mini|Stockach von Westen
Stockach ist eine Stadt im Landkreis Konstanz im Süden Baden-Württembergs. Sie bildet ein Mittelzentrum für die umliegenden Gemeinden. Die Stadt war von 1939 bis zum 1. Januar 1973 Kreisstadt des damaligen Landkreises Stockach.
Geografie Lage Stockach liegt im Hegau, fünf Kilometer nordwestlich des Bodensees, in einer Höhenlage von 452,8 m im Tal der Stockacher Aach bis im Stadtwald „Schnaidt“.Stockach - Das Tor zum Bodensee. In: Urlaubsmagazin 2015/16, S. 43: „Zahlen und Fakten“.
Geologie Das ausgedehnte, von Stockacher- und Mahlspürer Aach zerschnittene Stadtgebiet liegt im Bereich der das Bodenseebecken umrahmenden Molasserücken, die flach nach Süden einfallen. Der tertiäre Untergrund aus Unterer Süßwassermolasse und Oberer Meeresmolasse ist überwiegend an den Talhängen aufgeschlossen, während auf den Höhenrücken und hochflächenartigen Hügelzügen eiszeitliche Ablagerungen mit Grund- und Endmoränen anstehen. Im nördlichen Stadtgebiet auf Gemarkung Hoppetenzell dehnen sich auf den tertiären Molasseschichten Schotterterrassen der Riß- und Würm-Kaltzeit aus. Der Würm-Kaltzeit zuzurechnende Beckentone und -sande sind bei Hoppetenzell teilweise in der Gestalt von kuppigen Erosionsresten erhalten und als Überreste eines eiszeitlichen Stausees zu deuten.Die Topographie Stockachs bei www.leo-bw.de; abgerufen am 26. November 2018.
Erdbeben Am Abend des 28. November 1886 kam es durch eine von Südost nach Nordwest fortschreitende wellenförmige Erdbewegung in der sogenannten Stockacher Verwerfung zu einem lokalen Erdbeben. Um 22.57 Uhr riss ein erster von drei innerhalb fünf bis sechs Sekunden aufeinanderfolgenden Stößen die Bevölkerung aus dem Schlaf, im rund vier Kilometer entfernten Ort Winterspüren waren diese noch deutlich zu spüren. Diese Bruchlinie verläuft wohl parallel der Leiblachlinie nördlich an der Nellenburg vorbei nach Südwesten, überschreitet wahrscheinlich die nördliche Fortsetzung des Überlingerseetals und lässt sich dann bis in die Gegend von Steißlingen verfolgen.Jahreshefte des Vereins für vaterländische Naturkunde in Württemberg. Band 63, 1907, S. 168.Sporadisches Erdbeben vom 28. Nov 1886 zu Stockach. In: Verhandlungen des Naturwissenschaftlichen Vereins in Karlsruhe. Band 10, 1888, S. 121 f.Zeitschrift der Deutschen Geologischen Gesellschaft. Band 63, 1912, S. 536.
Auch am 16. November 1911, um 22.25 Uhr, bebte die Erde in Stockach: Zwei Erdstöße erschreckten die Besucher des Martinimarkts, sie dauerten bis zu 25 Sekunden; ein Nachbeben folgte gegen 3 Uhr früh. Das Beben – sein Zentrum lag bei Ebingen – wurde als „eines der bedeutendsten in Mitteleuropa seit langer Zeit“ bezeichnet. Viele Gebäude und besonders die katholische Stadtkirche wurden erheblich beschädigt; die Schadenssumme betrug 38.963 Mark.Hans Wagner: Das Erdbeben vom 16. November 1911. In: Aus Stockachs Vergangenheit. Hegau-Bibliothek, Band 11; Verein für Geschichte des Hegaus e. V., Radolfzell, 1967, S. 342 ff.
Ein weiteres Erdbeben wurde in der Nacht zum 18. April 1961 gegen 1.15 Uhr wahrgenommen; ihm war ein mehrere Sekunden dauerndes Rollen vorausgegangen. Das Beben verursachte nur leichte Schäden.Heimatchronik. In: Hegau – Zeitschrift für Geschichte, Volkskunde und Naturgeschichte des Gebietes zwischen Rhein, Donau und Bodensee. Selbstverlag des Hegau-Geschichtsvereins Singen e. V., Heft 1/2 (11/12) 1961, S. 192.
Stadtgliederung Die Stadt Stockach besteht aus der Kernstadt, den früher selbstständigen Gemeinden Espasingen, Hindelwangen, Hoppetenzell, Mahlspüren im Hegau, Mahlspüren im Tal, Raithaslach, Wahlwies, Winterspüren und Zizenhausen sowie 79 weiteren Dörfern, Weilern, Zinken, Höfen und Häusern.
Stadtteil Dörfer, Weiler, Zinken, Wohnplätze, Höfe und HäuserEinwohner (31.12.2023), abgerufen am 2. Dezember 2010.Einwohner (31.12.2013)Einwohner (31.12.2003) Fläche(Hektar)Stockach (Kernstadt)Stadt Stockach (), der Weiler Airach (), die Siedlung Besetze (z. T. zu den Gemarkungen Hindelwangen und Winterspüren; ()), die Höfe Hohenfels (), Loretto () und Rosenberg sowie der Wohnplatz Dietsche ()895282358093 920EspasingenDorf Espasingen (), das Gehöft Spittelsberg () und der Wohnplatz Forsthaus Spittelsberg807707684 950HindelwangenDorf Hindelwangen (), der Weiler Burgtal (), die Höfe Berlingerhof (), Braunenberg (), Lohnerhof () und Nellenburg () sowie die Wohnplätze Besetze (z. T. zur Gemarkung Stockach und Winterspüren; ()), Döbelehaus, Kiesgrube und Zollbruck ()133514131461 950HoppetenzellDorf Hoppetenzell (), die Höfe Doserhof (), Neuseggehof (Christusreute; ()), Schachen, Schallberg () und Wolfholzerhof () sowie der Wohnplatz Altsegge(secke, Segge; ())674554569 400Mahlspüren im HegauDorf Mahlspüren im Hegau (), der Weiler Windegg (z. T. zur Gemarkung Zizenhausen; ()), die Höfe Auf den Reuten (Taubenhof; ()), Härtle (Oberes; ()), Harthof (), Kehlenhof (), Letten (Obere und Untere; ()), Schleichenhof (), Schlierbahn (), Stockfelderhof () und Unteres Härtle (Ozenbühl; ())521446459 420Mahlspüren im Tal / SeelfingenDorf Mahlspüren im Tal () und Dorf Seelfingen (), die Höfe Herbstenhof (), Oberer Hof (Lehensitzerhof; ()), Obernusserhof (), Unternusserhof (), Veitshöfe () und Veitsmühle () sowie die Wohnplätze Im Hallstock (Spechtenhaus; ()), Steighof () und Ziegelei653622615 710RaithaslachDorf Raithaslach (), die Höfe Hintereichen (), Sandlochhof () und Wiedenholzhöfe () sowie die Wohnplätze Hatzenlochhof () und Im Unterbach380370367 210WahlwiesDorf Wahlwies ()216321032196 900WinterspürenDorf Winterspüren (), die Weiler Frickenweiler (), Hengelau () und Ursaul (), die Zinken Besetze (z. T. zu den Gemarkungen Hindelwangen und Stockach; ()) und die Höfe Eggenried (), Einöde (), Heinrichsweiler (), Hildegrund (), Hochreute (), Hungerhof (), Jettweiler (), Malezreute (), Maushalde (), Mooshof (), Sailerhof (), Sonnenberg () und Streichenhof ()929822813 1200ZizenhausenDorf Zizenhausen (), die Weiler Bleiche (), Schmelze () und Windegg (z. T. zur Gemarkung Mahlspüren im Hegau; ()) sowie die Wohnplätze Altsegge (Segge) () und Ebenehof136312831285 210
Geschichte mini|Stockach 2005 (Blick vom Nellenburger Hang) mini|Luftbild von Stockach (2006)
Vorgeschichte und Mittelalter Gräberfunde lassen sich aus der Hallstattzeit (700 v. Chr.), der Kelten- (4. Jahrhundert v. Chr.) und der Alemannenzeit (400 bis 800 n. Chr.) in der Vorstadt Rißtorf nachweisen. Kleinfunde belegen überdies, dass das Gebiet auch in römischer Zeit (ca. 10 v. Chr. bis 400 n. Chr.) besiedelt war. In Wahlwies konnte ein römischer Gutshof nachgewiesen werden.Jürgen Hald: Römische Siedlungsreste in der Flur „Hafenäcker“ bei Wahlwies. In: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 2009. Stuttgart 2010, S. 187–189.
Zwischen 750 und 1056 wurde die Nellenburg gebaut und erweitert. Erstmals schriftlich erwähnt wurde der Ort um 1150 als Stocka. Neben einem älteren Dorf im Tal der Stockacher Aach an der Kreuzung zweier ehemaliger Römerstraßen gründeten Mitte des 13. Jahrhunderts die Grafen von Nellenburg auf einer geschützten Anhöhe die Stadt Stockach nach einfach gegliedertem Plan. Seit 1275 bestand das Amt Stockach in der Grafschaft Nellenburg, im Jahr 1278 (wahrscheinlich) oder 1283 (belegt) erhielt Stockach das Stadtrecht, als Graf Mangold von Nellenburg einen Vertrag mit den Worten datum et actum in civitate stoka unterzeichnen ließ.Matthias Biehler (bie): Ein Hauch Geschichte weht durch die Stadt. In: Südkurier. 20. Oktober 2008.
1351 soll Kuony von Stocken (auch manchmal als Hans Kuony) für seinen weisen Rat bei der Schlacht am Morgarten im Jahr 1315 das Privileg eines Narrengerichtes erhalten haben. Das nicht erhaltene Privileg gilt als Ursprung des heutigen Stockacher Narrengerichtes. Der Text des heute geltenden Privilegs stammt in Form einer „Abschrift“ wohl aus dem 19. Jahrhundert. Tatsächlich wird die Existenz eines sogenannten Narrengerichts erstmals 1661 in einem Ratsprotokoll erwähnt.
Nach dem Aussterben der dritten Linie der Grafen von Nellenburg kam Stockach mit der Landgrafschaft Nellenburg an die Freiherren von Tengen. Johannes von Nellenburg-Tengen verkaufte 1465 das Stockacher Land samt Stadt für knapp 38.000 Gulden endgültig an die Habsburger und die Grafschaft Nellenburg kam zu Österreich. Über viele hundert Jahre regierten die vorderösterreichischen Landvögte in Stockach. Das Haus Habsburg blieb bis 1805 Stadt- und Landesherr (→ Vorderösterreich).
16. bis 18. Jahrhundert 1499 zeigte sich, dass die Herrschaft der Österreicher nicht alleinige Sicherheit brachte. Im Zuge des Schweizerkriegs (auch als Schwabenkrieg bekannt) drangen die eidgenössischen Schweizer in den Hegau vor – und bis vor die Tore Stockachs. Es kam zur vergeblichen Belagerung Stockachs.Max Miller, Gerhard Taddey (Hrsg.): Handbuch der historischen Stätten Deutschlands. Band 6: Baden-Württemberg (= Kröners Taschenausgabe. Band 276). 2., verbesserte und erweiterte Auflage. Kröner, Stuttgart 1980, ISBN 3-520-27602-X, S. 763. An diese Begebenheit erinnert der sogenannte „Schweizer Feiertag“ als Traditionsveranstaltung heute noch. Dabei sind vor, während und nach dem dreitägigen Stadtfest jeweils im Juni neben der lokalen Bevölkerung immer auch Schweizer anzutreffen.
1704, während des Spanischen Erbfolgekrieges (1701–1714), ließ der bayerische Kurfürst Max Emanuel Stockach weitgehend niederbrennen. 1770 übernachtete die Habsburger Erzherzogin Marie-Antoinette auf ihrem Weg zur Hochzeit mit dem französischen Thronfolger im habsburgischen Stockach. Stockach war damals Teil von Schwäbisch-Österreich und ein bedeutender Straßenknotenpunkt zwischen Ulm, Schaffhausen, Tuttlingen und Konstanz.Peter Steuer, Konrad Krimm: Vorderösterreichische Regierung und Kammer 1753–1805: Oberamt Stockach und Stadt Konstanz. Veröffentlichungen der Staatlichen Archivverwaltung Baden-Württemberg 50/7. Verlag Kohlhammer, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-17-020483-6. Hier kreuzte sich der Postkutschenverkehr auf der Strecke Wien-Paris/Brüssel, Stuttgart-Zürich sowie Ulm-Basel. Der gesamte Fuhrverkehr musste sich hier die Kirchhalde hochquälen; dabei entstanden häufig Schäden an den Fuhrwerken. Die ortsansässigen Handwerker wie der hier seit 1790 ansässige Seiler verdienten gut an dem Durchgangsverkehr.Lisa-Maria Peschges: Schnaufen auf dem Weg zur Kirche. In: Südkurier. 7. September 2012.
Französische Revolution und Industrialisierung