hochkant=2.0|mini|Heutiges Verbreitungsgebiet der TurksprachenDie Turksprachen – auch türkische Sprachen oder Türksprachen genannt – bilden eine in Asien und in kleinen Teilen auch in Europa verbreitete Sprachfamilie von rund 40 relativ nah verwandten Sprachen mit etwa 180 bis 200 Millionen Sprechern.Brigitte Moser, Michael Wilhelm Weithmann: Landeskunde Türkei: Geschichte, Gesellschaft und Kultur. Buske Verlag, 2008, S. 173. Sie gliedern sich in eine südwestliche (oghusische), südöstliche (karlukische oder uigurische), nordwestliche (kiptschakische) und nordöstliche (sibirische) Gruppe, außerdem in die Zweige Arghu und Bolgar-Türkisch. Einige neuere Theorien gehen davon aus, dass die Urheimat der Turksprachen in der südwestlichen Mandschurei liegt.Lars Johanson: "The high and low spirits of Transeurasian language studies" in Johanson and Robbeets (2010), S. 7–20.

Mit den mongolischen, tungusischen und manchmal auch mit den koreanischen und japanischen Sprachen werden die Turksprachen zur Gruppe der altaischen Sprachen zusammengefasst.Zuweilen als „transeurasischen/makro-altaischen Gruppierung“ zusammengefasst; Martine Robbeets: Hirse und Bohnen, Sprache und Gene: Die Herkunft und Verbreitung der transeurasischen Sprachen. Forschungsbericht 2015 – Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte (online). Ob „Altaisch“ eine genetische oder nur eine areale Einheit bildet, ist bis heute ungeklärt. Die Mehrheit der Forscher geht von einem arealen Sprachbund aus.

Die Turksprachen haben viele Lehnwörter aus den iranischen Sprachen, vor allem dem Sogdischen sowie dem Persischen, übernommen. Das Sogdische war die weit verbreitete dominante Sprache in Zentralasien und entlang der Seidenstraße nach China, bevor sie durch später eindringende Turksprachen ersetzt wurde.Valerie Hanson: The Silk Road: A New History. Oxford University PressJean-Paul Roux: Histoire des Turcs. 2000 (in French). Umgekehrt wurden auch die iranischen Sprachen, auch das Neupersische, von den Turksprachen beeinflusst.vgl. die Materialien bei Gerhard Doerfer, Türkische und mongolische Elemente im Neupersischen: unter besonderer Berücksichtigung älterer neupersischer Geschichtsquellen, vor allem der Mongolen- und Timuridenzeit, 4 Bände, Steiner, Wiesbaden, 1963–1975, mit den Bänden 2: Türkische Elemente im Neupersischen: alif bis tā, 1965, 3: Türkische Elemente im Neupersischen: ǧūm bis Kāf, 1967 und 4: Türkische Elemente im Neupersischen (Schluß) und Register zur Gesamtarbeit, 1975 Einige Lehnwörter wurden auch aus den chinesischen Sprachen übernommen. So zeigen die Turksprachen frühen Sprachkontakt mit sinitischen (chinesischen) Sprachen auf, bevor die Westwanderung einsetzte.

Zur Terminologie: Turksprachen – türkische Sprachen Die Turksprachen werden auch als Türksprachen und türkische Sprachen bezeichnet, die Einzelsprachen, z. B. Usbekisch oder Aserbaidschanisch erscheinen auch mit Bezeichnungen wie usbekisches bzw. aserbaidschanisches Türkisch. Solche Bezeichnungen sind insbesondere in der türkischen Turkologie üblich, in der die Einzelsprachen als Dialekte bezeichnet werden.Gerhard Doerfer: Die Stellung des Osmanischen im Kreise des Oghusischen und seine Vorgeschichte in: György Hazai (Hrsg.): Handbuch der türkischen Sprachwissenschaft. Band 1, Harrassowitz, Wiesbaden 1990, ISBN 3-447-02921-8, S. 13–34, 18. Dies darf nicht dahin missverstanden werden, dass die Turksprachen mit der Einzelsprache Türkisch identisch wären, die nur eine – allerdings die sprecherreichste – von etwa 40 Sprachen dieser Sprachengruppe darstellt, oder dass es sich bei den Turksprachen um Dialekte des Türkischen handele. Tatsächlich wird bei einer solchen Benennungspraxis auch das Türkische regelmäßig mit einem besonderen Attribut wie Türkei-Türkisch oder Osmanisch-Türkisch versehen. Die Bezeichnung der Einzelsprachen als Dialekte ist historisch bedingt, weil bis zum Ende des 19. Jahrhunderts die Turksprachen (mit Ausnahme ferner stehender Idiome wie des Tschuwaschischen oder räumlich isolierter Idiome wie des Jakutischen) ein Dialektkontinuum bildeten, das an einigen Grenzlinien deutlichere Brüche, im Regelfall aber sanfte Übergänge aufwies. So ist die Sprache von Istanbul (stilbildend für die türkische Sprache) deutlich verschieden von der Sprache von Baku (maßgeblich für die aserbaidschanische Sprache), dazwischen findet sich aber keine ausgeprägte SprachgrenzeGerhard Doerfer: Die Stellung des Osmanischen im Kreise des Oghusischen und seine Vorgeschichte in: György Hazai (Hrsg.): Handbuch der türkischen Sprachwissenschaft. Band 1, Harrassowitz, Wiesbaden 1990, ISBN 3-447-02921-8, S. 13–34, 19. und auch diese Sprachen sind untereinander gerade noch verständlich. Über diesen gesprochenen Sprachen existierte in Zentralasien und im Wolgaraum mit dem Tschagataitürkischen eine einheitliche LiteraturspracheKlaus Röhrborn: Pantürkismus und sprachliche Einheit der Türkvölker in: Klaus Heller und Herbert Jelitte (Hrsg.): Das mittlere Wolgagebiet in Geschichte und Gegenwart, Lang, Frankfurt am Main/ Berlin 1994, ISBN 3-631-46921-7, S. 153–175, 155–156., deren Eigenbezeichnung turki lautete. Die Entwicklung lokaler Standardsprachen aus den lokalen Dialekten war eine auch politisch beeinflusste Entwicklung des 20. Jahrhunderts. Dabei kam es auch zu systemwidrigen Entscheidungen. So sollte Zentralasien 1924 nach linguistisch-ethnischen Gesichtspunkten gegliedert werden. Bei der Befragung der Bevölkerung nach ihrer Selbstidentifizierung wurden die Antworten dann mitunter nach anderen, etwa wirtschaftsgeographischen Kriterien gegeben und die Grenze entsprechend gezogen.Ingeborg Baldauf: Some Thoughts on the Making of the Uzbek Nation. In: Cahiers du monde russe et soviétique.32, Nr. 1 1991, S. 79–95, S. 90 (Online).

Familie der Turksprachen mini|hochkant=2.0|Verteilungsdiagramm der Turksprachen in Einzelsprachen

Mit insgesamt etwa 40 Sprachen, die von 180 Millionen Menschen als Muttersprache gesprochen werden (bis zu 200 Millionen mit Zweitsprechern), bildet die Familie der Turksprachen die mit Abstand größte und bedeutendste der drei Untergruppen des Altaischen.Sprachfamilien, Studienarbeit aus dem Jahr 2006 im Fachbereich Sprachwissenschaft/Sprachforschung, Johannes Gutenberg-Universität Mainz, S. 24. Sie ist – nach der Zahl ihrer Sprecher – die siebtgrößte Sprachfamilie weltweit (nach Indogermanisch, Sinotibetisch, Niger-Kongo, Afroasiatisch, Austronesisch und Drawidisch).

Die meisten Turksprachen sind sich in der Phonologie, Morphologie und Syntax sehr ähnlich, allerdings weichen Tschuwaschisch, Chaladsch und die nordsibirischen Turksprachen Jakutisch und Dolganisch nicht unerheblich von den übrigen ab. Zwischen den Sprechern der meisten Turksprachen ist eine partielle wechselseitige Verständigung möglich, vor allem wenn sie zur gleichen Untergruppe gehören (zur Klassifikation vgl. den nächsten Abschnitt). Diese relativ große Ähnlichkeit der Sprachen erschwert die klare Festlegung von Sprachgrenzen, zumal zwischen Nachbarsprachen meist Übergangsdialekte bestehen. (Häufig werden diese Grenzen künstlich durch politische Entscheidungen und Zugehörigkeiten gezogen.) Auch die innere genetische Gliederung der Turksprachen ist wegen ihrer Ähnlichkeit und intensiven wechselseitigen Beeinflussung problematisch, was zu unterschiedlichen Klassifikationsansätzen geführt hat.

Geographische Verbreitung mini|hochkant=2.0|Gebiete mit mindestens einer Turksprache als offizieller Amtssprache

Die Turksprachen sind über ein riesiges Gebiet in Ost- und Südosteuropa sowie West-, Zentral- und Nordasien verbreitet (siehe Verbreitungskarte). Dieses Gebiet reicht vom Balkan bis nach China, von Zentralpersien bis zum Nordmeer. In rund dreißig Ländern Eurasiens werden eine oder mehrere Turksprachen in nennenswertem Umfang gesprochen, bemerkenswert ist der hohe Anteil Türkischsprechender in Deutschland und im sonstigen Europa aufgrund der Migrationen der letzten Jahrzehnte.

Wichtigste Turksprachen Die drei mit Abstand größten Turksprachen sind: Türkisch: 70 Mio. Sprecher, mit Zweitsprechern 80 Mio.: Türkei, Balkanstaaten; auch West- und Mitteleuropa (durch rezente Migration) Aserbaidschanisch (Aserbaidschan-Türkisch): 30 Mio. Sprecher: Aserbaidschan und Nordwestiran, auch in der Osttürkei und im Nordirak Usbekisch: 24 Mio. Sprecher: Usbekistan, Nordafghanistan, Tadschikistan und Westchina (Xinjiang) Weitere Turksprachen mit mehr als einer Million Sprecher: Kasachisch: 11 Mio. Sprecher: Kasachstan, Usbekistan, China, Russland Uigurisch: 8 Mio. Sprecher: hauptsächlich im Uigurischen Autonomen Gebiet Xinjiang der Volksrepublik China Turkmenisch: 6,8 Mio. Sprecher: Turkmenistan, Nordiran Tatarisch: 5,5 Mio.(2010) Sprecher: (ethnisch 6,6 Mio.) von Zentralrussland bis WestsibirienEthnologue report Kirgisisch: 4,5 Mio. Sprecher: Kirgisistan, Usbekistan, Kasachstan, Tadschikistan, Westchina Tschuwaschisch: 1,8 Mio. Sprecher: im europäischen Teil Russlands Baschkirisch: 1,8 Mio. Sprecher: in der russischen autonomen Republik Baschkirien Kaschgaisch: 1,5 Mio. Sprecher: in den iranischen Provinzen Fars und Chuzestan

Die Sprecherzahlen stammen vom März 2006 aus diversen geprüften Quellen. 5 % bis 10 % höhere Werte sind durch den zeitlichen Abstand zwischen Ermittlung und Veröffentlichung möglich.

Enge Verwandtschaft der Turksprachen Wie eng die Turksprachen miteinander verwandt sind – wenn man von Tschuwaschisch, Chaladsch und den nordsibirischen Turksprachen absieht – zeigt bereits ein Blick auf die folgende Tabelle, die einige Wortgleichungen des Grundwortschatzes für die Sprachen Alttürkisch (der ersten schriftlich überlieferten Turksprache, die jedoch kein direkter Vorfahr des Türkei-Türkischen ist), Türkisch, Aserbaidschanisch, Turkmenisch, Tatarisch, Kasachisch, Usbekisch und Uigurisch enthält.

Vergleich einiger Grundwörter in wichtigen Turksprachen DeutschAlttürkischTürkischAserbaid.TurkmenischTatarischKasachischUsbekischUigurischKumykischKütahya SivesiMutter ana anne/ana ana ene ana ana ona ana AnaVater ata ata ata kaka ata äke ota ata ataVaFleisch et et ət et it et goʻsht/eʻt et/gosh etetGras ot ot ot үlən/ot ot ot/şöp oʻt ot/chöp odotPferd at at at at at at/jylqy ot ỷạt,at atatFeuer ot ateş/od atəş/od ot ut ot oʻt/otash ot otateş/odEis buz buz buz buz boz mūz muz muz muzbuzNase burun burun burun burun boryn mūryn burun burun murunburunArm qol kol qol qol qul qol qoʻl kol qolgolStraße yol yol yol ýol jul jol yoʻl yol yolyolfett semiz semiz semiz simyz semiz semiz semiz semiz semizsemizErde aşu toprak torpaq topraq tufrak topyraq tuproq tupraq toprakBlut qan kan qan gan kan qan qon qan qanganAsche kül kül kül köl kül kül kul kül külkülWasser su su su suw syw su suv su suwsuhell yürüŋ ak ağ ak ak aq oq aq aqakdunkel qara kara qara garä kara qara qora qara qaragararot kızıl kızıl qızıl qyzyl kyzyl qyzyl qizil qizil qizilkızılblau/Himmel kök gök göy gök kük kök koʻk kök gökgög

Turksprachen als National- und Offizialsprachen Die Turksprachen Türkisch, Aserbaidschanisch, Turkmenisch, Kasachisch, Kirgisisch und Usbekisch sind Nationalsprachen in ihren jeweiligen Staaten. Einen besonderen Status als offizielle Regionalsprachen autonomer Republiken oder Provinzen haben darüber hinaus folgende Turksprachen: in Russland Tschuwaschisch, Kumykisch, Karatschai-Balkarisch, Tatarisch, Baschkirisch, Jakutisch, Chakassisch, Tuwa, Altaisch; in China Uigurisch und in Usbekistan Karakalpakisch.

Turksprachen nach Staaten Turksprachen werden in etwa 30 Staaten Europas und Asiens gesprochen. Die Tabelle zeigt ihre Verbreitung in den einzelnen Staaten. Die Sprachen sind nach Unterfamilien angeordnet (siehe: Klassifikation).