mini|Linse Kino und Kulturzentrum Weingarten Das Kulturzentrum Linse in Weingarten im Landkreis Ravensburg ist das älteste Kino Süddeutschlands.Erste Vorführung dort: am 18. März 1911 (Ostern), s. u. Ein älteres Kino aus dem süddeutschen Raum, das heute noch als Kino in Betrieb ist, ist bis jetzt nicht bekannt.Eugen Detzel, Vom Lichtspielhaus zum Autohaus. In: Oberschwäbische Nachrichten. Dezember 1986, Nr. 51 Es stammt aus der Gründerzeit der Kinos und kann auf einen nahezu ununterbrochenen Spielbetrieb zurückblicken.

Kinogeschichte in Weingarten mini|Kinematographenvorführung auf dem damaligen Hirschplatz in Weingarten 1902 Reisende Lichtspieltheater gab es im oberschwäbischen Weingarten schon seit 1901. Vor allem während des jährlichen Blutfreitags, des höchsten Festtags in Weingarten zu Ehren der Heilig Blut-Reliquie mit großer Reiterprozession, konnten jedes Jahr „Lebende Fotografien“ im Stadtgarten oder auf dem Münsterplatz (damals Hirschplatz) bestaunt werden. Von dieser neuen Sensation erzählt auch ein Roman aus den 30er Jahren: „Die größte Überraschung aber brachte der Blutfreitag des Jahres 1906. Die Menschen stauten sich zu Hunderten vor dem langen Zelt, das auf dem Platz unterhalb der Klosterkirche errichtet war.“ mini|Ankündigung im Oberschwäbischen Anzeiger vom 2. Mai 1902 Belege dafür finden sich bis 1911 regelmäßig in der örtlichen Presse, dem Oberschwäbischen Anzeiger, wo die jährlichen Kinematographen-Vorführungen angekündigt wurden.

Anfänge des heutigen Kinos mini|Eröffnung des neuen Lichtspieltheaters Ostern 1911, angekündigt im Oberschwäbischen Anzeiger vom 17. März; Stadtarchiv Weingarten Am 7. Januar 1911 wurde beim Stadtschultheißenamt der Einbau eines Kinematographensaals im ehemaligen „Frank’schen Gebäude“ beantragt. Gemeint ist das Gebäude Liebfrauenstraße 58, in dem sich heute das „Kulturzentrum Linse“ befindet. Es war benannt nach dem Zigarrenfabrikanten Heinrich Frank, dessen Firma sich im repräsentativen Vorderhaus befand. Im Hinterhaus, einem einfachen funktionalen Bau, war seine kleine Zigarrenfabrikation untergebracht. Dort, im Erdgeschoss, wurden dann Wände zwischen den Räumen entfernt, die Grundmauern abgestützt, Fenster zugemauert und eine kleine Kammer als Vorführraum abgetrennt. Das „Lichtspielhaus“ fasste somit 200 Personen. Die Ausstattung war einfach, das Publikum saß auf Brettern, die auf Fässer gelegt worden waren. Ein gewisser Erwin Geiger aus Ravensburg betrieb dort „die Vorführung kinematographischer Darstellungen in einem hierzu eingerichteten Gebäude, Lichtspielhaus genannt, gegen Erhebung von Eintrittsgeldern“.siehe auch Staatsarchiv Ludwigsburg E 179 II Bü 7735 Als Kassiererin stellte er die Tochter des Fabrikanten, Paula Frank, ein. Eröffnung des Kinobetriebs war am 18. März 1911.

Allerdings lief das Geschäft nicht gut, im Juni schon kürzte Geiger das Gehalt von Paula Frank von 3 Mark 50 auf 2 Mark 50 am Tag. Und am 31. Juli schloss das „Lichtspieltheater“ schon wieder. Am 3. August 1912 wurde im „Oberschwäbischen Anzeiger“ ein „Kinematograf“ zum Verkauf angeboten, möglicherweise handelte es sich um das Weingartener Lichtspieltheater.

Im Familienbesitz mini|Neueröffnung des Lichtspielhauses Weingarten Osten 1913; Ankündigung Oberschwäbischer Anzeiger, 22. März 1913 1913 kaufte Remigius Scheuch, Großvater des heutigen Besitzers der Liegenschaft in der Liebfrauenstraße, das aufgegebene „Lichtspieltheater“. Er kam aus dem benachbarten Baindt und war von Beruf Müller. Er und seine Frau Anna hatten zusammen 11 Kinder. Scheuch arbeitete in Weingarten in der dortigen Maschinenfabrik und später als Ableser im Elektrizitätswerk. Er renovierte und eröffnete das „neurenovierte Lichtspielhaus“ an Ostern 1913, damals der 23. März.

Scheuchs Kino war ein Familienbetrieb. Vorführer waren die Söhne, die tagsüber, wie der Vater, anderen Berufen nachgingen. Frau Scheuch erledigte Filmdisposition und Schriftverkehr neben ihrem großen Haushalt, Enkel Alfred malte Kinoplakate, und Tochter Ida begleitete Stummfilme auf dem Klavier. Scheuch selbst begrüßte die Gäste persönlich per Handschlag. Er bemühte sich auch um eine repräsentative Ausstattung seines Lichtspielhauses, das er später vorübergehend in „Drei-Eulen Lichtspiele“ umbenannte.Gespräch mit Alfred Scheuch, Juli 1993

Sein Konzept ging auf. Niemand aus der Familie war auf das Kino als Haupteinnahmequelle angewiesen und so gelang es Scheuch, sein Kino auch über schwierige Zeiten hinweg zu retten. Etwa durch die für Lichtspieltheater schwierigen 50er Jahre, als die vielen Kinos in den umliegenden Ortschaften reihenweise schließen mussten. Auch das 1953 in Weingarten neu erbaute „Neue Theater“ mit 600 Sitzplätzen in der Abt Hyller Straße 9, in der Presse als „vornehme Stätte gesellschaftlicher Begegnung“ gelobt, musste bald wieder schließen. mini|Fassadenbemalung des Kinos zur Waldseer Straße mini|Kassenhäuschen aus den 1950er Jahren 1954 machte sich Scheuch erneut an Renovierung und Modernisierung seines mittlerweile wieder „Welfentheater“ genannten Kinos. Das heute noch vorhandene Kassenhäuschen stammt aus dieser Umbauphase, ebenso die Fassadenbemalung zur heutigen Bundesstraße durch den Weingartener Künstler Martin Arnold (1909–1967). 1975 dann wurde das Foyer in den heutigen Rottönen mit silbrigem Deckenfries durch den Restaurator und Künstler Karl Strehle aus Weingarten ausgemalt.

Erst 1987, nach dem Tod Konrad Scheuchs, Nachfolger seines Vaters in der Geschäftsleitung, wurde der Betrieb verkleinert. Das Welfentheater blieb an einigen Wochentagen geschlossen. Das Tagesgeschäft besorgten jetzt drei Töchter des Kinogründers, während ihr Bruder Otto sich um die Technik kümmerte.Linse. In: Schwäbische Zeitung. 24. September 1979

Neue Strukturen: „d’Linse – Kino für unterlassene Filme“ 1979 gründete parallel dazu eine kleine Gruppe filmbegeisterter Weingartener Studenten um Eugen Detzel „d’Linse – Kino für unterlassene Filme“. Sie einigten sich mit den Erben der Familie Scheuch und belegten das Kino dienstags bis donnerstags. Als ersten Film zeigten sie am 2. Oktober „Albert, warum?“ des deutschen Regisseurs Josef Rödl.

In den folgenden Jahren verfestigten sich die Strukturen der Gruppe und ihre Aktivitäten weiteten sich aus. So begann 1982 die Zusammenarbeit mit dem damaligen städtischen Jugendhaus oder 1985 die jährliche Vergabe der „Goldenen Filmspule“, des „kleinsten Filmpreises Deutschlands“, der am 21. Mai erstmalig an die Westallgäuer Filminitiative für „Daheim sterben die Leut’“ verliehen wurde.

Als 1987 Konrad Scheuch, Sohn und Nachfolger des Kinogründers, verstarb, blieb das „Welfentheater“ im Besitz einer weitläufigen Erbengemeinschaft. Im November gründete sich der Verein „d’Linse – Kommunales Kino Weingarten“, der das alte Kino pachtete und Eugen Detzel als Geschäftsführer einstellte, der dieses Amt über lange Jahre hinweg ausfüllte. Erstmals gespielt wurde am 2. Januar 1988 und am 21. November dann mit drei Filmen groß die Premiere von Oberschwabens erstem Programmkino gefeiert. Schon im ersten Monat des Bestehens gab es 76 Vorstellungen. Die Eintragung ins Vereinsregister als „d’Linse e.V.“ erfolgte am 9. Mai 1988.

Von der „Linse“ ausgehende neue Ideen bereicherten die Kulturlandschaft im ganzen Landkreis. Ein mobiles Kinderkino nahm den Betrieb auf und brachte Kinderfilme in die Fläche. 1992 wurde die erste Partnerschaft mit den „Les amis du cinéma“ in Weingartens Partnerstadt Bron in der Nähe von Lyon aufgenommen, der 2008 die Partnerschaft mit dem „Cinema del Carbone“ im italienischen Mantua folgte. 1993 pünktlich zum 15. Geburtstag konnte der Verein sein 200. Mitglied begrüßen.

1997 löste sich die bisherige Erbengemeinschaft auf und eine Nachfolgegemeinschaft gründete sich, die den Pachtvertrag der Linse auf 25 Jahre erneuerte. mini|Eingangsbereich des Kulturzentrums Linse nach Umbau und Erweiterung

Soziokulturelles Zentrum Linse e.V. Dies gab dem Verein die nötige Planungssicherheit, so dass dringend nötige Renovierungen und die Erweiterung um einen zweiten Kinosaal und größeren gastronomischen Bereich in Angriff genommen sowie vollständige Barrierefreiheit hergestellt werden konnten. Der offizielle Spatenstich erfolgte am 8. Mai 1999, Eröffnung am 17. Mai 2000. Ermöglicht wurde der Umbau – während des laufenden Betriebs – durch die großzügige Unterstützung von Stadt und Land BW, die enorme Spendenbereitschaft der Bevölkerung und ortsansässiger Unternehmen und durch 3119 ehrenamtlich eingebrachte Arbeitsstunden. Die Satzung wurde geändert, die Linse wurde „Soziokulturelles Zentrum“ und verpflichtete sich jetzt über den Filmbetrieb hinaus zu „soziokultureller Arbeit“. Einige Beispiele: Die Linse richtete die „Fête de la musique“ in Weingartens Stadtgarten aus, beherbergte die städtische Kleinkunstreihe „Piccolo“ oder organisierte mehrere Male das mehrtägige „KOMM-Festival“, ein eintrittsfreies Kulturangebot für alle auf dem Münsterplatz. Während der Corona-Pandemie 2020 und 2021 gab es insgesamt 14 Autokino-Vorstellungen. An ausgewählten Sommerabenden wird Open-Air-Kino angeboten.

Kino und Kulturzentrum Linse heute Die Linse ist heute fester Bestandteil des Kulturangebots in Weingarten und wird von Stadt, Land, Europa Cinemas der FFA, der MFG, etlichen regionalen Sponsoren und Förderern unterstützt. Dazu kommen um die 800 Vereinsmitglieder, von denen viele dort auch ehrenamtlich mitarbeiten. Das Kulturzentrum ist in drei Sparten unterteilt: Arthouse-Kino, sozio-kulturelle Live-Events und Gastronomie. Hauptstandbein ist das Kino, das mit verschiedenen Formaten und dem Arthouse-Programm vielseitig ausgerichtet ist. Es wird von mehr als 20.000 Personen im Jahr besucht und hat mehrfach Auszeichnungen für sein Filmprogramm erhalten. Im soziokulturellen Bereich kommen dazu unter anderem Konzerte, Theateraufführungen und Diskussionen, sowie Kooperationen mit vielen anderen regionalen Vereinen, Institutionen und Initiativen. Außerdem beherbergt das Kulturzentrum eine Galerie, die vorwiegend lokalen Künstlern als Ausstellungsfläche dient, und den gastronomischen Betrieb. Es ist eines der wenigen Kinos in Deutschland, das mit dieser Kombination – Kino, Live, Galerie und Gastronomie – aufwarten kann, und das darüber hinaus auf eine weit über hundertjährige Geschichte zurückblicken kann.

Weblinks

Einzelnachweise

Literatur Elisabeth Häußler: 80 Jahre Kinogeschichte und Kinokultur in Weingarten. Von "lebenden Fotografien" zum Programmkino. In: Landkreis Ravensburg (Hrsg.): Im Oberland. Beiträge aus Oberschwaben und dem Allgäu. , 3. Jahrgang 1992, Heft 1, S. 3–8 Werner Heinz: Altdorf-Weingarten (1805–1945). Industrialisierung, Arbeitswelt und politische Kultur. Verlag Wilfried Eppe, Bergatreute 1990, 2. Auflage 2014, ISBN 978-3-89089-018-0 Nico Stockmann: EinBlick. Kulturzentrum Linse. In: Martin Tröndle (Hrsg.): Die Kulturkonzeption. Stadtentwicklung und Kulturpolitik am Beispiel der Stadt Ravensburg. Springer, Wiesbaden 2017, ISBN 978-3-658-16300-6, doi:10.1007/978-3-658-16301-3, S. 185–188

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