Die Endrunde der Fußball-Weltmeisterschaft 1974 war die zehnte Ausspielung dieses bedeutendsten Turniers für Fußballnationalmannschaften und fand vom 13. Juni bis zum 7. Juli 1974 in der Bundesrepublik Deutschland und West-Berlin statt.
Die Bundesrepublik Deutschland gewann das Turnier mit einem 2:1-Sieg über die Niederlande im Finale von München und wurde damit zum zweiten Mal, nach 1954, Fußballweltmeister – als erster Weltmeister, der auch aktueller Europameister war, welches erst die spanische Fußballnationalmannschaft 2010 und 2026 wiederholen konnte. Den dritten Platz belegte die Mannschaft Polens, die mit Grzegorz Lato, der während des Turniers sieben Tore erzielte, den Torschützenkönig stellte. Titelverteidiger Brasilien wurde Vierter, der Vizeweltmeister von 1970, Italien, schied bereits in der ersten Runde aus.
Vergabe Nach mehreren erfolglosen Bewerbungen erhielt die Bundesrepublik Deutschland am 6. Juli 1966 während des FIFA-Kongresses in London den Zuschlag für die Austragung der Weltmeisterschaft 1974., fifa.com, englisch, PDF, abgerufen am 22. Januar 2025 Das Votum war einstimmig. Die unterlegenen Mitbewerber Argentinien und Spanien gingen nicht leer aus: Argentinien bekam die Ausrichtung der WM 1978 und Spanien die der WM 1982 zugesprochen. Spanien hatte somit fast 16 Jahre Zeit, um sich vorzubereiten – so viel wie noch kein anderer Veranstalter.
Bereits drei Monate zuvor, am 16. April 1966, hatte München den Zuschlag für die Olympischen Spiele 1972 erhalten. Das Jahr 1966 bedeutete somit einen Durchbruch für die bundesdeutsche Sportdiplomatie, da 21 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs und der nationalsozialistischen Herrschaft ein deutscher Staat wieder für würdig befunden wurde, die beiden bedeutendsten internationalen Sportveranstaltungen auszurichten.Dietrich Schulze-Marmeling: In: Das Parlament, Nr. 19 vom 8. Mai 2006.
Spielorte Die Spiele der Weltmeisterschaft wurden in neun Stadien in neun verschiedenen Städten der Bundesrepublik Deutschland einschließlich West-Berlin ausgetragen.Harry Valérien: WM-Stadien 1974. In: Fußball 74 – Weltmeisterschaft. S. 166 f. Hamburg: Im für 17 Millionen DM umgebauten Volksparkstadion fanden drei Erstrundenspiele statt. Die Heimat des Hamburger SV bot Platz für 65.000 Zuschauer, davon 28.000 Sitzplätze. Die drei Spiele sahen insgesamt 130.500 Zuschauer, im Schnitt 43.500. Die meisten hatte das historische Duell der beiden deutschen Mannschaften, nämlich 60.200. Dagegen wollten nur 17.000 Zuschauer das Spiel der DDR gegen Australien sehen. West-Berlin: Das für die Olympischen Sommerspiele 1936 errichtete Olympiastadion, die Heimstätte von Hertha BSC, war mit 85.000 Plätzen, davon 61.800 Sitzplätzen, das größte deutsche Stadion während der WM 1974. In dem für 25 Millionen DM umgebauten Stadion fanden drei Spiele der ersten Finalrunde statt. Insgesamt sahen 126.800 Zuschauer die drei Spiele, im Schnitt 42.267. Die meisten (81.100) kamen zum Auftaktspiel der Mannschaft der Bundesrepublik gegen Chile, das damit das bestbesuchte Spiel der WM war. Das Spiel Australien – Chile wollten dagegen nur 17.400 sehen. Hannover: Im Niedersachsenstadion von Hannover 96 fanden zwei Spiele der ersten Finalrunde und zwei Spiele der zweiten Finalrunde statt. Das 60.400 Besucher fassende Stadion mit 40.850 Sitzplätzen wurde für die Weltmeisterschaft für 26 Millionen DM umgebaut. Insgesamt sahen 167.763 die vier Spiele, im Schnitt 41.941. Die wenigsten Zuschauer kamen mit 13.400 in der 1. Finalrunde zum Spiel Bulgarien – Uruguay. Mit 59.863 Zuschauern war das Stadion in der 2. Finalrunde beim Spiel Brasilien – DDR fast ausverkauft, wobei viele Zuschauer ihre Karten in der Erwartung, dort die Mannschaft der Bundesrepublik zu sehen, gekauft hatten. Gelsenkirchen: Das für 55 Millionen DM neu errichtete Parkstadion war die Heimat des Fußballklubs FC Schalke 04. Die 70.000 Zuschauer fassende Spielstätte mit 36.000 Sitzplätzen war Austragungsort von zwei Spielen der ersten und drei Spielen der zweiten Finalrunde. Insgesamt 247.050 Zuschauer sahen die fünf Spiele, im Schnitt 49.410. Die meisten (68.348) – insbesondere aus den Niederlanden, aber auch der Bundesrepublik, da mit einem Spiel gegen den westlichen Nachbarn gerechnet wurde – kamen zum Spiel der DDR gegen die Niederlande. Dagegen wollten nur 31.700 Zuschauer das Spiel der Jugoslawen gegen Zaire sehen, von denen die meisten jugoslawische Gastarbeiter waren. Dortmund: In dem für 33 Millionen DM neu errichteten Westfalenstadion – der Heimat von Borussia Dortmund, die zu jener Zeit in der 2. Liga spielte – fanden 53.600 Zuschauer Platz (16.500 Sitzplätze). Das einzige WM-Fußballstadion ohne Laufbahn unterschritt die Mindestanforderung von 60.000 Plätzen, konnte jedoch mit einer Überdachung von circa 90 Prozent der Zuschauerplätze aufwarten. Das kleinste Stadion der Weltmeisterschaft von 1974 war Austragungsort von drei Spielen der ersten und einem Spiel der 2. Finalrunde. Insgesamt 187.700 Zuschauer, der überwiegende Teil aus den Niederlanden, deren Mannschaft dreimal in Dortmund spielte, sahen die vier Spiele, ein Schnitt von 46.925 Zuschauern. Während nur 27.000 Zuschauer Zaire gegen Schottland sehen wollten, kamen zu den drei Spielen der Niederländer jeweils mehr als 53.000 Zuschauer. Düsseldorf: Das Rheinstadion von Fortuna Düsseldorf war Austragungsort zweier Erstrunden- und dreier Zweitrundenbegegnungen. Die 70.100 Zuschauer fassende Spielstätte, darunter 31.600 Sitzplätze, wurde vor dem WM-Turnier für 24 Millionen DM umgebaut. 228.585 Zuschauer kamen zu den fünf Spielen, im Schnitt 45.717. Zum ersten Spiel, bei dem Schweden und Bulgarien aufeinandertrafen, kamen nur 23.800 Zuschauer. Die beiden Spiele der Bundesrepublik in der zweiten Finalrunde gegen Jugoslawien und Schweden sahen 67.385 bzw. 67.800 Zuschauer. Frankfurt am Main: Im Waldstadion fand am 13. Juni 1974 das Eröffnungsspiel zwischen Brasilien und Jugoslawien statt. Daneben wurden im Stadion, in dem die Frankfurter Eintracht ihre Heimspiele austrägt, zwei weitere Spiele der ersten Finalrunde und zwei Spiele der zweiten Finalrunde ausgetragen. Das für 27 Millionen DM umgebaute Stadion mit 29.200 Sitzplätzen fasste 62.200 Besucher. Insgesamt kamen 300.000 Zuschauer und damit die meisten zu den fünf Spielen nach Frankfurt, im Schnitt 60.000. Dreimal waren es 62.000: Beim Eröffnungsspiel zwischen Brasilien und Jugoslawien, dem Spiel Schottland – Brasilien und der Wasserschlacht von Frankfurt. Stuttgart: Das Neckarstadion, Heimat des VfB Stuttgart, war Schauplatz dreier Erstrunden- und eines Zweitrundenspiels. Das für 22 Millionen DM umgebaute Stadion bot 72.200 Plätze, davon 34.400 Sitzplätze. Die vier Spiele sahen insgesamt 217.855 Zuschauer, im Schnitt 54.464. Das Spiel Polen – Argentinien, eine der besten Partien der WM, wollten nur 32.700 sehen, dagegen kamen zweimal 70.100 Zuschauer – vorwiegend italienische Gastarbeiter – zu den Spielen ihrer Mannschaft gegen Argentinien und Polen. München: In dem für die Olympischen Sommerspiele 1972 errichteten Olympiastadion fanden drei Spiele der Vorrunde sowie das Spiel um Platz drei und das Finale statt. Das Stadion, in dem der FC Bayern München seine Heimspiele austrug, hatte durch provisorische Zusatztribünen eine Kapazität von nominell 76.000 Zuschauerplätzen, wovon 44.200 Sitzplätze waren. Die fünf Spiele wurden dort von insgesamt 259.500 Zuschauern besucht, was einen Zuschauerschnitt von 51.900 ergibt. Das Stadion war dabei zu den beiden Spielen von Haiti gegen Argentinien und gegen Polen nur jeweils zu rund einem Drittel belegt, während es zu den beiden Finalspielen mit 74.100 bzw. 75.200 Zuschauern fast völlig gefüllt war.
Qualifikation
Die Bewerbungsfrist zur Teilnahme an der Qualifikation zur Fußball-Weltmeisterschaft 1974 endete am 30. Juni 1971. Die Auslosung der Qualifikationsgruppen fand am 17. Juli 1971 in Düsseldorf statt. Von 99 gemeldeten Nationen waren zwei direkt für die Endrunde qualifiziert. Nachdem sieben Mannschaften ihre Teilnahme zurückgezogen hatten, nahmen schließlich 90 an der Qualifikation teil.World Cup 1974 finals. rsssf.org (englisch) Neben dem amtierenden Weltmeister Brasilien und Gastgeber Deutschland, die automatisch zur Teilnahme am Turnier berechtigt waren, konnten sich 14 weitere Mannschaften für die WM-Endrunde qualifizieren.
Überraschend dabei war insbesondere das Ausscheiden Englands gegen Polen, womit bei der Weltmeisterschaft 1974 ein früherer Weltmeister fehlte. Zum wiederholten Male setzte sich auch Bulgarien durch, diesmal gegen Portugal, dessen große Zeit und die von Eusébio endgültig vorbei war. Etwas unerwartet schied in der Qualifikation auch Spanien gegen Jugoslawien aus und Mexiko belegte in der Qualifikationsrunde hinter Haiti und Trinidad und Tobago nur den dritten Platz. Neben den Fußballern der Karibik schafften erstmals auch die DDR, Australien und Zaire, als erstes südlich der Sahara gelegenes Land überhaupt, die Qualifikation. mini|Das Nationalstadion in Santiago de Chile während des Putsches 1973 Während die Sieger der restlichen Qualifikationsgruppen direkt für die Weltmeisterschaft qualifiziert waren, musste die Sowjetunion als Erster der Europagruppe 9 in zwei Play-off-Spielen um die Teilnahme an der WM-Endrunde gegen Chile, den Sieger der Südamerika-Gruppe 3, antreten. Im ersten Spiel in Moskau trennten sich beide Mannschaften 0:0. Zum Rückspiel in Chile trat die Sowjetunion nicht an, da das Spiel im Nationalstadion von Santiago de Chile durchgeführt werden sollte, in dem während des Militärputsches nur wenige Wochen vorher im September 1973 Oppositionelle inhaftiert worden waren. Später wurde von Folterungen und Morden, die dort stattgefunden hatten, berichtet. Trotzdem wurde das Spiel angepfiffen, jedoch nach dem 1:0 abgebrochen, da mangels anwesender sowjetischer Spieler kein Wiederanstoß möglich war. Die sowjetische Mannschaft wurde von der FIFA disqualifiziert und das Spiel 2:0 für Chile gewertet.Chile gegen UdSSR 1973: Das absurdeste Spiel der Fußballgeschichte. In: Der Spiegel, 28. Februar 2007.Paul Doyle: The Joy of Six: football fiascos. In: The Guardian, 17. Januar 2014. (englisch) Nur der Euphorie aufgrund der erstmals geglückten WM-Qualifikation der DDR-Auswahl war es zu verdanken, dass die DDR an der WM weiter teilnahm.
Für die Endrunde der Fußball-Weltmeisterschaft 1974 in der Bundesrepublik Deutschland qualifizierten sich schließlich die folgenden Mannschaften: 9 aus Europa (Gastgeber) 4 aus Südamerika (TV) 1 aus Nord-, Mittelamerika und der Karibik 1 aus Afrika 1 aus Asien und Ozeanien mini|links|600px|Weltkarte der Teilnehmer mit deren Platzierungen
Modus Die WM 1974 wurde nach einem neuen Modus ausgetragen. Zwar bildeten die 16 Teilnehmer wie gehabt vier Gruppen mit je vier Mannschaften, von denen sich jeweils die ersten beiden für die nächste Runde qualifizierten. Jedoch wurde das Turnier nicht im K.-o.-System fortgesetzt, sondern in zwei Zwischenrundengruppen mit je vier Mannschaften. Die Sieger der zweiten Finalrunde bestritten das Endspiel um die Weltmeisterschaft, die Zweitplatzierten das Spiel um Platz drei.