mini|Georg Heinrich Paritius (1708) Georg Heinrich Paritius (auch: Paricius) (* 12. Juli 1675 in Regensburg; † 9. April 1725 in Regensburg) war ein deutscher Schreib- und Rechenmeister, Schullehrer und kaiserlicher Notar (Notarius Publicus Caesareus) am Stadtgericht Regensburg. Er veröffentlichte mathematische (Rechenbücher), kaufmännische (Tabellen zu Währungs-, Gewichts- und Maßeinheiten), kalligrafische und lokalhistorische Werke.Dieser Artikel basiert hauptsächlich auf den unter „Literatur“ aufgeführten Abschnitten von Feistner/Holl: Erzählen und Rechnen. 2016; diesbezüglich sind hier keine Einzelnachweise angegeben.

Leben und Werk Die herausragende Quelle für historische Daten über Paritius‘ Familie ist die von ihm selbst beim Regensburger Genealogen Johann Seifert in Auftrag gegebene Stammtafel derer Paritiorum oder Kirchen-Väter. Hieraus erfährt man u. a.: Die Familie stammte aus Schlesien. Paritius‘ Vorväter waren Kirchväter im heute polnischen Schmograu (Smogorzów (Namysłów)) in der Nähe von Namslau (Namysłów). Seine Eltern waren der aus Neustadt in (Ober-)Schlesien (Prudnik) gebürtige Elisäus Paritius, Weißgerber und Soldat in der Garnison Regensburg, und dessen Ehefrau Regina geb. Dann, eine Bäckerstochter aus Regensburg.Seifert: Stammtafel Paritius. 1725/1960, S. 13, 15. Paritius wurde am 12. Juli 1675 in Regensburg geboren und evangelisch getauft. Über seinen Ausbildungsweg und Einstieg ins Berufsleben ist nichts bekannt.

Paritius schloss seine erste Ehe am 11. Juli 1699 mit Clara Catharina Gärtner, einer Schneiderstochter aus Regensburg.Seifert: Stammtafel Paritius. 1725/1960, S. 18. Von den Kindern aus dieser Ehe erreichte nur der Sohn Johann Carl (* 18. März 1705) das Erwachsenenalter.Seifert: Stammtafel Paritius. 1725/1960, S. 19.

mini|Das große Einmaleins von Paritius Paritius wurde am 7. Mai 1702 in Regensburg zum außerordentlichen Schreib- und Rechenmeister ernannt,Praxis Arithmetices, 1706, Zuschrifft. 1707 zum ordentlichen Schreib- und Rechenmeister. Im gleichen Jahr nahm ihn die 1690 gegründete barocke „Kunstrechnungsliebende Societät“, die Vorläuferorganisation der heutigen Mathematischen Gesellschaft in Hamburg, mit dem Beinamen „Der Practicirende“ auf.

Paritius entfaltete eine reiche, bibliografisch nicht leicht durchschaubare Publikationstätigkeit, die verschiedene Ausgaben und Auflagen seiner Werke umfasste, die teilweise undatiert im Selbstverlag erschienen. Sein erstes Rechenbuch war die Praxis Arithmetices von 1706. Um 1708 kamen die Kurzfassung Compendium Praxis Arithmetices, die zweite Auflage der Praxis (unter dem Titel Neugemehrte Praxis) und der Methodus Arithmeticae Practicae heraus. Um 1710 folgten die zweiten Auflagen von Compendium und Methodus.

Nachdem Paritius‘ erste Ehefrau am 22. Oktober 1713 an der Pest gestorben war, heiratete er in zweiter Ehe am 19. November 1714 die 19 Jahre jüngere Regensburger Tuchmacherstochter Eva Sophia Durant. Von den zwei oder drei Kindern aus dieser Ehe starb mindestens eines bereits im Kindesalter.Seifert: Stammtafel Paritius. 1725/1960, S. 18, 19. Seit 1717 kam es zu heftigen Ehestreitigkeiten. Die ausführlichen Akten darüber sind noch heute im Stadtarchiv Regensburg erhalten.Ecclesiastica III, 1. Zunächst wurden die beiden Eheleute für ein Jahr „von Tisch und Bett getrennt“. 1718 verklagte Paritius seine Ehefrau wegen Ehebruchs und bot dazu eine wahrscheinlich gekaufte Zeugin auf. Schließlich landete er im August 1718 in Untersuchungshaft, aus der er nach 25 Tagen mit der strengen Auflage, seinen Schülern ein untadeliges Vorbild zu sein, und unter Androhung von Strafen im Fall der Nichteinhaltung entlassen wurde. mini|Das Regensburger Rathaus (aus: Das jetzt-lebende Regensburg) Dieser Rosenkrieg hatte seinen Ruf als Schulmeister stark geschädigt. Viele Schüler waren ihm deshalb verloren gegangen. Er musste sich offenbar eine neue Erwerbsquelle suchen und begann 1720, lokalhistorische Schriften in der Gestalt von Stadtführern über Regensburg zu verfassen. Sie fanden großen Anklang und mussten bald neu aufgelegt werden. Noch heute dienen sie als wichtige Geschichtsquellen.

Paritius starb am 9. April 1725. Seine Grabinschrift hatte er selbst verfasst.Seifert: Stammtafel Paritius. 1725/1960, S. 26.

Paritius‘ Werke über das reichsstädtische und katholische Regensburg wurden von seinem Sohn Johann Carl (* 18. März 1705, † 22. Mai 1760) fortgeführt, erweitert und 1753 neu herausgegeben. Wie sein Vater war er Rechenmeister, Schullehrer und Notar. Spätestens 1727 wurde er mit dem Beinamen „Der Probirende“ in die „Kunstrechnungsliebende Societät“ aufgenommen.Festschrift der Mathematischen Gesellschaft 1890, S. 92. Er heiratete am 5. November 1725 die Regensburger Bauamtsschreiberstochter Anna Catharina geb. Gitter.Seifert: Stammtafel Paritius. 1725/1960, S. 19, 28.

Werke (Auswahl) Weitere Schriften von Paritius finden sich in Seifert: Stammtafel Paritius. 1725/1960, S. 6, 15–18, 28, im Katalog des Bibliotheksverbunds Bayern (BVB) und im Katalog der Bayerischen Staatsbibliothek (im Folgenden wie üblich als BSB abgekürzt), wo auch viele Schriften als Digitalisate verfügbar sind.

Mathematische und kaufmännische Werke Kurtz- und richtige Auflösung eines vierfach-verknüpfften Rechen-Knopffs, Das ist I. Eine Resolvirung derer im H. R. Reich und andern Oertern in Europa gangbahren Müntz-Sorten. II. Eine accurate Ausrechnung des Getreydes ... III. Eine genaue Vergleichung der Getryd-Mässereyen am Donau- und Rheinstrohm ... IV. Eine Berechnung wie schwer die Becker das Brod ... lieffern sollen. Johann Zacharias Seidel, Regensburg 1705 (Online). Mercatorischer Rechner. Johann Georg Hofmann, Regensburg ca. 1707 (BSB, Merc. 175); nach 1709 (BSB, Merc. 176). Praxis Arithmetices. 1. Aufl. Johann Zacharias Seidel, Regensburg 1706 (BSB, Math. p. 408).Dieses Werk enthält auf S. 15–38 eine – sonst in Rechenbüchern seltene – vergleichende Darstellung der deutschen, englischen und französischen Bezeichnungen für große Zahlen. Die zweite Auflage erschien unter dem Titel Neugemehrte Praxis Arithmetices. Selbstverlag, Regensburg 1708 (BSB, Math. p. 409). Compendium Praxis Arithmetices. 1. Aufl. Selbstverlag, Regensburg ca. 1708 (Staatliche Bibliothek Regensburg, Philos. 2625), 2. Aufl. ca. 1710 (BSB, Math. p. 404). Methodus Arithmeticae Practicae. 1. Aufl. Selbstverlag, Regensburg ca. 1708 (BSB, Math. p. 407), 2. Aufl. Johann Georg Hofmann, Regensburg ca. 1710 (BSB, Math. p. 406). Cambio Mercatorio, oder Neu erfundene Reductiones Derer vornehmsten Europaeischen Müntzen. Regensburg ca. 1709 (BSB, Merc. 173) Online; 3. Auflage 1717 (BSB, Merc.174). Auffrichtiger Bericht, wie man sich so wohl der von ihm in 1000 Theile getheilten Regenspurger Elln, nützlich bedienen, als auch die dabey auf dem völligen Pariser Stab aufgetragenen und hernach verzeichneten anderwärtigen Elln, hiernach vergleichen und berechnen solle. In: Der hamburgischen Kunst-Rechnungs-lieb- und uebenden Societaet Kunst-Fruechte aus der Arithmetica. Hamburg 1723, S. 21–28.

Kalligrafische Werke Gründliche Anleitung zur Schreib-Übung. Bodenehr, Dresden (Online). Regensburgische Schreibschule. Regensburg 1712. Neu hrsg. v. Hans Maierhofer. Regensburg 2013. mit Johann Christoph Weigel: Zier- und künstlich ineinander geschwungene Initial-Buchstaben Aller Nahmen des Kayserlichen Hauses, aller jezo regirenden Könige, verschiedener so hohen Standes als Privat-Personen: Sam[m]t einem gantzen Alphabeth aller zween Buchstäbigen Nahmen, nebst unterschiedlichen Handels-Zeichen, schönen Einfassungen u. Liebes-Zügen; Zu nuzlichen Gebrauch allerhand Künstler, insonderheit Mahler, Kupferstecher, Goldschmiede, Gold- und Silber-Stücker, Uhrmacher, und Petschier-Stecher etc. / gezeichnet von G. H. Paritio d. P. Joh. Christoph Weigel excudit. Nürnberg 1711 (Online). Gründliche Anweisung zur Schreib-Kunst. Weigel, Nürnberg 1709 (Online).

Lokalhistorische Werke Das jetzt-lebende Regensburg, oder Kurtz-gefaste Nachricht vom Gegenwärtigen Zustand der des H[eiligen] Röm[ischen] Reichs freyen Stadt Regensburg. Regensburg 1722 (BSB, Germ. sp. 346). Spätere Auflagen in den Folgejahren unter dem Titel Das jetzt Anno 1723 [bzw. 1724, 1725] lebende Regensburg. Kurtz gefaste Nachricht von allen in denen Ring-Mauren der Stadt Regensburg gelegenen Reichs-Stifftern, Haubt-Kirchen und Clöstern Catholischer Religion. Regensburg 1723 (BSB, Bavar. 2045). Zweite Auflage unter dem Titel Kurtz gefaste Historische Nachricht. Krütinger, Regensburg 1725 (BSB, Bavar. 2046).

Von Paritius‘ Sohn Johann Carl fortgeführte, erweiterte und herausgegebene lokalhistorische Werke Bearbeiter und Herausgeber Johann Carl Paritius:GND: 100240097; LCCN: no2016048384; VIAF: 74193609.

Allerneueste und bewaehrte Nachricht von der des Heil. Roem. Reichs Freyen Stadt Regensburg. Seiffart, Regensburg 1753 (Online). Allerneueste und bewährte historische Nachricht von allen in denen Ring-Mauren der Stadt Regensburg gelegenen Reichs-Stifftern, Haupt-Kirchen und Clöstern catholischer Religion. Seiffart, Regensburg 1753 (Online).

Literatur Edith Feistner, Alfred Holl (Hg.): Erzählen und Rechnen in der frühen Neuzeit. Interdisziplinäre Blicke auf Regensburger Rechenbücher (= Regensburger Studien zur Literatur und Kultur des Mittelalters, Bd. 1). Lit-Verlag, Berlin/Münster 2016, ISBN 978-3-643-13172-0, insbesondere Feistner, S. 136–143, Holl, S. 218–226, und Johann Gruber, S. 295–318. Iris Idelson-Shein: Between the Bridge and the Barricade: Jewish Translation in Early Modern Europe. University of Pennsylvania Press, Philadelphia 2024 (Online), insbesondere S. 116–117 und 201. Johann Seifert: Stammtafel Paritius. Neuauflage der Stammtafel derer Paritiorum oder Kirchen-Väter. Regensburg . Hrsg. von Gerhard Korb (= Die Fundgrube 10). Regensburg 1960. Festschrift der Mathematischen Gesellschaft in Hamburg zu ihrem 250jährigen Bestehen 1940 (= Mitteilungen der Mathematischen Gesellschaft in Hamburg 8). Hamburg 1941. Teil 3 Festschrift mit den Festvorträgen enthält u. a. Hans Schimank: Die Kunst-Rechnungs-liebende Societät als Gründung deutscher Schreib- und Rechenmeister (S. 22–55). Festschrift, hrsg. von der Mathematischen Gesellschaft in Hamburg anlässlich ihres 200jährigen Jubelfestes 1890 (= Mitteilungen der Mathematischen Gesellschaft in Hamburg 2). Leipzig 1890. Teil 1 Geschichte der Gesellschaft von 1690 bis 1890 enthält u. a. Johann Friedrich Bubendey: Geschichte der Mathematischen Gesellschaft in Hamburg 1690 bis 1890 (S. 8–78) und das Verzeichnis aller Mitglieder (S. 84–95).

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