Der Gemeine Steinpilz (Boletus edulis), auch Fichten-Steinpilz, Herrenpilz, Edelpilz oder in Ostbayern und Böhmen Dobernickel genannt, ist eine Pilzart aus der Familie der Steinpilzverwandten und Typusspezies der Gattung Steinpilze. Die Fruchtkörper haben meist einen bräunlichen Hut, weiße bis olivgelbliche Poren, eine helle Netzzeichnung am Stiel und weißes, nur sehr selten auf Druck oder bei Verletzung blauendes Fleisch. Der Pilz bildet mit zahlreichen Laub- und Nadelbäumen eine Mykorrhiza, häufig lebt er mit Fichten in Symbiose. Er ist auf weiten Teilen der Nordhalbkugel verbreitet und wurde durch den Menschen auch in einigen Ländern der Südhalbkugel eingeführt. Der Gemeine Steinpilz hat eine große Bedeutung als Speisepilz und wird kommerziell gehandelt.

Merkmale

Makroskopische Merkmale Der Fichtensteinpilz bildet große, in Hut und Stiel gegliederte Fruchtkörper. Die Färbung und Form der Fruchtkörper ist variabel.

Der Hut erreicht einen Durchmesser von 6 bis 25 cm, manchmal 30 cm. Ausnahmen können aber noch deutlich darüber liegen.Im Jahr 1995 wurde in Großbritannien ein 3200 g schwerer Fruchtkörper mit einem Hutdurchmesser von 42 cm gefunden; der Stiel war 18 cm lang und 14 cm breit. Berichtet durchHall: Edible and poisonous mushrooms of the world. S. 222 ff. Der Hut ist dickfleischig, jung halbkugelig, später polsterförmig, konvex bis abgeflacht ausgebildet; der Rand kann auch aufgebogen sein. Die Oberfläche ist auch im jungen Zustand glatt und nicht filzig, allerdings manchmal etwas bereift und bei Nässe und im Alter etwas schleimig. Bei Trockenheit kann die Huthaut felderig, in kleine Schollen aufreißen; sie lässt sich kaum abziehen.Edmund Michael: Handbuch für Pilzfreunde. Band 1. 5., überarbeitete Auflage. Fischer, Stuttgart 1983, ISBN 3-437-30436-4. S. 318 Der Hut besitzt im jungen Stadium einen weißlichen, bei älteren Fruchtkörpern einen haselnuss- oder maronenbraunen Ton, wobei stets ein gelblicher oder weißer Rand erhalten bleibt; seltener ist die Oberseite rotbraun oder dunkelbraun gefärbt. Sehr junge Exemplare, die unter Lichtabschluss herangewachsen sind, besitzen eine helle Färbung.Ewald Gerhardt: BLV Handbuch Pilze. BLV, München 2006, ISBN 3-8354-0053-3. S. 360 Bei Lichtarmut kann der Hut weiterhin weiß bleiben.Andreas Gminder: Handbuch für Pilzsammler. 340 Arten Mitteleuropas sicher bestimmen. Kosmos, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-440-11472-8. S. 74.

mini|300px|Detailaufnahmen einiger Merkmale: (1) brauner Hut mit weißem Rand, (2) weißes Stielnetz, (3a) weißliche Poren bei jüngeren Exemplaren, (3b) gelb-grüne Poren im Alter, (4) weißes, nicht verfärbende Fleisch

Der robuste Stiel ist 5 bis 15 cm, bei einigen Exemplaren auch bis zu 20 cm lang und erreicht einen Durchmesser von 2 bis 8 cm oder gar 10 cm an der Basis und 2 cm bis maximal 4 cm am oberen Teil.Alexander H. Smith, Harry D. Thiers: The boletes of Michigan. The University of Michigan Press, 1971. S. 372 (online) Jung ist er in aller Regel dick und bauchig, manchmal sogar massiger als der Hut,Ewald Gerhardt: Steinpilz, Pfifferling und Champignon. Die beliebtesten Pilze sammeln und zubereiten. BLV, München 1998, ISBN 3-405-15448-0. S. 10 bei älteren Exemplaren zylindrisch, bauchig oder keulig geformt. Bei einer hohen Streuschicht aus Laub oder hohem Moosbewuchs können die Stiele lang und dünn werden, damit die Sporenausbreitung nicht beeinträchtigt wird.Eberhard Steiner: Rekonstruktion der Fruchtkörperentwicklung von Boletus edulis Bull.: Fr. Diplomarbeit. Innsbruck 2003. S. 53 Beobachtet wurde auch, dass sie auf festen Böden meist kurz und breit sind, wohingegen sie auf weichem Untergrund schmaler werden. Die Oberfläche ist weiß bis bräunlich überfasert und mit einem feinen, etwas erhabenen weißen Netz überzogen. Meist reicht diese Zeichnung nur etwa bis zur Stielmitte und verblasst im Alter;Katharina Bickerich-Stoll: Pilze. Sicher bestimmt. J. Neumann-Neudamm, 1980, ISBN 3-7888-0337-1. S. 100 an der Stielspitze bleibt sie jedoch in der Regel erhalten.Rudolf Winkler: 2000 Pilze einfach bestimmen. AT-Verlag, Aarau 1996, ISBN 3-85502-531-2. S. 43 Diese Entwicklung ist mit dem Wachstum des Stieles begründet. Anfangs besitzt das Netzmuster die gleichen strukturellen Abmessungen wie die Röhren des Hymenophors. Mit zunehmendem Längen- und Dickenwachstum des Stiels weiten sich die Netzmaschen vor allem im unteren Teil des Stiels. Da die Stielspitze weniger wächst, bleiben die Maschen dort feiner und rundlich.Steiner: Rekonstruktion der Fruchtkörperentwicklung von Boletus edulis Bull.: Fr. S. 41

Das Fleisch ist bei jungen Exemplaren weiß und fest, im Alter unter der Huthaut oft etwas bräunlich und schwammig. Es besitzt einen milden nussartigen Geschmack und keinen besonderen Geruch. Es verfärbt sich bei Bruch oder Anschneiden nicht oder selten bläulich beziehungsweise grünlich.Meinhard Moser: Kleine Kryptogamenflora. Band IIb/2 Basidiomyceten, Teil 2 Die Röhrlinge und Blätterpilze (Polyporales, Boletales, Agaricales, Russulales). 5., bearbeitete Auflage. Fischer, Jena 1983. S. 69 Die feinen Röhren (0,2–0,7 mm im Durchmesser)Steiner: Rekonstruktion der Fruchtkörperentwicklung von Boletus edulis Bull.: Fr. S. 71 sind 10–40 mm lang und wie die Poren zunächst weiß gefärbt; sie können vor allem im Alter den Hutrand überragen. Mit zunehmender Reife der Sporen nehmen sie einen cremefarbenen bis grün-gelben Ton an. Die Röhren sind am Stiel ausgebuchtet angewachsen, lassen sich leicht vom Hut ablösen und blauen auf Druck nicht oder selten nur sehr schwach.J. Breitenbach et al.: Pilze der Schweiz. S. 54

Mikroskopische Merkmale Die Sporen haben bei einer Größe von 12,5–17(19) × 4,5–5,5 μmKrieglsteiner et al.: Die Großpilze Baden-Württembergs. S. 246 eine spindelig-elliptische Form und eine glatte Oberfläche. Sie sind hell grünlichgelb getönt und mit Tropfen versehen. Ihr Sporenkoeffizient (Verhältnis von Sporenlänge zu -breite) liegt zwischen 2,7 und 3,5; das mittlere Volumen beträgt 172  μm³. In Kaliumhydroxid (KOH) färben sie sich blass braun und in Melzers Reagenz ocker mit grün-grauer Schattierung, werden jedoch später ocker bis schwach dextrinoid (weinrot färbend). Das Sporenpulver besitzt eine dunkel olivbraune Färbung. Die Basidien sind keulig geformt und messen 30–47 × 8–10 μm. Sie besitzen vier oder seltener zwei Sterigmen ohne Basalschnallen. In KOH erscheinen sie hyalin.

Die Fruchtkörper besitzen Cheilo- und Pleurozystiden in der Größe von 35–70 × 5,5–10 μm. Sie sind spindelig schlank oder flaschenförmig, selten eher keulig-blasig; ihre Oberfläche ist glatt und dünnwandig. In KOH erscheinen sie hyalin sowie in Melzers Reagenz blass gelblich. Außerdem lassen sich im Stielnetz sehr variable Kaulozystiden finden, die spindelförmig bis fast zylindrisch ausgebildet sind.Steiner: Rekonstruktion der Fruchtkörperentwicklung von Boletus edulis Bull.: Fr. S. 40

Die Hutdeckschicht besteht aus braun pigmentierten,Der braune Farbstoff des Hutes ist chemisch nicht näher untersucht. Berichtet in:Julius Zellner: Chemie der Höheren Pilze. BiblioBazaar, LLC, 2009, ISBN 1-110-26574-3. S. 169; Scan bei GoogleBooks unregelmäßig verwobenen Hyphen, teilweise stehen 3–6 μm breite Hyphenenden hervor, die sich bald niederlegen. In KOH erscheint sie wegen fehlender Pigmente hyalin, gallertartig. Die Hyphen darunter sind flockig und 8 bis 15 μm breit.Smith, Thiers: The boletes of Michigan. S. 372 f. In KOH färben sich deren Wände ocker; in Melzers Reagenz sind sie inamyloid (nicht violett oder Schwarz färbend).Smith, Thiers: The boletes of Michigan. S. 373 Die Septen der Hyphen besitzen keine Schnallen. Die Hyphen des Röhrentramas sind gallertartig und laufen teilweise vom Hauptstrang heraus. Das Hymenophor ist flüchtig amyloid.

Das Myzel bildet bei der Ektomykorrhiza einen zweischichtigen Mantel mit einer Dicke von je 16 bis 20 μm um die Pflanzenwurzeln. Das Hartigsche Netz ist gut ausgebildet; es durchdringt zwei Zellschichten der Wurzelhaut. Das Geflecht ist hell gelb-braun bis bräunlich gefärbt und besitzt unregelmäßig verteilt herausstehende Hyphenenden. Die Oberfläche des Myzelmantels ist glatt und mit dicht angeordneten Zystiden oder einem Netz aus Hyphen bedeckt. Im Querschnitt ist der Rand des Mantels kompakt und uneben. Er ist häufig mit 20 μm langen flaschenförmigen Zystiden besetzt, die an der erweiterten Basis bis zu 6 μm breit sein können; sie sind einzeln oder in Gruppen angeordnet. Manche besitzen warzige Vorsprünge an den Enden.Y. Wang, L. Sinclair, I. R. Hall, A. L. J. Cole: Boletus edulis sensu lato. A new record for New Zealand. In: New Zealand Journal of Crop and Horticultural Science. 1995, Band 23: 227–231. S. 229 (Online PDF, 1,8 MB)

Artabgrenzung

Neben den verwandten Arten besitzt der Fichtensteinpilz Ähnlichkeit mit dem Gemeinen Gallenröhrling (Tylopilus felleus) und dickstieligen Exemplaren des Maronen-Röhrlings (Imleria badia). Eine Verwechslung mit Ersterem hat für Pilzsammler insofern eine größere Bedeutung, als eine ganze Mahlzeit mit einem einzigen Pilz verdorben werden kann. Er unterscheidet sich durch ein dunkles Stielnetz und die im Alter rosafarbenen Poren; Sicherheit bringt eine Kostprobe des Fleisches oder schon das Lecken an einer Schnittstelle.Lüder: Grundkurs Pilzbestimmung. S. 359 Der Maronen-Röhrling ist durch einen ungenetzten, bräunlich marmorierten Stiel und bei Druck charakteristisch blauende Röhren zu unterscheiden.Ewald Gerhardt: BLV Bestimmungsbuch Pilze. S. 34 Eine Verwechslung mit dem Maronen-Röhrling oder einem der anderen Steinpilze wäre unproblematisch, da diese Arten allesamt als gute Speisepilze gelten. Eine weitere Verwechslungsmöglichkeit besteht mit dem giftigen Satans-Röhrling.

In Nordamerika gibt es noch einige weitere Arten, die dem Fichtensteinpilz ähnlich sind. Boletus variipes ist meist bei Eichen zu finden, hat einen beigefarbenen oder blass gelbbraunen,Smith et al.: The boletes of Michigan. S. 369 trockenen Hut und das Stielnetz ist meist stärker ausgeprägt. Der Pilz ist essbar, dem Fichtensteinpilz geschmacklich aber unterlegen. Xanthoconium separans (Boletus separans) ist durch gelbe Poren und meist einen violetten Ton im Stiel gekennzeichnet; Xanthoconium affine (Boletus affinis) besitzt weiße bis gelbe, aber keine grünlichen Poren und einen rotbraunen Hut mit gelben Flecken. Beide Arten sind essbar.David L. Spahr: Edible and Medicinal Mushrooms of New England and Eastern Canada. North Atlantic Books, Berkeley 2009, ISBN 1-55643-795-1. S. 106 f. (Scan bei GoogleBooks; für den gesamten Absatz)

Ökologie Symbiosepartner mini|Mit Fichten (Picea) bewachsene Wälder und Forste bilden einen typischen Lebensraum für den Fichtensteinpilz

Der Fichtensteinpilz ist, wie die anderen Arten der Gattung Boletus, ein Mykorrhiza-Pilz, der mit zahlreichen Pflanzenarten über die Ektomykorrhiza eine Symbiose eingehen kann. In Europa sind dies vor allem im Bergland in erster Linie Fichten und im Flachland Laubbäume wie Eichen und Buchen,Hervé Chaumeton: Pilze Mitteleuropas. (französischer Originaltitel: Les champignons de France.) Fischer, Stuttgart 1987, ISBN 3-437-30540-9. Nr. 118 daneben Kiefern, Birken, Tannen, Hainbuchen, Kastanien und Linden.Beugelsdijk et al.: A phylogenetic study of Boletus section Boletus in Europe. S. 2 f. Im Speziellen befinden sich darunter Waldkiefer, Hänge-Birke, Stiel-, Trauben- sowie Sumpf-Eiche, Rotbuche und Edelkastanie.Wang et al.: Boletus edulis sensu lato. S. 227 Der Fichtensteinpilz ist meist in den Wäldern, aber auch an Waldrändern der kollinen bis montanen Höhenstufen zu finden. Außerhalb von Wäldern bei einzelnen Bäumen, in Parkanlagen, Gärten und ähnlichen Biotopen ist er eher selten anzutreffen.