Als Entwicklungsland wird ein Land bezeichnet, in dem die Mehrzahl der Bewohner hinsichtlich der wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen einen messbar relativ niedrigen Lebensstandard hat. Dies äußert sich vor allem durch eine schlechte Versorgungslage bei Nahrungsmitteln und Konsumgütern, Armut, Unterernährung und Hunger, Einschränkungen bei der Gesundheitsversorgung, eine hohe Kindersterblichkeitsrate und eine geringe Lebenserwartung, mangelhafte Bildungsmöglichkeiten, eine hohe Analphabeten- und Arbeitslosenquote.Stichwort Entwicklungsland im Online-Lexikon der Entwicklungspolitik auf der Website des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, abgerufen am 21. November 2014.

Welches Land als Entwicklungsland einzustufen ist oder nicht, hängt vom Maßstab ab, an dem man die Entwicklung eines Landes misst (siehe Abschnitt Gemeinsame Merkmale der Entwicklungsländer).

Der Begriff „Entwicklungsland“ entstammt der Fach- und Alltagssprache der Entwicklungspolitik und genießt hohe Bekanntheit. Eine allgemein anerkannte Definition existiert – trotz vieler Ansätze – nicht.

Allgemeiner Sprachgebrauch Für den Begriff „Entwicklungsland“ gibt es eine Vielzahl Synonyme, wie „Dritte Welt“ oder „Vierte Welt“, „Globaler Süden“ oder „Trikont“. Diese Begriffe sind – ebenso wie „Entwicklungsland“ – teilweise umstritten und werden von einigen Fachleuten abgelehnt.

„Entwicklung“ gelte als Kernkonzept der modernen Welt, das eine quasi naturgesetzliche Veränderung zu einem angeblich besseren Endzustand suggeriere. Die moderne Ethnologie zweifelt jedoch an, dass ein solcher zielgerichteter Prozess (siehe Evolutionismus) existiert.Frank Heidemann: Ethnologie. UTB GmbH - Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2011, ISBN 978-3-8252-3467-6, S. 51–52. So nutzten zum Beispiel Jäger und Sammler ihre Ressourcen höchst effizient und nachhaltig; sie genössen eine ihnen eigene Form des Wohlstandes. Auch traditionelle Subsistenzwirtschaften, die ihre Mitglieder mit allen lebensnotwendigen Dingen aus eigener Herstellung selbst versorgen, seien nicht „unterentwickelt“, sondern lediglich anders strukturiert.

Aus ökonomischer Sicht wenden Kritiker des Begriffs „Entwicklungsland“ beispielsweise ein, dass er einen Prozess suggeriere, der manchmal gar nicht stattfinde – oder auch nicht stattfinden müsse: nämlich Entwicklung. Einer der prominentesten Kritiker aus diesem Lager ist der schwedische Ökonom Gunnar Myrdal. Auch der umgangssprachliche Begriff „Hungerland“ werde in den Medien bei der Veranschaulichung einer Berichterstattung über Hungersnöte in Entwicklungsländern genutzt, ohne dass diesem Ausdruck eine Definition zugrunde liegen könne.

Nicht mehr gebräuchlich sind: „unterentwickelte Länder“ (underdeveloped countries), „rückständige Länder“ (backward countries) oder „nicht-entwickelte Länder“ (undeveloped countries). Diese Begriffe erschienen zum ersten Mal im UNO-Programm von 1949, sind jedoch stark wertbehaftet und können von den Bewohnern der betroffenen Länder als verletzend empfunden werden. Sie werden deshalb von UNO und Weltbank nicht mehr verwendet. Gelegentlich werden derartige Begriffe absichtlich genutzt, um Probleme deutlich anzusprechen und Euphemismen zu vermeiden.Beispiel: die Bezeichnung „unterentwickelte Länder“ in der Überschrift eines Zeitungsartikels, derstandard.at, 7. Dezember 2015.

Internationale und nationale Sprachregelungen International gibt es keine eindeutige Sprachregelung. So wurde zum Beispiel infolge einer UN-Vollversammlung im Jahr 1971 die am wenigsten entwickelten Länder (LLDCs) von den weniger entwickelten Ländern (Less Developed Countries, kurz: LDCs) unterschieden. Nicht alle UN-Organisationen unterscheiden jedoch zwischen den beiden Gruppen.

Im deutschen Sprachgebrauch besteht das Problem der Übersetzbarkeit der Begriffe. Der umständliche Ausdruck „weniger entwickelte Länder“ hat sich daher nicht durchgesetzt. So verwendet das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) entweder den englischsprachigen Begriff „LDC“ oder den deutschen unbestimmten Begriff „Entwicklungsland“. Auch macht das BMZ keinen Unterschied zwischen LDC und LLDC und kürzt die Least Developed Countries mit LDC ab. Die DEZA (Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit; eine Bundesbehörde der Schweiz; dem Außenministerium (EDA) unterstellt) verwendet neben dem Begriff „Entwicklungsland“ auch den Begriff „Partnerland“.

Der Ausdruck Nord-Süd Der Ausdruck „Nord-Süd“ wird auch von Entwicklungsländern selbst benutzt. Der Ausdruck „Nord-Süd-Beziehungen“ hat als Ersatz für den Begriff „Entwicklungspolitik“ zugenommen. Das BMZ verwendet beispielsweise diese Bezeichnung. Sie gilt als wertfrei bzw. als politisch korrekt. Der Begriff impliziert nicht, dass Entwicklungsländer zwangsläufig auf der südlichen Halbkugel liegen.

Industriestaaten und Nicht-Industriestaaten Mit „Industriestaaten“ versucht man industrialisierte Staaten sprachlich abzugrenzen von Entwicklungsländern. Die historische Industrialisierung Europas lässt sich nicht mit den Prozessen vergleichen, die heute in den Entwicklungsländern stattfinden.

Einige industrialisierte, ehemalige sozialistische Länder (Länder des ehemaligen Ostblocks) sind bis heute durch ihre industrielle Vergangenheit geprägt, in anderen (z. B. Tschechien und Slowakei) hat ein starker industrieller Wandel stattgefunden (u. a. Modernisierung, Reduktion einiger Industriezweige).

Der Anteil des Industriesektors am Bruttonationaleinkommen ist in vielen Industriestaaten heute geringer als der des Dienstleistungssektors (sie werden aber nicht als „Dienstleistungsstaaten“ bezeichnet). Zum Beispiel gilt Großbritannien als relativ de-industrialisiert (z. B. gab es dort ein langanhaltendes Werftensterben und Zechensterben); dies trägt dazu bei, dass das Land seit vielen Jahren ein großes Handelsbilanz-Defizit und eine hohe jährliche Netto-Neuverschuldung des Staates hat (siehe Vereinigtes Königreich#Staatshaushalt, Wirtschaft des Vereinigten Königreichs (Kennzahlen oben rechts)).

Der Begriff Dritte Welt

Der Begriff „Dritte Welt“ stammt aus den 1950er Jahren und bezeichnete zunächst, analog zum Begriff Dritter Stand, den Zustand, dass die Mehrheit der Weltbevölkerung politisch weitgehend rechtlos war. Dann definierten sich die Blockfreien Staaten als Dritte Welt, die sich nicht durch den Ost-West-Konflikt ideologisch vereinnahmen lassen wollte.

Zu Beginn der 1980er Jahre (also einige Jahre vor dem Ende des Ost-West-Konfliktes und auf einem Höhepunkt des Kalten Krieges) wurde vorgeschlagen, den Begriff „Dritte Welt“ nicht mehr zu verwenden. Ulrich Menzel schrieb in seinem 1992 veröffentlichten Buch Ende der Dritten Welt, die Zweite Welt sei verschwunden; deshalb könne keine Dritte Welt mehr existieren. Viele ehemalige „Dritte-Welt-Gruppen“ nannten sich daraufhin „Eine-Welt-Gruppen“. Das BMZ verwendet den Begriff „Dritte Welt“ kaum noch; in der Alltagssprache wird der Begriff weiterhin verwendet.

Reich und arm Die Begriffe „reich“ und „arm“ definieren den Entwicklungszustand und den allgemeinen Lebensstandard eines Landes nur unzureichend. Sie finden ihre Verwendung eher in Verbindung mit dem Vermögen von Einzelpersonen. So gibt es Armut auch in Ländern mit hohem Durchschnittseinkommen (beispielsweise in Deutschland oder der Schweiz) und Reichtum in Entwicklungsländern (zum Beispiel in den ölexportierenden Staaten). Besser als das Durchschnittseinkommen ist das Mittlere Einkommen geeignet, etwas über die gesellschaftliche Entwicklung auszusagen. Ähnliches gilt für das Mittlere Vermögen. Wichtige Faktoren sind zudem die Einkommensverteilung und die Vermögensverteilung.

Bildung und Entwicklung Manche Forscher der Entwicklungsökonomie wie der Nobelpreisträger Theodore W. Schultz haben entdeckt, dass ein Landwirt, der schreiben und lesen kann, in Entwicklungsländern produktiver ist als ein Analphabet.Theodore W. Schultz: Investment in Human Capital. The role of education and of research. Free Press, New York 1971. Daher befürworteten sie die Investition in Humankapital (Bildung, Gesundheit etc.) als wirksames Mittel für die Entwicklung. Andere, wie Mohammed Tamim, sind der Meinung, dass die Entwicklungsländer sich seit der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert in einer langen Übergangsphase von traditionellen Lebensarten hin zu einer modernen Lebensart befinden (sozialer, wirtschaftlicher und demographischer Kulturübergang) und dass Entwicklung allein am Bildungsniveau (von der Grundschule bis zur Universität) messbar ist. Daher könne der von Walt Whitman Rostow beschriebene „Take-Off“ in einem Land stattfinden, sobald dessen Bevölkerung über ein ausreichendes Bildungsniveau verfügt. Wo das Bildungsniveau hoch ist, ist auch das Entwicklungsniveau hoch. Viele Forscher sehen darin eine Kausalität. Auch ein weiterer Zusammenhang – das Bildungsniveau ist umgekehrt proportional zum Bevölkerungswachstum – wird von vielen für kausal gehalten.Mohammed Tamim: Le Spectre du tiers-monde. L’Harmattan, Paris 2002.

Walt Whitman Rostow veröffentlichte 1960 das Buch The Stages of Economic Growth: A Noncommunist Manifesto. Seine Inhalte und Thesen sind zusammenfassend auch als Take-Off-Modell bekannt. Darin beschreibt Rostow eine Abfolge von fünf Stufen der ökonomischen Entwicklung. Diese Entwicklung werde von jedem einzelnen Staat durchlaufen; sie zeige (trotz gewisser Abweichungen, Unterschiede oder Verzögerungen von Fall zu Fall) immer einen grundsätzlich gleichen Verlauf. Rostows Modell basiert auf Daten zu historischen Wirtschaftsentwicklungen, vor allem in Europa und den USA. Die Entwicklungsländer befinden sich – in der Terminologie dieses Modells – in Phase drei, dem „Take-off“. Die Phasen drei, vier und fünf setzen ein gewisses Bildungsniveau der Bevölkerung eines Landes voraus.

Strukturelle Probleme der Entwicklungsländer und ihre Ursachen

Strukturelle Probleme wirken grundsätzlich über längeren Zeitraum und äußern sich in Vernetzung bestimmter Phänomene. Mit Strukturen sind Basiselemente und Wirkungszusammenhänge gemeint, welche interne Vorgänge und Reaktionsweisen eines Systems prägen.

In der Regel sind für strukturelle Probleme der Entwicklungsländer viele verschiedene Faktoren verantwortlich. Zu den Ursachen dieser strukturellen Probleme und des relativ geringen Entwicklungsniveaus in den betroffenen Ländern existieren eine Vielzahl von Entwicklungstheorien. Die meisten Theorien betonen dabei entweder stärker die endogenen (vom betreffenden Land selbst verursachten) oder die exogenen (extern verursachten) Faktoren. Ziel der Entwicklungspolitik ist, diese strukturellen Probleme zu beseitigen.

Strukturelle Probleme und ihre Wirkungszusammenhänge mini|Thailändischer Bauer bei der Arbeit. Ein (multifunktioneller) Einachsschlepper ist oft das einzig leistbare Motorgerät in der Landwirtschaft Charakteristisch für Entwicklungsländer ist die oft unzureichende Fähigkeit, die eigene Bevölkerung mit lebensnotwendigen Gütern und Dienstleistungen zu versorgen; mit anderen Worten: ihr ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. In diesem Zusammenhang hat beispielsweise die Weltbank nachgewiesen, dass die Mehrheit der lateinamerikanischen Staaten bereits durch geringe Umverteilung des dort vorhandenen Reichtums in der Lage wäre, die Massenarmut zu überwinden. Hier handelt es sich also nicht um ein Produktionsproblem, sondern um ein politisches Strukturproblem.