Der „Lautenspieler“ ist ein Kunstwerk aus dem Bestand der Bayerischen Staatsgemäldesammlung, das sich heute in der Staatsgalerie im Neuen Schloss Schleißheim in Oberschleißheim bei München befindet. Das Gemälde wird in Schleißheim in die Sektion italienische Malerei eingeordnet. Das Gemälde ist in Öl auf Leinwand ausgeführt und hat die Maße 96,6 × 78,6 cm. Das Ausführungsjahr ist nicht bekannt, es wird aber zwischen 1610 und 1630 vermutet. Aus diesem Grund ist die Zuschreibung an Caravaggio unklar. Vermutlich stammt es von einem seiner Nachfolger.
Provenienz und Zuschreibung Das Bild wurde von den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen aus der Kurfürstlichen Galerie München erworben. Das Erwerbsjahr ist nicht bekannt. Tatsächlich wird das Gemälde nicht im Katalog der Gemäldesammlung der Königlichen älteren Pinakothek in München aus dem Jahr 1886 erwähnt. Auch ist in dem „Verzeichniss der in der Königlichen Gallerie zu Schleissheim aufgestellten Gemälde“, das 1885 veröffentlicht wurde, kein Bild vorhanden, das dem Bildthema entspricht, und das Caravaggio zugeschrieben wird. Aus diesem Grund kann man davon ausgehen, dass das Bild nach dem Jahr 1886 erworben wurde.
In dem 1983 von der Bayerischen Staatsgemäldesammlung herausgegeben „Verzeichnis der Gemälde der Staatsgalerie Schleissheim“ wird erstmals darauf hingewiesen, dass das Bild von einem Schüler Caravaggios gemalt worden sei.Staatsgalerie Schleißheim: Bayerische Staatsgemäldesamlungen; Verzeichnis der Gemälde. Hirmer, München 1980, S. 51.
Das Bild scheint von den Genre-Szenen inspiriert zu sein, die Caravaggio während seines ersten Aufenthaltes in Rom gemalt hat. Von 1593 bis 1595 arbeitete er mit dem Maler Cavaliere d’Arpino zusammen. Danach arbeitete er für den Kardinal Francesco Maria del Monte und für Vincenzo Giustiniani, einen wohlhabenden Bankier und Sammler von Kunst und Musikinstrumenten. In Caravaggios Œuvre sind zwei Ölbilder von Lautenspielern sichergestellt, die aus dieser römischen Zeit stammen, nämlich die mehrfigurige Komposition Die Musiker (Das Konzert) (um 1595) und Der Lautenspieler (1595–1597).
mini|400x400px|Michelangelo Merisi da Caravaggio, Lautenspieler, ca. 1595, Öl auf Leinwand, Hermitage Museum, Sankt Petersburg.
Das Thema der Musik in der Malerei war von Caravaggio Zeit keine Neuheit, aber letzterer brachte es zu einem höheren ikonographischen Niveau. Die Gemälde von Caravaggio mit diesen Themen dienten wahrscheinlich dazu, Räume für musikalische Aufführungen zu dekorieren, die wahrscheinlich tatsächlich im Kreis von Kardinal Maria del Monte stattgefunden haben.
In den zwei Jahrzehnten nach dem Tod von Caravaggio im Jahr 1610 haben viele in Rom ansässige Künstler seine Werke studiert, seinen Stil und seine Motive imitiert. Einige der wichtigsten Caravaggisten sind Mario Minniti, Carlo Saraceni, Orazio Borgianni und Orazio Gentileschi sowie der ältere in Siena geborene Antiveduto Gramatica und Francesco Buoneri, genannt Cecco del Caravaggio. Ab den 1620er Jahren kamen die Maler Paolo Guidotti und Bartolomeo Manfredi, der Franzose Valentin de Boulogne und die flämischen Maler Dirck van Baburen und Gerrit van Honthorst dazu.
Bildbeschreibung Das Gemälde ist vollständig mit dem Porträt eines jungen Mannes, der eine Laute spielt, ausgefüllt. Er trägt ein rotes Hemd mit schwarzen Manschetten und einem weißen Kragen. Das Hemd zeigt goldene Stickereien auf der Brust und ist vorne mit Knöpfen geschlossen. Außerdem trägt der Spieler ein weißes Stofftuch, das um den Kopf gebunden ist und aus dem ihm eine braune Haarsträhne auf die Stirn fällt.
Der Junge ist mit dunklen Augen und roten Wangen und Lippen dargestellt. Der Mund ist leicht geöffnet und der konzentrierte und leicht mürrische Blick ist nach rechts, aus dem Bild heraus gerichtet, so dass es fast so aussieht, als sei der Junge während einer Probe oder musikalischen Aufführung gestört worden. Die linke Hand hält den Hals der Laute, die auf dem Schoß des Jungen zu liegen scheint, und die Finger erscheinen beim Spielen eines Akkords zusammengezogen. Das Tuch um die Stirn, das nicht zu einer eleganten musikalischen Darbietung passt, legt nahe, dass der Junge in einem Moment des Übens dargestellt worden sein könnte.
Die Figur ist von links gut beleuchtet, besonders Gesicht, Hemd und Hände, und bildet einen starken Kontrast zum vollständig dunklen Hintergrund. Die linke Gesichtshälfte des Jungen sowie der Rücken der linken Hand und die Unterseite des Hemds sind verschattet. Verglichen mit dem zwischen 1595 und 1597 entstandenen Lautenspieler von Caravaggio, erscheint die perspektivische Wiedergabe dieses Bildes ziemlich ungenau.
Deutung des musikalischen Motivs Klänge und Musik in Bildern darzustellen war immer ein Anliegen und eine Herausforderung der an sich „stummen“ Malerei. In der frühen Neuzeit wurde verstärkt damit begonnen, Musikinstrumente in Gemälden darzustellen, um entgegen der Stummheit und Unbeweglichkeit der Malerei den Eindruck von Klang hervorzurufen. Die Töne der verschiedenen Instrumente wurden so in bildhafte Darstellungen übersetzt. Zu einer solchen Simulation des Klangs tragen auch die Farben bei, deren wechselseitiges Verhältnis von Harmonie und Kontrast dem Verhältnis musikalischer Noten entspricht.In diesem Zusammenhang schreibt der gelehrte Antiquar und Kunstschriftsteller Giovan Pietro Bellori als eine Analogisierung von Färben und Tönen über das Kuppelfresko von Giovanni Lanfranco in der Theatinerkirche Sant’Andrea della Valle aus dem Jahr 1627–1629 in seinen Viten von 1672: "la soavità del colore fa sentire la melodia celeste nel silenzio della pittura" ("so als ob die Zartheit der Farbe die himmlische Melodie in der Stille der Malerei hörbar mache.")
Bereits Leonardo da Vinci postulierte eine ähnliche Analogie zwischen Malerei und Musik, obwohl er in der Tradition des Paragone agiert, während spätere Schriftsteller und Theoretiker wie Giovanni Pietro Bellori und Giambattista Marino, sich mehr auf die Einschränkungen der Vergleichbarkeit von Malerei und Musik fokussieren. Da Vinci wies nicht auf die Unterschiede zwischen Musik und Malerei hin, sondern schrieb um 1500, dass die Musik „nicht anders genannt werden kann als die Schwester der Malerei“ (ital., „sorella della pittura“). Die Vorstellung dieser Verwandtschaft und einer spezifischen Analogie zwischen Malerei und Musik ist in der Kunsttheorie seit der Renaissance zu einem wiederkehrenden Thema geworden.
Leonardo sprach von der Malerei als einer Kunstform mit großer Suggestionskraft, die von allen Sinnen „besessen“ sein will."Anzi, inamora, et è a causa che tutti li sensi insieme con l’occhio la vorebbon possedere, e pare che a gara vorrebon posedere." So verstanden, können beim Betrachten eines Bildes alle Sinne, also auch das Hören erlebt werden. Im Falle des Motivs der gemalten Musik in Form der Darstellung gespielter Musikinstrumente kommt diese Einbildungskraft, laut Elisabeth Oy-Marra, häufig als ein „Spiel von Präsenz und inszenierter Absenz“ vor.
Die Ikonographie des Schleißheimer Lautenspielers ist jedoch einfacher. Der die Laute spielende Mann wird frontal und in dem einfachen und performativen Akt des Spielens ohne zusätzliche Attribute dargestellt, im Gegensatz zum Lautenspieler (1595–1597) von Caravaggio. Das genrehafte Arrangement von Instrumenten oder Objekten lässt in anderen Fällen leichter Schlussfolgerungen über den Charakter des Bildes ziehen, zum Beispiel, ob es sich um eine Liebeswidmung handelt, wie in dem Lautenspieler (1595–1597) von Caravaggio.David Franklin, 2011, S. 132. Elisabeth Oy-Marra, 2019. S. 76. Im Lautenspieler von Caravaggio trägt das Subjekt Bühnenkleidung, was darauf schließen lässt, dass es sich um die idealisierte Darstellung einer offiziellen Bühnenaufführung handelt, wodurch das Gemälde sowohl als Porträt als auch als Genrebild gelesen werden kann.David Franklin, 2011. S. 132. Der spielerische Umgang mit der Gattungszugehörigkeit der Gemälde ist im Kreis um Caravaggio oft zu beobachten.Elisabeth Oy-Marra, 2019. S. 74. Beim Lautenspieler von Schleißheim gibt es kein weiteres Beiwerk; der Junge trägt zeitgenössische Kleidung und wird im Akt des Musizierens gezeigt, was eher an eine Genreszene denken lässt.
Letztendlich findet der Klang im Bild eine eigene Materialität in der Haltung der Finger des jungen Mannes, die einen wiedererkennbaren Akkord oder eine Melodie spielen. Die Finger werden durch die direkte Beleuchtung besonders hervorgehoben. Die verwendete Farbpalette eignet sich auch für die Thematisierung des musikalischen Motivs. Die Farbigkeit – das Rot des Oberhemdes mit dem Schwarz des Hintergrunds, der Goldfarbe der Stickerei und dem Grün-Grau der Laute – könnte als Verweis auf „Klangfarben“, die „kontrastreiche Töne harmonisch miteinander verbinden“, interpretiert werden. Der Mangel an Details oder Objekten macht jedoch die Deutung schwierig.
Literatur Brad Finger: Caravaggio. Munich / London / New York 2025, ISBN 978-3-7913-9162-5. David Franklin, Sebastian Schütze (Hrsg.): Caravaggio & His Followers in Rome (Ausstellungs-Katalog National Gallery of Canada, Ottawa, 2011, Kimbell Art Museum, Fort Worth, Tex., 2011–2012). New Haven CT [u. a.] 2011, ISBN 978-0-88884-891-8. Alfred Moir: The Italian Followers of Caravaggio. Harvard Univ. Press, Cambridge MA 1967. Staatsgalerie (Schleißheim): Staatsgalerie Schleißheim: Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Verzeichnis der Gemälde. München 1980. M. Zenck, E. Oy-Marra, K. Pietschmann, G. Wedekind: Intermedialität von Bild und Musik. Brill, Leiden 2019, ISBN 978-3-7705-5559-8; ub.uni-muenchen.de
Weblinks Webseite des Gemäldes. Sammlung Pinakotheken München.
Anmerkungen und Einzelnachweise
Kategorie:Bayerische Staatsgemäldesammlungen Kategorie:Gemälde von Caravaggio