mini|Pawel Tschuprunow bei der Konferenz „Russland statt Putin“ (2018)
Pawel Wjatscheslawowitsch Tschuprunow (, international meist Pavel Chuprunov; * 28. Juni 1993) ist ein russischer Oppositionspolitiker und zivilgesellschaftlicher Aktivist. Bekannt wurde er durch Gerichtsverfahren im Zusammenhang mit der Kommunalwahl 2019 in Sankt Petersburg. Diese führten zur Aufhebung des Wahlergebnisses in dem Wahlkreis, in dem ihm die Kandidatur verwehrt worden war.
Nach seiner Festnahme bei einer Kundgebung zur Unterstützung von Alexei Nawalny im Januar 2021 und anschließendem Interesse der russischen Polizeiabteilung zur Bekämpfung des Extremismus verließ Tschuprunow Russland. Im Juli 2022 gewährte ihm ein schwedisches Migrationsgericht Schutz und hob damit eine frühere ablehnende Entscheidung des schwedischen Migrationsamtes auf.
Ausbildung und Beruf
Den veröffentlichten Kandidatenangaben zur Kommunalwahl 2019 zufolge schloss Tschuprunow 2017 sein Studium an der Herzen-Universität in Sankt Petersburg ab. Zum Zeitpunkt der Wahl arbeitete er als Umweltingenieur an Projekten zu sanitären Schutzzonen. Bereits 2017 war er Mitautor eines Beitrags über die geochemische Belastung der Schneedecke entlang des Moskowski-Prospekts in Sankt Petersburg, der in einem Konferenzband der Herzen-Universität erschien.
Tätigkeit in Russland
Tschuprunow beteiligte sich in Sankt Petersburg an lokalen Kampagnen und oppositionellen Initiativen. Die Zeitung Nowaja gaseta bezeichnete ihn im Februar 2021 als Mitglied des Sankt Petersburger Rates der Bewegung Offenes Russland. Die norwegische Zeitung Dagsavisen beschrieb ihn 2023 als einen der führenden Vertreter der russischen Oppositionsbewegung Wesna.
Kommunalwahl 2019 und Gerichtsverfahren
Bei der Kommunalwahl 2019 wollte Tschuprunow im Wahlkreis Nr. 2 des damaligen Stadtbezirks Tschornaja Retschka kandidieren. Die Wahlkommission stellte ihm zwar eine Kandidatenbescheinigung aus, fasste jedoch keinen rechtswirksamen Beschluss über seine Registrierung. Nachdem Tschuprunow gegen das Verfahren geklagt hatte, verpflichtete ein Gericht die Kommission, erneut über die Registrierung zu entscheiden. Trotz des Gerichtsbeschlusses wurde er nicht auf den Stimmzettel gesetzt.
Die Süddeutsche Zeitung schilderte vor der Wahl ausführlich die Schwierigkeiten bei seiner Registrierung. Dem Bericht zufolge setzte sich Tschuprunow in seinem kommunalpolitischen Programm für mehr Transparenz ein und wollte unter anderem Sitzungen des Bezirksrates aufzeichnen lassen.
Am 3. August 2019 organisierten Tschuprunow und Krasimir Wranski die genehmigte Kundgebung Piter sa Moskwu in Solidarität mit den Moskauer Protesten für freie Wahlen. Nach Angaben von Radio Free Europe/Radio Liberty nahmen mehr als 2000 Menschen teil.
Im Januar 2020 hob ein Gericht das Ergebnis in dem Fünfmandatswahlkreis auf, in dem Tschuprunow hatte antreten wollen. Nach weiteren gerichtlichen und verwaltungsrechtlichen Verfahren fand vom 17. bis 19. September 2021 eine Wiederholungswahl statt. Tschuprunow leitete zu diesem Zeitpunkt das informelle lokale Oppositionsbündnis Komanda Tschornoi Retschki, das Kandidaten bei der Wiederholungswahl unterstützte. Alle fünf Mandate gingen an Kandidaten von Einiges Russland.
Tschuprunows Wahlkampf und seine Tätigkeit in Wesna waren außerdem Gegenstand der 2019 ausgestrahlten halbstündigen Arte-Reportage Re: Die Unerschrockenen – Russlands Jugend rebelliert.
Zivilgesellschaftliche Projekte und Proteste
2018 entwickelte Tschuprunow das satirische politische Brettspiel Rossija bes Putina? („Russland ohne Putin?“). Die Demoversion bestand aus etwa hundert Karten mit politischen Akteuren, die verschiedenen Teams zugeordnet waren. Die Polizei beschlagnahmte das Spiel und eine Gummimaske bei einer Festnahme im Jahr 2018; ein Gericht ordnete später die Rückgabe der Gegenstände an.
2020 gründete Tschuprunow das Projekt Uznik Online, das Internetnutzer mit politischen Gefangenen in Kontakt brachte. Online eingereichte Nachrichten wurden ausgedruckt und an die Gefangenen geschickt; deren Antworten wurden anschließend im Internet veröffentlicht.
Während der COVID-19-Pandemie organisierte er über Komanda Tschornoi Retschki freiwillige Hilfe für ältere und isolierte Bewohner des Stadtteils. Radio Free Europe/Radio Liberty berichtete, die aktive Gruppe habe aus etwa zehn Personen bestanden; insgesamt hätten sich rund dreißig Menschen beteiligt.
Im November 2020 berichtete die regionale Nachrichtenagentur EANews, dass Umweltbehörden nach einer von Tschuprunow beantragten Überprüfung Verstöße im Kupferwerk Karabaschmed festgestellt hätten.
Im Februar 2020 gehörte Tschuprunow zu den Initiatoren des Sankt Petersburger Gedenkmarsches für Boris Nemzow. Im selben Monat wurde er bei einer Protestaktion gegen die vorgeschlagenen Änderungen der russischen Verfassung festgenommen.
mini|Pawel Tschuprunow mit einem Megafon beim Gedenkmarsch für Boris Nemzow in Sankt Petersburg am 29. Februar 2020.
Verfassungsabstimmung 2020
Während der Abstimmung über die Änderungen der russischen Verfassung am 1. Juli 2020 war Tschuprunow stimmberechtigtes Mitglied der örtlichen Wahlkommission Nr. 1802. Nachdem er verlangt hatte, die Stimmenauszählung zu beobachten, wurde er aus dem Wahllokal entfernt. Die Wahlkommission begründete dies damit, dass er keinen negativen COVID-19-Test vorgelegt habe.
Am 22. Juli 2020 verurteilte ihn ein Bezirksgericht wegen angeblichen Ungehorsams gegenüber der Polizei zu zehn Tagen Verwaltungshaft. Das Stadtgericht Sankt Petersburg hob die Entscheidung am 27. Juli auf und entließ ihn nach sechs Tagen aus der Haft. Das Verwaltungsverfahren wurde später eingestellt.
Durchsuchung und Ausreise 2021
Bei einer Festnahme während einer Kundgebung zur Unterstützung Nawalnys im Januar 2021 kam es in einem Polizeitransporter zu einer Auseinandersetzung, als ein OMON-Beamter Tschuprunows Telefon an sich nehmen wollte. Kommersant berichtete, ihm habe danach ein Strafverfahren nach Artikel 318 des russischen Strafgesetzbuches wegen Gewalt gegen einen Amtsträger gedroht.
Am 6. Februar durchsuchte die Polizei Tschuprunows Meldeadresse, während er sich andernorts aufhielt, und beschlagnahmte Computertechnik. Die Polizei erklärte später, die zeitgleichen Durchsuchungen an mehr als 30 Adressen stünden im Zusammenhang mit Ermittlungen wegen blockierter Straßen bei der Demonstration vom 23. Januar. Nach seiner Ausreise wurden laut Kommersant auch seine Eltern zu Vernehmungen vorgeladen.
Emigration und Tätigkeit in Skandinavien
mini|Pawel Tschuprunow im schwedischen Reichstag (2022)
Das schwedische Migrationsamt lehnte Tschuprunows Schutzgesuch im Dezember 2021 zunächst mit der Begründung ab, er könne bei den russischen Behörden Schutz suchen. Er legte Rechtsmittel ein; im Juli 2022 gewährte ihm das Migrationsgericht Schutz in Schweden.
Die ablehnende Entscheidung wurde im Februar 2022 auf den Meinungsseiten der Svenska Dagbladet diskutiert. Die politische Chefredakteurin Tove Lifvendahl forderte eine Erklärung des Migrationsamtes; drei Tage später veröffentlichte die Zeitung eine Antwort des Generaldirektors der Behörde, Mikael Ribbenvik.
Im Frühjahr 2022 nahm Tschuprunow als russischer Demokratieaktivist an einem offenen Rundtischgespräch im schwedischen Reichstag über die politische Opposition in Russland teil. Die Veranstaltung wurde gemeinsam von den Reichstagsdelegationen zu den parlamentarischen Versammlungen des Europarats und der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa organisiert; nach Angaben des Reichstags nahmen etwa 50 Abgeordnete und Beschäftigte der Reichstagsverwaltung teil. Dort stellte er einen Bericht mit dem Titel Die russische Opposition während des Krieges gegen die Ukraine 2022 vor.
Im März 2022 trat Tschuprunow in der Sendung Konflikt des öffentlich-rechtlichen Hörfunksenders Sveriges Radio in einer Folge über den Widerstand gegen Wladimir Putin nach dem russischen Überfall auf die Ukraine auf. Weitere Auftritte folgten 2024 und 2025 in Sendungen über die russische Opposition nach Nawalnys Tod sowie über die Nutzung von Telegram durch russische Regierungskritiker.
Im März 2023 reiste Tschuprunow auf Einladung der norwegischen Partei Rødt nach Norwegen. Deren damaliger Vorsitzender Bjørnar Moxnes hatte die Bewegung Wesna für den Friedensnobelpreis nominiert. In einem Interview mit Dagsavisen sprach sich Tschuprunow für gezielte Sanktionen gegen für den Krieg verantwortliche Personen und für Waffenlieferungen an die Ukraine aus.
Im Dezember 2025 entschied der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte im verbundenen Verfahren Drokin and Others v. Russia, zu dem Tschuprunows Beschwerde Nr. 24538/19 gehörte. Diese betraf polizeiliche Maßnahmen im Zusammenhang mit Protesten am 5. Oktober 2018 und am 15. März 2020. Das Gericht stellte in Bezug auf seine Beschwerde mehrere Konventionsverletzungen fest und sprach ihm 5000 Euro zu.
Im August 2026 zitierte der finnische öffentlich-rechtliche Rundfunk Yle Tschuprunow als Vertreter des russischen Antikriegskomitees in Schweden im Zusammenhang mit der Festnahme eines russischen Paares in Schweden. Der Oberste Gerichtshof Russlands hatte das russische Antikriegskomitee im März 2026 als terroristische Organisation eingestuft und seine Tätigkeit in Russland verboten.
Einzelnachweise
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