Die Frage nach dem Sinn des Lebens hat die Einordnung der Existenz in einem größeren Kontext des Lebens bzw. Universums zum Thema. So geht es auf der individuellen Ebene um die Einordnung einzelner Handlungen oder Erfahrungen („welchen Sinn hat das für mich?“) im Kontext der individuellen Lebensweise, auf der sozial-ökologischen Ebene um die „Deutung des Verhältnisses, in dem der Mensch zu seiner Welt steht“,Herbert Frohnhofen zitiert P. Tiedemann, S. 2, These 7 (PDF). im Kontext der biologischen und sozio-kulturellen Evolution um die Einordnung/Sinngebung des Homo sapiens sowie im näheren Sinn um die Frage nach einer zweckgerichteten (teleologischen) Bedeutung des Lebens im Universum als solches.
In einem metaphysischen bzw. religiösen Kontext wird außerdem noch die Sinngebung des gesamten Universums („Warum ist überhaupt etwas und nicht nichts?“) bzw. das Verhältnis zu einem angenommenen Schöpfer als Sinnstifter thematisiert.
Kollektive Fragestellungen lauten z. B.: „Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Warum sind wir hier auf Erden?“ oder „Wie sollen wir leben, um unseren Daseinszweck zu erfüllen?“ Hierbei wird diskutiert, ob dieser durch eine äußere Institution vorgegeben ist, etwa ein göttliches Gebot, ob ein bestimmtes Verhalten der Natur entspringt, dass z. B. der Mensch dem Zweck der Fortpflanzung oder Arterhaltung folgt, oder ob er gefordert ist, autonom ein selbstbestimmtes Leben zu führen und sich einen Lebensweg zu wählen, den er als sinnvoll erachtet.Volker Gerhardt: Stichwort Sinn des Lebens. In: HWPh, Band 9, 1995. Sinnvoll erscheint ein Leben diesbezüglich dann, wenn es einer idealen Wertvorstellung entspricht.Friedrich Schleiermacher: Über den Wert des Lebens. (1792/93, posthum), G. Meckenstock (Hrsg.): Kritische Gesamtausgabe. Band I/1, de Gruyter, Berlin/New York, S. 391 ff.; William James: Is life worth living? In: The will to believe, and other essays in popular philosophy. Longmans, Green & Co., New York 1897.
Im Vordergrund steht jeweils immer das Bedürfnis und die Fähigkeit des Menschen, sein individuelles und kollektives Leben nicht nur zu erleben, sondern als ein (nach Möglichkeit wertvolles) Ganzes zu begreifen, in dem dann das je Einzelne seinen Platz und damit den gewünschten Sinn hat.
Problematik der Fragestellung Zumeist wird die Frage nach dem Sinn des Lebens so verstanden, dass nach einem bestimmten Zweck gefragt wird, dem das Leben dienen soll, oder nach einem bestimmten Ziel, das angestrebt werden soll. Genauso kann nach dem Wert, dem Nutzen oder der Bedeutung des Lebens gefragt werden. Viele Missverständnisse bei den Versuchen, einen Lebenssinn zu bestimmen, haben ihre Ursache darin, dass versäumt wird, die Begriffe Sinn, Zweck und Leben eindeutig und klar zu definieren. Hinzu kommt, dass man bezweifeln kann, ob eine vernünftige Antwort überhaupt möglich ist. Günther Anders hat dazu geschrieben: „Warum setzen Sie eigentlich voraus, dass ein Leben, außer da zu sein, auch noch etwas haben müsste oder auch nur könnte – eben das, was Sie Sinn nennen?“Günther Anders: Die Antiquiertheit des Menschen. Band II, C. H. Beck, München 1980, ISBN 3-406-47645-7, Kapitel Die Antiquiertheit des Sinns, S. 369: Über die Zerstörung des Lebens im Zeitalter der dritten industriellen Revolution.
Ein anderer Autor unterscheidet zuerst die Begriffswelt:
Eine Verständigung über das mit „Lebenssinn“ Gemeinte setzt zunächst eine sprachliche Klärung und Eingrenzung voraus.Christoph Fehige, Georg Meggle, Ulla Wessels: Vorab. In: dies. (Hrsg.): Der Sinn des Lebens. 5. Auflage. Dtv, München 2002, S. 14. „Sinn“ ist ein mehrdeutiger Begriff, er kann entweder als teleologischer Sinn oder als rein sprachlicher Begriff („Sinn“ als Bedeutung einer Aussage) aufgefasst werden.Fredrik Agell: Die Frage nach dem Sinn des Lebens: Über Erkenntnis und Kunst im Denken Nietzsches. Wilhelm Fink, München 2006, S. 135. Auch der Begriff „Leben“ muss geklärt werden, denn es kann das „Leben“ als biologisches Phänomen – insbesondere eines Kollektivs höherer Lebewesen (vgl. hierzu Anthropisches Prinzip) – oder das „Leben“ eines einzelnen Individuums gemeint sein.
Gründe für die Sinnfrage Die Fragestellung nach dem Sinn des Lebens ist offenbar nur dem Menschen zu eigen. Schon in der antiken Philosophie hat man festgestellt, dass er offenbar das einzig bekannte sprachbegabte Vernunft- und Verstandeswesen (zoon logon echon) ist, das die Voraussetzungen für eine selbstbezügliche Sinnreflexion vorweisen kann.
Der Mensch als gesellschaftliches Wesen ist mit der Erziehung, Ausbildung, dem Berufsleben usw. stets in Beziehung zu anderen Menschen und wird von klein auf zur Nützlichkeit, zur Arbeit, zu sinnvollem Handeln, zu einem sinnvollen Leben angehalten, oftmals ohne dieses ausdrücklich als Sinn seines Lebens benannt zu bekommen.
Viele Menschen stellen sich die Frage nach dem Sinn des Lebens im Alltag in der Regel nicht, solange die eigene Lebensführung nicht zweifelhaft oder fragwürdig wird. Häufig kommt es zu einer existenziellen Sinnkrise, wenn Ereignisse nicht mehr in das vorhandene Sinnkonzept integriert werden können: z. B. durch Enttäuschungen, Unglücke oder die Anforderungen eines neuen Lebensabschnitts. Die Folge ist oftmals der Beginn oder die Wiederaufnahme der Reflexion über den Lebenssinn, zu denen dann auch Fragen wie die nach dem Glück oder gar dem Sinn des Leidens gehören. Wenn eine Person ein kritisches Ereignis bewältigt, das zu einem Sinnverlust geführt hatte, findet sie für es häufig auch einen Sinn (s. Sinnfindung).
Viele Menschen, die sich an Psychotherapeuten wenden, betrachten den Sinnverlust als Krankheit und äußern die Hoffnung, ihrem Leben einen neuen Sinn geben zu können.Harry Stroeken: Psychotherapie und der Sinn des Lebens. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1998, S. 30. Die Empfindung völliger Sinnlosigkeit des eigenen Daseins, zusammen mit einem „Gefühl der Gefühllosigkeit“ und der inneren Leere, kann auch ein Symptom einer Depression sein.Psychologie: Depression – die Krankheit mit dem Mangel an Sinn. In: Welt online, abgerufen am 19. Februar 2012.
Der österreichische Neurologe und Psychiater Viktor E. Frankl begründete in den späten 1920er Jahren die Logotherapie und Existenzanalyse. Er ging davon aus, dass die primäre Motivationskraft des Menschen ein existenzielles Streben nach Sinn im Leben sei.
Metasinn Eine grundsätzliche Schwierigkeit bei der Auseinandersetzung mit den Fragen nach Lebenssinn ist die prinzipielle Möglichkeit des menschlichen Verstandes, einen einmal angenommenen Standpunkt wiederum zu hinterfragen oder auch die Urteilsperspektive potenziell beliebig zu wechseln (vgl. Relativismus). Die Suche kann darum scheinbar endlos fortgesetzt werden (vgl. infiniter Regress), bzw. es entsteht der Eindruck, dass die Frage nicht – oder nicht endgültig – zu beantworten wäre (Thomas NagelThomas Nagel: Das Absurde. Kapitel 2 In: Über das Leben, die Seele und den Tod. Hain, Königstein 1984.). „Der Sinn des Lebens ist ein sinnvolles Wort; aber es läßt sich nichts Sinnvolles aussagen.“Ludwig Marcuse: Philosophie des Un-Glücks. Diogenes, Zürich 1981, S. 233 (Ursprünglich: Pessimismus. Ein Stadium der Reife. Rowohlt, Hamburg 1953). Einige Sinnangebote erweisen sich aufgrund von Dogmatisierung oder Immunisierungsstrategien als mit Hilfe rationaler Argumente nur schwer oder gar nicht innerhalb ihres eigenen Systems kritisierbar. Ebenso lässt sich in manchen ideologischen Lehren kaum eine oder keine immanente theoretische Lücke entdecken. Die Beurteilung solcher Sinnangebote kann aber mittels externer Maßstäbe erfolgen.
Ein Problem, das in einer unendlichen Rekursion münden kann, ist die Frage, warum die meisten Sinnsuchenden nie nach dem Sinn der Lebenssinn-Frage selbst fragen: Warum stellen sich viele Menschen überhaupt die Frage nach dem Sinn ihres Daseins?Karl Heinz Witte: Über den Sinn der Frage nach dem Sinn des Lebens, in; Ulrike Lehmkuhl, Heiner Sasse, Pit Wahl (Hrsg.): Wozu leben wir? Sinnfragen und Werte heute, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007, 36–54 (online Version) Warum drängt es viele Menschen so sehr, sie zu beantworten? Was ist eigentlich der Gewinn oder der Verlust, wenn sie beantwortet oder nicht beantwortet wird? So könnte auch eingewendet werden, dass es sinnlos sei, so viel Zeit und Arbeit auf die Lösung dieses „Rätsels“ zu verwenden. Auf der anderen Seite scheint die Erklärung für das Sich-Stellen dieser Frage auf der Hand zu liegen: Fragt man nach dem Sinn, dann deswegen, weil er verlorengegangen ist – ohne diese „Verlorenheit“ (Uneigentlichkeit nach HeideggerMartin Heidegger: Sein und Zeit. §§ 9 und 45.) würde sich die Frage gar nicht erst stellen; es ist der Sinn einer jeden Frage, ihre Antwort zu finden.
Grundlegend für die Frage nach dem Sinn des Lebens ist eine angemessene Abgrenzung des Begriffs gegenüber anderen Begriffsfeldern wie Zweck, Glück, gutes Leben, Glückseligkeit, Höchstes Gut. Was bedeutet Leben in diesem Zusammenhang? Haben auch Tiere einen Sinn des Lebens? Dies diskutiert Fritz Mauthner bereits 1923 in seinem Wörterbuch der Philosophie.Fritz Mauthner: Sinn des Lebens, in: Wörterbuch der Philosophie, Leipzig, 2. Aufl. 1923, Band 3, S. 182–191, bei zeno.org Grundsätzlich hilfreich ist die begriffliche Unterscheidung nach „Sinn des Lebens“ und „Sinn im Leben“.Christoph Horn: Sinn des Lebens, in: Ludger Kühnhardt, Tilman Mayer (Hrsg.): Bonner Enzyklopädie der Globalität, Springer, Wiesbaden 2017, S. 1471–1480 Die Frage nach dem Sinn des Lebens wird in dieser Differenzierung von außen aus der Perspektive eines Beobachters auf das menschliche Leben gestellt. Thema ist diese Art zu fragen insbesondere in der Religion, spirituellen Haltungen und der metaphysischen Betrachtung. Es geht um die objektive Stellung des Menschen im kosmischen Zusammenhang. Nach dem Sinn im Leben wird dagegen in der Regel aus der subjektiven Perspektive gefragt. Es geht um die Gestaltung des eigenen Lebens, welche Ziele und Zwecke sinnvoll sind. Hier kommt es zu einer Pluralität der Antworten. Diese können dann umstritten sein. Ist religiöser Fanatismus eine angemessene Antwort?
Die Definition des Begriffs „Leben“ ist schwierig. Naturwissenschaftlich wird das Leben in der Beobachterperspektive und in Abgrenzung zur anorganischen Natur beschrieben als ein System von Prozessen und Strukturen aus Materie und Energie, die in Wechselwirkung mit der Umwelt stehen und durch Stoffwechsel (Nahrungsaufnahme, Verdauung, Gärung) und Reproduktion gekennzeichnet werden können. Hierzu gehören Vererbung, Evolution, Anpassung und Artenbildung. Ein Sinn ist in diesen empirisch beobachtbaren Phänomenen nicht zu finden.