miniatur|hochkant=1.45|Die ungefähre Verteilung der Bantusprachen (orange) und der anderen afrikanischen Sprachfamilien. miniatur|hochkant=1.45|Die Bantusprachen (grau-grün) innerhalb der Niger-Kongo-Sprachen Die Bantusprachen bilden eine Untergruppe des Volta-Kongo-Zweigs der afrikanischen Niger-Kongo-Sprachen. Es gibt mehr als 500 Bantusprachen, die von ca. 240 Mio. Menschen gesprochen werden. Um die 30 % der afrikanischen Bevölkerung sprechen eine Bantusprache. Sie sind im gesamten mittleren und südlichen Afrika verbreitet und dort in allen Staaten die meistgesprochenen Sprachen, wenn auch als Amtssprache in der Regel Englisch, Französisch oder Portugiesisch verwendet wird.

Im Nordwesten grenzt das Bantu-Gebiet an die übrigen Niger-Kongo-Sprachen, im Nordosten an nilosaharanische und afroasiatische (genauer semitische und kuschitische) Sprachen. Im Südwesten bilden die Khoisansprachen eine Enklave innerhalb des Bantu-Gebiets (siehe Karte).

Die Wissenschaft von den Bantusprachen und den damit verbundenen Kulturen und Völkern wird Bantuistik genannt. Sie ist ein Teilgebiet der Afrikanistik.

Das Wort Bantu Die Bezeichnung Bantu wurde (in der Schreibung Bâ-ntu) von W. H. I. Bleek 1856 in die sprachwissenschaftliche Diskussion als Bezeichnung für die afrikanische Sprachengruppe eingeführt. Es handelte sich dabei um eine Rekonstruktion des vermuteten Begriffs für „Menschen“ in der angenommenen gemeinsamen Vorform dieser Sprachen. Dabei steht das Nominalklassenpräfix ba- für „Menschen, Leute, Personen“ und die Wurzel -ntu- für „irgend; beliebige“.Ailverstein, Raymond O. (Januar 1968). "A note on the term "Bantu" as first used by W. H. I. Bleek". African Studies. 27 (4): 211–212. doi:10.1080/00020186808707298 In den 1980er Jahren wurde seitens einer Gruppe von südafrikanischen Linguisten die Kritik vorgebracht, der Name Bantu eigne sich daher nicht als Bezeichnung für eine Sprachfamilie, das Präfix ba- bezeichnet nur Menschen, während Sprachen mit dem Präfix ki- für kulturelle Objekte bezeichnet werden müssten. Die Sprachfamilie müsse daher in KiNtu umbenannt werden. Das Wort kintu existiert tatsächlich in einigen Bantusprachen, hat aber eine sehr allgemeine Bedeutung von „Dinge“, teilweise sogar mit abwertender Bedeutungsnuance.Joshua Wantate Sempebwa, The Ontological and Normative Structure in the Social Reality of a Bantu Society: A Systematic Study of Ganda Ontology and Ethics, 1978, p. 71. "Addendum", South African Journal of African Languages 4.1 (1984), S. 120, doi:10.1080/02572117.1984.10587452. Molefi Kete Asante, Ama Mazama, Encyclopedia of African Religion (2009), p. 173 . David William Cohen, The Historical Tradition of Busoga, Mukama and Kintu (1972). Joseph B. R. Gaie, Sana Mmolai, The Concept of Botho and HIV/AIDS in Botswana (2007), p. 2. Der Begriff Kintu wurde in Südafrika mindestens bis in die 1990er Jahre gelegentlich weiter verwendet, hat sich aber international nicht durchgesetzt.Noverino N. Canonici, A Manual of Comparative Kintu Studies, Zulu Language and Literature, University of Natal (1994).

Die sprecherreichsten Bantusprachen Die bekannteste und als Verkehrssprache am häufigsten gesprochene Bantusprache ist Swahili (auch Suaheli, Kiswahili oder Kisuaheli). Die folgende Tabelle enthält alle Bantusprachen mit mindestens 3 Millionen Sprechern und gibt eine Schätzung für die Zahl ihrer Sprecher, ihre Einordnung innerhalb des Guthrie-Systems (siehe unten) und ihr Hauptverbreitungsgebiet an. Einige dieser Sprachen sind sogenannte Verkehrssprachen, die nicht nur muttersprachlich (als Erstsprache) erlernt, sondern von vielen Sprechern als Zweit- oder Drittsprache erworben werden, um eine Kommunikation in einem größeren Gebiet über die Sprachgrenzen einzelner Volksgruppen hinweg zu ermöglichen.

+ Bantusprachen mit mindestens 5 Millionen Sprechern (Ethnologue 2025) Sprache Alternativnamen Sprecheranzahl (in Mio.) Guthrie-Zone Hauptverbreitungsgebiet Swahili (inkl. Kongo-Swahili) Suaheli, Kisuaheli, Kiswahili 98,4 G40 Tansania, Kenia, Uganda, Ruanda, Burundi, DR KongoLingalaNgala40,6C40DR Kongo, Republik KongoZuluisiZulu 27,8S40Südafrika, Lesotho, Eswatini, Malawi, MosambikXhosaisiXhosa19,2S40Südafrika, Lesotho, SimbabweKinyarwandaRwanda15,3J60Ruanda, Burundi, Uganda, DR KongoChichewaNyanja, Chewa14,5N30Malawi, Sambia, Mosambik Shona Chishona 14,1 S10 Simbabwe, SambiaSetswanaTswana13,7S30Botswana, Südafrika, NamibiaNord-SothoSesotho sa Leboa, Sepedi, Pedi13,7S30Südafrika, BotswanaSüd-SothoSesotho, Sotho13,5S30Lesotho, SüdafrikaKirundiRundi12,9J60Burundi, RuandaLugandaGanda 12,6 J10UgandaKituba (Kreol)Kikongo ya Leta, Kutuba, Munukutuba12,4H10DR Kongo, Republik Kongo; (Kongo-basierte Kreolsprache)TsongaXitsonga10,0S50Südafrika, Mosambik, SimbabweKikuyuGikuyu8,3E50Kenia Sukuma Kisukuma 8,1 F20 TansaniaKongoKikongo8,0H10Angola, DR Kongo, Republik KongoUmbunduMbundu7,8R10Angola Luba-Kasai Chiluba, Tschiluba 7,1 L30 DR Kongo Kamba Kikamba 5,3 E20 Kenia

Die Klassenpräfixe für Sprachnamen (z. B. ki-, kinya-, chi-, lu-, se-, isi-) werden in der sprachwissenschaftlichen Literatur heute üblicherweise nicht mehr verwendet. Auch in diesem Artikel wird die Kurzform ohne Präfix benutzt, also z. B. Ganda statt Luganda.

Es gibt zahlreiche weitere Bantusprachen mit mehr als 1 Million Sprechern. Für die meisten Sprachen liegt gar keine präzise Schätzung für die Anzahl der Sprecher vor. Eine Übersicht über Bantusprachen mit mindestens 100.000 Sprechern bietet der Anhang „Bantusprachen nach Guthrie-Zonen“ am Ende dieses Artikels.

Forschungsgeschichte und heutige Position der Bantusprachen Überblick der Forschungsgeschichte Bereits 1659 erschien von Giacinto Brusciotto eine lateinisch geschriebene Grammatik der Sprache Kongo. Wilhelm Bleek beschrieb erstmals 1856 die Nominalklassen der Bantusprachen (siehe unten) und prägte den Begriff Bantu. Carl Meinhof erarbeitete ihre erste vergleichende Grammatik (1901). Malcolm Guthrie hat sie 1948 klassifiziert und 1967–71 in 16 geografische Zonen eingeteilt, die er mit den Buchstaben A–S (ohne I, O, Q) bezeichnete. Innerhalb dieser Zonen sind die Sprachen in Zehnereinheiten gruppiert und durchnummeriert (siehe: Einteilung der Bantusprachen nach Guthrie). Guthrie hat auch das Proto-Bantu als hypothetische Vorgängersprache aller heutigen Bantusprachen rekonstruiert. Joseph Greenberg klassifizierte die Bantugruppe als eine Unter-Unter-Einheit der Niger-Kongo-Sprachen (siehe unten). Zuvor wurden die Bantusprachen, insbesondere von Carl Meinhof und seinen Schülern, als eine eigene Sprachfamilie angesehen, welche im Verbreitungsgebiet der subsaharischen Sprachen den Sudansprachen gegenübergestellt wurden.

Entwicklung der Theorien über die Herkunft der Bantusprachen Mit der Frage der Herkunft (Urheimat) und Entstehung der Bantusprachen beschäftigten sich seit 1860 zahlreiche Sprachforscher. Einige historisch wichtige Hypothesen sind hier aufgeführt, um den schwierigen Prozess bis hin zur heutigen Erklärung des Bantu als einer Untereinheit der Niger-Kongo-Sprachen deutlich zu machen.

Richard Lepsius Der Ägyptologe Richard Lepsius ging 1880 in der Einleitung zu seiner Nubischen Grammatik in Afrika von drei Sprachzonen aus, wobei er die Khoisan-Gruppe nicht berücksichtigte: (1) Bantusprachen im südlichen Afrika, die Sprache der eigentlichen „Neger“, (2) gemischte „Negersprachen“ zwischen Äquator und Sahara, die Sudansprachen, (3) hamitische Sprachen (Ägyptisch, Kuschitisch, Berberisch) im nördlichen Afrika.

Primäre Merkmale dieser Sprachgruppen seien das Klassensystem der Bantu und das Genussystem der Hamiten, die von Westasien nach Afrika eingewandert seien. Durch ihr Vordringen drängten sie Teile der Vorbevölkerung nach Südafrika ab (eben die Bantu, die ihre „reine“ Sprachform behielten); andere Gruppen vermischten sich mit den Hamiten und bildeten Mischsprachen aus – die Sudansprachen –, die weder ein ausgeprägtes Klassen- noch Genussystem aufwiesen. Ihre Grammatik bezeichnete er als „formlos“, „zurückgegangen“ und „entblättert“.

August Schleicher Der Indogermanist August Schleicher hatte eine ganz andere Vorstellung, die er 1891 veröffentlichte. Seiner Meinung nach war Afrika zunächst unbewohnt und wurde von Südwestasien aus in vier großen Wellen bevölkert: die „Buschmänner“ (eigentlich San) und „Hottentotten“ (eigentlich Khoikhoi) die „Negervölker“ des Sudan, die sog. „Nigriten“ die Bantu die „Hamiten“.

Dabei ging er davon aus, dass die sudanischen Nigriten bereits ein rudimentäres, unvollkommenes Klassensystem gehabt hätten, das dann die Bantuvölker vervollkommnet und ausgeprägt haben. Für ihn war also das Nigritische oder Sudanische ein evolutionärer Vorläufer des Bantu, und nicht ein Ergebnis des Zerfalls wie bei Lepsius.

Carl Meinhof Der Afrikanist Carl Meinhof äußerte sich zwischen 1905 und 1935 mehrfach über die Entstehung der Bantusprachen; er steht in deutlichen Gegensatz zu den Hypothesen von Lepsius und Schleicher. Für ihn sind nicht die Bantusprache, sondern die Sudansprachen ur-nigritisch. Bantu sei eine Mischsprache mit nigritischer „Mutter“ (Substrat) und hamitischem „Vater“ (Superstrat). Die Besiedlung Afrikas erfolgte nach Meinhof also in drei sprachlichen Schichten: (1) die nigritischen Sudansprachen, (2) die hamitischen Sprachen und (3) die Bantusprachen als Mischform des Nigritischen und Hamitischen.

Diedrich Westermann und Joseph Greenberg Diedrich Westermann ging zunächst als Meinhof-Schüler von einem gemeinsamen nigritischen Substrat der Sudan- und Bantusprachen aus. Ab 1948 war er aber zunehmend von der genetischen Urverwandtschaft der westlichen Sudansprachen und der Bantusprachen überzeugt, wie er in mehreren Veröffentlichungen dargelegt hat. Damit bereitete er den Boden für Greenbergs Niger-Kongo-Ansatz.

Joseph Greenberg setzte die Ansätze Westermanns konsequent fort und etablierte 1949 das Niger-Kongo-Phylum als eine große Sprachfamilie im westlichen und südlichen Afrika, die die Bantusprachen mit einbeschließt und die aus einem westsudanischen „nigritischen“ Kern hervorgegangen ist. Die Struktur dieser Familie hat sich seit diesem ursprünglichen Ansatz noch mehrfach geändert; die letzte Greenbergsche Fassung ist sein Werk „Languages of Africa“ von 1963.

Auch nach Greenberg wurde der innere Aufbau des Niger-Kongo-Phylums noch mehrfach geändert (siehe Niger-Kongo-Sprachen), allerdings stimmen alle Fassungen – auch die aktuellen (z. B. Heine-Nurse 2000) – darin überein, dass die Bantusprachen eine Unter-Unter-Einheit des Niger-Kongo darstellen, die am nächsten mit den sogenannten bantoiden Sprachen Ostnigerias und Westkameruns verwandt sind.

Die Position der Bantusprachen innerhalb des Niger-Kongo Die große Bedeutung der Bantusprachen innerhalb der Niger-Kongo-Sprachen (und damit im Kontext der afrikanischen Sprachen generell) zeigen folgende Zahlen: Von den etwa 1400 Niger-Kongo-Sprachen gehören 500 zur Bantugruppe; das ist mehr als ein Drittel. Von den etwa 350 Millionen Sprechern einer Niger-Kongo-Sprache sprechen 200 Millionen – also fast 60 % – eine Bantusprache.

Dennoch stellt nach heutigen Erkenntnissen, die vor allem auf den Arbeiten von Joseph Greenberg beruhen, die Bantugruppe nur eine Unter-Unter-Einheit des Niger-Kongo dar. Die genaue Position der Bantugruppe innerhalb der Niger-Kongo-Sprachen zeigt das folgende etwas vereinfachte genetische Diagramm:

Position des Bantu innerhalb des Niger-Kongo

Niger-Kongo Kordofanisch Mande Atlantisch Dogon Ijoid Volta-Kongo Nord-Volta-Kongo Kru Gur (Voltaisch) Senufo Adamawa-Ubangi Süd-Volta-Kongo Kwa Benue-Kongo West-Benue-Kongo Ost-Benue-Kongo Platoid (Zentral-Nigerianisch) Bantoid-Cross-River Cross-River Bantoid Nord-Bantoid Süd-Bantoid diverse kleinere Gruppen Grasland Bantu

Die komplexe Abstammungslinie der Bantusprachen lautet also mit allen Zwischengliedern:

Niger-Kongo > Volta-Kongo > Süd-Volta-Kongo > Benue-Kongo > Ost-Benue-Kongo >Bantoid – Cross River > Bantoid > Süd-Bantoid > Bantu.