mini|Türkisch als gesprochene Sprache Türkische Sprache, kurz Türkisch, auch als Türkeitürkisch oder Osmanisch-Türkisch bezeichnet,Margarete I. Ersen-Rasch: Türkische Grammatik: für Anfänger und Fortgeschrittene. S. 1 books.google.de. ist die Bezeichnung einer agglutinierenden Sprache, die zum oghusischen Zweig der Turksprachen gehört und die als meistgesprochene Turksprache gilt. Türkisch ist die Amtssprache der Türkei und neben dem Griechischen auch auf Zypern (faktisch ausschließlich in der international nicht anerkannten Türkischen Republik Nordzypern). Außerdem wird Türkisch als lokale Amtssprache in Nordmazedonien, Rumänien und im Kosovo verwendet. Eigenbezeichnungen sind , und .
Die türkische Sprache selbst weist eine Reihe von Dialekten auf, von denen der Istanbuler Dialekt von besonderer Bedeutung ist. Seine Phonetik ist die Basis der heutigen türkischen Hochsprache.Lars Johanson, Éva Csató: Turkish. In: Lars Johanson, Éva Csató: The Turkic languages. S. 203. Bei der Einführung des lateinischen Alphabets für die türkische Sprache im Jahr 1928 wurde nicht auf die historische Orthographie des Osmanisch-Türkischen zurückgegriffen, sondern die Aussprache von Istanbul als Grundlage der Verschriftung herangezogen.Annemarie von Gabain: Die Südwest-Dialekte des Türkischen. In: Handbuch der Orientalistik, Erste Abteilung: Der Nahe und der Mittlere Osten, Fünfter Band: Altaistik, Erster Abschnitt: Turkologie. E. J. Brill, Leiden/Köln 1963, S. 174. (Anm: Unter Südwest-Dialekten des Türkischen werden in dem zitierten Werk Türkeitürkisch, Aserbaidschanisch, Turkmenisch etc., also die Türksprachen der auch oghusische Sprachen genannten Südwestgruppe verstanden) Die Dialekte innerhalb der Türkei werden in Gruppen der Schwarzmeerregion (Karadeniz Şivesi), Ostanatolien (Doğu Anadolu Şivesi), Südostanatolien (Güneydoğu Anadolu Şivesi), Zentralanatolien (İç Anadolu Şivesi), Ägäis (Ege Şivesi) und Mittelmeerregion (Akdeniz Şivesi) eingeteilt.
Die Alternativbenennung „Türkeitürkisch“ umfasst aber nicht nur die Türkei, sondern auch alle Gebiete des ehemaligen Osmanischen Reichs. Das bedeutet, dass auch die Balkan- oder Zyperntürken ein „Türkeitürkisch“ sprechen.G. Hazai: Artikel Turks, Abschnitt II.i Languages – Introduction. In: Encyclopaedia of Islam. Band X, T-U, Brill, Leiden, 2000, S. 701: .
Verbreitung Das heutige Türkisch ist die Muttersprache von etwa 80 Prozent der Menschen in der Türkei (das waren Ende 2015 gut 63 Millionen Menschen) und war dies nach Schätzungen im Jahr 1979 auch für 37.000 Menschen in Usbekistan, Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan und Aserbaidschan. Türkisch war 2011 zudem die Muttersprache für 606.000 Menschen in Bulgarien,nach Ethnologue. für ungefähr 290.000 Menschen in der Türkischen Republik Nordzypern (PDF). und 1976 die von 128.380 Menschen in Griechenland.
63.600 Sprecher lebten 1984 in Belgien, etwa 70.000 in Österreich (Ethnologue 2009) und mehr als 1,5 Millionen in Deutschland.ethnologue.com. Laut Mikrozensus 2021 ist Türkisch bei Haushalten in Deutschland die am häufigste neben Deutsch genutzte Sprache. 1982 sprachen in Rumänien noch 14.000 Menschen die türkische Sprache, und auf dem Gebiet des früheren Jugoslawien, insbesondere im Kosovo, wo es auch Amtssprache ist, und in Nordmazedonien, sprechen 250.000 Personen türkisch.
1990 war Türkisch im Irak noch für rund 3.000 und im Iran für 2.500 Menschen die Muttersprache. In den USA lebten 1970 24.123 Sprecher des Türkischen, und für Kanada wurden 1974 8.863 türkische Muttersprachler angegeben. In Frankreich gaben 1984 rund 135.000 und in den Niederlanden knapp 150.000 Menschen Türkisch als Muttersprache an. 1988 wurden in Schweden rund 5.000 Türkischsprachige registriert.
2009 sprachen etwa 85 Millionen Menschen Türkeitürkisch, darunter 65 Millionen als Muttersprache und 20 Millionen als Zweitsprache.
mini|hochkant=2.5|Die türkischsprachige Welt: Länder mit bedeutender Anzahl Türkeitürkisch sprechender Bevölkerungsanteile. Legende:
Als engste Verwandte des Türkeitürkischen gilt heute das Aserbaidschanische. Vielfach wird die Sprache der südosteuropäischen Gagausen (Republik Moldau und Balkan) als ein Dialekt des Türkeitürkischen angesehen, was allerdings umstritten ist. So führen die Turkologen Westeuropas das Gagausische als eigene Sprache und jene in den Turkstaaten auf Grund des geringen Abstandes als einen Dialekt des Türkeitürkischen an. Gegenseitige mündliche wie schriftliche Kommunikation zwischen Sprechern des Türkischen, Aserbaidschanischen und Gagausischen ist ohne größere Schwierigkeiten möglich. Das Sprachverhältnis ist etwa vergleichbar mit der Verwandtschaft zwischen Dänisch und Norwegisch.
Einen etwas größeren Sprachabstand gegenüber dem Türkischen hat das Turkmenische, daher ist eine Unterhaltung beispielsweise zwischen Türkisch- und Turkmenischsprechern in Wort oder Schrift deutlich mühsamer. Das Verhältnis entspricht ungefähr dem Sprachabstand zwischen dem Schwedischen und dem Dänischen. Die sprachlichen Unterschiede rühren hauptsächlich daher, dass das Turkmenische, das bis heute dialektal stark zersplittert ist, unter dem Einfluss verschiedener Sprachen wie des Persischen und des Russischen, nicht zuletzt auch unter dem Einfluss nicht-oghusischer, zentralasiatischer Turksprachen, wie des Tschagataischen stand.
Aufgrund dieser unterschiedlichen Sprachabstände fasst man innerhalb der oghusischen Sprachen Türkisch, Gagausisch und Aserbaidschanisch als westoghusische Sprachen zusammen, während das Turkmenische einem ostoghusischen Zweig zugerechnet wird. Zwischen diesen Gruppen stehen einige nicht verschriftete bzw. standardisierte Dialekte im Iran, die zum Teil als Südoghusisch zusammengefasst werden, zum Teil unter dem Begriff Chorasan-Türkisch und Usbek-OghusischGerhard Doerfer: Die Stellung des Osmanischen im Kreise des Oghusischen und seine Vorgeschichte. In: György Hazai (Hrsg.). Handbuch der türkischen Sprachwissenschaft, Bd.1. Harrassowitz, Wiesbaden 1990, ISBN 3-447-02921-8 (Bibliotheca orientalis Hungarica Band 31), S. 13–34, 19.
Geschichte Prototürkisch Prototürkisch ist eine hypothetisch erschlossene Rekonstruktion, aus der sämtliche gegenwärtigen und erloschenen Turksprachen sprachwissenschaftlich hergeleitet werden. Es handelt sich dabei nicht um eine Sprache, die zu irgendeinem Zeitpunkt an irgendeinem Ort tatsächlich gesprochen wurde, sondern um ein theoretisches Modell zur Erklärung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen bekanntermaßen verwandten Sprachen. Gleichwohl besteht ein zeitlicher Rahmen von 4500/4000 v. Chr., dem Beginn des Neolithikums, und ca. 500 n. Chr., als mit dem Alttürkischen die erste bekannte Turksprache fassbar wird. Grundlage dieser Rekonstruktion ist vor allem das Alttürkische als der früheste bekannte und erforschte Vertreter einer Gruppe von Turksprachen, die als Gemeintürkisch (Common Turkic) zusammengefasst sind und das Tschuwaschische, das als einzige gesprochene Turksprache dieser Gruppe nicht angehört und dessen Vorläufer nur spärlich überliefert sind.András Róna-Tas: The Reconstruction of Proto-Turkic and the Genetic Question in: Éva Ágnes Csató und Lars Johanson (Hrsg.): The Turkic languages. Routledge, London 1998, ISBN 978-0-415-41261-2, S. 67–80Lars Johanson: The History of Turkic in: Éva Ágnes Csató und Lars Johanson (Hrsg.): The Turkic languages. Routledge, London 1998, ISBN 978-0-415-41261-2, S. 81–125, 81
Alttürkisch
Alttürkisch ist die früheste schriftlich überlieferte Turksprache. Obwohl in mehrere dialektische Formen aufgespalten, bildet diese Sprache eine Koiné, die in Zentralasien von der Chinesischen Mauer bis nach Transoxanien ohne erkennbare ethnische Unterschiede verwendet wurde. Diese Sprache ist in drei Textkorpora erhalten: die Runeninschriften vom Orchon und oberen Jenissei, eine Fülle von Schriften in verschiedenen Alphabeten meist religiösen, zum Großteil buddhistischen Inhalts, die dem uigurischen Reich und seinen ostturkestanischen Nachfolgestaaten zugeordnet wird und Schriften in arabischer Schrift aus dem Karachanidenreich, womit der Beginn der Islamisierung mit dem Eindringen von Wörtern persischer und arabischer Herkunft greifbar wird.Lars Johanson: The History of Turkic in: Éva Ágnes Csató und Lars Johanson (Hrsg.): The Turkic languages. Routledge, London 1998, ISBN 978-0-415-41261-2, S. 81–137, 85Marcel Erdal: Old Turkic in: Éva Ágnes Csató und Lars Johanson (Hrsg.): The Turkic languages. Routledge, London 1998, ISBN 978-0-415-41261-2, S. 138–157, 138
Zum letzten Textkorpus gehört Mahmud al-Kāschgharīs Lexikon „Sammlung der Dialekte der Türken“ (dīwān lughāt at-turk) aus dem 11. Jahrhundert. Dieses monumentale türkisch-arabische Wörterbuch enthält neben der Übertragung von Wortmaterial eine Fülle von historischen, geographischen und folkloristischen Einzelheiten.
Die Formen des Alttürkischen repräsentieren eine Sprache, in der die Merkmale der späteren Einzelsprachen noch vereinigt sind.Lars Johanson: The History of Turkic in: Éva Ágnes Csató und Lars Johanson (Hrsg.): The Turkic languages. Routledge, London 1998, ISBN 978-0-415-41261-2, S. 81–137, 85Marcel Erdal: Old Turkic in: Éva Ágnes Csató und Lars Johanson (Hrsg.): The Turkic languages. Routledge, London 1998, ISBN 978-0-415-41261-2, S. 138–157, 157 Namentlich die Runeninschriften repräsentieren einige Merkmale, die für die Oghusischen Sprachen, wozu das heutige Türkische gehört, typisch sind. Alttürkisch mit seinen zuletzt fast ausschließlich buddhistischen Inhalten entwickelte sich aber getrennt davon weiter und erlosch mit dem Vordringen des Islam im 17. Jahrhundert. Seinen Platz nimmt heute das Uigurische ein.
Mitteltürkisch
Ab dem 11. Jahrhundert bilden sich im westlichen Steppenraum, in (West-)Turkestan, Osteuropa und Vorderasien, nunmehr als Einzelsprachen, die mitteltürkischen Sprachen aus. In diese Zeit fällt die Entstehung des türkischen Volkstums auf dem Gebiet der heutigen Türkei. Die Eroberungen der Seldschuken in dieser Zeit führten dazu, dass Angehörige türkischer Völker, zumeist Oghusen, ihre Heimat in Zentralasien nördlich des Syr-Darya in der Kasachensteppe verließen, sich allmählich islamisierten und den Seldschuken in den Iran und das westliche Vorderasien (Syrien, Irak) folgten. Im Gefolge der Schlacht von Manzikert im Jahre 1071 wanderte ein Teil dieser Stämme nach Anatolien ein. In der Folgezeit wurde der Zustrom von Einwanderern nach Anatolien durch Flüchtlinge vor den Eroberungen Dschingis Khans und seiner Nachfolger noch verstärkt.
Als mitteltürkische Sprachen gelten das Choresm-Türkische, das Tschagataische, die Formen des Kiptschakischen und die Sprache des Codex Cumanicus. Teilweise, wegen des islamischen Bezugs, wird auch das Karachanidische nicht dem Alt-, sondern dem Mitteltürkischen zugeordnet. Von der Sprachstufe her wird auch das altanatolische Türkisch dazu gerechnet, teils aber wegen der kontinuierlichen Weiterentwicklung als Altosmanisch der türkischen Sprache als Entwicklungsstadium und damit dem Neutürkischen zugerechnet.Lars Johanson: The History of Turkic in: Éva Ágnes Csató und Lars Johanson (Hrsg.): The Turkic languages. Routledge, London 1998, ISBN 978-0-415-41261-2, S. 81–125, 85fsiehe die Gliederung des Inhaltsverzeichnisses on: Jean Deny et al. (Hrsg.): Philologiae Turcicae Fundamenta: Tomus Primus. [Turksprachen]. Steiner, Wiesbaden 1959, S VIII Sie steht damit an der Grenze zwischen den frühen, nations- und ethnieübergreifenden früheren Turksprachen und den modernen Nationalsprachen. Die Benennung des altanatolischen Türkischen bzw. des Altosmanischen ist strittig, weil diese Sprache weder auf das Osmanische Reich noch auf Anatolien beschränkt ist. Es ist sowohl das Türkisch der Rum-Seldschuken und der vorosmanischen anatolischen Fürstentümer als auch die Sprache des Osmanischen Reichs bis ins 16. Jahrhundert.
Osmanisches Türkisch