mini|200x200px|Die Taube und die Ameise, Rettung der Ameise Die Taube und die Ameise ist eine Tierfabel über den Vorteil gegenseitiger Unterstützung des altgriechischen Fabeldichters Äsop. Sie wurde durch den zu den französischen klassischen Schriftstellern gezählten Jean de La Fontaine in ausgeschmückter Form zum Klassiker der Literatur.

Inhalt In der in Versen gehaltenen Fabel von La Fontaine (frz. Originaltitel: La colombe et la fourmi) rettet zuerst eine durstige Taube, die zufällig an einem Bach vorbei kommt, eine zu ertrinken drohende Ameise mit einem Gegenstand, je nach Textvariante ursprünglich mit einem Grashalm in Varianten mit einem Blättlein, auf die sich die Ameise setzen kann. Das Motiv ist Nächstenliebe (= „charité“) oder, freier übersetzt, die „Liebe zu allem Lebendigen“. In den folgenden Textzeilen will ein Mann, je nach Adaptation ein Kerl, Junge oder Jäger die Taube mit einem Netz oder einer Waffe wie Pfeil und Bogen, Armbrust oder einem Luftgewehr fangen bzw. erlegen. Sie wird von der Ameise gerettet, die den männlichen Widersacher in ein Bein beißt, der einen Schrei ausstößt bzw. die Waffe fallen lässt.

Ursprüngliche Quelle Im Perry-Index ist Äsops Fabeltext als Nummer 235 in einer englischen Prosaversion gelistet. Im Projekt Gutenberg findet sich Äsops Prosatext in deutscher Fassung als Nummer 47. Die Moral wird vorangestellt mit: „Guttat trägt Zins.“ Die Taube wirft der in einen Brunnen gefallenen Ameise ein rettendes Ästlein zu, ein Vogler (= alter Begriff für Vogelfänger) kommt mit einer Stange und lässt diese durch den Ameisenbiss lärmend fallen, was die Taube rettet.

Geschichte Nach Äsop (um 600 v. Chr.) überlebt die Fabel über das Neulateinische mit beispielsweise Hieronymus Osius (1574) oder Candidus Pantaleon (1604) als Formica et Columba.

In England finden sich Adaptationen und Übersetzungen beispielsweise von William Caxton (1484) oder mit Austauschen der Ameise durch eine Biene von Thomas Bewick (1885).

Jean de la Fontaine adaptierte in Frankreich die Prosaform der Äsop zugeschriebenen Fabel, indem er Inhalte anpasste und die Versform wählte. Sie erschien in Buch 2 als Fabel Nummer 12 zwischen 1668 und 1694 in mehreren Bänden und zählt zu den Klassikern der französischen Literatur. Die heutige Bekanntheit der Fabel geht auf de la Fontaine zurück. Die Fabel ist im Duo mit der Fabel mit gleicher Moral zu finden (Der Löwe und die Ratte). Beide Fabeln sollen zeigen, dass der Beistand von Kleineren oft „von großem Wert“ sein kann.

Moral mini|282x282px|Die Taube und die Ameise, Rettung der Taube Je nach Adaptation oder Übersetzung enthält die Fabel keine explizit formulierte Moral, sondern ist durch den Fortgang der Geschichte zu erschließen oder stellt eine Botschaft an den Anfang seines Textes: „Zu schwach ist keiner und zu klein. Er kann dem andern dienlich sein“, wie in einer Versadaptation von La Fontaine. Die kleine freundliche Handlung des Zuwerfens des Grashalms (oder anderen Gegenstandes) zahlt sich aus, da die Ameise im Gegenzug das Leben der Taube rettet. So wird angedeutet, dass durch eine erste gute Handlung ein zweiter gleichwertiger Akt folgen kann. Zusätzlich wird darauf hingewiesen, dass auch kleine Handlungen wie ein Grashalm im richtigen Augenblick zählen und selbst kleine Lebewesen im Gegenzug für vorher erhaltene Wohltaten helfen. Die Fabel legt nahe: Wer andere unterstützt, ist im Bedarfsfall nicht allein. Freundliche Dankbarkeit wird oft auf unerwartete Weise erwidert.

Philosophisch gesehen vermittelt die Fabel eine zentrale Botschaft über die Stärke von Gemeinschaften und die Bedeutung von gegenseitiger Unterstützung. Die Taube hilft ohne Hintergedanken. Die Ameise rettet die Taube, da sie zuerst Rettung erfuhr. Diese gegenseitige Unterstützung kann als Symbol für eine ideale Gesellschaft gesehen werden, in der Wesen füreinander da sind.

Verwendung mini|271x271px|Die Taube und die Ameise, Gedicht mit Bild auf Französisch, mit Illustration von Benjamin Rabier, 1906 In Schulen in Österreich, Deutschland und der Schweiz findet sich die deutschsprachige Fabel für den Deutschunterricht in Grundschulen in verschiedenen Klassenstufen als Prosaversion mit Aufgaben und zur Leseförderung.

In französischen Grundschulen wird die Fabel als Klassiker für den Französischunterricht eingesetzt. Eine 2024 eröffnete private Grundschule für Kinder mit besonderen Bedürfnissen in Roumare trägt den Namen der französischen Fabel, um an den Gedanken der Kooperation als zentrales Schulziel zu erinnern.

Der deutsche Fabeltext findet sich als klassische Kinderliteratur in verschiedenen Varianten auf Verlagsseiten, beispielsweise zum Vorlesen für Kinder.

Bildliche Darstellung in Museen Neben der Fabel finden sich immer wieder bildliche Darstellungen wie im Musée d’Orsay von Léopold Chaveau (1921, Stand: 2026 nicht öffentlich ausgestellt) oder dem Louvre von Jacques Philippe (1755).

Literatur

Jean de La Fontaine: Hundert Fabeln. Übertragen von Hannelise Hinderberger und N. O. Scarpi, Nachwort von Theophil Spoerri, 100 Illustrationen von Gustave Doré. 8. Auflage. Manesse Verlag, Zürich 1997, ISBN 978-3-71751-238-7.

Weblinks

Projekt Gutenberg: La Fontaine, Text: Die Taube und die Ameise

Einzelnachweise

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