Die Hephthaliten waren ein spätantiker Stammesverband mit unklarem, womöglich überwiegend indogermanischem Ursprung,Mirella Ferrera: People of the World. Vercelli 2003; Upendra Thakur: The Hunas (Huns) in India. Varanasi 1967; Denzil Ibbetson: Punjab Castes. Lahore 1916. der um die Mitte des 5. Jahrhunderts ein Reich in Zentralasien begründete, das bis etwa 560 bestand. Als Alternativbezeichnungen sind aus dem Chinesischen „Yèdá“, aus dem Mittelpersischen „Heftal“ und aus dem Arabischen „Haital“ (andere Namensformen: Hayātela bzw. Hayātila) bekannt. In spätantiken griechischen Quellen ist meist von Ephthalitai, seltener Hephthalitai, die Rede.

mini|Hephthaliten-Reich, um 500 n. Chr. Eine insbesondere in griechischen Quellen gebräuchliche Alternativbezeichnung des Volkes lautet „Weiße Hunnen“, obwohl sie mit den um 375 nach Westen vorstoßenden europäischen „Hunnen“ nach Ansicht der modernen Forschung in keiner direkten Beziehung standen. Die Römer (bzw. Oströmer/Byzantiner) nannten sie dennoch „Hunnen“, so etwa der oströmische Geschichtsschreiber Prokopios von Caesarea, wobei diese Bezeichnung aber wahrscheinlich nicht zur ethnischen Definition diente.Vgl. etwa Timo Stickler: Die Hunnen. München 2007, S. 26ff. Ob sich die Hephthaliten selbst als Hunnen begriffen, ist unklar. Die Inder verwendeten ebenfalls den Begriff (Sveta) Hunas, wobei hier jedoch nicht sicher ist, ob damit die Hephthaliten oder (was oft als wahrscheinlicher betrachtet wird) eine andere Gruppe gemeint ist, die sogenannten Alchon. Die moderne Forschung trennt zudem zwischen den europäischen und den sogenannten iranischen Hunnen; der Begriff iranische Hunnen geht auf die numismatischen Forschungen Robert Göbls zurück.Robert Göbl: Dokumente zur Geschichte der iranischen Hunnen in Baktrien und Indien. 4 Bände. Wiesbaden 1967.

Name Der Volksname Hephthaliten stammt vom aus dem Persischen abgeleiteten Wörtern Hayatheliten bzw. Heftal ab. Möglicherweise kennzeichnet der Name aber eher eine Dynastie, deren „Staatsvolk“ sich aus mittelasiatischen (Hunnen?) wie auch indogermanischen Stammesgruppen (Chioniten, Varhunni, Tocharer, Sogdier u. a.) rekrutierte und daher nomadische wie sesshafte Elemente beinhaltete. Die chinesische Bezeichnung der Hephthaliten (, mittelchinesische Aussprache etwa [ʔjɛpdɑt] bzw. [ʔjɛmdɑt]) kommt in der (archaischen) koreanischen Aussprache Yeoptal () dem griechischen Begriff Ephthalitai recht nahe.

Herkunft 300px|mini|Münze (Drachme) des späten Hephthaliten-Königs Napki Malka mit geflügeltem Stierkopf und Schriftzug in Pahlawi: NYCKY MALKA. Auf der Rückseite zoroastrischer Feueraltar mit stilisierten Wächtern und Sonnenrad (links oben). Afghanistan, 6. Jahrhundert

Die ethnische und sprachliche Herkunft der Hephthaliten ist nicht ausreichend erforscht. Die derzeit gängige Lehrmeinung geht davon aus, dass die Hephthaliten zumindest in ihren bestimmenden Teilen recht eng mit den Tocharern und/oder Iranern verwandt waren. Aber auch ein Anteil turkomongolischer und hunnischer Einflüsse, etwa aus dem Altai-Gebiet und Zentralasien, kann ihnen zugerechnet werden. Sicher ist, dass ein starkes iranisches Element bei den Hephthaliten erkennbar ist, was verwendete Verwaltungssprache (Baktrische Sprache), Titel (ebenfalls baktrischen Ursprungs), Mythologie (auf Münzen erkennbar) und überlieferte Namen deutlich machen.Vgl. Boris A. Litvinsky: The Hephthalite Empire. In: Boris A. Litvinsky (Hrsg.): The crossroads of civilizations. A.D. 250 to 750. Paris 1996, hier S. 135; so auch Robert Werner, der von der Unterwerfung einer Reihe türkischer Stämme durch die iranischen Hephtaliten ausgeht, darunter die Hua oder War, ein hunnischer Stamm. Robert Werner: Das früheste Auftreten des Hunnennamens Yüe-či und Hephthaliten. In: Jahrbücher für die Geschichte Osteuropas, Neue Folge, Bd. 15, 1967, S. 487–558, hier: S. 547 f.

Es ist zwischen den Hunnen, die um 375 nach Osteuropa einbrachen, und den „hunnischen Stämmen“ im spätantiken Zentralasien, die an der Nordostgrenze des Sassanidenreichs agierten (siehe Iranische Hunnen), zu unterscheiden, zumal beide Gruppen wahrscheinlich nicht verwandt waren. Der Name Hunnen (in den verschiedenen Namensformen in lateinischer, griechischer und mittelpersischer Sprache) wird in den verschiedenen Quellen oft eher allgemein gebraucht: Er diente wohl als „Prestige- und Übertragungsname“, der verschiedene Gruppen bezeichnen konnte, so dass Hunnen keine genaue ethnische Bezeichnung darstellte.Vgl. Walter Pohl: Die Völkerwanderung. 2. Aufl. Stuttgart 2005, S. 104–106; Timo Stickler: Die Hunnen. München 2007, S. 24–26.

Der spätantike griechische Historiker Prokopios von Caesarea erwähnt die Hephthaliten um 550 n. Chr. als einen Teilstamm der Hunnen. Er bemerkt aber zugleich, dass sie sich stark von den restlichen Hunnen unterschieden. So hatten sie ihm zufolge wie die Perser und Baktrer ein „orientalisches“ Aussehen. Sie pflegten wohl auch deutlich andere Traditionen und Lebensweisen als die (den spätantiken Historikern eher vertrauten) „europäischen“ Hunnenstämme. Sie lebten demnach in einem reichen Gebiet, in dem die nomadischen Hunnen nicht lebten, und waren selbst keine Nomaden, sondern besaßen Städte. Sie hatten einen König und pflegten gute Kontakte zu ihren Nachbarstaaten. Auch verfügten sie, so Prokopios weiter, über eine gut regulierte Rechtsordnung und waren vergleichsweise gut organisiert. Prokopios beschreibt aber anschließend auch, dass sie ihre angesehenen Toten (gemeinsam mit deren Gefolgsleuten) in Tumuli begraben hätten.Prokopios: Historien I 3,2-7.

Hephthaliten werden von den chinesischen Chroniken (im Zuge des häufigen Gesandtschaftwechsels mit den Nördlichen Wei) zu den überwiegend indogermanischen Yüe-tschi gestellt. Ursprünglich nannten die Chinesen die Hephtaliten Hua, Hoa und Hoa-tun. Womöglich übernahmen alle Stämme später den Namen des führenden Stammes, Ye-tha-i-li-to. Vieles deutet darauf hin, dass die Hephthaliten (ganz ähnlich wie viele andere Gruppen der Völkerwanderungszeit) im Zuge einer Ethnogenese aus Mitgliedern ganz verschiedener Völkerschaften entstanden, zu denen sowohl hunnische als auch türkische, mongolische und indoeuropäische Elemente gezählt haben dürften. Konkrete Aussagen sind aber kaum möglich.

Laut Richard Nelson Frye waren einige Gruppen der Hephthaliten womöglich prominente Stämme der Chioniten. So schreibt er:

Geschichte Aufstieg Die Hephthaliten traten gesichert in der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts als eine neue Invasionswelle im nordöstlichen iranischen Grenzraum auf. Es wurde teils angenommen, dass etwa der Perserkönig Bahram V. (421–438 n. Chr.) bereits gegen sie gekämpft und gesiegt hat, so dass für das erste Auftreten der Hephthaliten recht häufig die Zeit um 425 angenommen wurde. Eine genaue Identifizierung der von Bahram geschlagenen Invasoren ist jedoch sehr problematisch, da die wenigen Quellen diesbezüglich keine konkreten Aussagen machen und die Chronologie der Ereignisse nur schwer rekonstruierbar ist.Vgl. Daniel T. Potts: Nomadism in Iran. From Antiquity to the Modern Era. Oxford u. a. 2014, S. 133ff. Es ist aber eher anzunehmen, dass Bahram V. noch gegen die Chioniten oder gegen die Kidariten gekämpft hat.Vgl. Daniel T. Potts: Nomadism in Iran. From Antiquity to the Modern Era. Oxford u. a. 2014, S. 134f.; Nikolaus Schindel: Wahram V. In: Nikolaus Schindel (Hrsg.): Sylloge Nummorum Sasanidarum. Bd. 3/1. Wien 2004, S. 365f. Die Hephthaliten traten sehr wahrscheinlich erst später in Erscheinung, etwa nach der Mitte des 5. Jahrhunderts, da noch Peroz I. in den 460er Jahren gegen Kidariten und wohl erst in den 470er Jahren gegen die Hephthaliten kämpfte. Kidariten und Hephthaliten gehören zusammen mit den Alchon und den Nezak zur Gruppe der (seit den Forschungen des Numismatikers Robert Göbl) sogenannten „iranischen Hunnen“. Allerdings ist diese (rein numismatische) Kategorisierung Göbls durchaus modifizierbar, da er die schriftlichen Quellen außen vor ließ und etwa die erwähnten Chioniten bei ihm nicht vorkommen.Vgl. dazu Stickler, Die Hunnen, S. 29ff.

Die Hephthaliten jedenfalls führten mehrmals Krieg gegen das Sassanidenreich, wobei der erwähnte sassanidische König Peroz I. 484 von ihnen getötet wurde, was in den schriftlichen Quellen einen starken Widerhall fand. Ein Zentrum ihres Reiches soll die Stadt Gorgo gewesen sein; anderen Quellen zufolge gehörte Gorgo hingegen zum Perserreich. Einige Zeit später folgte die Einmischung in die sassanidischen Thronstreitigkeiten (498/99), wobei der Sassanidenkönig Kavadh I. mit ihrer Hilfe wieder auf den Thron gelangte. Zu dieser Zeit wurde das Sassanidenreich sogar tributpflichtig und die Hephthaliten stellten eine permanente Bedrohung für die Nordostgrenze Persiens dar. Diese Gefahr dauerte bis in die Regierungszeit Chosraus I. (reg. 531–579) an, als die Hephthaliten vernichtend geschlagen wurden (siehe unten). Dieser ewige Krieg zwischen Persien und den Hephthaliten bildet die bedeutende Hintergrundgeschichte des persischen Königsbuchs „Schāhnāme“, des Lebenswerks des Dichters Firdausi.

Die „Huna(s)“ in Indien

Nach der Vernichtung der Kidariten verlagerte sich im frühen 6. Jahrhundert der Interessenschwerpunkt einiger Gruppen der iranischen Hunnen nach Indien. Dabei ist jedoch unklar, inwiefern die Hephthaliten in Transoxanien mit denen in Verbindung stehen, die die Invasion Nordindiens unternahmen, zumal die indischen Quellen nicht streng zwischen den Hephthaliten und anderen Gruppen unterschieden; beide wurden schlicht als Huna(s) bezeichnet.Upendra Thakur: The Hunas in India. Varanasi 1967.

In der neueren Forschung wird davon ausgegangen, dass die bei Prokopios erwähnten „eigentlichen Hephthaliten“ nicht gleichzusetzen sind mit den nach Indien vordringenden Gruppen. Bei diesen „hunnischen“ Angreifern (Hunas) handelte es sich wahrscheinlich vielmehr um die sogenannte Alchon-Gruppe, die zweite Welle der iranischen Hunnen.Matthias Pfisterer: Hunnen in Indien. Die Münzen der Kidariten und Alchan aus dem Bernischen Historischen Museum und der Sammlung Jean-Pierre Righetti. Wien 2014. Sie herrschten ursprünglich im Raum des heutigen Kabul und verlagerten ihren Herrschaftsbereich zu Beginn des 6. Jahrhunderts nach Indien.Michael Alram: Die Geschichte Ostirans von den Griechenkönigen in Baktrien und Indien bis zu den iranischen Hunnen (250 v. Chr.–700 n. Chr.). In: Wilfried Seipel (Hrsg.): Weihrauch und Seide. Alte Kulturen an der Seidenstraße. Wien 1996, ISBN 3-900325-53-7, S. 119–140, hier S. 138.

Diese Hunas (eben die besagte Alchon-Gruppe) griffen bereits im 5. Jahrhundert das Gupta-Reich in Nordindien an, wurden aber zunächst von Kumaragupta I. zurückgeschlagen. Unter Toramana siegten die Hunas jedoch 510 bei Eran (Madhya Pradesh): Der Gupta-Thronanwärter Bhanugupta (reg. ca. 503–530) wurde geschlagen, sein General Goparaja fiel in der Schlacht. Die indischen, chinesischen und einige westliche Quellen (wie Kosmas Indikopleustes) bieten dazu eine übereinstimmende Schilderung von Grausamkeit und Unterdrückung. Bhanugupta zog sich nach Bengalen zurück.

Nach Toramanas überraschendem Tod in Benares folgte ihm um 515 sein Sohn Mihirakula, der hier ein Reich zwischen Persien, Khotan in Zentralasien und vermutlich einem Teil der Gangesebene mit der Hauptstadt Sakala (Sialkot) regierte. Erst 528 erlitt Mihirakula eine Niederlage gegen den indischen Teilfürsten Yashodharman von Malwa und geriet angeblich kurzzeitig in Gefangenschaft der Gupta. Nach diesen Rückschlägen musste er sich nach Kaschmir zurückziehen, wo er sich mit Elefantenjagden und Buddhistenverfolgungen befasste und wenige Jahre später starb. Der letzte indische „Hunnenherrscher“ scheint vor 600 verstorben zu sein.

Der Untergang der Hephthaliten