Angelika und Medor ist ein Gemälde des italienischen Barockkünstlers Pietro Liberi (1605 – 1687). Das Gemälde im Stil der venezianischen Malerei ist Teil der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen – Staatsgalerie im Neuen Schloss Schleißheim. Die dargestellten Figuren präsentieren zwei Charaktere aus dem Versepos Orlando Furioso (dt. Der rasende Roland) von Ludovico Ariosto, dessen erste Fassung 1516 erschien.
Bildbeschreibung Im Zentrum des Bildes ist das Paar Angelika und Medor abgebildet, wie es im Wald sitzt. Ein brauner Hund flankiert Angelikas Seite in der linken unteren Ecke des Bildes und zu Medors Linken befinden sich zwei Putten und ein Lamm. Im Hintergrund sind Baumstämme (aller Wahrscheinlichkeit nach Birken) dargestellt und ein hellblauer Himmel mit kleinen Wölkchen zu sehen.
Angelika ist in einem reich drapierten Kleid und mit entblößtem Oberkörper dargestellt. Das Obergewand ist in zarten Rosatönen gehalten und so weit hochgezogen, dass es ihr rechtes Bein und ihren Knöchel freilegt. Das weiße Untergewand fällt ihr von der Schulter und legt dabei ihre Brustpartie frei. In ihren hochgebundenen blonden Haaren sind Perlen eingebunden und sie trägt ein Armband und hängende Ohrringe. Sie legt Medor den Arm um die Schulter und neigt ihren Kopf zu ihm hinab.
Medor ist mit einem jugendlichen, rundlichen Gesicht und blonden Locken dargestellt. Auch er trägt ein drapiertes Gewand, das etwas einfacher als das von Angelika wirkt. Das Hemd, das seinen Oberkörper bedeckt, ist weiß, dazu trägt er eine blaue Beinbekleidung. Sowohl Medor als auch Angelika tragen verzierte, goldene Sandalen. Er sieht Angelika zuneigungsvoll an und hält ihr Gesicht in einer Hand. Mit der anderen Hand zeigt er auf eine Inschrift im benachbarten Baum, in dessen Rinde das eingeritzte Wort „ANGELICA“ zu lesen ist.
Ikonographie
Locus amoenus In Ariostos Orlando Furioso begegnet Angelica dem schwer verwundeten Medor im Wald, wo sie ihn aus Mitleid pflegt und versorgt, woraufhin sie sich ineinander verlieben. Der abgeschiedene Naturraum wird auch in Liberis Gemälde als locus amoenus gestaltet. Die Szene symbolisiert das Entkommen von höfischen Restriktionen und den Rückzug in eine idyllische, bewusst idealisierte Natur. Angelica und Medor haben, wenn auch zum Teil unfreiwillig, ihre bisherigen Konventionen hinter sich gelassen und ziehen sich während ihrer 'Flitterwochen' in die ruhigere Umgebung des Waldes zurück, der hier als Gegenwelt zur höfisch-ritterlichen Ordnung fungiert. Die lichte und liebliche Darstellung dieses Naturraums ist Teil der Idealisierung und entspricht dem weichen Stil des venezianischen Barocks.
Hund Der Hund ist ein häufig verwendetes Symbol in der europäischen Kunst und kann je nach Kontext unterschiedliche Bedeutungen tragen. In diesem Gemälde ist ein größerer, eher einem Jagdhund als einem Schoßhund ähnelnder Hund dargestellt, der an Angelicas Seite sitzt und ein verziertes Halsband trägt. Vor dem Hintergrund der literarischen Vorlage, in der Angelicas leidenschaftliche Liebe zu Medor ausführlich geschildert und zugleich durch Ehe und rituelle Ordnung legitimiert wird, kann der im Gemälde dargestellte Hund als Zeichen von Bindung und Domestikation verstanden werden. Das ruhige Tier mit Halsband rahmt die intime, durch die Nähe der entblößten Körper erotisch aufgeladene Szene und verweist darauf, dass die zuvor ungezügelte, brennende Leidenschaft Angelicas in eine sozial und moralisch geordnete Verbindung überführt ist.
Putten mit Lamm Ein weiteres Bildelement sind die zwei Putten am rechten Bildrand, die mit einem Lamm dargestellt sind. Im Zusammenhang mit der dargestellten Szene können die Putten sowohl als konventionelle barocke Liebessymbole verstanden werden als auch als dezenter Verweis auf die literarische Vorlage, in der Angelica durch Amors Eingreifen zur Liebe zu Medor gelangt.
Ariostos Angelica und Medor als beliebtes Motiv der Renaissance und des Barocks Die bildkünstlerische Rezeption von Ariostos Orlando furioso setzte bereits im 16. Jahrhundert ein und intensivierte sich im Barock zunehmend, wobei sich aus der Vielzahl der Episoden rasch einzelne bevorzugte Bildthemen herauskristallisierten. Einen frühen Verbreitungsschub lieferten bereits die illustrierten Holzschnittfolgen in venezianischen Ausgaben seit der Mitte des 16. Jahrhunderts, die Ariostos Episoden in serielle, leicht rezipierbare Bildformate übersetzten und damit die ikonographische 'Standardisierung' einzelner Szenen begünstigten. Zu diesen zählte insbesondere die Liebesgeschichte von Angelica und Medor, deren Darstellung seit dem späten 16. Jahrhundert eine kontinuierliche Verbreitung erfuhr. Während frühe Illustrationen, etwa in venezianischen Druckausgaben, noch eine größere episodenhafte Vielfalt boten, konzentrierte sich die barocke Malerei zunehmend auf die pastoral-erotische Idylle der beiden Liebenden, insbesondere auf das Motiv der Namensinschrift in die Baumrinde. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, zur Zeit Pietro Liberis, wurde das Sujet insbesondere im venezianischen Umfeld weiterentwickelt: Die Kompositionen betonen nun die intime Zweisamkeit der Figuren, eingebettet in eine arkadisch-pastorale Landschaft, und knüpfen zugleich an Vorbilder Tizians und Tintorettos an. Diese Verbindung von Ariosto-Rezeption, venezianischem Pastoralismus und barocker Affektästhetik trug entscheidend zur Kanonisierung des Motivs Angelica und Medor innerhalb der europäischen Malerei bei. Einige Beispiele
Literatur Colantuono, Anthony: “Titian’s Tender Infants: On the Imitation of Venetian Painting in Baroque Rome”, in: I Tatti Studies in the Italian Renaissance 3 (1989), S. 207–234. JSTOR, https://doi.org/10.2307/4603665. Accessed 10 Feb. 2026. Delorenzi, Paolo: „Favole e storie su Pietro Liberi“, in: Marinelli, Sergio (Hg.): Aldèbaran: storia dell’arte, Bd. VI, Verona 2021, S. 111–128. Lee, Rensselaer W.: Names on Trees: Ariosto into Art, Princeton, N.J.: Princeton University Press 1977. Lee, Rensselaer W.: “Adventures of Angelica: Early Frescoes Illustrating the Orlando Furioso”, in: The Art Bulletin 59 (1977), Nr. 1, S. 39–46. https://doi.org/10.2307/3049594.
Weblinks https://www.sammlung.pinakothek.de/de/artwork/ma4dke6GrO
Anmerkungen und Einzelnachweise
Kategorie:Bayerische Staatsgemäldesammlungen Kategorie:Gemälde (17. Jahrhundert) Kategorie:Kunstwerk des Barock Kategorie:Paar (Bildende Kunst) Kategorie:Roland (Paladin)