Ein Blasenkatheter (genauer: Harnblasenkatheter) ist ein Kunststoffschlauch, der entweder über die Harnröhre (transurethral) oder durch die Bauchdecke (suprapubischer Katheter oder Bauchdeckenkatheter) in die Harnblase eingebracht wird. Er dient der Harnableitung (Harndrainage) oder der Harngewinnung (Urinentleerung). Gelegentlich wird ein Harnblasenkatheter auch zur retrograden Füllung der Harnblase zu diagnostischen oder therapeutischen Zwecken verwendet.
Die Länge des Katheters wird in Zentimeter und die Dicke (Stärke,Brockhaus Enzyklopädie, 19. Auflage, 11. Band, Verlag F. A. Brockhaus, Mannheim 1990, ISBN 3-7653-1111-1, S. 541. Außendurchmesser) in Charrière angegeben. Die seitlichen Öffnungen am vorderen Ende heißen Augen.Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände – Conversations-Lexikon, 11. Auflage, 8. Band, F. A. Brockhaus-Verlag, Leipzig 1866, S. 727.
Geschichte Schon im Altertum waren Möglichkeiten bekannt, Störungen der Blasenentleerung durch Katheter zu beheben. Die ältesten bekannten Blasenkatheter stammen aus Funden in Pompeji und waren aus Metall (Bronze) gefertigt. Zur Aufdehnung der Harnröhre verwendete Oreibasios von Pergamon (325–403 n. Chr.) Pergament, das er um einen Gänsekiel wickelte. Dieses Stäbchen führte er in die Harnröhre ein und ließ es drei Tage liegen. Durch die Feuchtigkeit der Harnröhre quoll das Pergament auf und erweiterte dadurch die Harnröhre. Später wurden Bronzekatheter gelegt.
Paulos von Aigina beschrieb um 340 n. Chr. eine Methode der Blasenspülung. Hierzu wurde eine mit Flüssigkeit gefüllte Rinderblase an einen Bronzekatheter befestigt. Durch Druck auf die Rinderblase konnte man die Blase des Patienten ausspülen. Der arabische Arzt Albucasis verwendete um das Jahr 1000 n. Chr. eine Stempelspritze.
Die flexiblen Harnblasenkatheter wurden im 18. Jahrhundert vom Gründungsvater der USA Benjamin Franklin (1706–1790) erfunden.
Eine ausführliche Darstellung des Catheterismus der Blase im 19. Jahrhundert stammt von Josef Englisch in der Real-Encyclopädie der gesammten Heilkunde. Hier werden auch die Anfänge bei den alten Griechen sowie bei Galen von Pergamon erwähnt.Josef Englisch: Catheterismus. In: Real-Encyclopädie der gesammten Heilkunde. Verlag Urban & Schwarzenberg, Wien / Leipzig 1885, IV. Band, S. 54–67. Beschrieben werden die folgenden Bauarten: Nach Petit Nach Marechal und Recamier Nach Gely Nach Shillipis Nach Lastus, Megiart und Desault Nach Heurteloup Nach Louis Auguste Mercier Nach Leroy
Ludwig August Kraus beschrieb den Catheter der alten Griechen als Harnzapfer.Ludwig August Kraus: Kritisch-etymologisches medicinisches Lexikon. 3. Auflage, Verlag der Deuerlich- und Dieterichschen Buchhandlung, Göttingen 1844, S. 202 (Digitalisat der Ausgabe von 1844, Internet Archive). Früher sprach man auch von Sonden.
Erst im 19. Jahrhundert wurden verschiedenartig geformte Katheter aus vulkanisiertem Kautschuk von Jean Zuléma Amussat (1796–1852), Jules Germain François Maisonneuve (1809–1897), Auguste Nélaton (1807–1873) und Louis Auguste Mercier (1811–1882) gefertigt. Roger Couvelaire (1903–1986) entwickelte nach damaliger Sicht einen Spezialkatheter, der neben dem Tiemann-Katheter heute noch oft Anwendung findet. Einen Katheter, der durch seine Konstruktion sich selbst in der Blase hält, hat Leopold Casper (1859–1959) entwickelt. Im Jahr 1927 entwickelte der amerikanische Urologe Frederic Eugene Basil Foley (1891–1966) den heute allgemein als Dauerkatheter eingesetzten Ballonkatheter, international als Foley-Katheter bezeichnet.
„Die Anwendung der Katheter fordert eine geübte Hand; eine ungeschickte Handhabung derselben kann Verletzungen, selbst falsche Wege herbeiführen.“Brockhaus-Enzyklopädie: Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände – Conversations-Lexikon, 11. Auflage, 8. Band, F. A. Brockhaus-Verlag, Leipzig 1866, S. 727. Das gilt auch heute noch; iatrogene Harnröhrenstrikturen müssen vermieden werden.
Katheterarten Eine Unterscheidung kann nach Bauart, Material oder Verwendungszweck getroffen werden. Im Folgenden werden die einzelnen Arten genauer unterschieden.
Verwendungszweck Am gebräuchlichsten ist die Unterscheidung nach Einsatzzweck in transurethrale Dauer- und Einmalkatheter sowie suprapubische Katheter. Die Dauerkatheter dienen der längerfristigen, also dauerhaften Harnableitung, während die Einmalkatheter der einmaligen Harnableitung entweder zur Blasenentleerung oder diagnostischen Uringewinnung dienen.
Transurethrale Blasenkatheter mini|Schematische Darstellung von transurethralen Dauerkathetern Transurethrale Blasenkatheter werden über die Harnröhre in die Blase eingebracht. Man unterscheidet in transurethrale Einmal- und Dauerkatheter (auch Verweilkatheter genannt). Dauerkatheter sind durch einen an der Spitze angebrachten Ballon selbsthaltend.
Transurethrale Dauerkatheter Heute sind alle transurethralen Dauerkatheter als Ballonkatheter ausgeführt. Neben den unterschiedlichen Formen ihrer Spitze und der Anzahl der Öffnungen unterscheidet man hier zusätzlich in 2-Wege- und 3-Wege-Katheter.
Der 2-Wege-Katheter hat einen Kanal zur Harnableitung und einen Kanal zum Füllen des Ballons. Dieser Katheter wird vor allem zur dauerhaften Harnableitung eingesetzt.
Der 3-Wege-Katheter (auch Spülkatheter) hat neben den oben genannten Kanälen noch einen dritten Kanal, der zur Einbringung von Spüllösungen benutzt wird. Dieser Katheter kommt in der Urologie vor allem nach transurethralen Operationen und bei starken Blutungen in der Blase zum Einsatz. Sinn hierbei ist es, über die Spülung eine Gerinnung des Blutes in der Harnblase zu verhindern. Diese Katheter können mit verstärkter Wand ausgeführt sein, damit eine aktive Blasenspülung (z. B. Abziehen von Blutgerinnseln mit einer Blasenspritze) nicht zu einem Kollabieren des Lumens führt.
Der Füllungskanal des Ballons ist mit einem Ventil ausgestattet, um ein Entweichen des Blockmediums zu verhindern. Als Füllmedium für den Ballon kommen steriles destilliertes Wasser, eine spezielle 10-%-Glycerinlösung und manchmal auch Luft zur Anwendung.
Transurethrale Einmalkatheter Einmalkatheter dienen der Uringewinnung, der einmaligen Harnableitung und dem intermittierenden Selbstkatheterismus. Diese Katheter haben nur ein Lumen. Besondere, mehrlumige Einmalkatheter finden bei urologischen Spezialuntersuchungen wie der Blasendruckmessung Anwendung.
Suprapubische Blasenkatheter Der suprapubische Blasenkatheter (abgekürzt SBK oder SPK) dient in erster Linie der dauerhaften Harnableitung. Im Gegensatz zum transurethralen Blasenkatheter wird dieser nicht über eine natürliche Öffnung, sondern durch die Bauchdecke oberhalb des Schambeines in die Harnblase eingebracht.
Suprapubische Blasenkatheter sind entweder 1-Weg-Katheter, die durch eine Naht an der Haut befestigt werden, oder 2-Wege-Katheter, die über einen blockbaren mit Wasser gefüllten Ballon fixiert werden.
Diese Katheterart ermöglicht auch urodynamische Untersuchungen (Uroflowmetrie), da hier der Blasenschließmuskel nicht beeinträchtigt wird.
Material Die Kathetermaterialien machten gerade in den letzten Jahren eine Entwicklung durch. In der Frühzeit wurden nur starre Materialien wie Metalle oder Glas verwendet, später dann Gummi, der heute durch andere flexible Stoffe wie Latex, PVC und Silikon ersetzt wurde. Katheter neuester Generation sind teilweise mit einer hydrophilen Beschichtung versehen, die die Gleitfähigkeit zusätzlich erhöht. Katheter zur Langzeitanwendung können mit hauchdünnen Beschichtungen aus diamantähnlichem Kohlenstoff (diamond-like carbon oder DLC) versehen werden, um eine Keimbesiedelung zu minimieren. Die Auswahl des Materials bestimmt im Wesentlichen auch die Liegedauer des Katheters im Patienten.
Bauarten mini|Verschiedene Arten von Blasenkatheter Nélaton Dieser Katheter nach Auguste Nélaton besitzt eine geschlossene Hohlspitze mit zwei gegenüberliegenden Augen bzw. vier versetzte Augen. Dieser Kathetertyp kann sowohl für weibliche als auch für männliche Patienten verwendet werden. Dieser Typ stellte wohl die häufigst angewandte Bauart sowohl für transurethrale als auch suprapubische Anwendungen dar. Heute ist diese Form des Dauerkatheters durch die Verwendung von Ballonkathetern überholt.Jürgen Sökeland: Urologie. 10. Auflage. Georg Thieme Verlag, Stuttgart / New York 1987, ISBN 3-13-300610-X, S. 86.
Tiemann Der Tiemannkatheter wurde benannt nach dem deutsch-amerikanischen Instrumentenmacher Georg Tiemann aus New York.Peter Reuter: Springer Klinisches Wörterbuch 2007/2008. Springer-Verlag, Heidelberg 2007, ISBN 978-3-540-34601-2, S. 1830. Der leicht geschwungene Katheter besitzt eine gebogene konisch zulaufende Hohlspitze, die am Ende leicht verdickt ist. Der Tiemannsche Katheter hat in der Regel (vor der Abbiegung) nur ein (konkavseitiges) Auge. Durch seine Form eignet er sich besonders zur Katheterisierung der männlichen Harnblase, da die Spitze den Katheter besser durch die Harnröhre führt. Er ist zweckmäßig vor allem bei schwer durchgängiger Harnröhre, besonders bei Blasenhalshindernissen (zum Beispiel bei benigner Prostatahyperplasie). Früher wurde er aus Seidengespinnst oder Gummi, heute aus Kunststoff hergestellt. Der volle Leitschnabel ist leicht aufgebogen und geknöpft.Günter Thiele, Heinz Walter (Hrsg.): Reallexikon der Medizin und ihrer Grenzgebiete. Verlag Urban & Schwarzenberg, Loseblattsammlung, München / Berlin / Wien 1974, 6. Ordner (S–Zz), ISBN 3-541-84006-4, S. T 71. Für weibliche Patienten ist er weniger geeignet.
Mercier Der Katheter nach Mercier ist in der Form fast wie der Tiemannkatheter aufgebaut, nur dass seine Hohlspitze nicht konisch zuläuft und er zwei versetzte Augen besitzt.
Couvelaire Der Katheter nach Couvelaire (Urologe und Chirurg, Paris, 1903–1986) besitzt eine vorne offene Flötenspitze mit zwei seitlichen Augen. Wegen seiner großen Öffnung an der Spitze wird er häufig für Blasenspülungen verwendet.
Dufour Der Katheter nach Dufour ist fast so geformt wie ein Tiemannkatheter, nur dass er zwei versetzte Augen und eine vorne offene Flötenspitze besitzt.
Frohmüller Der nach Frohmüller benannte Katheter besitzt eine geschlossene Hohlspitze mit drei seitlich versetzten Augen. Die Spitze ist wie beim Tiemannkatheter etwas gebogen, verjüngt sich aber nicht im Durchmesser.
Foley Der Katheter nach Foley ist eigentlich ein Katheter mit Nélatonspitze, nur dass er einen Ballon zur Fixierung des Katheters in der Blase besitzt. Es werden aber auch andere Katheterformen (z. B. Tiemann) als Foleykatheter verwendet.Peter Reuter: Springer Lexikon Medizin. Springer-Verlag, Berlin u. a. 2004, ISBN 3-540-20412-1, S. 707.
Pezzer Der Katheter nach dem Pariser Arzt Pezzer (* 7. September 1853 in Izmir; † 1920) aus dem Jahr 1892 verfügt zur Fixierung des Katheters in der Blase am Ende über eine pilzförmige Erweiterung. Die Hohlspitze ist vorne verschlossen, die pilzförmige Verdickung besitzt auf der Vorderseite zwei Augen. Dieser Katheter wird heute praktisch nicht mehr verwendet, da er nur mithilfe eines Stabes (Mandrin) eingeführt werden konnte, der den pilzförmigen Teil spannte. Dieser Kronenkatheter aus Gummi wurde mittels des Katheterspanners in gestreckter Form in die Harnblase eingeführt. Er wurde angewendet als selbsthaltender Dauerkatheter vor allem nach Operationen an der Blase oder der Prostata.Günter Thiele, Heinz Walter (Hrsg.): Reallexikon der Medizin und ihrer Grenzgebiete. Verlag Urban & Schwarzenberg, Loseblattsammlung, München / Berlin / Wien 1973, 5. Ordner (Membra–R-Zellen-Adenom), ISBN 3-541-84005-6, S. P 116.