale Synagoge wie in Alexandria gab es in Antiochia nicht, sondern einzelne jüdische Hausgemeinden. Auch die Matthäusgruppe war eine solche Hausgemeinde.Martin Ebner: Das Matthäusevangelium, Stuttgart 2008, S. 146.
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