mini|hochkant=2.2|Amérique Septentrionale: Das nördliche Amerika mit seinen Bewohnern auf einer französischen Karte des 19. Jahrhunderts

Die Geschichte Nordamerikas behandelt die Geschichte der Menschen auf diesem Kontinent beginnend mit der ersten Einwanderung über die – während der letzten Eiszeit trockene Landbrücke zwischen Sibirien und Alaska bis zur Gegenwart. Die Erstbesiedlung Amerikas ist Gegenstand wissenschaftlicher Diskussion. Durch genetische Untersuchungen wurde die Einwanderungstheorie mehrfach bestätigt.

Die ersten menschlichen Gesellschaften, die Nordamerika besiedelten, prägten unterschiedliche Kulturstufen von der Jäger- und Sammlerkultur an der Westküste über Feldfruchtanbau nördlich des Golfs von Mexiko bis hin zur Schwelle von Hochkulturen aus.

Seit dem 16. Jahrhundert steht die Geschichte Nordamerikas im engen Austausch mit der Geschichte Europas, Afrikas und Ostasiens. Pflanzen, Menschen, Tiere, Rohstoffe, Waren und Ideen überquerten die umgebenden Ozeane in beiden Richtungen. Im 18. und 19. Jahrhundert wurden in Nordamerika erstmals unabhängige Staaten nach europäischen Vorbildern gegründet. Im 20. Jahrhundert stiegen die Vereinigten Staaten zur Supermacht auf.

Präkolumbische Zeit Die Besiedlung Amerikas geschah nach heutigem Stand der wissenschaftlichen Debatte am Ende der letzten Eiszeit (in Nordamerika als Wisconsin glaciation bezeichnet) über die damals noch existierende Landbrücke Beringia zwischen Sibirien und Alaska. Jüngere Funde, insbesondere am Buttermilk Creek Complex in Texas und in den Paisley-Höhlen in Oregon, belegen, dass die ersten Menschen entlang der Pazifikküste nach Süden zogen und von dort das Innere des Kontinents besiedelten.

Die älteste flächendeckende Kultur Nordamerikas war die Clovis-Kultur von ca. 11.600 bis ca. 10.700 v. Chr. Benannt wurde sie nach dem ersten Fundort Clovis, New Mexico. Typisch waren die sorgfältig bearbeiteten, meist kannelierten, Projektilspitzen.

Als Nachfolger der Clovis-Kultur gilt die Folsom-Kultur, ca. 10.500–9000 v. Chr., bzw. der Folsom-Komplex, dem mehrere Traditionen zugeordnet werden (Hells Gap, Midland, Agate Basin).

Als letzte paläo-indianische Kultur trat der Planokultur (oder Planokomplex) die Nachfolge der Folsom-Kultur an. Mit ihren verschiedenen Ausprägungen (Alberte, Cody, Frederick, Eden, Scottsbluff) dauerte sie von 9200 bis 8500 v. Chr.

Die größte vorkolumbische Siedlung nördlich von Mexiko ist Cahokia-Mounds. Hauptsächlich besiedelt im Zeitraum von 700 bis 1400 n. Chr. deckte sie nahezu 1.600 Hektar ab. Die bäuerliche Gesellschaft hatte zu Spitzenzeiten ein Ausmaß von 10.000 bis 20.000 Einwohnern in den Jahren 1050 bis 1200.http://cahokiamounds.org/learn/ Offizielle Website des Weltkulturerbes Cahokia (englisch)

„Entdeckung“ Nordamerikas

Die Fahrt von Christoph Kolumbus nach Amerika im Jahre 1492 gilt offiziell als Entdeckung (Mittel-)Amerikas, auch wenn sich dieses Faktum mittlerweile erwiesenermaßen als falsch herausgestellt hat. Seefahrer der Wikinger haben den amerikanischen Kontinent schon einige hundert Jahre früher bereist und es gilt als wahrscheinlich, dass auch andere Seefahrer die Reise über den Atlantischen Ozean geschafft haben, bevor Kolumbus in See stach.

Besuche von chinesischen Seefahrern (etwa Zheng He im 15. Jahrhundert oder buddhistische Missionare noch früher) an der nordamerikanischen Westküste vor 1500 n. Chr. sind prinzipiell denkbar, aber hochspekulativ, weil bislang jeder wissenschaftliche Nachweis dazu fehlt.

Europäische Expansion und Kolonialzeit

mini|John Cabot auf einer 1947 herausgegebenen Briefmarke

Vor der Ankunft Kolumbus’ 1492 wies Nordamerika womöglich mehr Einwohner auf als das damalige Europa. Die Bevölkerungszahl wird von Anthropologen und Archäologen auf bis zu 112 Millionen Menschen geschätzt. Auch vermutet man eine ähnlich alte und reichhaltige Kultur wie in Europa. Der spanische Eroberer Hernando de Soto berichtet auf seiner Goldsuche (durch das Gebiet der heutigen US-Südstaaten) ab 1539 von einem mit Indianern dicht bevölkerten Land, die in tausenden von Kanus die Flüsse entlangpaddelten und die Felder mit Mais bestellten. Das ganze Land war mit Städten durchzogen, die auch Ausmaße der damaligen Städte wie Madrid oder London hatten. Der Großteil der Bevölkerung lebte auf Farmen, sie hatten Tiergehege, Obstgärten und Teiche.

Als erster Europäer seit den Wikingern betrat 1497 der in englischen Diensten stehende Genuese John Cabot (eigentlich: Giovanni Caboto) nordamerikanischen Boden. Möglicherweise haben bereits in den 1480er Jahren (also vor Kolumbus) Seefahrer und Fischer der britischen Inseln Neufundland über die kürzere Strecke des Nordatlantiks erreicht. Nach der Fahrt Cabots wurden die reichhaltigen Fischgründe vor der nordamerikanischen Küste regelmäßig durch europäische Fischer genutzt. Zur Gründung von dauerhaften Niederlassungen kam es dabei vorerst allerdings nicht. Als die erste Stadt auf nordamerikanischem Festland gilt das 1565 von den Spaniern gegründete St. Augustine in Florida, zugleich heute die älteste Stadt der USA.

Gründung von europäischen Kolonien

Bei der europäischen Eroberung Nordamerikas taten sich vier Staaten hervor, denen jeweils ein besonderer Vorteil die Inbesitznahme erleichterte:

England hatte einen, auch religiös begründeten, Auswanderungsdruck und konnte so zahlenmäßig die größte Gruppe stellen. Siehe: Britische Kolonisierung Amerikas Frankreich verfügte über ein besonderes Geschick im Umgang mit der indianischen Urbevölkerung, was später auch zur einzigen Mischethnie, den Métis führte. Die Niederlande verfügten über die nötigen finanziellen Mittel, Kolonien in Nordamerika zu gründen. Spanien hatte bedingt durch die Rekonquista ein enormes militärisches Potenzial und Kampferfahrung.

mini|Britischer Kolonialbesitz in Nordamerika zwischen 1763 und 1776

1604 teilte der König von England Jakob I. seine nordamerikanischen Kolonien wie folgt ein: Das Gebiet vom 1. bis zum 41. nördlichen Breitengrad soll die Virginia Company of London besiedeln, das Gebiet vom 41. bis zum 45. Grad die Plymouth Company.

1607 gilt als Gründungsjahr der ersten dauerhaften Kolonie englischer Siedler an der Ostküste Amerikas. Es kam zum Zusammenprall dreier Kulturen: indianische Ureinwohner, weiße Siedler und Sklaven aus Afrika. In diesem Jahr landeten die ersten Siedler aus England in Jamestown, 1620 folgten die (heute bekannteren) Pilgerväter mit der Mayflower im heutigen US-Staat Massachusetts. Diese konnten direkt in den verlassenen Indianersiedlungen Unterschlupf finden. Auch waren die Küstenindianer nun bereit, zu kooperieren und ließen sie mit Plymouth das Einfallstor der Engländer nach Nordamerika gründen.

Im Jahr 1616 wurden Krankheitserreger wie Pocken-, Hepatitis- und Masernviren von Schiffbrüchigen eingeschleppt, als die Ureinwohner sie aufnahmen. Rund 90 Prozent der indigenen Bevölkerung erlagen während der folgenden drei Jahre den Krankheiten. Millionen von Indianern starben an tödlichen Keimen aus Europa. Dies führte zur Entvölkerung weiter Teile Nord- und Südamerikas, bevor die ersten weißen Siedler ankamen.

Das bekannte Verdikt des US-Historikers George Bancroft, Nordamerika sei „eine unproduktive Einöde“ und die Indianer nichts anderes als „ein paar verstreute Stämme schwächlicher Barbaren“ gewesen, gilt als veraltet. Man urteilte zunächst nach dem Bild, das sich den ersten Siedlern nach den Krankheitswellen zeigte. Es überlebten nur wenige Ureinwohner, die die ersten Amerikaner jedoch als tumbe Jäger und Sammler ansahen. Erste europäische Reisende (der Brite William Wood, 1634) bezeichneten die Ureinwohner jedoch auch als hübsche und liebenswürdige Menschen, die zudem sehr viel hygienischer lebten als die Europäer seiner Zeit.

mini|Boston im 18. Jahrhundert

Unter Dezimierung der Indianer um 90 % in den ersten 100 Jahren nach der Besiedlung und Preisgabe moralischer wie christlicher Werte kam es zum „Sieg“ der europäischen Kultur und zur Gründung von 13 britischen Kolonien an der amerikanischen Ostküste (New Hampshire, Massachusetts, Connecticut, Rhode Island, New York, New Jersey, Delaware, Maryland, Pennsylvania, Virginia, North Carolina, South Carolina, Georgia). Diese Kolonien waren untereinander unabhängig, jedoch dem Mutterland, England, untergeordnet. Sie erhielten ihren Verfassungsstatus durch einen sogenannten Charter. Dieser sprach sie entweder einer Siedlungsgesellschaft (corporate charter), einem Privateigentümer (proprietary charter) oder der Krone selbst zu (Kronkolonie). Dieser Status änderte sich in vielen Fällen während der Kolonialzeit. mini|Nordamerika im 18. Jahrhundert aus europäischer Sicht anlässlich des Pariser Friedens 1763 mit Regelungen zum Vertragswerk. Die Karte hebt die spanischen und russischen Entdeckungen hervor, dabei sind weite Teile des pazifischen Nordwestens noch unbekannt Im Laufe des 18. Jahrhunderts entwickelten sich an der Atlantikküste wichtige urbane Zentren wie Philadelphia (gegründet 1661 vom Quäker William Penn), Boston (1630), New York (gegründet 1621 von Peter Minuit als Neu Amsterdam), Montreal (gegründet um 1640). 1636 wurde mit Harvard – zunächst noch streng konfessionell gebunden – die erste Universität in Nordamerika gegründet, 1693 folgte College of William & Mary und 1701 Yale in New Haven (Connecticut).

Eines der wenigen urbanen Zentren südlich von Virginia war neben der französischen Gründung New Orleans am Golf von Mexiko Charleston (gegründet 1670, benannt nach Karl II. von England). Charleston war eine der wenigen größeren Städte des Südens und bis Anfang des 19. Jahrhunderts größter Umschlagplatz des atlantischen Sklavenhandels in Nordamerika. New Orleans blieb bis zum Aufstieg New Yorks im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts die größte und wichtigste Stadt in Nordamerika.

Gründung selbständiger Staaten mini|Soldaten der Kontinentalarmee zur Zeit des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges mini|Hafen von New Orleans um 1840 mini|Franziskanische Missionare in Kalifornien

Zwischen dem Frieden von Paris 1783, mit dessen Ratifizierung das Königreich Großbritannien die Selbständigkeit seiner früheren Dreizehn Kolonien in Nordamerika anerkannte, der Gründung des ersten Kaiserreich Mexiko 1821 und der Verabschiedung des British North America Act 1867 entstanden die drei größten und wichtigsten Staaten des Kontinents. Mit dem Kauf Alaskas durch die USA schied das Russische Kaiserreich als Kolonialmacht in Nordamerika aus. Es verblieben Großbritannien und Spanien. Eine weitere revolutionäre Staatsgründung war das Kaiserreich Haiti, das 1804 aus einem Sklavenaufstand hervorging. Andere Staaten verharrten bis weit in das 20. Jahrhundert oder bis heute im kolonialen oder halbkolonialen Status. So war Kuba spanische Kolonie bis zum Spanisch-Amerikanischen Krieg 1898, durch den es wiederum bis zur kubanischen Revolution 1959 in starke politisch-ökonomische Abhängigkeit von den USA geriet.

Ein wichtiges Abschlussdatum der ersten Welle der Staatsgründungen in Nordamerika bildet das Jahr 1823, als der 5. Präsident der USA, James Monroe in seiner Jahresansprache vor dem Kongress die bekannte Monroe-Doktrin verkündete, die bis heute prägendste und wichtigste Leitidee der Außenpolitik der Vereinigten Staaten. Nach den spanisch-portugiesischen Teilungsverträgen des 15. und 16. Jahrhunderts nahm zum ersten Mal ein nichteuropäischer Staat für sich in Anspruch, Ordnungsmacht in der westlichen Hemisphäre zu sein.

Das Gebiet des späteren US-Bundesstaates Texas, das zum spanischen Kolonialreich und dann zu Mexiko gehörte, wurde zunächst von US-amerikanischen Siedlern kolonisiert. Im Texanischen Unabhängigkeitskrieg 1835/36 spaltete sich das Land von Mexiko ab. Kriegsauslösend war die Politik des mexikanischen De-facto-Diktators Santa Anna, aber auch der Streit um den Status der Sklaverei, die die US-Siedler auf mexikanisches Gebiet importierten.