Ein Kibbuz (der; , auch kibbūz; in Plene-Schreibung קיבוץ; wörtlich ‚Sammlung‘, ‚Versammlung‘, ‚Kommune‘; Plural Kibbuzim oder KibbuzeDuden. Eintrag Kibbuz.) ist eine ländliche Kollektivsiedlung in Israel mit gemeinsamem Eigentum und basisdemokratischen Strukturen.

Wortherkunft Das Wort Kibbuz stammt aus dem Hebräischen. Es ist eine Piʿel-Bildung zu der Wurzel „sich versammeln“. Eine erweiterte Herleitung des Begriffs unternimmt Shoshana Feingold-Studnik in ihrer 2002 veröffentlichten Dissertation: „Der Begriff ‚Kibbuz‘ leitet sich vom hebräischen Wort ‚Kwuza‘ ab, was übersetzt ‚Gruppe‘ heißt; in den zwanziger Jahren wurde die ‚Kwuza‘ durch ‚Kibbuz‘ abgelöst […]. Auch ‚Kibbuz‘ meint in seiner Übersetzung ‚Versammlung‘, unterscheidet sich aber von der ehemaligen ‚Kwuza‘ durch eine höhere Mitgliederzahl. Inzwischen hat man sich als Bezeichnung für eine ‚planmäßige, kollektive ländliche Siedlung in Israel, heute vielfach mit angegliederten Gewerbebetrieben‘ […] auf den Begriff ‚Kibbuz‘ geeinigt.“Shoshana Feingold-Studnik: Der Kibbuz im Wandel, S. IX (Vorwort) Der Plural zu Kwuza (, auch Ḳvutza) lautet Kwuzot (, auch Ḳvūzōt).

In der Literatur werden die Begriffe Kwuza und Kibbuz meist als Synonyme benutzt. So wie Feingold-Studnik in dem vorhergehenden Zitat aber auf eine Differenzierung aufgrund der Mitgliederzahlen verweist, gibt es auch Differenzierungen, die darauf beruhen, in einer Kwuza die Vorform oder Vorläuferin eines Kibbuz zu sehen, die auch auf einer Ausgründung beruhen kann: „Kwuza: ([Plural: Kwuzot] wörtl.: Versammlung, Gruppe) Vorläufer des Kibbuz. Der Begriff Kibbuz wird in der einschlägigen Literatur im allgemeinen für Kollektivsiedlungen mit größerer Mitgliederzahl benutzt, während die genossenschaftlichen Kleingruppen als Kwuzot bezeichnet werden. In den folgenden Teilen der Arbeit wird keine Unterscheidung zwischen den Begriffen Kwuza und Kibbuz gemacht und hauptsächlich der Begriff Kibbuz verwendet.“ In seiner engeren Bedeutung als „Gruppe“ wird der Begriff Kwuza aber auch als organisatorische Einheit in der jüdischen Jugendarbeit benutzt.

Allgemeines Es gab 2014 noch 272 dieser Siedlungen mit einer Größe von bis zu 2000 Einwohnern. Zu Neugründungen kommt es seit 1999 kaum mehr. Zur Zeit der Gründung des Staates Israel lebten etwa 8 % der Israelis in einem Kibbuz, 2014 waren es etwa 1,8 %. Es gab bereits seit den 1990er Jahren Abwanderungen, besonders der Jugend, die nur teilweise durch Zuwanderung aus dem Ausland, beispielsweise aus den USA, Kanada und Europa, aufgefangen werden konnten. Der allgemeine Abwärtstrend setzt sich daher auch seit 2010 fort, da die meisten Jugendlichen spätestens nach Absolvierung ihres Militärdienstes den Mittelpunkt ihrer Lebensinteressen außerhalb der Kibbuzim wahrnehmen und nicht mehr zurückkehren.

Zusammengeschlossen sind bisher 256 Kibbuzim in der säkularen Kibbuzbewegung (Kibbutz Movement), 16 weitere dagegen in der religiösen Kibbuzbewegung ().

Das Mitglied eines Kibbuz bezeichnet man als Chawer (, Mehrzahl ) bzw. in der weiblichen Form Chawera (, Mehrzahl ) oder auch als Kibbuznik (, Mehrzahl ).

Weitere landwirtschaftliche Siedlungsformen sind die zahlreicheren (etwa 400) Moschavim, die genossenschaftlich organisiert sind, sowie diverse Mischformen aus Kibbuz und Moschav. Eine weitere Variante sind schließlich die (deutlich weniger als 100) Moschavot, die mit europäischen Dörfern vergleichbar sind und von Beginn an durch Privatinitiativen entstanden.

Die Kibbuz-Idee Die Idee des Kibbuz war eine genossenschaftliche Siedlung gleichberechtigter Mitglieder, in der es kein Privateigentum geben und das tägliche Leben kollektiv organisiert werden sollte. Dies lässt sich auch mit dem Sozialismus im ursprünglichen Sinn in Verbindung bringen. Daher wird der Begriff des Kommunismus häufig auf Kibbuzim angewendet.z. B. Mit Marx in die Wüste. In: Die Zeit. 50/2009, S. 102. Eine Gleichsetzung mit Kollektivsiedlungen im ehemaligen Realsozialismus in Osteuropa oder in heute noch existierenden realsozialistischen Staaten wie Nordkorea ist jedoch irreführend, da z. B. Kolchosen in der Sowjetunion fast immer auf staatlichem Zwang basierten.

Unterscheiden lassen sich generell säkulare Kibbuzim, die die jüdischen religiösen Traditionen nicht so streng sehen, und religiöse Kibbuzim, die in verschiedenen Richtungen die religiösen Traditionen pflegen und für ihre Mitglieder als verbindlich betrachten. Gleichwohl wurden in allen Kibbuzim die traditionellen jüdischen Feste begangen.

Die Ideen der Kibbuzgründer waren sozialistisch und zionistisch geprägt. Diese Ausrichtung hatte vor allem zwei Gründe: die Erfahrung der Unterdrückung (Antisemitismus, Pogrome) in der Diaspora, welche die neu zugewanderte Gründergeneration mit nach Israel brachte die Ablehnung der patriarchalischen Gesellschaft des Schtetl

Diese beiden Gründe waren für die Kibbuzgründer entscheidend. Sie wollten einen jüdischen Arbeiterstaat auf eigenem Boden aufbauen. Geschaffen werden sollte eine klassenlose Gesellschaft mit der Betonung auf Gleichheit und Gemeinschaft nach dem Zitat von Karl Marx: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!“Karl Marx: Kritik des Gothaer Programms. In: MEW, Bd. 19, S. 13–32, hier: S. 21 (Online).

Geschichtliche Entwicklung des Kibbuz Die ersten Kibbuzim Als erster Kibbuz wurde Degania am 28. Oktober 1910Mordecai Naor: Eretz Israel. Könemann, Köln 1998, ISBN 3-89508-594-4, S. 51. von einer zionistischen Gruppe aus Belarus gegründet. Degania A, der Stammsitz, liegt am Südende des Sees Genezareth, bald darauf folgten weitere Kibbuzim (vgl. Tabelle unten). Der Begriff wurde von Jehuda Jaʿari geprägt, einem aus Tarnobrzeg in Galizien stammenden jüdischen Dichter.

Die Kibbuzim spielten eine entscheidende Rolle bei der jüdischen Besiedlung Israels. Ein Vorteil der Kibbuzim bestand vor allem in der Anfangszeit darin, dass (Wehr-)Siedlungen in bisher kaum erschlossenen Gegenden leichter gegründet werden konnten (unter Umständen auch gegen den Willen von in umliegenden Dörfern wohnenden Arabern) als in dichter besiedelten Landesteilen. Das Land, auf dem die Kibbuzim gegründet wurden, befand sich im Regelfall im Besitz des Jüdischen Nationalfonds.

Es gab auch in Europa, sogar in Deutschland, Siedlungen in der Form eines Kibbuz, um im Rahmen der Hachschara auf ein Leben in Palästina, dem späteren Israel, vorzubereiten.

Dabei ist meist nicht bekannt, dass die sozialistischen Gründer des ersten Kibbuz damit keine Radikalisierung ihrer Gesinnung durchmachten, sondern eine – leichte – „Verbürgerlichung“, da sie zuvor oft als Arbeitsbrigade durch Palästina gezogen waren, z. B. Straßen bauten, und dabei selbst feste Wohnsitze und jedweden Besitz (auch den einer Gruppe) ablehnten, weil dies wieder bürgerliche Abhängigkeiten schaffe und die revolutionäre Dynamik behindere: „Die Anfänge der Kibbutz-Bewegung waren eher anarchistisch.“Michael Wolffsohn, Douglas Bokovoy: Israel. Geschichte, Politik, Gesellschaft, Wirtschaft. 4. Auflage. Opladen 1995, ISBN 3-8100-1310-2, S. 344.

Trotzdem war in den ersten Jahrzehnten der Lebensalltag der Kibbuzmitglieder, der Chawerim, stark von sozialistischen Lebensprinzipien geprägt. Entscheidungen wurden in der Mitgliederversammlung basisdemokratisch getroffen. Die einzelnen Chawerim besaßen kein Eigentum, sondern sie brachten ihre Arbeitsleistung unentgeltlich für das Kollektiv ein. Im Gegenzug stellte der Kibbuz Wohnung, Kleidung, Verpflegung und medizinische Versorgung zur Verfügung. Die Gleichberechtigung umfasste auch eine Rotation in allen wichtigen Ämtern und bei der Besetzung der Arbeitsplätze.

Die Gleichberechtigung sollte auch für Frauen gelten. Deswegen wurden innerhalb des Kibbuz viele hauswirtschaftliche Aufgaben als Dienstleistungen angeboten. Es bestanden zentrale Wäschereien, Schneidereien sowie ein gemeinsamer Speisesaal (); der Speisesaal war zugleich Kristallisationspunkt des gemeinschaftlichen Lebens, sowohl beim Essen als auch bei Festen und Versammlungen.

In den Kibbuzim war die patriarchalische Kleinfamilie aufgelöst und die Kindererziehung ebenfalls zentralisiert. Die Kinder wurden je nach Kibbuz schon von Geburt an in einem eigenen Kinderhaus mit Gleichaltrigen erzogen, die Geschwister lebten also jeweils in einer anderen Kindergruppe. Jede Gruppe wurde von einer eigenen Erzieherin, der sogenannten Metapelet (Mehrzahl: Metaplot), geleitet. Durch den Kontakt zu mehreren Metaplot und den täglich nur kurzzeitigen Kontakt zu den Eltern waren die jungen Kibbuzniks stark auf ihre Altersgruppe fixiert. Nach einem bestimmten Zeitraum – etwa einem Jahr – erfolgte ein Wechsel zu einer anderen Metapelet. Trotz der Erziehung außerhalb der traditionellen Familienstrukturen war Hospitalismus unbekannt, eine gesunde Persönlichkeitsbildung üblich.Benjamin Beit-Hallahmi: Kollektiverziehung und Persönlichkeitsentwicklung: Ergebnisse des Kibbutz-Experiments. In: Werner Fölling, Maria Fölling-Albers (Hrsg.): Leben im Kibbutz. Gießen 2002, S. 41–55. Die strenge Orientierung auf die Erziehung im Kinderhaus löste sich in den folgenden Jahrzehnten langsam in Richtung Kindergarten bzw. Kindertagesheimen auf.

Entwicklung nach der Staatsgründung (1948–1999) Zur Zeit der Gründung des Staates Israel im Jahr 1948 kam es zu einer Welle von Neugründungen (vgl. Tabelle). Gleichzeitig verloren die Kibbuzim, die in den 1930er Jahren teils als Turm-und-Palisaden-Siedlungen errichtet worden waren, zentrale Aufgaben der Anfangszeit im Bereich von Besiedlung und Verteidigung, die an den neu gegründeten Staat übergingen. Die ersten Jahrzehnte nach der Staatsgründung gelten als die Glanzzeit der Kibbuzbewegung, obwohl nie mehr als sechs Prozent der Juden des Landes in Kibbuzim lebten. Trotzdem war ein Leben in einem Kibbuz lange Zeit Inbegriff mustergültiger Lebensgestaltung. Einen Eindruck vom Alltag des Lebens in den Kibbuzim Ende der 1950er Jahre vermittelt das Radio-Feature „In Frieden leben“ – Ein Reisetagebuch aus Israel von Ernst Schnabel.Ernst Schnabel: „In Frieden leben“ – Ein Reisetagebuch aus Israel, NDR 1960, Teil 2 (81 Minuten), abgerufen bei ARD Retro am 26. Juni 2025.

So hatten Kibbuzniks durch ihre Siedlungen die Grenzen des künftigen Staates bestimmt. Sie nahmen Flüchtlinge aus Europa, Asien und Nordafrika auf, die sie erfolgreich in die Gesellschaft integrierten. Sie galten als eine kleine, einflussreiche Elite, die in der Knesset, Regierung und Armee dominierte.

Das öffentliche Bild begann zu bröckeln, als sich die Kassen leerten. Als 1977 der Likud erstmals die Arbeitspartei an der Regierung ablöste, wurden die Subventionen gekürzt. Zudem brachten die Wirtschaftskrise und die Inflation in den 1980er Jahren viele Kibbuzim in arge finanzielle Bedrängnis, Misswirtschaft trieb manche in den endgültigen Ruin.

Noch umfassender waren die Veränderungen der folgenden Jahrzehnte: Die Rolle der Familie wurde wichtiger; das Kollektivbewusstsein nahm ab. Eine wichtige Konsequenz war die weitgehende Abschaffung der Kinderhäuser (die Frauen übernahmen gleichzeitig wieder eine traditionelle Frauen- und Mutterrolle). Eine weitere Folge war eine zunehmende Desintegration des Kibbuz. Es begann eine Privatisierung in „kleinen Dosen“. Durch zunehmende wirtschaftliche Probleme waren viele Kibbuzim darauf angewiesen, neue Geschäftsfelder (vor allem in der Industrie und im Tourismus) zu erschließen. Auf manchem Gelände stehen Einkaufszentren, werden Hotels betrieben und zahlende „Mieter“ zugelassen, die keine Kibbuzmitglieder sind. Andere Kibbuzim beschäftigen in ihren Fabriken oder auf ihren Plantagen zu Niedriglöhnen Gastarbeiter aus dem Fernen Osten. Im Vergleich zum privaten marktwirtschaftlichen Umfeld verlor der Kibbuz an Attraktivität. Die Israelis sind individualistischer, konsum- und profitorientierter geworden. Ein asketischer Lebensstil genügte nicht mehr.