mini|Beginn des Buchs Genesis in der Myconius-Bibel (fol. 7r) Die Handbibel des Friedrich Myconius ist eine 1514 in Lyon gedruckte Vulgata-Bibel, die Friedrich Myconius (1490–1546) seit seiner Jugend als Franziskaner bis zu seiner Tätigkeit als lutherischer Superintendent in Gotha benutzte und mit Einträgen versah. Sie befindet sich in der Forschungsbibliothek Gotha und trägt die Signatur Mon.typ. 1514 8° 4a.

Beschreibung Druck Die lateinische Vollbibel im Oktavformat wurde 1514 in der Offizin des Jacques Mareschal in Lyon für den Buchhändler Simon Vincent gedruckt.Georg Buchwald: Die Handbibel des Friedrich Myconius, 1918, S. 217. Sie bot den Vulgata-Text in der von dem Dominikaner Alberto Castellano erarbeiteten Fassung, die von Johann Petri und Johann Froben 1509 in Basel veröffentlicht worden war.Daniel Gehrt: Die Handbibel des Franziskaners und Reformators Friedrich Myconius, Gotha 2022, S. 31. Die im frühen 16. Jahrhundert sehr attraktiven Mareschal-Bibeln zeichneten sich durch Beigaben wie Marginalglossen, Kapitelüberschriften und den von Hieronymus erstellten Index hebräischer Namen aus.Zu den Mareschal-Bibeln vgl. Das Exemplar des Myconius ist mit kolorierten Holzschnittillustrationen von Guillaume Le Roy, Initialen und Lombarden geschmückt. Mareschal lag offenbar an einem ästhetisch ansprechenden Produkt, während er an anderer Stelle sparte: Der Text ist in kleinen, kompakt gesetzten Lettern gedruckt; am Ende von Kapiteln und biblischen Büchern wurde kein Platz verschenkt. Das Ergebnis war ein günstiges Preis-Leistungs-Verhältnis. Die Mareschal-Bibeln verkauften sich überaus gut.Daniel Gehrt: Die Handbibel des Franziskaners und Reformators Friedrich Myconius, Gotha 2022, S. 31 f.

Einband Der blindgeprägte braune Kalbsledereinband stammt aus dem frühen 16. Jahrhundert. Mit dem Streicheisen legte der Buchbinder die Grundstruktur der Einbandgestaltung fest. Gehrungen teilten den Rahmen vom Mittelfeld ab. Den Rahmen füllte er ornamental mit kleinen Flora-Stempeln, bis auf ein Ave-Maria-Spruchband in der oberen Leiste des Vorderdeckels, ein Zeugnis damaliger Marienverehrung. Auch in den Mittelfeldern setzte er Flora-Stempel ein, daneben auch größere Stempel mit christlichen Motiven (Engel, Löwe, Adler, Lamm Gottes). Die beiden Schließen sind nicht mehr vorhanden, haben aber Spuren hinterlassen. Rücken und Kanten sind durch Abnutzung erheblich beschädigt. Bei einer frühen Reparatur wurde der Buchrücken deshalb teilweise ersetzt.Daniel Gehrt: Die Handbibel des Franziskaners und Reformators Friedrich Myconius, Gotha 2022, S. 32.

Die Bibel im Besitz von Myconius Georg Buchwald nahm 1918 einen Vorbesitzer der Myconius-Bibel an, ohne dies zu begründen.Georg Buchwald: Die Handbibel des Friedrich Myconius, 1918, S. 217: „Offenbar hat die Bibel vor Mykonius bereits einem Andern gehört, der an einigen Stellen Bemerkungen gemacht hat.“ Daniel Gehrt dagegen vermutet, dass die Bibel schon bald nach ihrem Druck Eigentum von Friedrich Myconius wurde. Wechselnde Tinten und die Entwicklung seiner Handschrift deuten darauf hin, dass er das Buch über einen langen Zeitraum, bis in seine letzten Lebensjahre, nutzte. Zwei Einträge datierte er selbst in die Jahre 1534 und 1536. Andere Notizen des Myconius sind dadurch datierbar, dass er sich darin auf Bücher bezieht, deren Erscheinungsjahr bekannt ist. Die Schriften von Martin Luther, Philipp Melanchthon und Johannes Bugenhagen belegen dabei die vorderen Plätze. Myconius strich in seiner Bibel Sätze an und füllte die Ränder mit meist lateinischen, gelegentlich deutschen Anmerkungen. Auch einzelne hebräische und griechische Vokabeln notierte er am Rand.Daniel Gehrt: Die Handbibel des Franziskaners und Reformators Friedrich Myconius, Gotha 2022, S. 32 f. Seine Lesespuren zeigen ein unterschiedliches Interesse an den einzelnen biblischen Büchern. Besonders intensiv studierte Myconius demnach die Bücher Deuteronomium, Hiob, das Buch der Psalmen, Kohelet, das Matthäus- und das Johannesevangelium.Ernst Koch: Friedrich Myconius: Eine Bibel im Gebrauch, Gotha 2014, S. 143. Er las die Paulusbriefe, ließ aber die Johannesoffenbarung unbeachtet. Insgesamt ist diese Schwerpunktsetzung bei einem Lutheraner des 16. Jahrhunderts nicht erstaunlich. Aber die intensive Befassung mit den biblischen Zweiflern Hiob und Kohelet war ihm nicht vorgegeben, hier zeigt sich ein individuelles Interesse.Daniel Gehrt: Die Handbibel des Franziskaners und Reformators Friedrich Myconius, Gotha 2022, S. 34 f.

Die Myconius-Bibel wurde von ihrem Eigentümer aus praktischen Gründen umgestaltet. Schon ziemlich früh (vor den Randnotizen auf den betreffenden Seiten) erhielt sie von ungeschickter Hand Blattweiser, um einzelne Bücher schnell aufschlagen zu können. Dann missfielen Myconius die Paratexte am Anfang und am Ende seiner Bibel, möglicherweise weil sie eine Hermeneutik voraussetzten, die er unter dem Einfluss Luthers ablehnte. Er trennte die betreffenden Seiten heraus und fügte an ihrer Stelle unbedruckte Blätter ein.Daniel Gehrt: Die Handbibel des Franziskaners und Reformators Friedrich Myconius, Gotha 2022, S. 33. Er nutzte sie für eigene Einträge verschiedener Art, unter anderem für Rezepte gegen Fieber, Zahn- und Rückenschmerzen. Außerdem lud er befreundete Theologen ein, sich auf den freien Seiten seiner Bibel zu verewigen, nutzte das Buch also wie ein damals beliebtes Album amicorum.Daniel Gehrt: Die Handbibel des Franziskaners und Reformators Friedrich Myconius, Gotha 2022, S. 35.

Spätere Besitzer Nach Myconius’ Tod wurde seine Bibel „zum Gegenstand einer lutherischen Memorialkultur mit einzigartiger Aura und zum Artefakt der Wittenberger Reformation.“Daniel Gehrt: Die Handbibel des Franziskaners und Reformators Friedrich Myconius, Gotha 2022, S. 35. Vermutlich Myconius’ Schwiegersohn Andreas Lindemann klebte Holzschnittporträts von Luther und Myconius auf den vorderen und hinteren Einbandspiegel. Dann kam das Buch in den Besitz von Cyriacus Lindemann, 1562 Rektor der Gothaer Lateinschule. Er dokumentierte seine humanistische Bildung, indem er sich mit einem längeren griechischen Zitat des Gregor von Nazianz in der Bibel verewigte. Die nächsten Besitzer der Myconius-Bibel sind unbekannt. Der Theologe und Bibliotheksdirektor Ernst Salomon Cyprian schenkte sie spätestens 1715 der Gothaer Hofbibliothek auf Schloss Friedenstein.Daniel Gehrt: Die Handbibel des Franziskaners und Reformators Friedrich Myconius, Gotha 2022, S. 37.

Literatur Georg Buchwald: Die Handbibel des Friedrich Myconius. In: Zeitschrift für Kirchengeschichte, Band 37 (1918), S. 217–219. (Digitalisat) Daniel Gehrt: Die Handbibel des Franziskaners und Reformators Friedrich Myconius: Ein Buch im historischen Wandel. In: Kathrin Paasch (Hrsg.): Bücher bewegen: 375 Jahre Forschungsbibliothek Gotha. Katalog zur Jubiläumsausstellung auf Schloss Friedenstein Gotha vom 10. bis 19. Juni 2022, Gotha 2022, S. 31–39. (Online) Daniel Gehrt, Kathrin Paasch: Einleitung. In: Dies. (Hrsg.): Friedrich Myconius (1490–1546). Vom Franziskaner zum Reformator (= Gothaer Forschungen zur Frühen Neuzeit, Band 15). Steiner, Stuttgart 2020, S. 14. Ernst Koch: Friedrich Myconius: Eine Bibel im Gebrauch. In: Daniel Gehrt, Sascha Salatowsky (Hrsg.): Aus erster Hand: 95 Porträts zur Reformationsgeschichte aus den Sammlungen der Forschungsbibliothek Gotha. Katalog zur Ausstellung der Universitäts- und Forschungsbibliothek Erfurt/Gotha vom 6. April bis 25. Mai 2014. Hergl, Gotha 2014, S. 143.

Weblinks GOTHA.digital: Biblia cum summarioru(m) apparatu pleno quadrupliciq(ue) repertorio insignia … (Digitalisat) Kalliope-Verbundkatalog: Biblia latina, Forschungsbibliothek Gotha; Nachlass Ernst Salomon Cyprian (1673-1745) Archäologie Online: Myconius-Bibel in Gotha wiederentdeckt

Anmerkungen

Kategorie:Forschungsbibliothek Gotha Kategorie:Christentum in Gotha Kategorie:Buchgeschichte Kategorie:Vulgata Kategorie:Bibelausgabe Kategorie:Literatur (16. Jahrhundert)