mini|hochkant=1.2|Der krimtschakische Rabbiner Chaim Chesekiahu Medini mit Familie in den 1890er Jahren Die Krimtschaken (auch als Krim-Juden bezeichnet; krimtschakisch Кърымчах/Qrımçah, Plural: Кърымчахлар/Qrımçahlar) sind eine auf der Krim (Ukraine) ansässige turksprachige Minderheit jüdischen Glaubens, deren Krimtschakische Sprache als fast ausgestorben gilt.Krimtschakisch Eintrag bei Ethnologue Im Gegensatz zu den ebenfalls vorwiegend auf der Krim lebenden Karäern gehören sie traditionell der talmudischen Mehrheitsrichtung der jüdischen Religion, dem rabbinischen Judentum an.
Sprache und Selbstbezeichnung mini|Krimtschakischer Grabstein in Bilohirsk (umgedreht) Ihre traditionelle Umgangssprache ist das dem Krimtatarischen nahestehende Krimtschakische, das wie alle jüdischen Sprachen zahlreiche hebräische und judäo-aramäische Lehnwörter enthält und traditionell in hebräischer Schrift geschrieben wurde. Viele Sprachwissenschaftler sehen Krimtschakisch heute als jüdischen Ethnolekt des Krimtatarischen, welches bis in die Neuzeit auch Kiptschakisch genannt wurde. Die Selbstbezeichnungen „Krimtschaken“ und „Krimtschakische Sprache“ entstanden erst im 19. Jahrhundert durch eine Kombination aus „Krim“ und „Kiptschakisch“.Michail Kisilow: Krimtschaken: Aktueller Zustand der Gemeinschaft. (Russisch, bei Webarchive) in: Eurasisches Jüdisches Jahrbuch. 2007/08, zweiter Satz. Vorher wurde die Sprache manchmal „Dschagataisch“ oder „Tschagataisch“ genannt,Michail Kisilow: Krimtschaken: Aktueller Zustand der Gemeinschaft. (Russisch, bei Webarchive) in: Eurasisches Jüdisches Jahrbuch. 2007/08, vgl. zweiter Absatz, auch zur Einordnung als Ethnolekt oder Sprache. sollte aber nicht mit der osttürkischen Sprache Tschagataisch verwechselt werden; durch die Ähnlichkeit vieler Turksprachen existierten früher oft ungenau zuordnende Namen. Die Bezeichnung entstand, weil die in Mittelasien etablierte Schriftsprache Tschagataisch bis Anfang 19. Jahrhundert auch die Schrift- und Hochsprache auf der Krim war und ihr Name auch auf die abweichenden gesprochenen Dialekte und Sprachformen übertragen wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde diese veraltete Bezeichnung zeitweilig wiederverwendet, als es mit der vollständigen Deportation aller Krimtataren 1944 und kurz danach aller traditionellen Ethnien mit dem Krimtatarischen nahestehenden Umgangssprachen nach Mittelasien gefährlich wurde, eine dem Krimtatarischen nahestehende Muttersprache anzugeben.Michail Kisilow: Krimtschaken: Aktueller Zustand der Gemeinschaft. (Russisch, bei Webarchive) in: Eurasisches Jüdisches Jahrbuch. 2007/08, vgl. zweiter Absatz. Weil viele Überlebende des Holocaust nach dem Zweiten Weltkrieg zur russischen, ukrainischen oder anderen Alltagssprachen übergingen, wird Krimtschakisch heute nur noch von vereinzelten Menschen vollständig beherrscht, schon in der Volkszählung 1970 auf der Krim gaben nur noch 71 Menschen an, nicht Russisch, Ukrainisch oder Jiddisch als Muttersprache zu verwenden (also meistens Krimtschakisch).Krimtschaken. (Russisch) aus: Kleine Jüdische Enzyklopädie Jerusalem 1976–2005 (russische Ausgabe, Artikel von 1988), vorletzter Absatz des zweiten Kapitels. Die Dichterin und Übersetzerin Wiktorija Baginskaja (1926–2012) warb für die Erhaltung der krimtschakischen Kultur.
Bevor sich im 19. Jahrhundert die Selbstbezeichnung „Krimtschaken“ und der Sprachname „Krimtschakisch“ etablierte, bezeichneten sich die Menschen ethnisch nicht nach ihrer Sprache, sondern nannten sich einfach jehudiler / çufutlar (beides bedeutet „Juden“) oder auch srel balaları / bnei Israel (=Kinder Israels).Krimtschaken. (Russisch) aus: Kleine Jüdische Enzyklopädie Jerusalem 1976–2005 (russische Ausgabe, Artikel von 1988), erster und zweiter Absatz. Die Doppelbezeichnungen sind Beispiele der erwähnten hebräischen Lehnwörter: çufutlar und srel balaları ist krimtatarisch, jehud, Plural jehudim und bnei Israel ist hebräisch, jehudiler ist mit der türkischen Pluralendung -ler (tatarisch: -lar) ein speziell tschagataisch-krimtschakisches Wort.
Unterscheidung zu anderen krimjüdischen Gruppen mini|Die Synagoge von Bilohirsk (damals Karasubasar), beschrieben als „Krim-jüdische Synagoge“, unter deutscher NS-Besatzung im Zweiten Weltkrieg zerstört. mini|hochkant=1.2|links|Volkstanz auf dem krimtschakischen Kulturfestival 2012 in Jewpatorija Die Krimtschaken sind nicht mit den ebenfalls jüdischen und turksprachigen Karaimen (Karäer) zu verwechseln. Karäer sind Angehörige einer Oppositionsbewegung im Judentum, die die Auslegung der jüdischen Gebote mit dem Talmud ablehnt. Im Mittelalter existierten sie im gesamten orientalischen Judentum, seit dem 16. Jahrhundert aber fast nur noch auf der Krim, wo sie ebenfalls eine dem Krimtatarischen nahestehende Umgangssprache Karaimisch verwenden, die auch einige von der Krim nach Osteuropa ausgewanderten Karaimen weiter sprechen. Von den talmudisch-rabbinischen Krimtschaken unterscheiden sie sich durch ihre andere Auslegung der Gebote und Bräuche und sind in komplett anderen, sich traditionell deutlich abgrenzenden Gemeinden organisiert.
Von anderen ethnischen jüdischen Gruppen, die ebenfalls der talmudisch-rabbinischen Richtung angehören, unterscheiden sich die Krimtschaken durch ihre krimtschakische Umgangssprache und einige kulturelle Traditionsunterschiede, beispielsweise traditionelle Gerichte an jüdischen Festtagen oder Detailunterschiede in der praktischen Befolgung der jüdischen Speisegesetze, weshalb sie oft in getrennten Gemeinden mit eigenen Gebetshäusern (Synagogen) organisiert sind. Es gab auch einen eigenen „Krim-Ritus“ (10. Jahrhundert) der Gottesdienste, im 16./17. Jahrhundert ergänzt um festgeschriebenes Brauchtum (minhag), genannt minhag Kaffa nach der Stadt Kaffa, die inzwischen fast nicht mehr praktiziert werden.Krimtschaken. (Russisch) aus: Kleine Jüdische Enzyklopädie Jerusalem 1976–2005 (russische Ausgabe, Artikel von 1988), Kapitel 3.2, dritter Absatz; Kapitel 3.3, vorletzter Absatz. Die Unterscheidung existierte auch auf der Krim, die im Russischen Reich zum jüdischen Ansiedlungsrayon gehörte, weshalb sich im 18. und 19. Jahrhundert noch mehr Aschkenasim (ursprünglich jiddischsprachige Juden), teilweise als bäuerliche Siedler in der inzwischen bewässerten nördlichen „Steppenkrim“, niederließen und eigene Gemeinden gründeten. Die verschiedenen Gemeinden des rabbinischen Judentums erkennen sich aber gegenseitig als legitime Formen des Judentums an. Zwischen dem rabbinischen und karäischen Judentum bestand diese gegenseitige Anerkennung traditionell nicht. Karäische Gebetshäuser werden als Kenessa bezeichnet.
Die alltagskulturellen Traditionen der Krimtschaken (wie auch der Krimkaraimen), beispielsweise Volksmusik, Tänze, Trachten usw., ähneln durch das jahrhundertelange Zusammenleben denen der muslimischen Krimtataren und anderer alteingesessener Ethnien, die oft ebenfalls krimtatarische Ethnolekte sprechen (Krimarmenier, Krimgriechen). Die aschkenasische Folklore wurde dagegen eher in Mittel- und Osteuropa geprägt.Michail Kisilow: Krimtschaken: Aktueller Zustand der Gemeinschaft. (Russisch, bei Webarchive) in: Eurasisches Jüdisches Jahrbuch. 2007/08, vgl. erster Absatz.
Bevölkerungszahl und Siedlungsgebiet
Unter den jüdischen ethnischen Gruppen sind die Krimtschaken eine kleinere Gruppierung. Zum Zeitpunkt ihrer größten Bevölkerungszahl vor dem Zweiten Weltkrieg gab es in der sowjetischen Volkszählung 1939 weltweit über 8000 Krimtschaken (nach einigen Angaben auch 9500–10.000Krimtschaken. (Russisch) aus: Kleine Jüdische Enzyklopädie Jerusalem 1976–2005 (russische Ausgabe, Artikel von 1988), zweites Kapitel, fünfter Absatz.), davon über 6500 auf der Krim, unter 1000 in anderen sowjetischen Gebieten, vorwiegend den Städten der Zentralukraine, und einige hundert im Ausland, meist in Palästina und den USA. Die größten Gemeinden waren in Karasubasar (Bilohirsk), Simferopol, Kertsch, Feodossija, Jewpatorija und Sewastopol.Michail Kisilow: Krimtschaken: Aktueller Zustand der Gemeinschaft. (Russisch, bei Webarchive) in: Eurasisches Jüdisches Jahrbuch. 2007/08, vierter Absatz. Es gab auf der Krim eine ähnlich große Anzahl Karäer und inzwischen deutlich mehr Aschkenasim (vgl. nebenstehende Karten mit Prozentanteilen der Bevölkerung in den Städten und Kreisen der Krim nach der Volkszählung 1926).
Auch für die Krimtschaken brachte die deutsche Besatzungszeit im Zweiten Weltkrieg die Katastrophe des Holocaust. Über 6000 Krimtschaken (70–80 % ihrer Gesamtzahl), davon fast 6000 auf der Krim selbst, wurden Ende 1941 / Anfang 1942 von der Einsatzgruppe D der Sicherheitspolizei und des SD und beteiligten Wehrmacht-Einheiten ermordet. Wichtige Tatorte des Völkermordes waren das Simferopol-Massaker und das Massaker von Feodossija. Nur etwa 700–750 gelang es auf der Krim, teilweise durch Flucht über Kertsch in Richtung Noworossijsk, den Völkermord zu überleben, über 1000 weitere als Frontsoldaten oder in anderen Gebieten.Michail Kisilow: Krimtschaken: Aktueller Zustand der Gemeinschaft. (Russisch, bei Webarchive) in: Eurasisches Jüdisches Jahrbuch. 2007/08, vorletzter Absatz des ersten Kapitels. Die Krimtschaken gelten seither als gefährdete Gemeinschaft und in der Autonomen Republik Krim wurde 2004 der 11. Dezember, der Jahrestag des Simferopol-Massakers, zum Gedenktag für die ermordeten jüdischen Nachbarn aller drei Gemeinschaften erklärt.Michail Kisilow: Krimtschaken: Aktueller Zustand der Gemeinschaft. (Russisch, bei Webarchive) in: Eurasisches Jüdisches Jahrbuch. 2007/08, dritter Absatz des zweiten Kapitels.
Ein kleinerer Teil der Überlebenden geriet im Mai/Juni 1944 in die ethnischen Strafdeportationen aller Krimtataren, Krimarmenier, Krimgriechen, Krimbulgaren und Krimitaliener wegen angeblicher Kollaboration mit den Deutschen. Zwar wurden die Krimtschaken und Karäer in den Deportationsdekreten nicht erwähnt, aber weil sie dieselbe Umgangssprache verwendeten, oder aufgrund familiärer Verbindungen wurden einige vom NKWD nach Mittelasien deportiert, 1989 lebten in der Usbekischen SSR 173 KrimtschakenErgebnisse der Volkszählung in der Usbekischen SSR bei Demoskop Weekly, in der benachbarten Kasachischen und Kirgisischen etwa noch einmal so viele, zumeist deportiert.
Die Volkszählung 1959 ermittelte in der gesamten Sowjetunion noch 2000 Krimtschaken, durch Einwanderung nach Israel waren es 1989 noch 1448, davon etwa 1000 auf der Krim. Nach der Volkszählung in der Ukraine 2002 lebten damals nur noch 204 Krimtschaken auf der KrimMichail Kisilow: Krimtschaken: Aktueller Zustand der Gemeinschaft. (Russisch, bei Webarchive) in: Eurasisches Jüdisches Jahrbuch. 2007/08, erster Absatz des zweiten Kapitels., ca. 200 in der übrigen Ukraine, ca. 200 leben in Russland, meistens an der russischen Schwarzmeerküste, aus Abchasien, wo 1926 noch 152 Krimtschaken gezählt wurden, sind die meisten im Krieg in Abchasien 1992–1993 emigriert. In Israel leben nach unbestätigten Schätzungen etwa 600–700, eine krimtschakische Synagoge gibt es in Tel Aviv, einige hundert auch in den USA, vorwiegend in Brooklyn / New York, wo eine krimtschakische Synagoge in der Saratoga Avenue existiert, wenige hundert in anderen Ländern.Michail Kisilow: Krimtschaken: Aktueller Zustand der Gemeinschaft. (Russisch, bei Webarchive) in: Eurasisches Jüdisches Jahrbuch. 2007/08, zweites Kapitel.
Herkunft