Die strategische Kernroutine ist ein fünfphasiger Interventionskreislauf für mehr individuelle Förderung an Schulen. Sie umfasst unter anderem digitale Lernstandserhebungen, die Entwicklung individueller Fördermaßnahmen und die Einbindung der Erziehungsberechtigten, wobei die Phasen miteinander verzahnt und auf ein gemeinsames Ziel ausgerichtet werden. Die strategische Kernroutine soll auf zentrale Herausforderungen gegenwärtiger Bildungssysteme reagieren, insbesondere Bildungsungleichheit und heterogene Lernvoraussetzungen.
Hintergrund Die strategische Kernroutine wurde von Anne Sliwka, Professorin und Inhaberin des Lehrstuhls für Schulpädagogik an der Universität Heidelberg, und Kollegen entwickelt. Der Ansatz stellt eine Adaptation internationaler Modelle datengestützter Förderung für das deutsche Bildungssystem dar. Er orientiert sich insbesondere an dem in der kanadischen Provinz Alberta implementierten Modell zur Förderung von Literacy und Numeracy, bei dem der Response-to-Intervention-Ansatz mit den Möglichkeiten der Digitalität kombiniert wird. Das in Alberta implementierte Modell soll sicherstellen, dass alle Schüler der Klassen 1–3 die Mindeststandards in Literacy (Lesen und Schreiben) und Numeracy (Rechnen) erreichen. Schüler im Risikobereich, d. h. mit Kompetenzen unterhalb der Mindeststandards, sollen früh erkannt werden und individuelle Unterstützung erhalten.
Die Implementation der strategischen Kernroutine kann einen strukturellen und kulturellen Wandel innerhalb der Schule anstoßen. Dem Gutachten der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz (SWK) zu datengestützter Schulentwicklung zufolge werden Daten im Rahmen der strategischen Kernroutine so genutzt, dass sie nicht nur der individuellen Förderung dienen, sondern auch dialogische Erziehungs- und Bildungspartnerschaften unterstützen. Die Implementierung der strategischen Kernroutine wird somit als langfristiger Schulentwicklungsprozess verstanden, der eine Neugestaltung von Strukturen erfordert (z. B. die Etablierung fester Zeitfenster für Teamarbeit) und zugleich eine kooperativere und dateninformiertere Schul- und Unterrichtspraxis fördern kann.
Phasen Die strategische Kernroutine umfasst fünf Phasen, die systematisch aufeinander abgestimmt sind. Unterschiedliche Teilbereiche des Schulalltags werden dabei verzahnt und auf ein gemeinsames Ziel ausgerichtet (z. B. alle Schüler erreichen die Mindeststandards in den Basiskompetenzen). Nach Abschluss von Phase 5 (Überprüfung der Lernentwicklung) schließt sich erneut Phase 1 (Lernausgangserhebung) an, sodass ein Kreislauf entsteht.
Phase 1: Erhebung der Lernausgangslagen In einem festen Zeitraum, z. B. zu Beginn jedes Schuljahres, werden die Lernausgangslagen aller Schüler systematisch erfasst. Im Sinne von Data Richness können Lehrkräfte unterschiedliche Datenquellen einbeziehen, etwa Ergebnisse aus Klassenarbeiten oder Unterrichtsbeobachtungen, um ein möglichst umfassendes Bild der individuellen Lernstände zu erhalten. Im Verlauf eines Schuljahres kann diese Phase bedarfsgerecht wiederholt werden, um eine Passung von Förderbedarf und -angebot zu sichern.
Phase 2: Analyse der Daten im Team Im Team (z. B. Fachteam, Jahrgangsstufenteam) analysieren Lehrkräfte die Daten. Dabei erkennen sie Stärken, Schwächen, bereits erreichte Lernziele und Unterstützungsbedarfe der Schüler. Darauf basierend treffen Lehrkräfte in dieser Phase gemeinsam erste Entscheidungen über Fördermaßnahmen. Bei Bedarf können weitere Personen aus dem multiprofessionellen Team unterstützend einbezogen werden, z. B. Schulsozialarbeit oder Schulpsychologie.
Phase 3: Einbeziehung der Erziehungsberechtigten Die Lernausgangslagen und Entscheidungen über Fördermaßnahmen besprechen Lehrkräfte mit den Erziehungsberechtigten. In dieser Phase können ein strukturiertes Gesprächsprotokoll und eine Grafik, die den jeweiligen individuellen Lernstand veranschaulicht, unterstützend zum Einsatz kommen. Ziel des Gesprächs ist nicht nur, die Erziehungsberechtigten zu informieren, sondern die Zusammenarbeit zwischen Schule und Elternhaus zu fördern. Das Gespräch endet daher mit einer schriftlichen Zielvereinbarung, in der festgehalten wird, wie Schule und Erziehungsberechtigte gemeinsam zur Förderung des Kindes beitragen.
Phase 4: Fördermaßnahmen planen Nun werden Fördermaßnahmen konkret geplant, z. B. Inhalte, Zeiträume und Zuständigkeiten. Dabei können zwei international bewährte Organisationsmodelle zum Einsatz kommen: Das Lernband und das Prinzip der flexiblen Gruppenbildung. Wird ein Fach im Lernband unterrichtet, so findet der Fachunterricht aller Klassen einer Klassenstufe zeitgleich statt. Dies ermöglicht flexible Gruppenbildung, d. h. die Bildung vorübergehender klassenübergreifender Lerngruppen nach Förderbedarfen oder Interessen. Empirische Befunde belegen, dass flexible Gruppenbildung den individuellen Lernzuwachs fördert und das soziale Miteinander stärkt. Für Lehrkräfte bietet sie den Vorteil, dass Präventionsmaßnahmen leichter realisiert und Schüler in verschiedenen sozialen Gruppen erlebt werden können.
Phase 5: Lernentwicklung in den Vordergrund stellen Im Rahmen der strategischen Kernroutine, insbesondere bei der Durchführung der Fördermaßnahmen, wird eine Kombination aus kriterialer Bezugsnorm und formativer Rückmeldung verwendet. Um Schüler nach der kriterialen Bezugsnorm zu bewerten, vergleicht man den individuellen Lernstand mit dem vorher festgelegten Lernziel. Formative Rückmeldungen beantworten die Fragen: Wo stehe ich gerade? Was kann ich schon gut? Was muss ich noch üben? Schüler können daraufhin in ihren eigenen Lernprozess eingreifen und gezielt nachsteuern. Dies soll Schüler ermutigen, Verantwortung ihren Lernprozess zu übernehmen. Durch formative Rückmeldungen erleben sie sich als selbstwirksam, sodass negative Selbstkonzepte abgebaut werden und Motivation gesteigert wird.
Einzelnachweise
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