Die Geschichte Bulgariens umfasst die Entwicklungen auf dem Gebiet der Republik Bulgarien sowie historischer bulgarischer Reiche und Siedlungsgebiete von der Urgeschichte bis zur Gegenwart.

Auf dem Gebiet des heutigen Bulgariens befinden sich die bislang frühesten Belege für die Anwesenheit des Menschen (Homo sapiens) in Europa und mit der neolithischen Karanowo-Kultur, die bis ins Jahr 6500 v. Chr. zurückreicht, eine der frühesten Siedlungen des Kontinents. Im 6. bis 3. Jahrhundert v. Chr. geriet die Region ins Spannungsfeld der Thraker, Perser, Kelten und Griechen. Stabilität kam, als es dem Römischen Reich im Jahr 45 n. Chr. gelang, die Region zu erobern. Mit dem Niedergang und der Aufteilung des Reiches begannen in der Region erneut Invasionen unterschiedlicher Gruppen.

Vor der Staatsgründung mini|Thrakische Kunst: Rhyton aus dem Goldschatz von Panagjurischte (4./3. Jahrhundert v. Chr.)

Vorgeschichte und Antike Das Gebiet des heutigen Bulgariens ist bereits seit der Steinzeit besiedelt (Beispiel: Karanowo-Kultur). Ein 1972 im Gräberfeld von Warna gefundener Goldschatz wird auf die Zeit zwischen 4600 und 4200 v. Chr. datiert und gilt damit als älteste derartige Ausgrabung weltweit. Die in der Bronzezeit dort lebenden Thraker wurden bereits von Homer erwähnt. Außerdem besiedelten Makedonier das Gebiet. Vom 11. bis 6. Jahrhundert v. Chr. bestand ein erstes thrakisches Staatsgebilde, welches im 7. Jahrhundert v. Chr. seine Blüte erlebte.

29 v. Chr. wurde die Region von Rom erobert, wobei sich die Provinzen Macedonia, Thrakien, Moesia und Dacia auf dem Gebiet des heutigen Bulgarien erstreckten. Die Thraker wurden romanisiert und nach der Teilung des Römischen Reichs verblieben sie im 5. Jahrhundert bei Byzanz. Nach der slawischen Besiedlung der Balkanhalbinsel ab dem 7. Jahrhundert (Landnahme der Slawen auf dem Balkan) verschmolz die verbliebene romanische und griechische Bevölkerung (siehe dazu auch den Artikel Jireček-Linie) allmählich mit den Neuankömmlingen. Übrig blieben vereinzelte Gruppen von romanischsprachigen Walachen (Rumänen im Nord-Westen und Aromunen im Süden) und Griechen (entlang der Schwarzmeerküste).

Ab Ende des 4. Jahrhunderts begann die Völkerwanderung mit einer Bewegung der Stämme und Völker von Ost nach West und von Nord nach Süd – mit Richtung auf die großen kulturellen Zentren der Alten Welt. Das spätantike Römische Reich durchlebte eine Krise, als fremde Kriegergruppen in die römische Provinzen eindrangen, besonders in die römischen Provinzen auf dem Balkan. Die Grenze (der Limes) verschob sich allmählich von der Donau bis an die Hänge des Balkangebirges. Goten, Gepiden, Karpen, Sarmaten, Alanen, Hunnen und andere Völker durchquerten das Gebiet des heutigen Bulgariens oder ließen sich dort lange nieder. So brachten sie auch ihre Tradition und Kultur mit in dieses Gebiet.

In der neueren Forschung sind viele Punkte hinsichtlich des UrsprungsZur umstrittenen Herkunft der Bulgaren siehe Daniel Ziemann: Vom Wandervolk zur Großmacht. Die Entstehung Bulgariens im frühen Mittelalter. Köln u. a. 2007, S. 32 ff. und der Entwicklung der Protobulgaren umstritten. Sie erscheinen Ende des 5. Jahrhunderts erstmals gesichert in den Quellen. Im Jahr 493 tauchen die ersten Bulgaren südlich der Donau auf.Rumen Ivanov, Gerda von Bülow: Obris Provinciarum. Thracia. Eine römische Provinz auf der Balkanhalbinsel. In: Zaberns Bildbände zur Archäologie, Sonderbände der antiken Welt. Philipp von Zabern, Mainz 2008, ISBN 978-3-8053-2974-3, S. 94–95. In der folgenden Zeit beteiligten sich die Bulgaren an Streif- und Plünderungszügen auf byzantinisches Territorium.

Großbulgarisches Reich mini|Das Großbulgarische Reich und seine Spaltung (6./7. Jahrhundert)

Das alte Großbulgarische Reich, wie es von byzantinischen Gelehrten genannt wurde (), entstand nach der Befreiung der bulgarischen Stämme von der Herrschaft der Kök-Türken um 632 als militärisches Völkerbündnis unter Khan Kubrat zwischen dem Fluss Kuban und dem Asowschen Meer. Im Jahr 635 schloss Kubrat einen Friedensvertrag mit dem byzantinischen Kaiser Herakleios. Um 654 teilte sich Großbulgarien in drei Teile, die Reiche der sogenannten Schwarzen, Weißen und Blauen (d. h. nördlichen, westlichen und östlichen) Bulgaren, auf.

Erstes Bulgarisches Reich

Entstehung des Ersten Bulgarischen Reichs In der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts kam es zum Zerfall des Großbulgarischen Reiches der Protobulgaren im Nordosten des Schwarzen Meers. Der älteste Sohn Kubrats, Khan Batbajan musste sich den Chasaren unterwerfen. Im Zuge des Krieges gegen die Chasaren zogen sich die Protobulgaren unter Khan Asparuch, dem dritten Sohn des Khans Kubrat, Richtung Südwesten zur Donau zurück und übertraten den Fluss an der Grenze zur inzwischen verwaisten oströmischen Provinz Moesia secunda. 679 erhoben sie Anspruch auf die Gebiete im Raum der Dobrudscha und ließen sich dort nieder. Die dort bis dahin staatenlos siedelnden Slawen wurden unterworfen und tributpflichtig gemacht. Außerdem sollten sie den Protobulgaren zukünftig Heerfolge gegen Ostrom leisten.Manfred Hellmann: Neue Kräfte in Osteuropa. In: Theodor Schieder (Hrsg.): Handbuch der europäischen Geschichte. Band 1, 4. Auflage. Klett-Cotta, Stuttgart 1996, ISBN 3-12-907530-5, S. 357–369; hier: S. 367. Wenig später erfolgte unter Khan Asparuch die Gründung eines großen Stammesverbandes, der im Nachhinein als Erstes Bulgarisches Reich, auch Donaubulgarisches Reich oder Reich der Blauen Bulgaren bekannt wurde. Als Hauptstadt wurde später die slawische Gründung Pliska gewählt.

Im Sommer des Jahres 680 unternahm der byzantinische Kaiser Konstantin IV. Pogonatos einen Feldzug gegen die Protobulgaren. Der Krieg endete 681 mit einem Friedensvertrag, der faktisch den neuen Staat Bulgarien anerkannte. Darüber hinaus regelte der geschlossene Vertrag die neuen Staatsgrenzen, ein Flottenmoratorium und eine Tributpflichtigkeit Konstantinopels. Somit wurde Bulgarien zum dritten anerkannten Staat in Europa und einer der wenigen, dem das Oströmische Reich tributpflichtig war.

Erweiterung des Ersten Bulgarischen Reichs mini|Territoriale Ausdehnung Bulgariens unter Khan Krum (803–814) Das Territorium des Reiches wurde unter Asparuchs Nachfolger Khan Terwel (700–721) beträchtlich erweitert. In dieser Zeit entwickelte sich Bulgarien zu einer ernstzunehmenden politischen Kraft. Unter Khan Krum (803–814) wurde es zu einem mächtigen Reich innerhalb Europas. Im Bündnis mit dem fränkischen Kaiser Karl dem Großen wurde das Awarische Khanat vernichtet. Das bulgarische Herrschaftsgebiet dehnte sich fortan im Norden bis an die Theiß und im Osten bis zum Dnister aus, im Westen grenzte es nun unmittelbar an das Fränkische Reich, im Süden reichte es bis zur Mariza und Adrianopel. Reformen nach byzantinischem Muster stärkten die Stellung des Herrschers und beseitigten den Einfluss des konkurrierenden bulgarischen Adels (dadurch Slawisierung des Staates). Von Khan Omurtag 815/816 mit Kaiser Leo V. über einen Zeitraum von 30 Jahren geschlossener Friedensvertrag befriedete die Nachbarschaft mit Byzanz. Sein dritter und noch minderjähriger Sohn Malamir herrschte anschließend von 831 bis 836, gefolgt von dessen Neffen Presian I. bis 852.

Nachdem Knes Boris I. Michail (852–889) im Jahr 864 das Christentum zur offiziellen Religion erklärt hatte, verschwanden nach und nach die ethnischen Unterschiede zwischen Slawen, Protobulgaren sowie den Nachfahren der antiken Bevölkerung (Griechen und Thraker) und es begann die Ausbildung einer neuen bulgarischen Gesellschaft, welche sich aus slawischen, griechischen und bulgarischen Einflüssen zusammensetzte, wobei der slawische Einfluss der prägnanteste blieb.

Bildung einer ersten Hochkultur

Seit der Christianisierung bis 1018 entwickelte sich in Bulgarien eine Hochkultur. Am Ende des 9. Jahrhunderts entwarfen die aus Thessaloniki stammenden Brüder Kyrill und Method das erste slawische Alphabet (Glagolica) und übersetzten als erste das Neue Testament in eine heute Altkirchenslawisch genannte Sprache. 893 wurde in einem Konzil der Bulgarischen Kirche Altslawisch als Liturgiesprache eingeführt. Am Hof der bulgarischen Zaren reformierte einer ihrer Schüler, Kliment von Ohrid, die glagolitische Schrift und gründete eine Universität in Ohrid. Er war aber vor allem Missionar und Schriftsteller und leistete einen entscheidenden Beitrag zur Entstehung der slawischen Literatur. Auch die typisch bulgarische Kirchenmusik begann sich in dieser Zeit zu entwickeln. Boris I. ging auch mehrfach (856 und 864) Bündnisse mit dem König des Ostfrankenreichs, Ludwig dem Deutschen ein.

mini|Das Bulgarische Reich am Ende der Regierung von Simeon I. (927) Knes Simeon I. (893–927), der den Beinamen der Große trug, machte Weliki Preslaw zur Hauptstadt, möglicherweise auch, um mit den alten heidnischen Traditionen (Tengrismus) komplett zu brechen. Ohrid, Pliska und die neue Hauptstadt wurden zu Zentren des Goldenen Jahrhunderts der slawischen Kultur. Während seiner Regierungszeit, wahrscheinlich in der Schule von Preslaw, wo der Heilige Naum von Ohrid tätig war, wurde das kyrillische Alphabet entwickelt und eingeführt. Simeon gründete die Bulgarische Patriarchalkirche. Unter ihm wurde Bulgarien zu einem mächtigen Reich innerhalb Europas, dessen Gebiet nahezu die gesamte Balkanhalbinsel umfasste und sich fast bis an die Mauern Konstantinopels erstreckte. Ab 913 und bis zu seinem Tod war Simeon Zar.

Zerfall des Ersten Bulgarischen Reichs mini|Donaubulgarien („Bulgaria“) und Wolgabulgarien („Bolgars“) auf einer Karte von Europa und Byzanz um das Jahr 1000. William R. Shepherd, Historical Atlas, 1911 mini|Die byzantinische Themenverwaltung auf dem Balkan um 1045 Unter Simeons Nachfolger, Zar Peter I. (†969) und anschließend seinem Sohn und Nachfolger Zar Boris II. (†977) verringerte sich die Macht durch innere Streitigkeiten; 963/69 spaltete sich ein Westbulgarisches Reich ab. Im Jahr 971 eroberte Byzanz das ostbulgarische Restreich, welches 972 zu einer Provinz Byzanz wurde. Zwischen 977 und 997 regierte Zar Roman. Die Hauptstadt wurde nacheinander nach Sredez, Skopje, Prespa, Bitola und Ohrid verlegt. In letztere verlegte auch das Patriarchat von Bulgarien seinen Sitz.

Unter Zar Samuil (976–1014, Krönung 997) wurde Ohrid Hauptstadt des Samuilschen (westbulgarischen) Reiches. Nach der Niederlage des Heeres unter Samuil in der Schlacht von Kleidion 1014 und unter Iwan Wladislaw im Jahr 1018 wurde unter Knes Presian II. ganz Bulgarien durch Basileios II. von Byzanz, den sogenannten Bulgarentöter, unterworfen. Nach der Eroberung wurde Bulgarien in fünf byzantinische Themen (Provinzen) gegliedert: Makedonien, Bulgarien, Paristrion, Thrakien und Strimon.

Zweites Bulgarisches Reich

Entstehung des Zweiten Bulgarischen Reichs 1040 kam es unter Peter Deljan zu einem Aufstand unter Beteiligung der Warägergarde (in der der spätere norwegische König Harald Hardråde Mitglied war), der von Byzanz niedergeschlagen wurde. Deljan behauptete, Nachkomme des großen bulgarischen Zaren Samuil zu sein, der von Basileios II. 1014 besiegt worden war.

Ein weiterer Restaurationsversuch fand unter Konstantin Bodin statt, der 1072 mit seinem Vater an der Spitze eines Aufstandes gegen Byzanz im heutigen Nordmazedonien teilnahm und sich in Prizren zum bulgarischen Zaren krönen ließ. Im selben Jahr wurde er jedoch bereits wieder gestürzt.