Die Geschichte Argentiniens umfasst die Entwicklungen auf dem Gebiet der Argentinischen Republik von der Urgeschichte bis zur Gegenwart. Sie lässt sich in vier Abschnitte einteilen: die präkolumbianische Zeit oder Frühgeschichte (bis ins 16. Jahrhundert), die Kolonialzeit (etwa 1516 bis 1810), die Unabhängigkeitskriege und die postkoloniale Frühzeit der Nation (1810 bis 1880) sowie die Geschichte des modernen Argentiniens ab der Einwanderungswelle um 1880.

Ur- und Frühgeschichte mini|Mahlsteine in einem Haus, Befestigungsanlagen von Quilmes in der Provinz Tucumán

Die heute zu Argentinien gehörenden Gebiete waren vor der Kolonialisierung durch Spanien relativ dünn besiedelt. Man nimmt an, dass die „Entdeckung“ des Gebiets durch den Menschen etwa im 10. Jahrtausend v. Chr. erfolgte.

Die ethnischen Gruppen, die im Pampa-Raum lebten (Het (Querandíes), Tehuelche) waren bis zum Eintreffen der Spanier nicht sesshaft. Anders die Stämme im Nordwesten des Landes, die etwa ab der Mitte des 1. Jahrtausends Land- und Viehwirtschaft praktizierten und vor allem auf dem Gebiet der Architektur weit fortgeschritten waren. Die Befestigungsanlagen von Quilmes in der Provinz Tucumán sind ein Zeugnis dafür. Im 13. und 14. Jahrhundert expandierte das Inka-Reich stark nach Süden, umfasste um 1450 weite Teile des Nordwestens Argentiniens und schloss auf dem Höhepunkt der Expansion das Gebiet der heutigen Provinz Mendoza ein. Viele der Stämme dieser Region, wie die Kollas der Puna-Hochebene, übernahmen die Sprache (das Quechua) und partiell die Technologie der Inkas. Die im Nordwesten Argentiniens lebenden Diaguita konnten dem expandierenden Inka-Reich lange widerstehen. Die Guaraní und ihre Verwandten (Chiriguano, Mbya und Chané) lebten weiter östlich im Gran Chaco und im heutigen Misiones und wurden vom Inka-Reich nicht unmittelbar erfasst.

Älteste Funde Sieht man von den umstrittenen Funden von Monte Verde in Chile und Pedra Furada in Brasilien ab, so sind wohl die Funde von Los Toldos, in der Provinz Santa Cruz, die ältesten in Südamerika. Sie reichen ins 10. Jahrtausend v. Chr. zurück. Ähnlich den nordamerikanischen Fundplätzen weisen die Überreste auf die Jagd von Großsäugern, wie dem Riesenfaultier (Milodon darwinii), und Pferde (Hippidion principale) hin, dazu kamen Guanacos, Lamas usw. Auch in Chile fanden sich entsprechende Überreste, wie etwa in der Cueva del Milodón. Von der Toldense-Kultur zeugen aber vorrangig Projektilspitzen, wohl von Speeren. Patagonien weist für 11.000 BP (Bevor Present – vor heute = 1950) menschliche Spuren auf,Ariel D. Frank: Tratamiento térmico y manejo del fuego en sociedades cazadoras-recolectoras de la Meseta Central de Santa Cruz, Facultad de Ciencias Naturales y Museo, Santa Cruz, Argentinien 2011, S. 9. auch ließ sich dort der Gebrauch des Feuers nachweisen.Vgl. zu diesem Themenkreis die Diss. von Ariel D. Frank: Tratamiento térmico y manejo del fuego en sociedades cazadoras-recolectoras de la Meseta Central de Santa Cruz, Facultad de Ciencias Naturales y Museo, Santa Cruz, Argentinien 2011. (online)

Die Casapedrense-Kultur wird auf ca. 7000 bis 4000 v. Chr. datiert. Sie gilt als Vorläuferkultur der Tehuelche (siehe unten).

Der Norden

mini|Cueva de las Manos, Santa Cruz, 7300 v. Chr. mini|Cueva de las Manos

In der Cueva de las Manos („Höhle der Hände“) am Río Pinturas, in der Provinz Santa Cruz, wurden Malereien entdeckt, die etwa auf 7300 v. Chr. datiert wurden. Sie sind vermutlich die ältesten erhaltenen Kunstwerke Südamerikas und gehören seit 1999 zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Um diese Zeit wurden auch Teile des Nordens und Nordwestens des späteren Argentinien von Menschen besiedelt, die relativ früh Landbau betrieben. Die Kultur von Ansilta (bei Mendoza, San Luis und San Juan) gilt als erste Bauernkultur und als Vorläuferin der späteren Huarpes. Sie war von großer Kontinuität und umspannte die Zeit von etwa 1800 v. Chr. bis 500 n. Chr.

Um 200 v. Chr. lässt sich die Condorhuasi-Kultur bei Catamarca belegen, die bereits auf Lamazucht basierte. Wahrscheinlich kannte sie nicht nur animistische Praktiken, sondern auch Menschenopfer. Sie hinterließ menschenförmige Skulpturen und verschwand zwischen etwa 200 und 500 n. Chr.

Bei Tucumán fanden sich Spuren der Tafi-Kultur (ca. 200 v. Chr. bis 800 n. Chr.). Sie pflanzten bereits Mais an und züchteten Lamas.

Die Ciénaga-Kultur in der Region Catamarca (ca. Chr. Geb. bis 600) war wohl die erste rein bäuerliche Kultur. Diese Menschen pflanzten Mais, bauten bereits Bewässerungskanäle und weiteten den Handel durch Lama-Karawanen aus. Sie lebten in Dörfern mit bis zu dreißig Häusern und gelten als Vorläufer der Kultur von Aguada.

Diese Kultur dehnte ihren Einflussbereich von Catamarca in die heutige Provinz La Rioja aus und bestand vom 4. bis zum 10. Jahrhundert. Sie hing mit der Kultur von Tiahuanaco zusammen. Häufig taucht in den bildlichen Darstellungen der Jaguar auf. Eine regelrechte Aufteilung des Territoriums in Teilherrschaftsgebiete, die einzelnen Häuptlingen unterstanden, ist wahrscheinlich. Es bestanden komplizierte Bewässerungssysteme, verstärkter Maisanbau, dazu kamen Bohnen, Kürbisse und Maniok. Mittels des Fernhandels, der auf extensiver Nutzung des Lamas basierte, erschloss sich diese Kultur ein riesiges Handelsgebiet, das bis nach San Pedro de Atacama reichte. Auch Metall wurde verarbeitet, wie Funde von Bronze-Legierungen beweisen.

Die sogenannte Kultur Santa María (ca. 1200 bis 1470) entwickelte die bereits vorhandenen Kulturtechniken fort. Sie basierte zunehmend auf Terrassenbau. Die Bevölkerungszahl wuchs stark an, und Vorratshaltung in großen Speichern war verbreitet. Neben den bereits vorhandenen Lebensmitteln kultivierten die Menschen dieser Kultur verstärkt Kartoffeln, Quinoa (auch als Inkakorn oder Perureis bekannt) und Carob vom Johannisbrotbaum. Neben Bronze verarbeiteten sie Kupfer, Silber und Gold. Die Herrschaft wurde erblich, es entstanden Stände von Kriegern und Priestern.

mini|Der Vulkan Llullaillaco, auf dem 1999 rund 500 Jahre alte Grabstätten ausgegraben wurden

Ab etwa 1400 drangen aus dem Andenraum die Quechua und die Inka südwärts vor (ca. 1400 bis 1520). Weiter südwärts hielten sich eigenständige Gruppen. Auf dem 6710 m hohen Vulkan Llullaillaco wurden anscheinend Menschenopfer dargebracht. Dort wurden 1999 drei Mumien der Inka gefunden. Dazu kamen Statuetten, Tonwaren, Beutel mit Lebensmitteln und Koka.

Die Stadt Tastil (Salta) war mit zeitweise über 3000 Einwohnern vermutlich die größte Stadt der Region. Warum sie aufgegeben wurde, ist unklar.

Die Guaraní Die zur Sprachgruppe der Tupi-Guaraní gehörenden Kulturen an den Strömen im Nordosten sind sehr viel später greifbar. Die Vorfahren der heutigen Guaraní haben sich wohl erst im 15. Jahrhundert an den dortigen Wasserläufen angesiedelt.

Sie lebten in Dörfern (tekuas), die eine Art Zusammengehörigkeitsgefühl besaßen. Den Dörfern stand ein Häuptling (mburuvichá) vor, dazu kam ein religiöses Oberhaupt, der pajé. Eigentliche Herren der Gruppen waren jedoch die Kaziken, ein erblicher Stand.

Neben einer weniger entwickelten Landbebauung betrieben sie vor allem Fischfang, wozu sie Kanus bauten. Maniok, Kartoffel, Kürbis und Mais waren ihre wichtigsten Feldfrüchte, dazu kam Matetee, das die Jesuiten später zu einem Monopol ausbauten. Aus den Dorfführern entwickelten sich zunehmend Oberherren über mehrere Dörfer, die zudem religiöse Aufgaben hatten. Diese Machtstruktur sollte vor allem in den jesuitischen Reduktionen in Paraguay eine wichtige Rolle spielen. Ihre Sprache wird noch heute in den Provinzen Misiones und Corrientes und in Paraguay gesprochen.

Der Chaco Im Gran Chaco finden sich die Sprachgruppen des Guaycurú, Mataco-Macá, Tupi-Guarani, Arauac und Lule-vilela. Als besonders kriegerisch galten die Guaycurú bzw. Abiponen. Sie leisteten noch während der gesamten Kolonialzeit Widerstand. Die Spanier nannten sie „frentones“, da mit ihnen die Grenze ihres Einflussbereichs begann.

Zur Mataco-Macá-Kultur zählten die Mataco, die Chulupies und die Chorotes, die den Westen des Chaco beherrschten.

Die Chiriguanos gehörten wiederum der Kultur der Tupi-Guarani im Westen an, dazu kam die Aruaques-Kultur.

Pampa und Patagonien In den Pampas und in Patagonien lebten die Tehuelche. Die Tehuelches waren Jäger und Sammler und wurden im 18. Jahrhundert von der Kultur der Mapuches verdrängt. Ihre Frühgeschichte ist noch wenig erforscht, doch die ältesten Funde weisen mindestens bis in die Zeit um 4000 v. Chr. Zu ihnen gehörten auch die Selk’nam in Feuerland. Die Yámana im Süden Feuerlands waren Fischer, die auf den Inseln im äußersten Süden lebten.

Kolonialzeit (1516–1810) mini|Buenos Aires kurz nach seiner Gründung 1536 mini|215px|Auf der animierten Landkarte der territorialen Entwicklung Südamerikas von 1700 bis heute ist Argentinien dunkelblau dargestellt. Das heutige Patagonien gehörte bis zum Ende des 19. Jahrhunderts den unabhängigen araukanischen Indianern (hellgrau)

Der spanische Seefahrer Juan Díaz de Solís erreichte als erster Europäer das heutige Argentinien im Jahr 1516 an der Mündung des Río de la Plata. Aber erst zwischen 1526 und 1530 erforschte Sebastiano Caboto den Río Paraná bis zu seinem Oberlauf. Die Spanier vermuteten irrtümlich eine große Menge Edelmetalle in der Region, daher die Namen Argentinien (von lat. Argentum = Silber) und Río de la Plata (Deutsch: Silberfluss).

Partielle Eroberung und Widerstand der Indigenen Das heutige Argentinien wurde von den Spaniern aus drei Richtungen kolonisiert: Die erste Siedlung der Spanier auf dem Gebiet des heutigen Argentiniens war Sancti Spiritu (1527), das 1529 wieder aufgegeben wurde. Im Jahr 1536 gründete der Konquistador Pedro de Mendoza am Río de la Plata die Stadt Buenos Aires. Es kam zu Konflikten mit der ansässigen Bevölkerung der Het, die in ein Kolonialsystem gezwungen werden sollte, sich jedoch gegen die Invasoren wehren konnte. Von den 1.600 Mann de Mendozas überlebten nur 150 die ersten Jahre nach der Siedlungsgründung. So musste er das erste Buenos Aires 1541 aufgeben, das erst 1580 durch Juan de Garay auf Dauer wieder etabliert wurde. Von Peru aus nahmen die Spanier den Nordwesten in Besitz, und von Westen aus dem Generalkapitanat Chile wurde die Region de Cuyo kolonisiert.

Die weiter südlich gelegenen Gebiete Patagoniens wurden zwar auch von Spanien beansprucht, blieben aber in der Kolonialzeit aufgrund des Widerstandes der indigenen Bevölkerung faktisch außerhalb seiner Herrschaftssphäre. Da es dort keine Bodenschätze oder Reichtümer gab, war das Interesse der Europäer an diesen Gebieten lange Zeit gering.

Der andauernde Widerstand des Mapuche-Volkes aus Chile zwang die Spanier 1641 im Rahmen des 300 Jahre dauernden Arauco-Krieges zur Anerkennung einer unabhängigen Mapuche-Nation im Vertrag von Quillín. Im 17. Jahrhundert drangen die jenseits der Anden lebenden Mapuche immer häufiger nach Osten vor, wo sie verwilderte Rinder und Pferde jagten. Dabei kam es zu einem Kulturtransfer zu den dort lebenden Ethnien, der sogenannten „Araukanisierung“. Diese ethnische Homogenisierung führte zum Machterhalt der unabhängigen indigenen Bevölkerung bis in die 1880er Jahre.

Indienrat, Encomienda, Mission