Die Geschichte Zyperns umfasst die Entwicklungen auf der Insel Zypern von der Urgeschichte bis zur Gegenwart. Die (Kultur-)Geschichte Zyperns begann am Ende der Altsteinzeit. Die strategische Lage der Insel war ein wesentlicher Grund für ihre wechselvolle Geschichte. Sie lag im Einflussgebiet der Kulturen der Ägäis, Anatoliens, der Levante und Ägyptens. mini|175px|Äneolithisches Idol aus Lemba (Zypern)
Vor- und Frühgeschichte Jungpaläolithikum (ab 10. Jahrtausend v. Chr.) Die Insel wurde erst am Ende der Altsteinzeit von Jägern und Sammlern besiedelt, weshalb die inseltypischen Zwergformen von Säugetieren, so das zyprische Zwergflusspferd (Phanourios minutis) und der Zwergelefant (Elephas cypriotes), lange überlebten. Die ältesten Funde stammen aus Aetokremnos auf der Akrotiri-Halbinsel, ihre Datierung ins Epipaläolithikum ca. 9500 v. Chr. wird allerdings angezweifelt. Die Jäger kamen aus der Levante auf die Insel und rotteten vermutlich die Zwergfauna aus.Alan H. Simmons u. a.: Faunal extinction in an island society. Pygmy hippopotamus hunters of Cyprus. New York/London, Kluwer Academic/Plenum Press 1999 Aetokremnos ist bisher der einzige Fundort aus dieser Zeit.
Neolithikum (ab 8600 v. Chr.) Die dauerhafte Besiedlung der Insel erfolgte noch im akeramischen Neolithikum (PPNB) wieder von der Levante her; die ältesten sicher datierten Siedlungsspuren stammen aus Klimonas und sind mindestens 10.600 Jahre alt.Jean-Denis Vigne et al.: First wave of cultivators spread to Cyprus at least 10,600 y ago. In: Proceedings of the National Academy of Sciences. Online-Vorabveröffentlichung vom 7. Mai 2012, doi:10.1073/pnas.1201693109 Die Kolonisten führten Emmer und Einkorn und außer den Haustieren Hund, Katze, Rind, Schaf und Ziege auch den Damhirsch ein. Die Rinderhaltung wurde bald aufgegeben. Die Siedlungen aus dem präkeramischen Neolithikum (PPNB) sind z. B. Ais Yiorkis, Kastros, Kalavasos, Khirokitia, Lapta, Paralimni-Nissia, Petra tou Limniti, Shillourokambos und Tenta. Sie bestanden aus runden oder quadratischen Häusern mit runden Ecken mit den typischen Terrazzo- oder Geröll-Fußböden, während auf dem Festland Rechteckhäuser üblich waren. Für die Versorgung mit Trinkwasser wurden Brunnen in den Fels getrieben (Mylouthkia), wie sie auch aus der Levante in dieser Zeit bekannt sind (Atlit-Yam).
Erst seit der Sotira-Phase wurde Keramik hergestellt.
Kupfer- und Bronzezeit
Stufe Absolutes Datum Frühes Chalkolithikum 3800–3500 mittleres Chalkolithikum 3500–2800 spätes Chalkolithikum 2800–2500 Ab ca. 3000/2300 v. Chr. begann man, die Kupfervorkommen der Insel auszubeuten (Erimi-Kultur, Kupferzeit). mini|Terrakottagefäß, entstanden zwischen 2300 und 1900 v. Chr.
Aus der Frühbronzezeit (ECI) stammt der Friedhof von Vounous-Bellapais mit seinen Felskammergräbern. Als Grabbeigaben findet man vor allem Keramik, Kupferwaffen und vereinzelt Idole. Die Keramik zeigt deutliche anatolische Einflüsse.
Stufe Absolutes Datum Philia-Kultur; auch Frühe Bronzezeit I 2500–2000 v. Chr. Frühe Bronzezeit II–III; auch früh-zyprisch 2500–1900 v. Chr. Mittlere Bronzezeit I–III; auch mittel-zyprisch 1900–1650 v. Chr. Späte Bronzezeit I–III; auch spät-zyprisch 1650–1050 v. Chr.
Die archäologischen Funde und Befunde werden in Stufen eingeteilt, die ihre zeitliche Relation zueinander angeben, aber keine absolute Datierung darstellen. Der Beginn der spätzyprischen Stufe (Late Cypriot IA, entspricht der spätminoischen Stufe SM IA auf Kreta) muss, richtet man sich nach neueren 14C-Datierungen aus Santorin (s. auch Minoische Eruption), auf deutlich vor 1600 v. Chr. angesetzt werden.Manning u. a. 2006, 569
Zypern wurde zu einer wichtigen Zwischenstation im Handel zwischen Kreta, Griechenland, der Levante und Ägypten. Vor allem zypriotisches Kupfer war sehr begehrt und wurde in Form von Ochsenhautbarren exportiert. Diese wurden an vielen Fundorten, von Sardinien und Süddeutschland bis in den Irak, entdeckt.Ausführlich zur Verbreitung von Ochsenhautbarren: Serena Sabatini: Revisiting Late Bronze Age oxhide ingots. Meanings, questions and perspectives. In: Ole Christian Aslaksen (Hrsg.): Local and global perspectives on mobility in the Eastern Mediterranaean (= Papers and Monographs from the Norwegian Institute at Athens, Band 5). The Norwegian Institute at Athens, Athen 2016, ISBN 978-960-85145-5-3, S. 15–62. Nach Sardinien wurde Kupfer ausgeführt,Fulvia Lo Schiavo: Cyprus and Sardinia in the Mediterranean trade routes toward the West, in: Vassos Karageorghis, Dēmētrēs Michaēlidēs (Hrsg.): Proceedings of the International Symposium Cyprus and the Sea, Nikosia 1995, S. 54 f. (Nachweis eines Ankers zypriotischer Art). obwohl auch dort Kupfer gewonnen wurdeVasiliki Kassianidou: Cypriot copper in Sardinia: Yet another case of bringing coals to Newcastle?, in: L. Bonfante, V. Karagheorgis (Hrsg.): Italy and Cyprus in Antiquity: 1500-450 BC, Nikosia 2001, S. 110.. Kupferminen wurden im Gebiet von Tamassos (Peristerka und Pitharoma), bei Politiko und Mitsero nachgewiesen.
Bronzezeitliche Kupferbergwerke finden sich in: Ambelikou Apliki Ayia Varvara Almyras Mavrovouni Mitsero Kokkinoyia Peristerka Phönix-Mine zwischen Apliki und SkouriotissaN. Gale: Archaeology, science-based Archaeology, and the Mediterranean Bronze Age Metals Trade: A Contribution to the Debate. In: European Journal of Archaeology. Band 4, 2001, S. 125; Z. A. Stos-Gale, N. H. Gale, G. Bass, C. Pulak, E. Galili, J. Sharvit: The Copper and Tin Ingots of the Late Bronze Age: New Scientific Evidence. Proceedings of the Fourth International Conference on the Beginnings of the Use of Metals and Alloys (BUMA IV), Aoba, Japan: The Japan Institute of Metals 1998, S. 117–118. Politiko Phorades Skouriotissa
Der moderne Abbau hat aber sicher viele antike Minen und Schächte zerstört. Das Erz von Peristerka enthielt ca. 6 % Kupfer und 16 % Zink.
Im 2. Jahrtausend v. Chr. war auf Zypern eine Silbenschrift in Gebrauch, die mit der minoischen Linearschrift A verwandt zu sein scheint. Sie wird als alt-kyprische Schrift bezeichnet und ist nicht entziffert. Inschriften in dieser Schrift sind auch aus der Levante bekannt. Ab dem 1. Jahrtausend v. Chr. wurde auf Zypern für die griechische Sprache die sogenannte klassische zyprische Schrift verwendet.
Zypern war bis zum zweiten Drittel des 13. Jahrhunderts v. Chr. offenbar unabhängig. Alašija, das aus den in Ägypten gefundenen Amarna-Briefen sowie hethitischen und ugaritischen Quellen bekannt ist, wird von den meisten Forschern mit Zypern oder einer Stadt auf Zypern gleichgesetzt. Der König von Alašija wurde oft als Bruder angeredet, was seine von den Großmächten unabhängige Stellung beweist. Die Meinung, dass Enkomi, ein bedeutender Fundplatz an der Ostküste, die Hauptstadt Zyperns und somit Sitz des Herrschers von Alašija war, muss vermutlich revidiert werden: Analysen des Tons von Briefen aus Alašija haben ergeben, dass der Ton nicht aus der Gegend von Enkomi, sondern aus dem Südwesten der Insel stammt. Der Palast des Herrschers von Alašija ist demnach im Umkreis der Siedlung Alassa zu vermuten. Für das Ende des 14. Jahrhunderts und wieder für die Mitte des 13. Jahrhunderts ist ein einziger König der gesamten Insel nachgewiesen, B. Knapp nimmt an, dass dies für das gesamte 14. und 13. Jahrhundert der Fall war.
Im letzten Drittel des 13. Jahrhunderts v. Chr. kam Zypern womöglich für kurze Zeit unter hethitische Herrschaft. Jedenfalls rühmt sich Tudhalija IV (Regierungszeit ca. 1240–1215 v. Chr.) auf einer in Ḫattuša gefundenen Inschrift (KBo 12.38), Alašia unterworfen und mit Tribut belegt zu haben. Sein Sohn Šuppiluliuma II. ergänzte dieses Dokument später um die Information, dass er in drei Seegefechten gegen Feinde Alašijas erfolgreich war.Heinrich Otten: Neue Quellen zum Ausklang des hethitischen Reiches. MDOG 94, 1969, S. 13 ff. - online Allerdings gibt es auf Zypern kaum Funde anatolischer Herkunft aus dieser Zeit.
Mykenische Keramik war seit dem 16. Jahrhundert importiert worden und ist im 15. Jahrhundert verstärkt vertreten, im 14. Jahrhundert wurde sie zur Massenware. Ab ca. 1200 v. Chr. nahmen die Einflüsse der mykenischen Kultur insgesamt stark zu. In einer späten Phase der Spätbronzezeit (LC IIIA, 1200–1100 v. Chr.) wurden große Mengen „mykenischer“ IIIC Keramik lokal hergestellt. Außerdem traten neue Bauelemente wie zyklopisches und bossiertes Mauerwerk sowie zentrale Herdstellen in Wohnhäusern auf (Maa-Paleokastro, Enkomi, Hala Sultan Tekke etc.), die auch auf dem griechischen Festland zu finden sind. V. Karagheorgis will auch Ton-Badewannen (Ayios Dhimitri) und neue Bronzetypen wie Naue-II-Schwerter, Tüllen-Speerspitzen und Beinschienen sowie koroplastische Kunst auf ägäischen Einfluss zurückführen. In einigen wenigen Siedlungen wurden Zerstörungshorizonte nachgewiesen.
Zur Erklärung dieses verstärkten ägäischen Einflusses sind zwei Modelle in Gebrauch, die Bernard Knapp als die „Invasions-/Kolonisationserzählung“ und als das „politisch-ökonomische Modell“ bezeichnet: Invasionsmodell: Viele Forscher glaubten, dass Zypern gegen Ende des 13. Jahrhunderts von mykenischen Griechen erobert oder zumindest besiedelt wurde, die vor dem Zusammenbruch der Palastzentren auf dem griechischen Festland (am Ende der Zeitstufe SH III B, frühes 12. Jahrhundert v. Chr.) flohen. Das habe sich in den mythologischen Berichten über zurückkehrende Helden aus dem Trojanischen Krieg niedergeschlagen, die zahlreiche Städte auf Zypern gegründet haben sollen; z. B. Teukros in Salamis etc. (Karagheorgis 1982). Diese Invasion wird von manchen Forschern mit den in ägyptischen Quellen geschilderten Angriffen der sogenannten „Seevölker“ in Verbindung gebracht.Zwischen LC IIIA (1190–1100 v. Chr.) und LC IIIB (1100–1050 v. Chr.) sind deutliche kulturelle Veränderungen festzustellen, sowohl im Siedlungsmuster (Auflassung der meisten großen Siedlungen) als auch in den Bestattungssitten. Manche Forscher rechnen die Zeitstufe LC IIIB daher bereits zur Eisenzeit. Einige schon lange für Zypern typische Traditionen laufen jedoch ohne Unterbrechung weiter (z. B. eine in Fachkreisen „White-painted Ware“ genannte Keramik-Gattung). Karagheorgis (1988) sieht diesen Bruch als Auswirkung einer zweiten „Invasionswelle“ aus Lakonien und Kreta. Die indigene Bevölkerung der Eteozyprer habe sich nach Enklaven wie Amathous zurückgezogen.