mini|Segelfliegen im Gebirge mini|Ein Segelflugzeug im Landeanflug
Der Segelflug ist das motorlose Fliegen mit Segelflugzeugen, Motorseglern und Gleitflugzeugen, wobei auch der kraftsparende Gleitflug, z. B. von Greifvögeln und Albatrossen, als Segeln bezeichnet wird. Bei dieser Art des Fliegens werden thermische oder dynamische Aufwinde genutzt, deren Energie in Höhe und/oder Fluggeschwindigkeit und/oder Reichweite umgesetzt wird. Die für den Segelflug eingesetzten Flugzeuge sind mit großer Streckung und einer aerodynamisch günstigen Form für ein möglichst großes Gleitverhältnis ausgelegt.
Geschichte mini|hochkant=1|Flug Lilienthals mit dem Normalsegelapparat vom Fliegeberg Lichterfelde am 29. Juni 1895 mini|Orville Wright 1911 in Kitty Hawk im Gleiter mini|Wolfgang Klemperer 1921 in der Rhön mit der „Blauen Maus“ Schon Otto Lilienthal gelang es um 1895 bei seinen Gleitflugversuchen, den Hangaufwind zur Verlängerung der Flugstrecke zu nutzen. Bei starkem Wind konnte er sogar Höhengewinne erreichen und für einige Zeit über seinem Abflugpunkt schweben. Zeitgleich führte auch Alois Wolfmüller, weitgehend von der Öffentlichkeit unbemerkt, erste Flugversuche am Lechhang bei Landsberg durch. Die Brüder Wright nutzten 1902 den stabilen Hangaufwind der Atlantikküste, um mit ihrem 1902 Wright Glider die Flugsteuerung mit beweglichen Steuerflächen zu testen und bis zur Patentreife zu entwickeln. Bei den dazu durchgeführten Gleitflügen waren sie bis zu 26 Sekunden in der Luft. Im Jahr 1911 nahmen sie ihre Gleitflugstudien am Atlantik wieder auf. Dabei gelang Orville Wright ein vortriebsloser Schwebeflug von nahezu zehn Minuten. Dieser Rekord wurde erst am 30. August 1921 von Wolfgang Klemperer mit der FVA-2 Blaue Maus auf der Wasserkuppe verbessert.National Soaring Museums, Orville Wright Biografie Bereits am 18. August 1922 führte Arthur Martens mit dem HAWA Vampyr mit 66 Minuten Flugzeit den ersten motorlosen „Stundenflug“ durch.
Mit der rasanten Entwicklung von Ottomotoren mit hoher Leistung und geringem Gewicht gelang der motorisierte Flug, und der Segelflug geriet zunächst in Vergessenheit, bis der Versailler Vertrag in Deutschland den Motorflug verbot. „Die Sieger des Weltkriegs hatten den Besiegten den Himmel gesperrt“. Zahlreiche Flugbegeisterte, zum Teil die Piloten des Ersten Weltkriegs, aber auch einfach nur Fluginteressierte, vom Jugendlichen bis zum reichen Erben, versammelten sich seit 1920 auf der Wasserkuppe in der Rhön, um hier den motorlosen Flug zu untersuchen und in der Praxis auszuprobieren. Hier erprobten sie völlig unterschiedliche Konzepte von Segelflugapparaten, Starttechniken und Auftriebsnutzungen. „So entstand aus bitterer Not und echtem Lutherstolz der deutsche Segelflug“ (Chronist Peter Supf). Besonders ein Entwickler und Pilot der ersten Stunde, Alexander Lippisch, gelangte durch seine Nurflügelkonstruktionen später zu Weltruhm.
Wasserkuppe Alexander Lippisch und Gottlob Espenlaub waren zwei deutsche Flugzeugkonstrukteure, die ihre Karrieren am Flugplatz Wasserkuppe begannen. Dabei wurde auch mit neuen Materialien experimentiert. Die Zelle der F.S.3 von Ferdinand Schulz war zum Beispiel nur aus Tannenbäumen und Türscharnieren gefertigt. Die Bespannung bestand aus alten Armee-Bettbezügen, und die Steuerung erfolgte nur über zwei, Tischtennisschlägern ähnliche, Ruderklappen an den Tragflächenenden. Dadurch erhielt dieses Fluggerät den Spitznamen „Besenstiel“. Trotz dieser einfachen Bauweise konnten damit zahlreiche Rekorde erflogen werden.
Neben der Wasserkuppe entstanden weitere Flugplätze, wie der 1923 errichtete Flugplatz in Hirzenhain (heute Gemeinde Eschenburg im Lahn-Dill-Kreis). An diesem experimentierten Flugbegeisterte mit selbst gebauten Fluggeräten unter großem öffentlichem Interesse.
Ostpreußen Ein bedeutender Standort des deutschen Segelflugs war auch das ideal geeignete Dünengelände der Kurischen Nehrung zwischen Ostsee und Kurischem Haff in Ostpreußen. In den Königsberger Werkstätten des Vereins für Luftfahrt baute Ferdinand Schulz 1923 die ersten Segelflugzeuge. Im selben Jahr wurde der erste Wettbewerb als „Erster deutscher Küstensegelflug“ ausgetragen. Die Rhön-Rossitten-Gesellschaft gründete 1926 in Rossitten die berühmte Segelflugschule. Mehrere Weltrekorde wurden erflogen, zuletzt 1938 von Boedecker und Zander ein Dauerflugrekord mit 50 Stunden und 15 Minuten.Boedecker und Zander (Die Fliegerhalle) (PDF; 874 kB) Ab 1925 flog man auch in Korschenruh am Frischen Haff, wo 1933 eine Fliegerschule eingerichtet wurde. Die samländische Steilküste nördlich von Palmnicken wurde 1929 als Übungsgelände entdeckt.Robert Albinus: Königsberg Lexikon. Würzburg 2002, ISBN 3-88189-441-1
Aus der Fliegergemeinschaft „Rossitten“ ging 1926 die Studentenverbindung „Fliegerschaft Preußen“ hervor. Ein Mitglied war Carl Friedrich Goerdeler.
Laucha an der Unstrut In den 1920er Jahren begannen Segelflieger, bei Laucha an der Unstrut an Hängen der Unstrut zu starten und zu soaren.Fliegerstadt Laucha – 100 Jahre Luftsport Der Flugplatz Laucha wurde zu einem bedeutenden Segelfluggelände.mdr.de: Laucha an der Unstrut: Die Geschichte der Fliegerstadt (23. April 2024)
Technische Entwicklung mini|hochkant=1|Mit dem HAWA Vampyr gelang 1922 der erste motorlose „Stundenflug“ Die 1921 vorgestellte „Vampyr“ der hannoverschen Akaflieg zeigte, in welche Richtung sich der Segelflugzeugbau entwickeln sollte. Dieser Eindecker hatte zwar noch kleine Streben, sein Luftwiderstand war jedoch durch den sauber ausgeformten, beplankten Rumpf mit kleinem Cockpitausschnitt und die Wahl eines dünneren Flügelprofils im Vergleich zu den in reiner „Junkers-Bauweise“ mit völlig freitragendem, dicken Flügel gebauten Siegern der ersten Rhönwettbewerbe, FVA-1 Schwatze Düvel und FVA-2 Blaue Maus, deutlich vermindert. Diese Auslegung resultierte in einer klaren Leistungsverbesserung, die den Vampyr zum ersten echten Segelflugzeug und „Urahn“ aller späteren Leistungs-Segelflugzeuge machte.
Nur die Wenigsten waren ohne Ausbildung in der Lage, diese komplexen, zumeist auch aerodynamisch instabilen Fluggeräte zu steuern. Viele Versuche, sich das Fliegen im Rahmen der „Erprobung selbstgebastelten Geräts“ autodidaktisch beizubringen, endeten mit mehr oder weniger schwerem „Bruch“. Die ersten erfolgreichen Segelflieger der 1920er-Jahre waren ehemalige Piloten des Ersten Weltkriegs, die das Fliegen bereits prinzipiell beherrschten. Zur Ausbildung geeignete doppelsitzige Gleit- und Segelflugzeuge, auf denen sie ihre Kenntnisse weitergeben konnten, gab es noch nicht, sie erschienen zu schwer und unhandlich für den Gummiseilstart und bodennahen Hangflug. Fritz Stamer entwickelte deshalb um 1924 die bis in die 1960er-Jahre verwendete Ausbildungsmethodik auf einfachen einsitzigen Schulgleitern (Hol’s der Teufel, RRG-1 „Zögling“). Sie ermöglichte eine einigermaßen sichere Flugausbildung hin zum risikoarmen Umstieg auf die damaligen Leistungssegler.
Nationalsozialistisches Deutschland mini|hochkant=1|Der Schulgleiter SG 38 mini|Wasserkuppe 1935, ab 1937 eine Reichssegelflugschule des NS-Fliegerkorps mini|DFS Olympia Meise, entwickelt für die Olympischen Spiele 1940 Der Reichswehr war bewusst, dass das Segelfliegen eine hervorragende Ausbildungsmöglichkeit für zukünftiges Personal späterer Luftstreitkräfte bot. Deshalb wurde nach der Machtergreifung im Jahre 1933 der gesamte Luftsport in Deutschland neu geordnet. Die meisten Gruppen und Organisationen des Segelflugs und des sonstigen Luftsports wurden zwangsweise aufgelöst und, zusammen mit den Fliegerstaffeln der SA, SS und Stahlhelm, unter dem Deutschen Luftsportverband (DLV) gleichgeschaltet. Hinzu kamen aus der Reichswehr formell ausgeschiedene Soldaten als Fliegerschaft. Vorsitzender wurde Bruno Loerzer. Letztendlich war der DLV eine paramilitärische Tarnorganisation zur Aufstellung der Luftwaffe. Der Segelflug hatte ab diesem Zeitpunkt vornehmlich zur Werbung und vormilitärischen, fliegerischen Ausbildung Jugendlicher und junger Erwachsener für die zukünftige Luftwaffe zu dienen. Aus der Forschungsabteilung der Rhön-Rossitten-Gesellschaft wurde 1933 das Deutsche Institut für Segelflug und 1937 die Deutsche Forschungsanstalt für Segelflug (DFS) und zu einer der großen deutschen Luftfahrtforschungsanstalten weiterentwickelt. Der hohe Bedarf an Ausbildungsgerät führte zur systematischen Entwicklung von einsitzigen Schulgleitern wie dem SG 38, der in hoher Anzahl von Firmen oder als Selbstbau hergestellt wurde.
Nach der Offenlegung der Luftwaffe im Jahre 1935 wurden zwei Jahre später die im DLV verbliebenen Organisationen in das neu gegründete Nationalsozialistische Fliegerkorps (NSFK) überführt. Damit hatte die Ausübung des Luftsports und damit auch des Segelflugs im Deutschen Reich nach den Richtlinien des Korpsführers des NSFK zu erfolgen. Das NSFK war eine Körperschaft des öffentlichen Rechts und unterstand direkt dem Reichsluftfahrtminister Hermann Göring. Der Korpsführer war ein aktiver General der Luftwaffe.
Aufgrund eines Abkommens zwischen dem Korpsführer NSFK und dem Reichsjugendführer wurde der fliegerische Nachwuchs systematisch ausgewählt. Zunächst erfasst in den Arbeitsgemeinschaften des Deutschen Jungvolks (DJ), wurden die zehn- bis 14-jährigen Pimpfe im Modellbau und Modellflug unterrichtet. Im Alter von 14 bis 18 Jahren ging es in den Luftsportscharen der Hitlerjugend (HJ) an den Bau von Gleit- und Segelflugzeugen sowie die praktische Schulung darauf. Mit 18 Jahren wurden die Hitlerjungen in die entsprechenden Stürme des NSFK zwecks Weiterbildung im Segelflug und abschließend dem Motorflug auf Kleinflugzeugen übernommen. Sie erhielten eine fliegerische Beurteilung der entsprechenden NSFK-Ausbilder und wurden automatisch von den Wehrersatzbehörden erfasst. Sie waren Teil der Luftgaureserve und wurden im Regelfall zum Wehrdienst in die Luftwaffe eingezogen.
Außerhalb der Flieger-HJ und NSFK war ein Flugbetrieb im Segelflug nur noch eingeschränkt möglich. Eine gewisse Unabhängigkeit erhielten zunächst die aus den aufgelösten Akaflieg hervorgegangenen Flugtechnischen Arbeitsgemeinschaften der Ingenieurschulen und Flugtechnische Fachgruppen an den Technischen Hochschulen, die unter dem Dach der Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt ihren Flugbetrieb gestalten konnten und großzügig ausgestattet wurden. Jede Erteilung einer Segelfluglizenz musste aber vom Korpsführer des NSFK genehmigt werden. Hinzu kam ab 1936 die lückenlose Überwachung des Segelflugbetriebs durch die neu aufgestellte Luftaufsichtswache (Vorgänger des heutigen Flugleiter). Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg erfolgte dann die direkte Eingliederung in den Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund, deren Mitglieder dem NSFK beitreten mussten.
Ausgewählte Segelflugpiloten konnten an Lehrgängen der sieben Reichssegelflugschulen teilnehmen. Ausländern oder nichtorganisierten Segelfliegern standen davon nur drei offen, da die anderen gegenüber der Öffentlichkeit abgeschirmt wurden. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde der Segelflugbetrieb, im Gegensatz zu anderen Sportarten, als kriegswichtig eingestuft und intensiviert, um den steigenden Bedarf an Piloten für die Wehrmacht zu decken. Der Bau und Ausbildungsbetrieb wurde bis Ende 1944 fortgesetzt, zuletzt aufgrund der Luftüberlegenheit der alliierten Flugzeuge mit Segelflugzeugen in Tarnanstrich.
Segelfliegen war bei den Olympischen Sommerspielen 1936 Demonstrationssport. Die Wettbewerbe fanden in Berlin-Staaken statt. Bei den Olympischen Sommerspielen 1940 sollte es eine olympische Sportart werden. Speziell hierzu wurde von der Deutschen Forschungsanstalt für Segelflug die DFS Olympia Meise konstruiert.
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