Die Endrunde der Fußball-Weltmeisterschaft 1990 ( Campionato Mondiale di Calcio, kurz Italia novanta) war die 14. Ausspielung des bedeutendsten Turniers für Fußballnationalmannschaften und fand vom 8. Juni bis zum 8. Juli 1990 zum zweiten Mal nach 1934 in Italien statt.

Die WM-Favoriten Brasilien und Argentinien sowie Deutschland und die Niederlande trafen bereits im Achtelfinale aufeinander. Deutschland kam zum dritten Mal in Folge ins Finale und konnte, in einer einmaligen Wiederholung der Finalpaarung der vorherigen WM 1986 gegen Argentinien, nach den Niederlagen von 1982 und 1986 den insgesamt dritten Weltmeister-Titel feiern. Erstmals gelang es damit einer europäischen Mannschaft, ein WM-Finale gegen eine südamerikanische Mannschaft zu gewinnen. Deutschland wurde durch diesen Erfolg mit drei WM-Titeln sowie drei zweiten Plätzen vorübergehend die erfolgreichste Fußballnation vor Brasilien und Italien, die beide bis dahin ebenfalls drei WM-Titel gewonnen hatten. Gastgeber Italien schied im Halbfinale gegen Argentinien aus.

Vergabe Über den Austragungsort hatte die FIFA am 19. Mai 1984 auf ihrem Kongress in Zürich entschieden. Italien setzte sich mit 11:5 Stimmen gegen Mitbewerber Sowjetunion durch. England und Griechenland hatten ihre Bewerbungen zurückgezogen.

Spielorte

Die Spiele der Weltmeisterschaft wurden in zwölf italienischen Städten ausgetragen, in Stadien, die erstmals nur Sitzplätze anbieten durften. Dazu waren Neu- und Umbauten in Höhe von ca. 800 Millionen D-Mark notwendig. In Bari und Turin entstanden neue Stadien, acht andere Spielstätten wurden renoviert. OK-Präsident Hermann Neuberger äußerte im März 1990 vor seiner Inspektionsreise skeptisch: „Ihr Italiener müsst wirklich sehr tüchtig sein, wenn ihr in drei Monaten das fertig bringt, wozu wir Deutsche mindestens zwei Jahre nötig hätten.“ Unter großem Druck wurden die Stadien fertig, doch die große Hast forderte 24 Tote auf den Baustellen. Noch am Morgen des Eröffnungsspiels stürzte in Palermo ein Gerüst ein, fünf Männer starben dabei.

Stadt Stadion Spiele Kapazität* Gesamt-zuschauerzahl Schnitt Spiel mit den meisten Zuschauern Spiel mit den wenigsten ZuschauernRomOlympiastadion Rom 6 73.603440.23873.373Deutschland - ArgentinienFinale 73.603 2 Vorrundenspiele, Achtel- und Viertelfinale mit Italien73.303NeapelStadio San Paolo 5 74.090273.70154.740Italien - ArgentinienHalbfinale 59.978Kamerun - KolumbienAchtelfinale 50.026TurinStadio delle Alpi 5 71.000307.14661.429Brasilien - SchwedenVorrunde und Deutschland - EnglandHalbfinale 62.628Brasilien - Costa RicaVorrunde 58.007BariStadio San Nicola 5 56.875218.00043.600Italien - EnglandSpiel um Platz 3 51.426Kamerun - SowjetunionVorrunde 37.307FlorenzStadio Comunale 4 41.300146.05636.514Jugoslawien - ArgentinienViertelfinale 38.971 USA - ČSFRVorrunde 33.266MailandGiuseppe-Meazza-Stadion 6 76.398440.13073.355Deutschland - JugoslawienVorrunde 74.765Deutschland - VAEVorrunde 71.169GenuaStadio Luigi Ferraris 4 35.921124.731 31.183Schweden - SchottlandVorrunde 31.823Schweden - Costa RicaVorrunde 30.223BolognaStadio Renato Dall’Ara 4 37.825125.40131.350England - BelgienAchtelfinale 34.520Jugoslawien - VAEVorrunde 27.833VeronaStadio Marcantonio Bentegodi 4 40.976137.999 34.500Belgien - SpanienVorrunde 35.950Belgien - SüdkoreaVorrunde 32.790UdineStadio Friuli 3 38.68597.48532.495Uruguay - SpanienVorrunde 35.713 Südkorea - UruguayVorrunde 29.039CagliariStadio Sant’Elia 3 40.117105.46435.155England - NiederlandeVorrunde 35.267England - ÄgyptenVorrunde 34.959PalermoStadio La Favorita 3 36.98299.86433.2883 Vorrundenspiele: 33.288 * zum Zeitpunkt der Weltmeisterschaft 1990

Qualifikation

112 Nationen meldeten ihre Teilnahme an der Qualifikation zur WM 1990. Italien als Gastgeber und Argentinien als Titelverteidiger waren bereits automatisch qualifiziert, wodurch 110 Nationen um die 22 freien Plätze spielten. Neulinge bei dieser Weltmeisterschaft waren die Mannschaften aus Irland, Costa Rica und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Erwähnenswert ist außerdem das Fehlen des Gastgebers von 1986, Mexiko. Dem mexikanischen Fußballverband wurde nachgewiesen, die Geburtsdaten von einigen Spielern für die Qualifikation zur U20-WM 1989 manipuliert zu haben. Deshalb wurde das Land von der FIFA von 1988 bis 1990 für alle internationalen Spiele gesperrt. 14 aus Europa 4 aus Südamerika 2 aus Nord-, Mittelamerika und der Karibik 2 aus Afrika 2 aus Asien mini|links|hochkant=2|Weltkarte der Teilnehmer mit deren Platzierungen

Auslosung Die Auslosung fand am 9. Dezember 1989 in Rom statt.

Die gesetzten Gruppenköpfe:   Italien (A) • Argentinien (B) • Brasilien (C) • BR Deutschland (D) • Belgien (E) • England (F) Topf 1: Ägypten • Kamerun • Südkorea • V.A. Emirate • Costa Rica • USA Topf 2: Kolumbien • Uruguay • Irland • Rumänien • Schweden • Tschechoslowakei Topf 3: Jugoslawien • Niederlande • Österreich • Schottland • Spanien • Sowjetunion

Zuerst wurden in allen sechs Gruppen die Gruppenköpfe an erster Position gesetzt.Die Mannschaften aus den Töpfen 1 und 3 wurden zu allen Gruppenköpfen frei zugelost.Aus Topf 2 wurden Kolumbien und Uruguay gezielt europäischen Gruppenköpfen zugelost. Somit kam Kolumbien in die deutsche Gruppe. Gruppe AGruppe BGruppe CGruppe DGruppe EGruppe F Für Infos zu den einzelnen WM-Gruppen und Kadern der Mannschaften auf den jeweiligen Link klicken.

Eröffnung Bei der Zeremonie am 1. Juni weihte Papst Johannes Paul II. das neue Olympiastadion ein; in Anwesenheit von FIFA-Präsident João Havelange nahm Ministerpräsident Giulio Andreotti die Eröffnung vor.„Papst weihte das Olympiastadion ein“ in «Tiroler Tageszeitung» Nr. 127 vom 2./3./4. Juni 1990, Seite 43; POS.: Kasten oben rechts

Modus Der Spielmodus der WM-Endrunde war der gleiche wie der der vorherigen WM: Die 24 qualifizierten Mannschaften wurden in sechs Gruppen mit je vier Mannschaften eingeteilt. 16 Mannschaften qualifizierten sich für die K.-o.-Runde: Die sechs Gewinner der Gruppen, die sechs Zweitplatzierten und die vier besten Drittplatzierten erreichten das Achtelfinale. Ab dem Achtelfinale wurde das Turnier im K.-o.-System ausgetragen. Nur acht Mannschaften schieden nach der Vorrunde aus.

Vorrunde Die Weltmeisterschaft begann mit einer Überraschung. Der Favorit Argentinien verlor sein Auftaktspiel gegen Kamerun mit 0:1. Kamerun erreichte mit attraktivem Fußball als erste afrikanische Nation ein WM-Viertelfinale. Dort scheiterten sie erst in der Verlängerung mit 2:3 an England. Kameruns Stürmer Roger Milla, damals bereits 38 Jahre alt, wurde berühmt.

Gruppe A

Die große Entdeckung der Vorrunde war der fast unbekannte sizilianische Stürmer Salvatore Schillaci, der gegen Österreich wenige Minuten nach seiner Einwechslung den Siegtreffer erzielte und auch gegen die ČSFR traf. Österreich und die USA schafften es nicht, gegen die in dieser Gruppe dominierenden Italiener zu gewinnen, während sich die ČSFR gegen Italien im letzten Gruppenspiel einige Chancen herausarbeitete und ein regelgerechtes Tor nicht anerkannt wurde. Ein Tor nach gelungenem Solo des jungen italienischen Stürmers Roberto Baggio brachte in diesem Spiel die Entscheidung zugunsten der Gastgeber. Österreich kam trotz des Sieges über die USA nicht mehr unter die vier besten Gruppendritten, die US-Amerikaner, die erstmals seit 40 Jahren wieder an einer Weltmeisterschaft teilnahmen, verloren alle drei Spiele und wurden Gruppenletzter.

Gruppe B

Diese Gruppe verlief unerwartet, denn nicht die Favoriten Titelverteidiger Argentinien und Vize-Europameister UdSSR, sondern Kamerun und Rumänien belegten die ersten beiden Plätze. Kamerun besiegte Argentinien bereits im Eröffnungsspiel, so dass Argentinien nach 1982 zum zweiten Mal das Eröffnungsspiel als Titelverteidiger verlor. Argentinien schaffte den Sprung ins Achtelfinale aber ebenfalls noch, da es zu den vier besten Teams unter den Drittplatzierten (von insgesamt sechs) gehörte. Der 4:0-Sieg der Sowjetunion gegen Kamerun blieb indes für die Platzierung beider Teams bedeutungslos.

Gruppe C

Die Brasilianer schafften es mit einer für sie ungewöhnlich defensiven Spielweise, die Vorrunde schadlos zu überstehen. Die Überraschungsmannschaft Costa Rica besiegte beide favorisierten europäischen Mannschaften und erreichte das Achtelfinale. Schottland schied nach 1974, 1978, 1982 und 1986 zum fünften Mal in Folge in der Vorrunde aus. Zehn Minuten vor Schluss sorgte ein Tor des Brasilianers Müller für das vorzeitige Aus der Schotten.

Gruppe D

Die deutsche Auswahl erwischte einen grandiosen Start beim 4:1-Erfolg gegen den hoch eingeschätzten Gruppengegner Jugoslawien. Vor allem Lothar Matthäus, der später als FIFA-Weltfußballer des Jahres 1990 ausgezeichnet wurde, brillierte in dieser Partie. Außerhalb des Stadions kam es in Mailand während des Spiels Deutschland gegen Jugoslawien zu Ausschreitungen hunderter Fußballanhänger, darunter viele aus Deutschland. Gegen zwei beteiligte Deutsche wurden Gefängnisstrafen ausgesprochen, 43 Deutsche wurden des Landes verwiesen und mit einem dreijährigen Einreiseverbot belegt. Kolumbien mit seinen beiden Kultfiguren Carlos Valderrama und René Higuita erreichte durch einen späten Treffer im letzten Gruppenspiel gegen Deutschland die Achtelfinalteilnahme, die Emirate war das mit Abstand schwächste Team in dieser Gruppe.

Gruppe E

Die Partie Belgien-Uruguay gilt als eines der besten Spiele dieses Turniers. Vor allem die Belgier um ihr Mittelfeld-Ass Enzo Scifo spielten eine Klassepartie, obwohl Routinier Eric Gerets vom Platz gestellt wurde. Spanien hatte einen holprigen Start, kam aber dann besser ins Turnier und schlug auch Belgien, den damals amtierenden WM-Vierten. Im Spiel gegen Südkorea traf Michel von Real Madrid dreimal ins Netz. Der zweifache Weltmeister Uruguay erreichte durch ein Tor in der Nachspielzeit gegen Südkorea doch noch das Achtelfinale.

Gruppe F

Europameister Niederlande war die Enttäuschung der Vorrundengruppe F. Nur im letzten Gruppenspiel gegen Irland blitzte die Klasse der Mannschaft zeitweise auf, ein Torwartfehler von Hans van Breukelen bescherte den Iren aber doch noch das wichtige Unentschieden, so dass erstmals in der WM-Geschichte das Los über den 2. und 3. Gruppenplatz entscheiden musste. Außenseiter Ägypten schlug sich überraschend gut, war im entscheidenden Gruppenspiel gegen England aber doch knapp unterlegen.

Rangliste der Gruppendritten

Finalrunde

Spielplan V Sieg nach VerlängerungE Sieg im Elfmeterschießen

Achtelfinale

Kamerun und Kolumbien waren absolute Exoten im Achtelfinale, und lange war auch nicht abzusehen, welche Mannschaft hier die Oberhand behalten würde. Erst in der Verlängerung entschied der eingewechselte Roger Milla die Partie, begünstigt u. a. durch einen Fehler des kolumbianischen Torhüters René Higuita, der bei einem seiner Ausflüge den Ball an Milla verlor und so das 0:2 verschuldete. Für die costa-ricanische Nationalmannschaft, eine weitere große Überraschung, endete das Turnier gegen die ČSFR. Costa Rica konnte wie schon im Spiel gegen Schweden einen Rückstand egalisieren, wurde aber in der letzten halben Stunde von der ČSFR überrannt.

Brasilien zeigte im Achtelfinale seine beste Turnierleistung, vergab aber zu viele Chancen und musste sich so dem Erzrivalen Argentinien geschlagen geben. Eine Kombination von Maradona und Caniggia neun Minuten vor dem Ende sorgte für den knappen Sieg der Blau-Weißen.