mini|Weitere EM-Aufnahme von Partikeln des West-Nil-Virus mini|TEM-Aufnahme von Partikeln des West-Nil-Virus (orange), die sich im Zytoplasma einer infizierten VERO-E6-Zelle (türkis) repliziert haben.

Das West-Nil-Virus ( , WNV; Spezies Orthoflavivirus nilense) ist ein seit 1937 bekanntes behülltes RNA-Virus des Typs ss(+)-RNA aus der Familie Flaviviridae, das sowohl in tropischen als auch in gemäßigten Gebieten vorkommt. Das Virus infiziert hauptsächlich Vögel, kann aber auch auf Menschen, Pferde und andere Säugetiere übergehen. Die WNV-Infektion beim Menschen verläuft in der überwiegenden Zahl der Fälle (ca. 80 %) symptomlos. Die klinische Symptomatik wird West-Nil-Fieber genannt.

Übertragung Das Virus wird durch Stechmücken von einem Wirt zum nächsten übertragen. Als mögliche Überträger (oder Vektoren) kommen eine Vielzahl verschiedener Mückenarten vor allem der Gattungen Culex, Aedes und Ochlerotatus in Frage.M. J. Turell et al. (2005): An Update on the Potential of North American Mosquitoes (Diptera: Culicidae) to Transmit West Nile Virus. In: J Med Entomol Band 42, Nr. 1, 2005, S. 57–62.M. S. Godsey et al. (2005): West Nile Virus-infected Mosquitoes. Louisiana, 2002; In: Emerging Infectious Diseases. Band 11, Nr. 9, 2005, S. 1399–1404.Z. Hubalek & J. Halouzka (1999): West Nile Fever-a Reemerging Mosquito-Borne Viral Disease in Europe. In: Emerging Infectious Diseases. Band 5, Nr. 5, 1999, S. 643–650. Für die humanmedizinische Bedeutung sind aber vor allem Arten wichtig, die das Virus von ihren Reservoirwirten (also meist Vögeln) auf den Menschen übertragen (sogenannte Brückenvektoren). In der Gattung Culex sind dies vor allem Arten aus dem Culex pipiens-Komplex (Culex pipiens/molestus und Culex pipiens/quinquefasciatus). Ein weiterer möglicher Brückenvektor ist die Asiatische Tigermücke (Aedes albopictus); diese breitet sich als Neozoon in Europa aus und sticht sowohl Menschen als auch Vögel.N. G. Gratz (2004): Critical review of the vector status of „Aedes albopictus“. In: Medical and Veterinary Entomology. Nr. 18, 2004, S. 215–227.

Vögel gelten als wichtigste Reservoir- und Amplifikationswirte des West-Nil-Virus. Menschen und Pferde sind dagegen Fehlwirte, da sie nach einer Infektion nur eine niedrige Virämie entwickeln und in der Regel nicht selbst als Virusquelle für Stechmücken dienen. Häufungen toter Vögel oder Erkrankungen bei Pferden können daher Hinweise auf eine verstärkte Viruszirkulation geben.

In einer im Januar 2006 im Magazin Journal of Experimental Medicine veröffentlichten Studie wird die Vermutung aufgestellt, dass eine Mutation des Gens CCR5 mit der Bezeichnung CCR5Δ32 (CCR5-Delta32) die Anfälligkeit eines Menschen für das West-Nil-Virus massiv erhöht. Diese Vermutung konnte 2008 durch eine Metaanalyse von Serumproben von Fällen der West-Nil-Fieber-Ausbrüche 2005 und 2006 in den USA erhärtet werden. Der mit der Gen-Mutation verbundene Wegfall von 32 Basenpaaren bewirkt auch eine beschränkte Resistenz gegen das an gewöhnliche CCR5-Rezeptoren andockende HIV. Diese Mutation stellt daher seit ihrer Entdeckung 1996 die Grundlage für die Entwicklung neuer CCR5-Fusions-Inhibitoren im Kampf gegen AIDS dar. Bisher waren keine negativen Auswirkungen bekannt. Es ist noch nicht geklärt, ob die CCR5Δ32-Mutation neben der Anfälligkeit auch die Schwere des Krankheitsverlaufes nach Infektion mit dem West-Nil-Virus beeinflusst. Das WNV bindet an Integrin β-3.

Geschichte und Epidemiologie mini|hochkant=1.8|Weltweites Vorkommen des West-Nil-Virus 2006 nach Angaben der Centers for Disease Control and Prevention

Zum ersten Mal wurde das West-Nil-Virus 1937 im West-Nile-District von Uganda bei einer erkrankten älteren Frau isoliert, daher der Name. 1957 trat es in Israel auf und wurde weiterhin seit 1960 in Frankreich und Ägypten bei Pferden festgestellt.

In den letzten Jahrzehnten sind epidemische Häufungen der vom West-Nil-Virus ausgelösten Enzephalitis in Algerien (1994), Rumänien (1996/97), der Tschechischen Republik (1997), der Demokratischen Republik Kongo (1998), Russland (1999) und Israel (2000) dokumentiert worden. 2004 wurde es in Ungarn nachgewiesen und 2008 in Österreich.

In Dürre- und Hitzeperioden kann es zu einer sprunghaft vermehrten Ausbreitung kommen, da durch die fehlende Spülung in der Kanalisation und in Flussbetten vermehrt stehende Gewässer, z. B. in Form von Pfützen, entstehen, die von Stechmücken als Brutgewässer genutzt werden.Philip M. Armstrong, Theodore G. Andreadis: Eastern Equine Encephalitis Virus – Old Enemy, New Threat. In: New England Journal of Medicine. Band 368, Ausgabe 18 vom 2. Mai 2013, S. 1670–1673. Als Gegenmaßnahme wird versucht, Stechmücken als Überträger des Virus mit Pestiziden zu bekämpfen. Auch die Anwendung von Insektiziden im Fracht- und Personenbereich von Interkontinentalflugzeugen vor der jeweiligen Landung wurde weltweit erheblich verstärkt.

USA (seit 1999) Mit dem ersten Auftreten des West-Nil-Virus in Nordamerika 1999 rückte die Thematik in das mediale Rampenlicht. In den USA begann der Virusausbruch im Gebiet von New York City. Die ersten Anzeichen waren Vögel, die tot von den Bäumen des Central Parks fielen. Bald darauf wurden ältere Menschen in der Gegend infiziert und erkrankten. Deborah Asnis (1956–2015), eine Ärztin aus der New Yorker Bronx mit Tropenerfahrung, glaubte, das West-Nil-Fieber zu erkennen, und verständigte forschende Militärärzte des USAMRIID, die den Verdacht bestätigen konnten. Es breitete sich seitdem auf dem ganzen nordamerikanischen Kontinent aus. In den USA, die in Nordamerika weiterhin am stärksten betroffen sind, erreichte das Virus in jährlichen Wellen bis 2004 die Westküste. Dabei kam es besonders 2002 in den zentralen Bundesstaaten und 2003 in den Bundesstaaten der Rocky Mountains zu großen regionalen Ausbrüchen. Zwischen 2004 und 2011 wurden viele kleinere und einige größere regionale Ausbrüche mit starken Fluktuationen verzeichnet, wobei die Fallzahlen als tendenziell abnehmend interpretiert werden.Lyle R. Petersen, Marc Fischer: Unpredictable and Difficult to Control – The Adolescence of West Nile Virus. In: New England Journal of Medicine. Band 367, Ausgabe 14 vom 4. Oktober 2012, S. 1283–1285, doi:10.1056/NEJMp1210537. Jedoch kam es 2012 wieder zu einer unerwartet großen Epidemie, von der besonders Texas mit fast 40 % aller Fälle – insbesondere in Dallas und Umgebung – betroffen war. Mit 236 Toten gilt die Epidemie als diejenige mit den bisher meisten Todesopfern. Dazu war etwa die Hälfte aller Fälle neuroinvasiv.Jatin M. Vyas, R. Gilberto González, Virginia M. Pierce: Case 15-2013 – A 76-Year-Old Man with Fever, Worsening Renal Function, and Altered Mental Status. In: New England Journal of Medicine. Band 368, Ausgabe 20 vom 16. Mai 2013, S. 1919–1927, doi:10.1056/NEJMcpc1302330.Wendy M. Chung: The 2012 West Nile Encephalitis Epidemic in Dallas, Texas. In: JAMA. Band 310, 2013, S. 297, doi:10.1001/jama.2013.8267.

Statistik USA

Die dokumentieren seit 1999 folgende Zahlen für Infektionen und Todesfälle bei Menschen:West Nile Virus – Statistics & Maps. Auf: Centers for Disease Control and Prevention. Abgerufen am 1. Oktober 2018.

Jahr 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021 Infektionen 62 21 66 4156 9862 2539 3000 4269 3630 1356 720 1021 712 5674 2469 2205 2175 2149 2097 2647 971 731 2695 Tote 7 2 10 284 264 100 119 177 124 44 32 57 43 286 119 97 146 106 146 167 60 66 191

Europa (seit 1960) In Europa wurde das West-Nil-Virus seit den 1960er Jahren nachgewiesen (siehe Abschnitt oberhalb). Als erster bedeutender Ausbruch in Europa gilt die Epidemie in Rumänien 1996 mit etwa 400 Fällen. Weitere größere Ausbrüche traten unter anderem in Griechenland, Italien, Serbien und weiteren süd- und südosteuropäischen Ländern auf. 2010 wurden in Griechenland 197 Erkrankungen mit 33 Todesfällen dokumentiert; im selben Jahr kam es auch in Rumänien zu einer Häufung mit 50 dokumentierten Erkrankungen und 5 Todesfällen. 2012 wurden erneut Fälle des West-Nil-Fiebers in Griechenland gemeldet, darunter 44 Erkrankungen und 3 Todesfälle. 2018 registrierte die EU-Gesundheitsbehörde bis Ende Oktober europaweit mehr als 1460 humane Infektionen und mindestens 170 Todesfälle; im selben Jahr wurde das Virus erstmals auch in Deutschland bei Vögeln und Pferden nachgewiesen.

Inzwischen gilt das West-Nil-Virus in mehreren Regionen Europas als endemisch. Die Übertragung erfolgt saisonal und wird durch ökologische und klimatische Faktoren beeinflusst, darunter Vektordichte, empfängliche Vogelpopulationen, Temperatur, Niederschläge und die Dauer günstiger Bedingungen für Stechmücken. In Europa gelten insbesondere Stechmücken des Culex-pipiens-Komplexes als wichtige Vektoren. Höhere Temperaturen können die Entwicklung von Culex-Mücken, die Virusvermehrung im Vektor und die Dauer der Übertragungssaison begünstigen.

Für die Übertragungssaison 2024 wurden lokal erworbene humane West-Nil-Virus-Infektionen aus 19 europäischen Ländern berichtet, darunter Albanien, Österreich, Bulgarien, Kroatien, Zypern, Tschechien, Frankreich, Deutschland, Griechenland, Ungarn, Italien, Kosovo, Nordmazedonien, Rumänien, Serbien, die Slowakei, Slowenien, Spanien und die Türkei.

Deutschland (seit 2018) In Deutschland wurde das Virus erstmals Ende August 2018 bei drei Bartkäuzen aus einer Voliere im Zoo von Halle (Saale) nachgewiesen, von denen einer die Infektion nicht überlebte. Auf: oie.int vom 13. September 2018 Nach dem Nachweis des Virus begannen Experten dort mit dem Einsammeln von Mücken. Dazu wurden laut Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) Mückenfallen mit Lockstoffen aufgestellt und Wasserflächen nach Eiern und Larven von Mücken abgesucht. In Bayern wurde das West-Nil-Virus Mitte September 2018 – ebenfalls bei einem verendeten Bartkauz – in einem Wildpark in Poing im oberbayerischen Landkreis Ebersberg nachgewiesen. Gleichfalls Mitte September 2018 wurde das Virus bei einem in Bad Düben (Sachsen) gehaltenen Habicht nachgewiesen Auf: oie.int vom 24. September 2018West-Nil-Virus bei einem Habicht in Bad Düben nachgewiesen. Auf: landkreis-nordsachsen.de vom 19. September 2018, ferner in Berlin bei einer Schneeeule sowie bei mehreren Drosseln. Auf: oie.int vom 25. September 2018 In Plessa (Brandenburg) wurde das Virus Mitte September 2018 bei mehreren Pferden entdeckt Auf: oie.int vom 25. September 2018 und im Landkreis Rostock (Mecklenburg-Vorpommern) Ende September 2018 bei einer toten Drossel. Auf: oie.int vom 28. September 2018 Die Wahrscheinlichkeit, sich als Mensch in Deutschland zu infizieren, galt laut Bundesministeriums für Gesundheit als gering.

Auch im Sommer 2019 wurde das Virus wiederholt in den östlichen Bundesländern bei diversen Vögeln und auch bei Pferden nachgewiesenFriedrich-Löffler-Institut: West-Nil-Virus. Auf: fli.de, abgerufen am 17. September 2019.Daniela Albat: West-Nil-Virus: Erstmals bei uns überwintert? Auf: scinexx.de vom 16. September 2019; zwei erkrankte Pferde wurden im September 2019 auch in Bayern nachgewiesen. Ende September 2019 wurde der erste Fall einer in Deutschland erworbenen Infektion beim Menschen bekannt.Robert Koch-Institut: Erste durch Mücken übertragene West-Nil-Virus-Erkrankung beim Menschen in Deutschland. Auf: rki.de vom 27. September 2019. „Offenbar haben die durch den Klimawandel bedingten ungewöhnlich warmen Sommer der letzten beiden Jahre dazu beigetragen, dass sich das West-Nil-Virus nördlich der Alpen etabliert hat“, sagte Jonas Schmidt-Chanasit, Leiter der Virusdiagnostik am Bernhard-Nocht-Institut.