Das heute als Die kleine Obsthändlerin bezeichnete Kunstwerk wurde von Bartolomé Esteban Murillo zwischen 1670 und 1675 angefertigt. Das Ölgemälde auf Leinwand umfasst die Maße von ca. 144 auf 108 cm und ist eine von vielen Genremalereien des Künstlers.

Dargestellt sind zwei in Armut lebende Kinder, die durch den Verkauf von Obst etwas Geld verdient haben.

Bildbeschreibung Im Mittelpunkt des Werks befinden sich zwei Kinder; ein Mädchen und ein Junge. Die beiden sitzen eng zusammen und blicken auf die Hand des Mädchens, in der sich einige Münzen befinden. Diese bilden auch das zentrale Bildobjekt neben den Kindern. Der Junge, zum Großteil von dem Mädchen verdeckt, ist auf einen Korb gestützt, der randvoll mit Trauben gefüllt ist und aus dem bereits einige Früchte gefallen sind. Der Kleidung nach leben die Kinder in Armut; ihre Kleider sind einfach und an den Füßen des Mädchens lassen sich kaputte Schuhe erkennen. Dennoch ist das Mädchen den Umständen entsprechend gut hergerichtet. Ihre Haare sind hochgesteckt und mit einigen Blumen verziert, ihr Kleid besitzt im Gegensatz zum Jungen mehrere farbige Teile sowie einen ledernen Geldbeutel und ist nicht sichtlich beschädigt. Die Schulter des Mädchens ist durch den hängenden Kragen sichtbar, was sie etwas erwachsener wirken lässt. Anscheinend handelt es sich hier um ein in Armut lebendes Geschwisterpaar, das durch den Verkauf von Obst etwas Geld verdient hat.

Der Vordergrund hält sich bei dem Werk in Grenzen. Um die Figuren nicht zu verdecken, sind lediglich in der unteren rechten Bildecke einige Steine sowie Pflanzen zu sehen. Der geteilte Hintergrund besitzt auf der linken Bildseite einen düsteren, von Wolken durchzogenen Himmel, der den Großteil des Hintergrunds einnimmt. Die rechte Bildseite zeigt eine hohe Klippe, an deren Spitze sich noch einige weitere Pflanzen erkennen lassen. Direkt hinter dem Jungen befindet sich zudem ein Busch, der einen Teil der Klippe verdeckt.

Das Werk besitzt generell eine düstere und bedrückende Stimmung, von der die Kinder aber nicht betroffen zu sein scheinen. Sie blicken freudig auf das in der Hand des Mädchen liegende Geld, die Figuren sind sichtlich heller gestaltet als der Rest des Werks, als wären sie von einem Licht außerhalb des Bildrandes angestrahlt. Das Geld, zu dem auch der Blick des Betrachters geführt wird, wirkt wie ein Hoffnungsschimmer in dem sonst bedrückenden Leben in Armut.

Historischer Kontext Zur Entstehungszeit des Bildes herrschte unter Kunstkritikern und -autoren noch eine klare Hierarchie der Bildkategorien, im Gegensatz zu der hoch angesehenen Historienmalerei wurde die Genremalerei als eine minderwertige Kunstform betrachtet. Dies galt auch für das hier betrachtete Werk, dem Künstler war diese Hierarchie bewusst, weshalb er gewisse Techniken und Methoden nutzte, um einer Abwertung seiner Werke entgegenzuwirken. Bei vielen seiner Genrebilder entschied sich Murillo für eine Ausarbeitung auf einem großen Bildformat, denn dieses Format war zuvor der Historienmalerei vorbehalten. Wie es damals üblich war, legten viele andere Künstler ihre Genrebilder kleinformatig an, was unweigerlich zur Abwertung der Werke führte. Das künstlerische Können wurde auf die Größe des Bildes reduziert und den großen Historienwerke untergeordnet. Mit dem Anwenden des exklusiven Formates auf einer vermeintlich niederen Bildkategorie sollte genau dies vermieden werden.

Ein weiteres Mittel, das die Genrebilder Murillos von anderen Künstlern abhebt, ist das zeichnerische Entwerfen der Figuren, das disegno. Auch diese Technik wurde zuvor primär bei der Historienmalerei angewandt, nach der traditionellen Kunsttheorie ist es ein wesentlicher Bestandteil der Malerei und dient einer glatteren und komplexeren Umsetzung der Figuren im Bild. Vor allem wird die Technik genutzt, um komplizierte Verkürzungen bedingt durch die Perspektive zu entwickeln. Von Genremalern und deren Bildern wurde nicht dasselbe Maß an Ausarbeitung erwartet, Murillos Naturalismus ist durch das disegno von einem halb idealisierten Typus geprägt.

Künstlerische Prägung Murillos in Sevilla Als in Sevilla lebender Künstler hatte Murillo das Glück, sich mit vielen großen Künstlern zu vernetzen. Trotz der schlechten Bedingungen der Stadt diente sie als eine der wichtigsten Handelszentren des Landes und ermöglichte den Austausch von spanischer, italienischer und sogar holländischer Kunst. So kam es, dass Murillo Werke von u. a. Rembrandt studieren konnte, ohne je die Stadt zu verlassen, was sich schlussendlich auch auf seine eigene Kunst auswirkte.

Aber auch stadteigene Künstler boten Murillo Inspiration, am wichtigsten hierbei sind die Werke von Diego Velázquez. Er war regelrecht begeistert von Velázquez' Können aus alltäglichen Situationen originelle Gemälde von höchstem künstlerischen Wert zu erschaffen. Dabei ist wichtig anzumerken, dass sowohl Murillo als auch Velázquez anders als damals üblich die Darstellung von armen Leuten ohne satirische und verspottende Absicht malten. Denn zuvor war dieser Typus vielmehr ein Mittel der Belustigung für die oberen Gesellschaftsschichten, die beiden Maler jedoch behandelten das Thema mit künstlerischem Ernst. mini|hochkant|Der Wasserverkäufer, Diego Velázquez 1620 Velázquez erzielt in seinen Werken durch die Kombination von realistischen Figuren und Stillleben-Elementen eine künstlerisch anspruchsvolle Imitation der Natur, die für Murillo besonders ansprechend war. Bei dem Werk “Der Wasserverkäufer” wird dies sichtbar; der Betrachter blickt in einen dunklen Raum, in dem sich drei Personen aufhalten. Der Mann im Vordergrund hat seine Hand auf den großen Krug gelegt, an dem man noch einige Tropfen Wasser sehen kann. Er ist einfach gekleidet und betreibt eine einfache Tätigkeit. Der Junge im Mittelgrund gibt sein Glas an den einfachen Mann, wahrscheinlich um es auffüllen zu lassen. Der Mann im Hintergrund ist für den Betrachter nur noch schemenhaft zu erkennen. Die künstlerische Ausarbeitung kommt einer Fotografie verblüffend nahe. Feine Details wie die Falten im Gesicht des Mannes, der Glanz des Glases oder auch die Wasserspuren auf dem Krug verdeutlichen Velázquez' Imitationsfähigkeit, an der sich Murillo orientierte. Lediglich einen entscheidenden Unterschied machte der Künstler bei seinen eigenen Gemälden. Bei den Genrewerken von Velázquez wurden sämtliche Details, bei den Figuren, Objekten und Hintergrund, voll ausgearbeitet. Murillo hingegen verzichtete auf eine füllende Komposition und auf komplizierte Hintergründe, um seinen Figuren eine größere Aufmerksamkeit zu bieten.

Wahl des Motivs mini|hochkant|links|Der hl. Thomas von Villanueva verteilt Almosen, Bartolomé Esteban Murillo 1668 Um die Wahl des Motivs von zwei in Armut lebenden Kindern besser nachvollziehen zu können, lohnt es sich, einen Blick auf die früheren Werke des Künstlers zu werfen. Im 17. Jhd. war vor allem die Kirche ein großer Förderer für zahlreiche Künstler in Sevilla, wie es auch bei Murillo der Fall war. Er fertigte mehrere Gemälde für die ansässige Kirche an, viele davon thematisieren die karitativen Tätigkeiten von Figuren der christlichen Überlieferung, wie z. B. dem heiligen Thomas. In dem Werk von 1688 wird der Heilige beim Verteilen von Almosen an einen armen Mann gezeigt, ebenso wird eine Art Vorher-Nachher-Vergleich beigefügt. All dies geschieht ohne Spott gegenüber den armen Personen, wie es auch bei der kleinen Obstverkäuferin der Fall ist. Die Frömmigkeit und Nächstenliebe, wie sie bei Murillos frühen Werken vermittelt wird, wirken sich auch in seiner Genremalerei aus.

Aber auch das Motiv eines kindlichen Gottessohns und das Leben der Heiligen Familie war zur Mitte des 17. Jhd. beliebt in der Malerei. Zwischen der Darstellung des kindlichen Jesu und der armen Kinder lassen sich Parallelen feststellen. Kinder verkörpern in seinen Werken eine reine Unschuld, welche vor allem bei den religiösen Bildern zu einem Bestreben für den Betrachter sein soll. Anders als Erwachsene haben Kinder häufig keinen Einfluss auf ihre Lebenssituation und wie der Künstler selbst im Kindesalter es tat, müssen sie stets das Beste aus den Umständen machen. Bei der kleinen Obsthändlerin und ihrem Bruder zeigt sich dies in der unbeschwerten Mimik, trotz ihrer Armut scheinen sie erfreut über ihre erzielte Ausbeute. Dies lässt sich auch in der künstlerischen Ausarbeitung der Figuren selbst erkennen. Die beiden Kinder wirken wie von einem hinter den Betrachter positionierten Licht angestrahlt und scheinen sich von dem düsteren, möglicherweise stürmischen Wolkenhimmel in ihrem Glück nicht stören zu lassen. Auch in anderen Genrebildern wie den "Trauben- und Melonenesser" oder den "Pastetenessern" ist dieses Gefühl von Unbeschwertheit spürbar. mini|hochkant|Trauben- und Melonenesser, Bartolomé Esteban Murillo 1650 Anzumerken ist zudem, dass Murillo seine Genrewerke für Ausarbeitungsmethoden nutzte, welche für seine kirchlichen Kommissionen unpassend und unsittlich gewesen wären. Darunter fällt vor allem die wenig idealisierte und naturalistischere Darstellung der Figuren, wie man am Bild Trauben- und Melonenesser gut erkennen kann. Als eines der frühesten Genrewerke Murillos lässt sich dieser gewisse Unterschied noch gut erkennen, bei der kleinen Obsthändlerin wurde jedoch davon abgewichen, sodass die Kinder hier deutlich idealisierter zu sehen sind.

Deutung Zusammenfassend lässt sich das Werk der kleinen Obsthändlerin folgendermaßen deuten:

Als Genremaler war Murillo bestrebt, sich gegen die herrschende Ordnung der Bildkategorien zu stellen. Er legte seine Werke absichtlich großformatig an und machte sich das zeichnerische Entwickeln der Figuren zunutze, um eine Abwertung seiner Werke zu vermeiden, obwohl diese beiden Methoden der Historienmalerei vorbehalten waren. Von Velázquez' Gemälden inspiriert eiferte er einer Imitation der Natur nach, was bei seinen christlichen Werken unangemessen gewesen wäre. Lediglich seine späteren Werke neigen zu einer Idealisierung der Figuren, wie sie auch bei den religiösen Bildern bereits zu sehen ist. Das Darstellen von zwei armen Kindern erfolgt wie bei Velázquez ohne Spott über deren Lebenssituation, wie es damals bei der Genremalerei üblich war. Die beiden Kinder sind der eindeutige Fokus des Werkes, die Umgebung ist zugunsten dieser einfach gestaltet. Auch anhand ihrer Kleidung lässt sich ihr sozialer Status erkennen. Dabei verkörpern sie das Gefühl von Unschuld und Unbeschwertheit; ein warmes Licht scheint auf die Kinder, die freudig ihren Tageslohn betrachten.

Literatur Xanthe Brooke, Peter Cherry, Helge Siefert: Murillo – Kinderleben in Sevilla. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung, Alte Pinakothek, München 2001. Diego Angulo Iñiguez: Murillo. Su vida, su arte, su obra. 3 Bände, Madrid 1981. Bartolomé Esteban Murillo 1617 - 1682, Ausstellungskatalog des Museo del Prado und der Royal Academy of Arts London, Frölich & Kaufmann, Berlin 1983. Eric Young: Bartolomé Murillo. Werkverzeichnis. Ullstein, Frankfurt am Main 1980.

Weblinks

Einzelnachweise

Kategorie:Gemälde (17. Jahrhundert) Kategorie:Kunstwerk des Barock Kategorie:Paar (Bildende Kunst) Kategorie:Kind (Bildende Kunst)