Eine indirekte Übersetzung ist eine Übersetzung, die keinen direkten einzelnen Ausgangtext zur Vorlage hat. Indirektes Übersetzen bezeichnet wiederum einen Übersetzungsprozess, der neben Ausgangs- und Zieltext zusätzliche Quellen einbezieht, Brückenübersetzungen („Intermediärübersetzungen“) verwendet oder anderweitig von der Vorstellung eines geradlinigen Übersetzungsprozesses abweicht.
Definitionen In einer engen Definition bezeichnet indirektes Übersetzen (auch Übersetzen aus zweiter Hand) das Übersetzen eines Textes nicht direkt vom Ausgangstext aus, sondern über eine oder mehrere Zwischen- bzw. Intermediärversionen. In einer weiten Definition kann indirektes Übersetzen verschiedene Arten von Übersetzen und Dolmetschen beinhalten oder sich mit anderen Übersetzungsarten überschneiden, darunter:
Rückübersetzungen, die einen übersetzten Text zurück in die Ausgangssprache übertragen. Das Vorgehen kann dazu dienen, die Genauigkeit einer Übersetzung zu überprüfen (Beispiele: Verträge, Beipackzettel, klinische Studien). Mitunter wurde auch versucht, nur teilweise überlieferte historische Texte durch Rückübersetzung zu rekonstruieren (Beispiel: der germanistische Mediävist Karl Bartsch versuchte, Albrechts von Halberstadt nur in Teilen überlieferte mittelhochdeutsche Version von Ovids Metamorphosen auf der Grundlage von Jörg Wickrams frühneuhochdeutscher Übersetzung zu rekonstruieren), oder einen vorhandenen Ausgangstext zu verbessern. Unterstützte Übersetzungen, die auf Übersetzungen in anderen Sprachen zurückgreifen. Dabei wird oft nur für kleinere Passagen, die für die Übersetzenden schwierig sind, auf anderssprachige Lösungen zurückgegriffen, um zu vergleichen und Alternativen zu sichten. Die Praxis ist wenig dokumentiert und geschieht meist verborgen. Ein historisches Beispiel ist die Coverdale-Bibel (1535), bei deren Übersetzung Miles Coverdale die deutschsprachigen Bibeln von Martin Luther und Huldrych Zwingli zu Hilfe nahm. kompilatives Übersetzen, bei dem man auf mehrere Ausgangstexte zurückgreift und diese zu einem einzelnen Text zusammeführt (Beispiel: Giovanni Boccacios Decamerone). Sprache-zu-Text-Dolmetschen, auch relay interpreting, bei dem Sprache simultan gedolmetscht und die verdolmetschte Version in Schrift (Untertitel) umgewandelt wird, wie es beim live subtitling erfolgt. Die Praxis wird etwa für hörgeschädigte Teilnehmende auf multilingualen Konferenzen angewandt.
Indirektes Übersetzen im engeren Sinn findet zwischen Ausgangstext, Brückentext und Zieltext statt, wobei dieser Dreischritt eine Idealversion abbildet. In der Praxis ist die Anzahl der Vorlagen für eine Übersetzung offen.
Akteure Die Akteure einer Übersetzung können sowohl bewusst als auch unbewusst am indirekten Übersetzungsprozess teilnehmen: Intermediärversionen werden etwa bei literarischen Übersetzungen selten bewusst als solche angefertigt, Übersetzende in der Untertitelerstellung sind sich ihrer Rolle dagegen bewusst. Auch die Übersetzung in die Zielsprache kann ohne Bewusstsein darüber erfolgen, dass die Vorlage eine Brückenübersetzung ist. Jede Übersetzung kann wiederum selbst Vorlage für weitere indirekte Übersetzungen werden.
Gründe und Akzeptanz Indirekte Übersetzungen können aus unterschiedlichen Gründen erfolgen. Möglich ist, dass die Ausgangstexte nicht zugänglich oder (bei älteren Texten) nicht überliefert sind, dass das Prestige einer Übersetzung sie als Vorlage für weitere Übersetzungen qualifiziert oder dass Sprachkenntnisse fehlen. Im 16. Jahrhundert wurden etwa altgriechische Texte in der Regel über lateinische Zwischenversionen ins Deutsche übersetzt, weil deutsche Übersetzende Altgriechisch nicht oder nur schlecht beherrschten. In der Moderne spielen eher zeit- und geldökonomische Gründe eine Rolle.
Indirekte Übersetzungen werden oft als unzulänglich kritisiert. Dem Translationswissenschaftler Gideon Toury zufolge ist für die Frage, ob und wie eine indirekte Übersetzung in der Zielkultur akzeptiert wird, neben Sprachkompetenzen vor allem die Position der Übersetzung in dem kulturellen und literarischen System, aus dem sie entnommen wird, ausschlaggebend. Toury erläutert seine Theorie am Beispiel hebräischer Übersetzungen während der Haskala (der „jüdischen Aufklärung“): Für die zahlreichen indirekten Übersetzungen ins Hebräische, die im 19. Jahrhundert angefertigt werden, stellt er fest, dass die Kriterien dafür, ob und wie indirekt übersetzt wird, sich nicht von den Kriterien zur Übersetzung eines originalen Textes unterscheiden. Deshalb werden viele Übersetzungen, die im deutschen Literatursystem bereits etabliert und anerkannt sind, von dort ins Hebräische übertragen. Die Intermediärübersetzung werde demnach gleichwertig mit einem Originaltext behandelt.
Beispiele Die Bibel
alternativtext=Die Tyndale-Bibel im Druck des Mainzer Verlegers Peter Schöffer, (1526). Erste Seite des Johannes-Evangeliums.|mini|Die Tyndale-Bibel im Druck des Mainzer Verlegers Peter Schöffer, 1526. Erste Seite des Johannes-Evangeliums. Die Geschichte der Bibelübersetzung ist geprägt von indirektem Übersetzen. Die deutschsprachigen Bibelübersetzungen vor Martin Luther (Österreichischer Bibelübersetzer, Mentelin-Bibel u. a.) hatten die lateinische Vulgata zur Vorlage, die ihrerseits eine Kompilation ist: Sie basiert zum Großteil auf der lateinischen Bibel, die der Kirchenvater Hieronymus aus dem Altgriechischen übersetzte, unter Zuhilfenahme hebräischer Texte. Luther nutzte für seine deutschsprachige Bibel wiederum verschiedene Verfahren unterstützten und kompilativen Übersetzens und übersetzte aus mehreren Quellen. Die erste englischsprachige Bibelübersetzung von William Tyndale (Tyndale-Bibel, 1525) basierte ebenfalls auf der lateinischen Vulgata. Zusätzlich nutzte er altgriechische und hebräische Texte sowie die Lutherbibel, übersetzte also indirekt und unterstützend. Die Übersetzungsprozesse, Abhängigkeiten und Diskurse sind in historischen wie modernen Bibelübersetzungen so komplex, dass es kaum möglich ist, den Übersetzungsweg einer einzelnen Version mit allen Einflüssen vollständig nachzuzeichnen.
Frühneuzeitliche Homerübersetzung In der Frühen Neuzeit war indirektes Übersetzen eine gängige und weit verbreitete Praxis. Gefördert wurde sie durch den Buchdruck, der die weite Verbreitung von Texten möglich machte, und die stärkere Verwendung der Volkssprachen zusammen mit dem Rückgang des Lateinischen. So basierten, wie bei den meisten altgriechischen Texten, auch die ersten deutschsprachigen Übersetzungen von Homers Ilias und Odyssee aus dem 16. Jahrhundert auf lateinischen Intermediärversionen: Für Simon Schaidenreissers deutschsprachige Odyssee (1537/38) war die lateinische Version von Raphael Volaterranus die (Haupt-)Vorlage, der deutsche Ilias-Übersetzer Johannes Spreng (1610) arbeitete vor allem mit der lateinischen Ilias von Lorenzo Valla. Die lateinischen Texte dienten den deutschen Übersetzern als Vorlage, wurden aber auf den Titelblättern der Drucke weitgehend verschwiegen. Die Übersetzer konnten so direkt von der Bekanntheit und dem Ansehen des ursprünglichen Autors Homer profitieren.
Übersetzungen aus ‚kleineren Sprachen‘ Texte werden indirekt übersetzt, wenn den Auftraggebern (Verlagen o. ä.) keine Übersetzenden mit der entsprechenden Sprachenkompetenz zur Verfügung stehen. Das betrifft häufig Literatur aus Sprachen mit vergleichsweise kleinen Sprechergemeinschaften. Indirektes Übersetzen ruft oft Kritik hervor und wird als Verfremdung des Ausgangstextes wahrgenommen, weshalb für die Literaturübersetzung direktes Übersetzen der bevorzugte Modus ist. Neben Copyright-Fragen steht hier vor allem das Problem in der Kritik, dass eine indirekte Übersetzung Gefahr läuft, kulturelle Besonderheiten der Ausgangstexte in der gestuften Übertragung zu verlieren oder zu verfälschen.
Ein Beispiel sind die Romane des Schriftstellers Haruki Murakami. Die deutsche Übersetzung des Romans 国境の南、太陽の西, kokkyō no minami, taiyō no nishi (Gefährliche Geliebte, 2000) ging zunächst von einer englischsprachigen Übersetzung aus; nach öffentlicher Kritik wurde der Roman als Südlich der Grenze, westlich der Sonne (2013) in direkter Übersetzung aus dem Japanischen neu herausgegeben. Die portugiesischen Übersetzungen von Murakamis Texten nehmen dagegen standardmäßig den Umweg über das Englische. Die offizielle Übersetzerin Murakamis ins Portugiesische, Maria João Lourenço, erklärte 2017 in einem Interview ihr Vorgehen: Sie liest demnach zunächst Übersetzungen in den Sprachen, die ihr zugänglich sind (Deutsch, Italienisch, Spanisch) und setzt sich anschließend mit den unterschiedlichen englischen Übersetzungen, die ihre potenziellen Vorlagen sind, intensiv auseinander und analysiert deren Übersetzungsstile. Zusätzlich recherchiert sie englische Texte, die Murakamis Werk beeinflusst haben, sowie die Perspektive des Autors auf Fragen und Probleme seiner japanischen Lebensumwelt und steht in Kontakt zu anderen Murakami-Übersetzenden sowie dem Autor selbst.
Siehe auch Zweitübersetzung
Literatur Pięta, Hanna, Rita Bueno Maia und Ester torres-Simón: Indirect Translation Explained. London 2023, Routledge. ISBN 0-367-47365-8 (engl.) Toury, Gideon: Descriptive Translation Studies - and beyond. Revised Edition. Amsterdam 2012, John Benjamins. ISBN 978-90-272-7459-5 (engl.) Wesche, Jörg: Übersetzungsformen und Praktiken: Intermediärübersetzungen. In: Regina Toepfer, Peter Burschel, Annkathrin Koppers und Jörg Wesche (Hrsg.): Handbuch Übersetzen in der Frühen Neuzeit. Berlin, Heidelberg 2025, J.B. Metzler. ISBN 978-3-662-68654-6
Einzelnachweise
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