Die Endrunde der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 (englisch FIFA World Cup) war die 18. Austragung des bedeutendsten Turniers für Fußballnationalmannschaften und fand vom 9. Juni bis zum 9. Juli 2006 und nach 1974 zum zweiten Mal in Deutschland statt. Sie wurde unter dem Motto Die Welt zu Gast bei Freunden ausgetragen.
Italien gewann das Finale durch einen Sieg im Elfmeterschießen gegen Frankreich und wurde damit zum vierten Mal nach 1934, 1938 und 1982 Fußball-Weltmeister. Den dritten Platz belegte die Mannschaft Deutschlands, die mit Miroslav Klose, der während des Turniers fünf Tore erzielte, auch den Torschützenkönig stellte.
Fußballerisch war das Turnier vor allem von Taktik und Athletik geprägt. Besonders ab dem Achtelfinale fielen relativ wenige Tore. Das vierwöchige Sommerwetter und die Begeisterung von Zuschauern und Gastgebern sorgten dennoch für ausgelassene Stimmung auf den Rängen, beim Public Viewing und im Umfeld der Weltmeisterschaft, die in Deutschland in Anlehnung an Heines Gedicht Deutschland. Ein Wintermärchen retrospektiv und Sönke Wortmanns Dokumentarfilm Deutschland. Ein Sommermärchen als ein „deutsches Sommermärchen“ bezeichnet wird.
Kandidatur Die Idee zu einer Bewerbung Deutschlands als Ausrichter der 18. Fußball-Weltmeisterschaft wurde zunächst Anfang Juli 1992 von DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt öffentlich geäußert und war Gegenstand einer Präsidiumssitzung des DFB im November 1992. Seit diesem Zeitpunkt warben insbesondere DFB-Präsident Egidius Braun und DFB-Pressesprecher Wolfgang Niersbach intensiv um Unterstützung im eigenen Land und bei befreundeten Verbänden. Ende 1996 konnte Franz Beckenbauer als WM-Botschafter gewonnen werden. Er war ab 1998 Chef des deutschen Bewerbungskomitees und überreichte als solcher auch FIFA-Präsident Sepp Blatter die offizielle Absichtserklärung des Verbandes zur Ausrichtung der WM.
Bei der endgültigen Abstimmung in Zürich um den Austragungsort setzte sich Deutschland am 6. Juli 2000 gegen Brasilien, Marokko, England und letztlich mit zwölf zu elf Stimmen auch gegen Südafrika durch. Möglicherweise ausschlaggebend war dabei ein fingiertes Bestechungsfax des Satiremagazins Titanic, das nach dessen Aussage zur entscheidenden Stimmenthaltung des neuseeländischen FIFA-Vertreters Charles Dempsey führte. Dieser war von seinem Verband dazu aufgefordert gewesen, für Südafrika zu stimmen. In diesem Fall hätte die Stimme von Präsident Blatter den Ausschlag für Südafrika gegeben. Was genau Dempsey zur Enthaltung bewogen hatte, ist umstritten. In einem der wenigen Interviews danach sprach er von „Druck durch einflussreiche europäische Interessensgruppen“, und gab weiter an: „Den Hauptausschlag für meine Entscheidung gab, dass im Kreis meiner Kollegen getuschelt wurde, ich würde Geld von der Delegation Südafrikas nehmen. Dem wollte ich mit der Enthaltung entgegentreten.“Was Dempsey zu den Vorwürfen sagte. In: 20 Minuten vom 16. Juli 2012. + Ergebnisse der Abstimmung Land Runde 1 Runde 2 Runde 3 10 11 12 6 11 11 5 2 – 3 – –
Das Motto der Bewerbung 1997 lautete „Wir sehen uns im Herzen Europas“. Das Motto für die Endrunde wurde am 19. November 2002 bekannt gegeben: „Die Welt zu Gast bei Freunden“. Es sollte die Verbundenheit der Deutschen mit dem Sport und ihre Gastfreundschaft ausdrücken. Als Logo wurden die Celebrating Faces of Football gewählt.
Schmiergeldzahlungen Einem Bericht des Magazins Der Spiegel 2015 zufolge war die Fußball-WM 2006 „mutmaßlich gekauft“. Nach einem weiteren Bericht gibt es ein Geheimpapier vom 23. November 2004 mit einem handschriftlichen Vermerk des damaligen DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach, wonach der französisch-schweizerische Unternehmer Robert Louis-Dreyfus († 2009), damaliger Adidas-Vorstandschef, dem deutschen Bewerbungskomitee vor der WM-Vergabe als Privatmann 10,3 Mio. Schweizer Franken (ca. 13 Mio. D-Mark) geliehen haben soll. Mit dem Geld soll die FIFA-Entscheidung gekauft worden sein, die Fußball-WM 2006 in Deutschland abzuhalten. Diese Summe, laut Spiegel mutmaßlich zum Stimmenkauf im Frühjahr 2000 geliehen, taucht nicht im offiziellen 20-Millionen-DM-Haushalt auf. Als Dreyfus das Geld – nun 6,7 Mio. Euro – später zurückforderte, soll es 2005 über ein diskretes FIFA-Konto, eingerichtet bei einem Schweizer Geldhaus (nicht identisch mit der FIFA-Hausbank) zurücküberwiesen worden sein. Den Schuldschein, den Louis-Dreyfus erhielt, soll Franz Beckenbauer unterschrieben haben, der auch einen Vertrag mit Adidas hatte. Laut Spiegel-Recherchen soll ebenfalls Medienunternehmer Leo Kirch († 2011) in die Affäre verwickelt gewesen sein.Jürgen Dahlkamp, Gunther Latsch, Udo Ludwig, Jörg Schmitt, Jens Weinreich: Sommer, Sonne, Schwarzgeld. In: Der Spiegel, 17. Oktober 2015, Nr. 43, S. 10 ff. Auch die von Günter Netzer geführte Vermarktungsfirma CWL soll an dubiosen Zahlungen an Mitglieder des FIFA-Exekutivkomitees beteiligt gewesen sein. Zahlungen von Kirch und CWL gingen an Funktionäre und Landesverbände in Malta, Trinidad/Tobago, den USA, Saudi-Arabien, Südkorea und Thailand.Jürgen Dahlkamp, Gunther Latsch: Goldene Nase. Sommermärchen. Bislang unbekannte Dokumente untermauern den Verdacht, dass die WM 2006 gekauft war. In: Der Spiegel, 12. Dezember 2020, Nr. 51, S. 94 ff.
In einer Sitzung im Juli 2013 am Frankfurter Flughafen mit Theo Zwanziger, Wolfgang Niersbach, Horst R. Schmidt, Franz Beckenbauer und dessen Berater Fedor Radmann soll das Thema im Zusammenhang mit dem Konkurs der Schweizer Sportrechte-Agentur ISL zur Sprache gekommen sein. Zwanziger habe für die Einsetzung einer DFB-eigenen Aufklärungskommission geworben, was aber nie umgesetzt wurde.
Niersbach und Radmann dementierten nach Veröffentlichung des Spiegel-Berichts Schmiergeldzahlungen oder die Existenz schwarzer Kassen. Der ehemalige FIFA-Mediendirektor Guido Tognoni bzw. die Bundestags-Sportausschussvorsitzende Dagmar Freitag (SPD) sprachen von einer möglichen Kampagne bzw. einem möglichen Komplott gegen Niersbach.WM 2006: Niersbach und Radmann-Dementi – keine Schmiergeldzahlungen, keine schwarze Kassen bei eurosport.de, 17. September 2015 (abgerufen am 19. September 2015). Niersbach kündigte außerdem rechtliche Schritte gegen den Spiegel an; nach seinem Rücktritt gab Interims-DFB-Präsident Rainer Koch jedoch bekannt, dass man darauf verzichten werde. Nach Niersbach-Rücktritt: DFB verzichtet auf Klage gegen den SPIEGEL bei Spiegel Online, 9. November 2015 (abgerufen am 9. November 2015).
Am 22. Oktober 2015 gab Niersbach eine Pressekonferenz, in der er seine Version der Geschehnisse darstellte. Demnach habe 2002 ein Gespräch zwischen Franz Beckenbauer und dem inzwischen gesperrten FIFA-Präsidenten Sepp Blatter stattgefunden, um zu erreichen, dass Deutschland einen Zuschuss für die WM-Ausrichtung bekommen könnte. Blatter habe dafür 250 Mio. Schweizer Franken (170 Mio. Euro) in Aussicht gestellt, die Klärung darüber aber der FIFA-Finanzkommission überlassen. Diese habe den Zuschuss nur unter der Auflage bewilligt, dass ihr im Gegenzug zehn Mio. Schweizer Franken überwiesen werde. Da das deutsche WM-Organisationskomitee noch über keine eigenen Mittel verfügt habe, habe Beckenbauer das Geld zunächst aus seinem Privatvermögen vorstrecken wollen. Sein Berater Radmann habe ihm aber angeblich davon abgeraten; deshalb wurde das Geld bei Louis-Dreyfus geliehen. Niersbach konnte auf der Pressekonferenz nur wenige Fragen beantworten und verwies auf Erinnerungslücken.Zauels, Frederic: PK zur WM-Vergabe: Sein Name ist Niersbach, er wusste von nichts bei Spiegel Online, 22. Oktober 2015 (abgerufen am 24. Oktober 2015). Die FIFA und Blatter widersprachen Niersbachs DarstellungWM-Vergabe 2006: Fifa widerspricht Niersbachs Version der Millionenzahlung bei Spiegel Online, 22. Oktober 2015 (abgerufen am 24. Oktober 2015). ebenso wie Theo Zwanziger, der seinen Amtsnachfolger der Lüge bezichtigte.Theo Zwanziger zur WM-Bewerbung 2006: "Es ist eindeutig, dass es eine schwarze Kasse gab" bei Spiegel Online, 23. Oktober 2015 (abgerufen am 24. Oktober 2015). Nachdem die Steuerfahndung sowohl die DFB-Zentrale in Frankfurt am Main als auch Niersbachs Privatwohnsitz in Dreieich durchsucht hatte und die Staatsanwaltschaft gegen Zwanziger und den früheren DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt wegen Steuerhinterziehung in einem besonders schweren Fall ermittelt, gab Niersbach am 9. November 2015 seinen sofortigen Rücktritt vom Amt des DFB-Präsidenten bekannt.Affäre um die WM 2006: DFB-Präsident Niersbach tritt zurück bei Spiegel Online, 9. November 2015 (abgerufen am 9. November 2015). Er ziehe damit die „politische Konsequenz“ aus der Affäre um die WM 2006, auch wenn er selbst sich in den ihm „zugeteilten Bereichen Marketing, Medien, Akkreditierungen und Veranstaltungsorganisation“ nichts vorzuwerfen habe.
Der 380-seitige Bericht einer von der DFB-Führung veranlassten Prüfung der WM-Vergabe durch die Rechtsanwaltskanzlei Freshfields kam 2016 zu dem Ergebnis, dass die WM nicht „gekauft“ worden sei. Das Magazin Der Spiegel kritisierte die Untersuchung, die rund neun Millionen Euro gekostet haben soll, als „Gefälligkeitsgutachten“. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt kritisierte die Kooperationsbereitschaft des Verbandes als „stark eingeschränkt“, ähnlich die der Kanzlei.
Ein 2017 aufgetauchter Vertragsentwurf aus dem Imperium des Medienmoguls Leo Kirch lege dagegen das Gegenteil nahe, so Der Spiegel. Der Vertrag regelte demnach vier geplante Freundschaftsspiele des FC Bayern München in Ländern, aus denen FIFA-Entscheider kamen. Für diese Spiele habe Kirch die Übertragungsrechte zu „absurd hohen Preisen“ eingekauft. Daneben habe KirchMedia einen mit einer Million Dollar dotierten Beratervertrag mit dem Libanesen Elias Zaccour abgeschlossen, obwohl dieser keinerlei Erfahrung mit Medien gehabt habe, gleichwohl als bestens mit dem FIFA-Exekutivkomitee vernetzt galt. Zwei Wochen später wurde die Vertragssumme auf zwei Millionen Dollar erhöht, eine Million Dollar sei bereits auf ein Luxemburger Konto gezahlt worden, die zweite sollte frühestens am Tag nach der WM-Entscheidung fließen.
Der Spiegel berichtete im März 2017 von 6,7 Millionen Euro, die zwei Jahre nach der WM-Entscheidung vom DFB an den Wahlmann bin Hammam aus Katar gezahlt worden seien. Im Mai 2018 erhob die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main Anklage gegen Zwanziger, Niersbach und Schmidt wegen Steuerhinterziehung. Sie wirft ihnen vor, dass der DFB mit der Zahlung 2005 ein Privatdarlehen von Dreyfus an Beckenbauer ausgeglichen und sie später unrechtmäßig als Betriebsausgabe geltend gemacht habe.Zwanziger und Niersbach wegen Steuerhinterziehung angeklagt. Spiegel Online, 23. Mai 2018, abgerufen am selben Tage.
Im August 2019 erhob die Schweizerische Bundesanwaltschaft in der Affäre um die Fußball-WM 2006 Anklage gegen die früheren DFB-Funktionäre Theo Zwanziger, Wolfgang Niersbach und Horst R. Schmidt. Zwanziger und Schmidt sowie dem früheren Fifa-Generalsekretär Urs Linsi wurde Betrug in Mittäterschaft vorgeworfen, Niersbach die Gehilfenschaft zu Betrug angelastet. Das Verfahren hätte vor dem Bundesstrafgericht in Bellinzona stattfinden sollen. Als Beginn des Prozesses war der 9. März 2020 terminiert, wurde aber gleichentags durch den Spruchkörper um Präsidentin Sylvia Frei vertagt, da alle DFB-Funktionäre unentschuldigt abwesend waren: Zwei hätten zwar ein ärztliches Attest vorweisen können, allerdings machte niemand eine Reiseunfähigkeit geltend. Die drei Deutschen wurden aufgefordert, am 11. März in Bellinzona zu erscheinen. Am 20. April 2020 stellte das Bundesstrafgericht das Verfahren bis zum Eintritt der Verjährung am 27. April ein. Zu einem Urteil kam es nicht mehr.
Infolgedessen wurde im Oktober 2022 das deutsche Strafverfahren ebenfalls eingestellt.
Am 25. Juni 2025 wurden gegen den DFB Geldbußen von insgesamt 130.000 € verhängt; wegen des überlangen Verfahrens gelten 20.000 € als getilgt.
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