Korsisch (Korsisch corsu, Galluresisch cossu oder cossicanu) ist das ursprüngliche, von den Bewohnern der Mittelmeerinsel Korsika gesprochene romanische Idiom, das hier seit dem 19. Jahrhundert in Konkurrenz zum Französischen steht. Sprachsystematisch gehört es zur Gruppe der italoromanischen Sprachen oder Dialekte und ist eng mit dem toskanischen Italienisch verwandt.

Galluresisch und Sassaresisch sind – obwohl auf der anderen Seite der Straße von Bonifacio, auf Sardinien, gesprochen – als südliche Varietäten des Korsischen und nicht als Dialekt des Sardischen anzusehen.Georg Bossong: Die romanischen Sprachen. Eine vergleichende Einführung. Buske, Hamburg 2008, ISBN 978-3-87548-518-9, S. 203, 226. Es sind gleichsam Ableger des Korsischen im Norden der Nachbarinsel.

Status und Klassifikation In Frankreich hat Korsisch den Status einer anerkannten Regionalsprache und kann auf der Insel Korsika – muss aber nicht – als Schulfach unterrichtet sowie als Verwaltungssprache verwendet werden. So sind auf der ganzen Insel nahezu alle Ortsschilder und Wegweiser zweisprachig. Die Verwendung des Korsischen als Schriftsprache ist jedoch gering. Hier dominiert das Französische, das die einzige Amtssprache der Insel ist. An der Universität von Corti ist Korsisch obligatorisches Nebenfach in sämtlichen Studienrichtungen; zudem kann dort Korsische Sprache und Kultur als Bachelor- und Masterstudiengang belegt werden.

Im Norden Sardiniens sind Varietäten des Korsischen, Sassaresisch und Galluresisch, von der Regionalregierung anerkannt. Auch hier gibt es zum Teil zweisprachige Ortsbeschilderung.

Sprache oder Dialekt? Nach linguistischen Kriterien muss das Korsische nicht zwingend als eigenständige Sprache gelten, da es eng mit den mittelitalienischen Dialekten verwandt und mit ihnen weitgehend gegenseitig verständlich ist. Es steht dem Toskanischen wesentlich näher als etwa das Toskanische den galloitalischen und süditalienischen Dialekten. Dennoch hat sich der Begriff der „lingua corsa“ („korsische Sprache“) durchgesetzt.Georg Bossong: Die romanischen Sprachen: Eine vergleichende Einführung. Buske, Hamburg 2008, (S. 22?).

Die Nähe zum Toskanischen erklärt sich aus der Jahrhunderte währenden Präsenz von Pisanern und Genuesen, die bis ins 13. bzw. 18. Jahrhundert über die Insel herrschten und die toskanische Schriftsprache verwendeten. Somit diente toskanisches Italienisch der korsischen Volkssprache als Dachsprache und beeinflusste sie nachhaltig. In den Küstenstädten Calvi, Ajaccio und Bonifacio sind zudem ligurische Einflüsse feststellbar, die auf die Präsenz der ligurischen Umgangssprache in früheren Jahrhunderten zurückgehen (siehe die roten Punkte in der folgenden Karte).

Erst nach dem Anschluss Korsikas an Frankreich (1769) kam es zur Verschriftlichung des Korsischen, und die politische und kulturelle Lösung der Insel von Italien führte dazu, dass Besonderheiten des Korsischen in Wortschatz, Aussprache und Grammatik gegenüber dem Italienischen deutlich gemacht und verfestigt wurden. Diese Tendenz hebt das Korsische vom Begriff des Dialekts ab und führt es näher zu dem der Sprache, da das Vorhandensein einer normierten Schriftsprache als wesentliches Charakteristikum eigenständiger Sprachen gilt.

mini|300px|Übersicht der sprachlichen Zonen auf Korsika. Diese wie die folgende Karte gliedern den Sprachraum des Korsischen insbesondere in einen nordkorsischen und einen südkorsischen Bereich; dazwischen liegt eine Übergangszone (hier türkisblau, auf der unteren Karte mittelgrün). In Rot: ligurisch geprägte Dialekte mini|300px|Verbreitungsgebiet und Varietäten des Korsischen auf Korsika und Sardinien Korsisch lässt sich bezüglich der Problematik der Anerkennung als eigenständige Sprache in gewissem Maße mit dem Maltesischen vergleichen, das ursprünglich ein Dialekt des Arabischen war. Auch hier fand die Verschriftlichung in Distanz zur Hochsprache statt, es wurde sogar ein anderes Schriftsystem gewählt (die lateinische Schrift); doch besteht zwischen Maltesisch und den ihm verwandten arabischen Dialekten des Maghrebs – anders als zwischen Korsisch und Mittelitalienisch – heute kaum noch gegenseitige Verständlichkeit.Dies liegt einerseits am Verblassen zahlreicher typisch semitischer Laute, deren Klang sich im Maltesischen gleichsam europäisiert hat, sodass bestimmte emphatische und nicht emphatische Konsonanten heute gleich klingen und Gutturale verstummt oder im Vergleich zum Arabischen abgeschwächt sind. Andererseits weist das Maltesische einen hohen Anteil italienischer Lehnwörter auf, die den arabischen Dialekten Nordafrikas unbekannt sind. Auch ein Vergleich des Korsischen mit dem Portugiesischen bietet sich an, das sich aus dem Galizischen entwickelte und davon als eigenständige Sprache emanzipiert hat. Als „Kompromiss“ in der Statusfrage kann Korsisch in seiner heutigen Form, wenn nicht als eigenständige Sprache, so mindestens als Kulturdialekt oder Ausbausprache bezeichnet werden. Hier ähnelt es dem Luxemburgischen. Ein problematischer Mangel des Korsischen im Vergleich zu den genannten Beispielen ist, dass es in Schule, Verwaltung und Alltag der Korsen kaum als Schriftsprache und oft nicht einmal mündlich verwendet wird, da die Mehrheit der korsischen Bevölkerung heute kein Korsisch beherrscht.

Die Abweichungen zwischen den zwei nebenstehenden Karten, auf denen regionale Varianten unterschiedlich zusammengefasst und bezeichnet werden, verdeutlichen verschiedene Kategorisierungsversuche, die innerhalb der politisch-historischen und der linguistischen Diskussion unternommen wurden.Vgl. etwa Hildegard Klöden Lingua nustrale: Überlegungen zur Situation des Korsischen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, in apropos, Perspektiven auf die Romania, Hamburg 2021, 6, , S. 186–189, https://journals.sub.uni-hamburg.de/apropos/article/view/1686, Zugriff am 16. März 2022.Der latente Widerspruch zwischen diachroner und synchroner Betrachtungsweise, wie er sich aus der Rekonstruktion heute nur noch teilweise bestehender Sprachgemeinschaften ergibt, ist dabei mit ursächlich. Die unterschiedliche Gewichtung einzelner sprachlicher Phänomene (welche Isoglosse ist wie wichtig?) und der Einfluss von Eigenbezeichnungen der Sprecher führen zu voneinander abweichenden Einschätzungen.

Verwandtschaft, Varietäten und Sprachvergleich 260px|mini|Wegweiser auf Korsika 130px|mini|Zweisprachiges Ortsschild im Norden Sardiniens: oben auf Italienisch, unten auf Galluresisch (Korsisch)

Zu der bereits beschriebenen starken sprachsystematischen Verbindung zum Toskanischen ist anzumerken, dass dies vor allem auf die nördlichen Dialekte Korsikas (corsu supranu oder cismuntincu genannt) zutrifft, während die im südlichen Korsika gesprochenen (corsu suttanu oder pumuntincu) besonders eng mit den im nördlichen Sardinien verbreiteten Mundarten Galluresisch (gadduresu) und Sassaresisch (sassaresu) verwandt sind. Man spricht bezüglich der südlichen Ausläufer des Korsischen auch von sardisch-korsischen Übergangsdialekten.

Ähnlichkeiten weist die Sprache Korsikas auch mit dem Sizilianischen und dem Römischen auf. Durch die vielen u- sowie regional auftretende Zischlaute entstehen klangliche Gemeinsamkeiten mit dem (europäischen) Portugiesischen. Nasallaute verstärken diesen Eindruck und erinnern zugleich an das Französische. Allgemein lässt sich sagen, dass Korsisch gegenüber Standarditalienisch einen dunkleren Klang aufweist, sich andererseits aber melodischer, weicher anhört. Der korsische Wortschatz steht dem Italienischen äußerst nahe, während eine Reihe von Wörtern eher französisch anmuten bzw. dem Französischen entlehnt sind. Auch Mischformen von Korsisch und Französisch, das für Mundartsprecher nicht untypische Schwanken zwischen lokalem Dialekt und Hochsprache, kommen im Alltag vor.

Beispiele korsischer Wörter im Sprachvergleich:

Französisch Korsisch Galluresisch Sassaresisch Italienisch Latein Deutschvoilàeccueccuaccòeccoeccehier/da istdangerperìculupirìculupirìgurupericolopericulumGefahrrivièrefiumeriuriufiume oder rioflumenFlussgaregara von fr. garestazioniisthazionistazionestatioBahnhofvoiturevitturamàcchinamàcchinamacchina oder vetturacarrusAutotravaillertravagliàtrabaddàtrabagliàlavorarelaborarearbeitenregarderfidïàfigghjulàfiggiuràguardarespectareschauenfromagecasgiucàsgiucàsgiuformaggio oder caciocaseusKäseplagemarinaspiagghjaippiàggiaspiaggia oder marinalitusStrandarriverghjunghjeghjugnìgiugnìarrivare oder giungereadvenireankommenprendrepigliàpiddàpigliàprendere oder pigliareprenderenehmen garçonzitellu, ziteddusteddupizzinnuragazzopuerJunge

Hier ein paar Hörbeispiele aus den verschiedenen Dialektzonen des (Sardo-)Korsischen:

Dialektzone Hörbeispiel ausNordkorsika (Cismuntincu) BastiaÜbergangszone Nord-/Südkorsika (Corsu di transizione) Ajaccio (Aghjacciu)Südkorsika (Pumuntincu) Bastelica (Bastélica)Südkorsika (Pumuntincu) Zicavo (Zìcavu)Südkorsika (Pumuntincu) Aullène (Auddè)Südkorsika (Pumuntincu) Sainte-Lucie-de-Tallano (Santa Lucìa d’Attallà)Nordostsardinien (Gadduresu) Gallura (Gaddura)Nordwestsardinien (Sassaresu) Sassari

Geschichte 300px|mini|Ausbreitung des lateinischen Sprachraums (rot). Die Farbtöne geben die Dauer der römischen Herrschaft in Jahren an (dunkelrot ca. 500, mittelrot 400–500, hellrot ca. 350, blassrot weniger als 190). In schwarzen Lettern: Namen von aus Latein entstandenen Volkssprachen (Provenzalisch steht hier für Okzitanisch). Rechts die griechischsprachigen römischen Provinzen, im Norden germanische Gebiete. Dunkellila gestreift: Rumänisch im 20. Jahrhundert

mini|400px|Einteilung des romanischen Sprachraums in Europa und Nordafrika nach Walther von Wartburg (1950): Westromania in Dunkelgrün (Galizisch-Portugiesisch, Spanisch, Katalanisch, Okzitanisch, Französisch, Galloitalisch, Rätoromanisch); Ostromania in Hellgrün (Italienisch, Korsisch, Rumänisch); im Mittelalter untergegangene Bereiche in Schwarz; in der Mitte, gestreift, Südromanisch (Sardisch). Die sogenannte Spezia-Rimini-Linie (rot) in Mittelitalien teilt zwischen west- und ostromanischen Dialekten

Die italienische Periode Die sich nur allmählich durchsetzende Latinität Korsikas schloss auf der Basis des gemeinsamen vorrömischen (u. a. libyschen, phönizischen, etruskischen) Substrats die Inseln Korsika und Sardinien zu einem Sprachgebiet zusammen und orientierte Korsika nach Mittel- und Süditalien. Die sprachliche Einheit mit der Nachbarinsel Sardinien zerbrach ab dem 9. Jahrhundert, als beide Inseln unter unterschiedlichen politischen Einfluss gerieten. Korsika ging zunächst in den Machtbereich des Markgrafentums der Toskana ein (ab 828); 1077 folgte die Herrschaft der Pisaner. Nach der Seeschlacht bei Meloria (1284) verlor Pisa die Insel an die Republik Genua. Die sprachliche „Toskanisierung“ Korsikas hielt während der genuesischen Periode (1284–1768) an, da Genua die toskanisch basierte Schriftsprache verwendete. In dieser Zeit wurde das Korsische als Dialekt (dialetto) angesehen, der zur mündlichen Alltagskommunikation verwendet wurde, während das Hochitalienische als Schriftsprache diente.

Seit dem Erwerb Korsikas durch Frankreich Nachdem Korsika im Jahr 1768 von der Republik Genua an Frankreich verkauft worden war, begann die kulturelle und sprachliche Französisierung der Insel. Das Korsische verlor – sprachwissenschaftlich gesehen – seine „Überdachung“ durch das Italienische,Georg Bossong: Die romanischen Sprachen. Eine vergleichende Einführung. Buske, Hamburg 2008, ISBN 978-3-87548-518-9, S. 197–198. neue Dachsprache des Korsischen wurde das Französische.