Gräfrath ist der kleinste der fünf Solinger Stadtbezirke. Durch das im 12. Jahrhundert gegründete Augustinerinnenkloster, das bis ins 19. Jahrhundert bestand, zählte Gräfrath lange Zeit zu den bedeutsamsten Städten im Bergischen Land. Im 19. Jahrhundert praktizierte im Ort der weltberühmte Augenarzt Friedrich Hermann de Leuw.
Mit seiner gut erhaltenen, zu großen Teilen aus dem 18. und 19. Jahrhundert stammenden Altstadt um den Marktplatz am Fuße der Klosterkirche zählt Gräfrath zu den ausgewählten 56 historischen Stadtkernen Nordrhein-Westfalens.Webpräsenz des Stadtteils auf historische-stadt-ortskerne-nrw.de, abgerufen am 4. Juni 2021.
Geographie Lage Gräfrath grenzt, im Norden der Stadt Solingen gelegen, an die Nachbarstädte Haan im Westen und Wuppertal im Norden und im Osten. Im Süden schließt sich der Solinger Stadtbezirk Mitte an, ebenfalls im Westen bildet Gräfrath eine innerstädtische Grenze zum Stadtbezirk Wald. Die Stadtgrenze zu Wuppertal bildet in weiten Teilen der Flusslauf der Wupper. Die Stadtgrenze zu Haan wird teilweise durch die Itter gebildet, die im Heiligen Born in Gräfrath entspringt und bei Düsseldorf-Benrath in den Rhein mündet. Zahlreiche weitere Bäche durchziehen Gräfrath, so etwa der Nümmener oder der Holzer Bach.
In Gräfrath, nahe dem ehemaligen Wasser- und heutigen Lichtturm, befindet sich auf einer Höhe von 276 Metern über NHN Solingens höchster Punkt.
Ortslagen und Wohnplätze mini|Fachwerkhäuser in Nümmen Neben dem historischen Ortskern umfasst der heutige Stadtbezirk Gräfrath noch diverse weitere Wohngebiete und Ortslagen, einige in Form weilerähnlicher Hofschaften, von denen sich einige abseits der heutigen Hauptdurchgangsstraßen befinden. Aus einigen Hofschaften haben sich über die Jahrzehnte größere Wohnviertel entwickelt, in denen die ursprünglichen Hofgebäude nahezu verschwinden. Folgende Ortslagen gibt es in Gräfrath:
Altenfeld | Apfelbaum | Aue | Bandesmühle | Backesheide | Bergerbrühl | Bimerich | Blumental | Busch | Buscher Feld | Buxhaus | Ehren | Eigener Feld | Eipaß | Flockertsberg | Flockertsholz | Focher Dahl | Friedenstal | Fürkeltrath | Grünewald | Grund | Gütchen | Heide | Heider Hof | Herberg | Ketzberg | Külf | Laiken | Mühlenbusch | Neu-Eipaß | Neuenhaus | Neuenkulle | Nümmen | Obenflachsberg | Obenscheidt | Oben zum Holz | Paashaus | Piepersberg | Rauenhaus | Rathland | Ringelshäuschen | Schafenhaus | Schieten | Schlagbaum | Schönhof | Steinbeck | Stöckerberg | I. Stockdum | II. Stockdum | III. Stockdum | Tummelhaus | Untenflachsberg | Unten zum Holz | Vogelsang | Zentral | Ziegelfeld
Daneben entstanden seit Anfang des 20. Jahrhunderts auch andere größere Wohngebiete abseits des Ortskerns. Dazu zählen die Wohnsiedlung des Bauvereins Gräfrath am südöstlichen Rande der Altstadt (Schulstraße, Melanchthonstraße, Huttenstraße, Schnitzlerstraße, De-Leuw-Straße) und die Siedlung Katharinenstraße, darüber hinaus auch die Siedlung am Abteiweg nordöstlich der Altstadt oder das Gebiet zwischen Central und Schlagbaum mit der Spar- und Bauvereinssiedlung am Wasserturm.
Geschichte Siedlungsursprünge und Klostergründung Das Bergische Land blieb aufgrund seiner dichten Wälder lange unbesiedelt, Kelten und Germanen vermieden eine Ansiedlung, die Römer drangen nur bis Köln vor. Wahrscheinlich ab dem 8. Jahrhundert siedelten die ersten Bewohner im heutigen Solinger Raum. Erstmals im Hochmittelalter, im Jahre 1135, wird Gräfrath als villa Greveroide (mit Dehnungs-i), also als Rodung eines Grafen, in einer Urkunde erwähnt. Darin heißt es, dass der Kölner Erzbischof Bruno II. der Ursulakirche einen Altar schenkte aus dem Zehnten des Dorfes Greveroide im Kirchspiel Wald. Das Dorf Greveroide war zu dieser Zeit ein kleines Bauerndorf, seit mindestens 1220 ist auch die Honschaft Gräfrath als Verwaltungsbezirk im Kirchspiel Wald innerhalb des Amtes Solingen nachgewiesen. Die weitere frühe Geschichte Gräfraths ist eng mit der Klostergründung verbunden.
mini|Kloster Gräfrath
Die sakralen Ursprünge Gräfraths liegen der Volkssage nach in einer frühen Opferstelle am Grünewald, von der auch der Heilige Born seinen Namen haben soll. Nachdem der Opferaltar zerstört worden war, errichtete man in der Nähe eine erste Kapelle, die dem Pfarrverband Wald angehörte. In der Kapelle soll sich ein angeblich Wunder wirkendes Marienbild befunden haben. Da Wald dem Patronat Deutz unterstellt war, galt dies auch für Gräfrath. Diese Verbindung wurde jedoch am 12. Dezember 1185 gelöst, denn in einer Urkunde heißt es: Die eigentliche Klostergründung erfolgte innerhalb der nächsten 18 Monate, die Klostergründung ist für den 31. Juli 1187 bestätigt worden. Ab 1195 wurde eine erste Stiftskirche errichtet. Die Bestätigung im Namen des Papstes erfolgte erst im Jahre 1220 durch Kardinal Guido. Die Klosterschwestern lebten nach den Regeln des Heiligen Augustinus. In den Folgejahrzehnten und -Jahrhunderten kam das Kloster durch Schenkungen zu beachtlichen Besitztümern, insbesondere zu Ländereien und Höfen wie Caspersbroich, Nesselrode oder Hückeswagen.
Im Umkreis des Klosters entstanden nach und nach auch einige Bauernhöfe, die zunächst als Einzelhöfe mit den Jahrhunderten wuchsen und zu Hofschaften wurden. Zu den ältesten Höfen rund um das Kloster Gräfrath zählen Ketzberg, Nümmen und Heide. Letzterer Hof wurde Im Jahre 1232 an das Kloster Gräfrath verkauft.Heinz Rosenthal: Solingen. Geschichte einer Stadt. Band 1: Von den Anfängen bis zum Ausgang des 17. Jahrhunderts. Braun, Duisburg 1969, .
14. bis 15. Jahrhundert Als dem Stift Anfang des 14. Jahrhunderts eine Reliquie der Heiligen Katharina von Alexandria geschenkt wurde, wurde Gräfrath in der Folgezeit das Ziel vieler Pilgerreisen.
Gräfrath war zunächst noch im Besitz der Grafen von Berg. Aufgrund der gewachsenen Bedeutung des Ortes erhob allerdings im Jahre 1402 Herzog Wilhelm I. von Berg den Ort zur Freiheit. Damit wurde der Ort „aller Schatzung und Herrendienst“ befreit, bis auf eine Jahresabgabe von 30 rheinischen Gulden. Gräfrath erhielt einen Bürgermeister und Schöffen. Außerdem wurde der jungen Freiheit das Recht verliehen, an drei Tagen im Jahr einen Markt abhalten zu dürfen. Das Freiheitsprivileg wurde in den Folgejahrzehnten mehrfach bestätigt. Wichtig für Gräfrath war vor allem die Gewährung der Zollfreiheit.
mini|Die Bandesmühle wurde urkundlich erstmals im Schatzbuch 1492 genannt
Unter dem Gräfrather Bürgermeister Henken Kremers wurde 1492 erstmals ein Schatzbuch angelegt, das Auskunft über den Besitz und das jährliche Einkommen eines jeden Bewohners gab. Ende des 15. Jahrhunderts waren demzufolge in Gräfrath schon einige Reichtümer vorhanden. Die Grundlage dazu bildete das Handwerk, das sich im Bereich der Härter, der Schwertschmiede, der Schwertfeger sowie der Schleifer zu Zünften zusammengeschlossen hatte. Aus den Zünften waren später die ersten privilegierten Kaufleute hervorgegangen. Demgegenüber gab es auch unprivilegierte Kaufleute, die eigene Produkte nicht herstellen, jedoch mit fremden Waren Handel treiben durften. Dazu gehörte auch die Kaufmannsfamilie Schnitzler, aus der insgesamt acht Bürgermeister hervorgingen. Der Reichtum der Kaufleute vermehrte sich umso mehr, als diese ihre Waren nicht mehr nur noch in Nürnberg, Frankfurt oder Leipzig vertrieben, sondern bis nach Amerika, Asien und Afrika fuhren.
Für das örtliche Gerichtswesen von Bedeutung war zum einen der Pranger, der an der nördlichen Seite des Marktbrunnens gestanden hat. Der Galgen des Amtes Solingen befand sich ebenfalls in Gräfrath, jedoch außerhalb des Kernorts in den Scheiderirlen nordöstlich von Schlagbaum.
16. bis 17. Jahrhundert mini|Hofstätten und Wassermühlen bei Gräfrath in der Karte Topographia Ducatus Montani (1715) Ein weiterer Faktor für den Reichtum Gräfraths und seiner Bevölkerung war die Anlage von Schleifkotten an den Gräfrather Bächen ab dem 16. Jahrhundert. Die Geografie Gräfraths war für diesen Zweck sehr günstig, die Itter etwa fließt derart abschüssig, dass ihre Wasserkraft vielfältig nutzbar war. In Nümmen und in Ehren wurden Mühlen betrieben, in Eschbach stand noch bis in das 20. Jahrhundert ein Sägewerk. Die Quellarme der Itter verlaufen verstreut durch das Gebiet des Ortes, eine Quelle befindet sich im Heiligen Born östlich des Gräfrather Ortskerns. Dieser wird unterhalb des Ortskerns verrohrt geführt, bevor er vor der Bandesmühle wieder sichtbar wird. Auch an der Wupper wurden Schleifkotten angelegt, etwa an der Aue oder am Dritten Kotten im Friedenstal.
Das 17. Jahrhundert war für Gräfrath von vielen negativen Ereignissen überschattet. Im Jahre 1622 litt der Ort unter den spanischen Truppen, die sich dort im Winterquartier befanden. Besonders im Dreißigjährigen Krieg von 1618 bis 1648 durchzogen den Ort des Öfteren Kriegshorden, die in Gräfrath plünderten, raubten oder mordeten. Zwischen 1665 und 1666 wütete die Pest in Gräfrath.
Gegen 5 Uhr am Morgen des 27. Dezember 1686 brach im Ortskern ein Feuer aus. Aufgrund der damals unzureichenden Vorkehrungen zur Brandverhütung – die Häuser standen zumeist eng aneinander, ihre Bestandteile waren leicht brennbar und es gab keine Feuerwehr – brannten etwa 90 Prozent der Gebäude nieder. Die Pfarrkirche, das Kloster, 78 Wohnhäuser, 42 Scheunen und andere Gebäude fielen den Flammen insgesamt zum Opfer. Es war der verheerendste Stadtbrand in der Geschichte Gräfraths. Nur 26 Häuser blieben verschont.
Die Wirtschaft und das Leben in Gräfrath lagen am Boden. Die Stadt musste bei der kurfürstlichen Regierung um Steuernachlass bitten. Mühsam musste ab dem Jahre 1687 der Ortskern über Jahre hinweg neu aufgebaut werden. Dabei blieben seine alten Grundzüge weitgehend erhalten, manche Straßenzüge wurden jedoch durch einheitliche Baulinien begradigt, außerdem waren nun schmale Brandgassen zwischen den einzelnen Gebäuden vorgeschrieben. Die heutige Gräfrather Altstadt zeigt noch immer das Bild der wiederaufgebauten Kleinstadt zu Beginn des 18. Jahrhunderts, auch wenn in der Folgezeit immer wieder leichte bauliche Veränderungen unternommen wurden.
Im Jahre 1698 trat eine Brauhausordnung in Kraft, die jedem Gräfrather Bürger das Recht verlieh, für seinen eigenen Bedarf Bier zu brauen. Am 3. März 1698 brach in Gräfrath erneut ein Feuer aus, dem insgesamt 10 Häuser und 7 Scheunen zum Opfer fielen, darunter auch das Haus des damaligen Bürgermeisters Gabriel Korten.
18. Jahrhundert bis 1850 mini|Das im Stil des Barock wiedererrichtete Klostergebäude (1688 bis 1704)
Ein weiterer, kleinerer Stadtbrand tobte wenige Jahre später. Am 12. Juni 1717 schlug gegen 22:00 Uhr in das Klostergebäude ein Blitz ein. Das entstandene Feuer zerstörte in dieser Nacht wieder einige Gebäude, unter anderem die Stiftskirche. Wie bereits zuvor erfolgte aber kurz darauf der Wiederaufbau. In den Folgejahrzehnten hatte Gräfrath wiederholt unter im Ort liegenden Soldaten oder sich ausbreitenden Krankheiten zu leiden. So gab es beispielsweise 1736 und 1750 zwei schwere Ruhrepidemien.
Unabdingbar für den Erhalt und weiteren Aufbau von Wohlstand in Gräfrath war der Ausbau der Straßenverbindungen. Die überörtlichen Verbindungswege waren zu Beginn des 18. Jahrhunderts in einem untragbaren Zustand und die örtliche Bevölkerung kämpfte lange Jahre für den Ausbau insbesondere der Wege nach Elberfeld und Wald. Doch schließlich wurde von der kurfürstlichen Regierung die Wegeverbindung von Elberfeld über Cronenberg und Solingen zum Bergischen Rheinhafen in Hitdorf bevorzugt und das von Wald und Gräfrath befürwortete Straßenbauprojekt über Demmeltrath und Gräfrath nach Elberfeld nicht berücksichtigt. Man musste sich in Gräfrath mit der im Jahre 1815 von Solingen über Gräfrath und Vohwinkel nach Essen gebauten Provinzialstraße Essen–Solingen zufriedengeben.