mini|Mathildenhöhe Darmstadt mit Lilienbecken, Russischer Kapelle und Hochzeitsturm Die Darmstädter Künstlerkolonie war einerseits eine größtenteils mäzenatisch finanzierte Gruppe von Künstlern, die zwischen 1899 und 1914 – idealerweise bei übereinstimmenden künstlerischen Anschauungen – gemeinsam tätig waren. Andererseits bezeichnet der Begriff auch die Wirkungsstätte und die von den Künstlern errichteten Bauten auf der Mathildenhöhe in Darmstadt, in denen diese lebten und arbeiteten. Das Ensemble „Mathildenhöhe Darmstadt“ ist seit dem 24. Juli 2021 als UNESCO-Welterbe anerkannt. Es besteht aus zwei Teilbereichen (Hauptbereich, Dreihäusergruppe) und umfasst auch die Russische Kapelle, die kurz vor der Gründung der Künstlerkolonie erbaut wurde. Die Mathildenhöhe ist eine Erhebung am Rand der Darmstädter Innenstadt und war im 19. Jahrhundert die Gartenanlage des großherzoglichen Hofes. Diese wurde 1833 im Stil eines Englischen Landschaftsparks umgestaltet. Der Garten wurde nach Mathilde von Bayern (Haus Wittelsbach) benannt. Sie war mit Großherzog Ludwig III. verheiratet.

Gründung mini|Panoramaaufnahme Ernst-Ludwig-Haus Auf Anregung des Kunstverlegers Alexander Koch berief 1899 Großherzog Ernst Ludwig als Mäzen die sieben Jugendstilkünstler Peter Behrens, Paul Bürck, Rudolf Bosselt, Hans Christiansen, Ludwig Habich, Patriz Huber und Joseph Maria Olbrich an die neugegründete Künstlerkolonie.Bernd Krimmel: Joseph M. Olbrich 1867–1908. Ausstellungskatalog, Darmstadt 1983, S. 411. Unter dem Leitspruch „Mein Hessenland blühe und in ihm die Kunst“ erwartete er aus einer Verbindung von Kunst und Handwerk eine wirtschaftliche Belebung für sein Land, das Großherzogtum Hessen. Das Ziel der Künstler sollte die Erarbeitung neuzeitlicher und zukunftsweisender Bau- und Wohnformen sein.

Erste Ausstellung 1901 mini|Plakat zur ersten Ausstellung 1901 Die erste Ausstellung der Künstlerkolonie fand unter dem Titel Ein Dokument deutscher Kunst von Mai bis Oktober 1901 statt. Als Ausstellungsobjekte sollten die Kolonie mit den individuellen Künstlerhäusern, das Atelierhaus sowie verschiedene provisorische Bauten dienen. Zu den temporären Bauten gehörten das „Haus der Flächenkunst“, das „Spielhaus“ für die Darmstädter Spiele und das Hauptportal. Diese in zwei Monaten errichteten Holzbauten wurden nach fünf Monaten Ausstellungsdauer wieder abgebaut.

Die Schau wurde am 15. Mai mit einem Festspiel nach einer Idee von Peter Behrens eröffnet und erregte weit über die Grenzen Darmstadts hinaus Aufsehen, endete aber trotzdem im Oktober mit einem größeren finanziellen Defizit. Paul Bürck, Hans Christiansen und Patriz Huber verließen anschließend die Kolonie, wie in den folgenden Jahren auch Peter Behrens und Rudolf Bosselt.

Ernst-Ludwig-Haus mini|Portal des Ernst-Ludwig-Hauses Als gemeinschaftliches Ateliergebäude wurde das Ernst-Ludwig-Haus nach Plänen von Joseph Maria Olbrich gebaut, dem einzigen ausgebildeten Architekten und der zentralen Figur in der Künstlergruppe. Peter Behrens betätigte sich ursprünglich entsprechend seiner Ausbildung nur als Maler und Grafiker. Die Grundsteinlegung fand bereits am 24. März 1900 statt. Das Ateliergebäude war zugleich das Festgebäude der Künstlerkolonie. In der Mitte des Hauptgeschosses lag der Versammlungs- und Festraum mit Gemälden von Paul Bürck, links und rechts davon schlossen sich je drei Ateliers der Künstler an. Im Untergeschoss befanden sich zwei Künstlerwohnungen und Wirtschaftsräume. Die sechs Meter hohen Kolossalfiguren „Mann und Weib“ oder „Kraft und Schönheit“ stammen von Ludwig Habich und flankieren den Eingang, der in einer Portalnische mit vergoldeten Pflanzenornamenten liegt. Über dem Eingang befindet sich die Inschrift „SEINE WELT ZEIGE DER KÜNSTLER – DIE NIEMALS WAR NOCH JEMALS SEIN WIRD“ von Hermann Bahr.Bahr schrieb den Spruch am Ende von Die Secession. (Zur ersten Kunstausstellung der Vereinigung bildender Künstler Österreichs in der Gartenbaugesellschaft am Parkring.) III. In: Die Zeit. 15 #185 (16. April 1898), S. 44. Ursprünglich sollte er ein Glasfenster von Koloman Moser in der Wiener Secession zieren. Hermann Bahr: Ein Document deutscher Kunst. In: Neues Wiener Tagblatt. 34 #136 (19. Mai 1900), S. 1–3. bzw. Buchausgabe: Bildung. Berlin und Leipzig: Insel 1900, 45-52. Aussage wiederholt in: Hermann Bahr: Französische Romane. (Teil 2) In: Hochland. 15. Jahrgang 1918, Nr. 7 (April), S. 88–92; als Buchausgabe: Bilderbuch. S. 129. Ausgeführt in: Hermann Bahr: Liebe der Lebenden. Tagebücher 1921/23. Borgmeyer, Hildesheim 1925, III, 118.Ref unklarPhilipp Gutbrod beschreibt es als: Herz des Geländes. … Dort wurde gedacht, debattiert, entworfen und wieder verworfen. Text zum Welterbe Mathildenhöhe auf Unesco.de. Abgerufen am 17. November 2024. Die Häuser der Künstler wurden um das Atelierhaus herum gruppiert. Ende der 1980er Jahre erfolgte eine Rekonstruktion des Gebäudes und der Einrichtung des Museums Künstlerkolonie Darmstadt.

Häuser der Künstler Die Künstler konnten zu günstigen Konditionen Grundstücke erwerben und darauf ein Wohnhaus errichten, das während der Ausstellung als Musterhaus zu zeigen war. So sollten die Bemühungen zur Zusammenführung von Architektur, Innenarchitektur, Kunsthandwerk und Malerei an konkreten gebauten Beispielen gezeigt werden. Allerdings waren nur Olbrich, Christiansen, Habich und Behrens in der Lage, sich den Bau eigener Wohnhäuser zu leisten. Während der ersten Ausstellung konnten dennoch acht voll eingerichtete Häuser besichtigt werden. Die nachfolgend beschriebenen Häuser wurden 1900/01 errichtet.

Haus Olbrich

Joseph Maria Olbrichs eigenes Haus (Alexandraweg 28, gelegen direkt rechts unterhalb des Ernst-Ludwig-Hauses) war mit 75.000 Mark relativ preiswert. Das Gebäude besaß ein rotes Schopfwalmdach, das an der Nordseite bis über das Erdgeschoss heruntergezogen war. Alle Details der Inneneinrichtung hatte Olbrich selbst entworfen. Das Haus wurde im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt und 1950 bis 1951 oberhalb des Erdgeschosses völlig verändert wiederaufgebaut. An das Original erinnern heute nur noch die weißen und blauen Fliesen an der Fassade. Ab 1980 wurde es vom Deutschen Polen-Institut genutzt. Diese Nutzung endete im Jahre 2016 mit dem Umzug des Instituts in das Darmstädter Schloss.

In den 2010er Jahren wurde das Gebäude saniert. Dabei wurden auch die aus 400 Fliesen bestehenden Kachelfrieses restauriert, wobei ein erheblicher Anteil ersetzt werden musste. Auch der Eingangsbereich wurde wieder dem ursprünglichen Zustand angenähert.

Haus Christiansen Das Haus Christiansen, auch „Villa In Rosen“ genannt, direkt links unterhalb des Ernst-Ludwig-Hauses, gegenüber von Haus Olbrich gelegen, wurde von Olbrich nach den Vorstellungen des Malers Hans Christiansen entworfen. Christiansen schuf die großflächige, zum Teil auch figürliche Bemalung der Fassade, die viel Diskussionsstoff bot. Der Künstler und seine Familie wohnten noch lange darin, obwohl Christiansen später vor allem außerhalb von Darmstadt tätig war. 1919 erwarb es Eugen Bracht, der darin wohnte und arbeitete. Das Gebäude wurde im Zweiten Weltkrieg vollständig zerstört und nicht wiederaufgebaut, sein Platz blieb leer – damit wurde auch die ursprüngliche Symmetrie des Bebauungsplans zerstört.

Haus Behrens

Peter Behrens entwarf als Architektur-Autodidakt sein eigenes Wohnhaus – das westlichste der sechs Häuser auf der Südseite des Alexandraweges (Haus Nr. 17) – als Erstlingswerk mitsamt der gesamten Inneneinrichtung. Dadurch wirkte es besonders deutlich als einheitliches „Gesamtkunstwerk“. Das Haus war mit 200.000 Mark Gesamtkosten aber auch das teuerste der Ausstellung. Behrens bewohnte es nie, sondern verkaufte es bald darauf. Es wurde im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt und brannte aus, die Außenfassaden mit der grünen Klinkerkeramik blieben aber überwiegend erhalten und wurden originalgetreu wiederhergestellt, zuletzt 2022/23.Olaf Köhler und Jennifer Verhoeven: Haus Behrens auf der ‚Mathildenhöhe Darmstadt‘. Restaurierung des repräsentativen Eingangsportals. In: Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Hrsg.): Denkmal Hessen 2024/1. , S. 56.

Einige Ausstattungsstücke und Möbel wurden offenbar schon früher aus dem Haus entfernt und blieben so erhalten. Am 28. April 2019 wurde in einer Folge der Sendung Lieb & Teuer des NDR, die von Janin Ullmann moderiert und im Schloss Reinbek gedreht wurde, mit dem Silber-Experten Stephan Schwarzl ein aus 76 Teilen bestehendes Silberbesteck für 12 Personen besprochen, dessen Entwurf zu dem Gesamtkunstwerk des Hauses gehörte. Das Besteck aus 800er Silber wurde von Schwarzl auf mindestens 35.000 Euro geschätzt.Video Silberbesteck, auf ndr.de vom 28. April 2019.

Großes Haus Glückert

Olbrich war auch der Architekt des direkt östlich davon gelegenen Hauses für Julius Glückert, des größten Wohnhauses der Ausstellung (Alexandraweg 23). Julius Glückert war Möbelfabrikant und ein wichtiger Förderer der Künstlerkolonie. Er hatte das Haus als schlüsselfertiges Verkaufsobjekt vorgesehen, entschloss sich aber kurz vor der Fertigstellung, es für eine ständige Einrichtungsschau der Erzeugnisse seiner Fabrik zu nutzen. Das Haus erhielt 1901 seine erste Ausstattung nach Entwürfen von Olbrich. 1908 gestaltete Olbrich das Erdgeschoss mit der großen Halle, Albin Müller die Räume des ersten Obergeschosses und der niederländische Architekt Johann Christoph Gewin das Mansardgeschoss um. Das Gebäude wurde im Zweiten Weltkrieg beschädigt. 1961 erwarb die Stadt das Gebäude und ließ es in den 1960er Jahren wiederherstellen, wobei es im Erdgeschoss auf die Fassung von 1901 zurück restauriert wurde. Bei einer erneuten Restaurierung von 2021 bis 2023 wurde teilweise die Fassung von 1908 wiederhergestellt.Jeniffer Verhoeven und Olaf Köhler: Die Restaurierung am großen Haus Glückert. Die Wiederentdeckung eines Schatzes auf der „Mathildenhöhe Darmstadt“. In: Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Hrsg.): Denkmal Hessen 2/2023, S. 36–45. Das Objekt erhielt 2023 den Hessischen Denkmalschutzpreis.Katrin Bek: Verleihung des Hessischen Denkmalschutzpreises 2023. In: Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Hrsg.): Denkmal Hessen 2/2023, S. 58–62 (61).

Seit 1971 ist das Große Haus Glückert Sitz der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

Kleines Haus Glückert (Haus Rudolf Bosselt)

Das Wohnhaus Alexandraweg 25 wurde ebenfalls nach Plänen Olbrichs gestaltet, die Bildhauerarbeiten an der Fassade stammen von Rudolf Bosselt (1871–1938) und die Inneneinrichtung schuf Patriz Huber (1878–1902). Ursprünglich war Bosselt der Bauherr des Hauses, konnte aber die Baukosten schließlich nicht aufbringen. Deshalb wurde das Gebäude noch vor Fertigstellung von Glückert übernommen. Das heutige Erscheinungsbild entspricht annähernd dem ursprünglichen Zustand, lediglich der Eingangsbereich an der Ostfassade wurde später aufgrund von Umnutzung zu einem Mehrfamilienhaus geändert.

Haus Habich

Joseph Maria Olbrich war Architekt des Hauses Habich (Alexandraweg 27), Wohnhaus und Atelier des Bildhauers Ludwig Habich (1872–1949). Die Inneneinrichtung gestaltete Patriz Huber. Das Gebäude fällt wegen des flachen Daches und seines klaren, stereometrischen Baukörpers mit sparsamer Dekoration auf. Nach erheblichen Kriegsschäden wurde es 1951 in Einzelheiten verändert, aber mit den ursprünglichen Umrissen wieder aufgebaut, das Dach aber verändert.

Haus Keller

Das „Beaulieu“ genannte Haus (Alexandraweg 31) wurde nach Plänen von Joseph Maria Olbrich für den Privatier Georg Keller errichtet. Nach Kriegszerstörungen wurde es völlig verändert wiederaufgebaut.

Haus Deiters