Theokratie (, von „Gott“ und „herrschen“) ist eine Herrschaftsform, bei der die Staatsgewalt allein religiös legitimiert und von einer (in der Sicht der Anhänger der Staatsreligion) göttlich erwählten Person (gottberufener Prophet, gottbegnadeter König usw.), einer Priesterschaft (Klerus) oder sakralen Institution (Hierokratie) auf der Grundlage religiöser Prinzipien ausgeübt wird. Ein auf der Theokratie basierender Staat wird auch als Gottesstaat bezeichnet, da die sozialen Normen göttlichen und nicht menschlichen Ursprungs sein sollen. Es gibt dort weder eine Trennung von Staat und Religion noch von weltlichem Recht und religiösen Vorschriften. Damit widerspricht die Konzeption einer Theokratie dem Ideal eines liberal-demokratischen Rechtsstaats. Führt die religiöse Legitimierung von Macht zu einer klerikalen Herrschaft, spricht man in der Politikwissenschaft von Priesteraristokratie.
Beispiele von Theokratien in der Geschichte Altes Ägypten Das Alte Ägypten, an dessen Spitze ein Gottkönig (Pharao) stand, lässt sich als Theokratie auffassen, also ein politisches Gebilde, dessen Monarch die Gottheit repräsentiert.Hubert Cancik ua. (Hrsg.): Handbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe Band 5, Kohlhammer, 2001, S. 180. Während der 21. Dynastie bauten Hoherpriester des Amun ihre Macht so sehr aus, dass sie faktisch zu den Herrschern von Oberägypten wurden.
Zwölf Stämme Israels mini|rechts|alt=Israel nach dem Tanach|Israel nach dem Tanach Auch die Zwölf Stämme Israels bildeten laut der Bibel in vorstaatlicher Zeit eine Theokratie – ob als Amphiktyonie oder Kritarchie (Herrschaft der Richter, hebräisch: שופטים), ist allerdings umstritten.Vergleiche dazu Exodus 18, 13-26. Von ca. 1250 v. Chr. bis zum Königtum ab Saul rund 1050 v. Chr. waren die Stämme nach dem Tanach eine von Gott gelenkte und besonders im Verteidigungskrieg einheitlich auftretende Größe. Kennzeichnend für die israelitische Theokratie der Richterzeit war das Fehlen von ständigen Verwaltungsorganen und das geringe Maß an Organisation sowie die Zuweisung von Eigenverantwortung an die Bürger, die insbesondere an der Verbundenheit zu Gott gemessen wurde. Die in dieser Zeit häufigen Einfälle von Nachbarstämmen wurden genau wie die Einsetzung von Richtern als regulierende Maßnahmen Gottes angesehen, die abhängig von dem allgemeinen Grad an Verbundenheit zu Gott ergriffen wurden. Da aber fast alle biblischen Passagen über diese Zeit erst viel später geschrieben und zudem stark religiös ausgedeutet wurden, gilt dies unter vielen Forschern eher als unhistorisch.
Römisches und Byzantinisches Reich Theokratisch war auch die Regierungspraxis der antiken römischen Kaiser. Nach dem Vorbild Alexanders des Großen, und in Anlehnung an die Herrscherkulte im hellenistisch geprägten Osten des Reiches, ließen sie sich selbst als Götter verehren. Der römische Kaiserkult hatte eine wichtige staatstragende Funktion. Die Huldigung des vergöttlichten Kaisers war gleichzeitig ein Bekenntnis zu den Prinzipien des römischen Reiches. Abgesehen vom öffentlichen Kaiserkult (sacra publica) galt Religion jedoch als Privatangelegenheit (sacra privata). Der polytheistische Götterhimmel der Römer bot Raum für religiöse Vielfalt und Toleranz.
Juden und Christen zogen gleichwohl Zorn auf sich, wenn sie sich beharrlich weigerten, den Kaiser als Gott anzuerkennen und damit aus Sicht der Römer auch die religiös legitimierte Staatsordnung ablehnten. Insbesondere Christen wurden daher als politische Gefahr angesehen und teilweise verfolgt.
Kaiser Konstantin I. leitete eine religiöse Wende ein. Er ließ die Christenverfolgungen unterbinden, erließ ein Toleranzedikt für die christliche Religion und förderte die Etablierung einer christlich-einheitlichen Kirche, mitsamt der Verfolgung von Häretikern, auch wenn bis heute strittig ist, ob bzw. wann er selbst sich taufen ließ. Kaiser Theodosius I. erhob später das Christentum zur Staatsreligion des römischen Reiches und verbot damit auch alle anderen Kulte mit Ausnahme des Judentums. Die einst verfolgte Kirche wurde nun mit weitreichenden politischen Privilegien ausgestattet, welche die umfassende Ausbreitung des Christentums ermöglichten. Im Oströmischen Reich lebte der Kaiserkult jedoch in abgewandelter Form fort, indem der Kaiser sich nun als christlicher Priesterkönig (rex sacerdos) und sogar als Stellvertreter Christi auf Erden verstand, was einer der Faktoren in den zunehmenden Konflikten mit dem seinerseits immer monarchistischer eingestellten Papsttum war, das sich seit dem 6. Jahrhundert machtpolitisch etablierte. Dieses erlebte seinen Macht-Höhepunkt bereits unter dem nach Universalherrschaft strebenden Innozenz III. (1198–1216).Walter Ullmann: Die Machtstellung des Papsttums im Mittelalter. Graz 1960, S. 24 f.
Altes Reich nach Karl dem Großen Auch die westlichen Kaiser seit Karl dem Großen verstanden sich – mancher mehr, mancher weniger – als theokratisch. Das zeigte sich vor allem in der Praxis, Reichsbischöfe und -äbte ein- und abzusetzen (Investitur). Die Trennung zwischen geistlicher und lehnsrechtlicher Autorität bestand noch nicht im heute bekannten Maße, der Kaiser war sowohl oberster weltlicher als auch geistlicher Herrscher, zumal solange der Einfluss des Papsttums weltkirchlich noch überschaubar blieb. Referenz dieses Verständnisses war die Salbung, die die Gottgebundenheit des Herrschers darstellte. In der zeitgenössischen Panegyrik wurden immer wieder Vergleiche zu biblischen Königen wie Salomo und David gezogen. Als der Perfektion der theokratischen Praxis wird das sogenannte ottonisch-salische Reichskirchensystem gesehen, das unter Heinrich III. seinen Höhepunkt erreichte, der sogar Einfluss auf die Besetzung des Heiligen Stuhls nahm. Die von ihm unterstützte kirchliche Reformbewegung bekämpfte allerdings im Investiturstreit mit Heinrich IV. diese Praxis und schuf mit der (kirchen-)rechtlichen Trennung von Spiritualien und Temporalien ein Konstrukt, das den Kaiser nur auf die weltliche Autorität der Lehnsvergabe reduzierte. Nach dem Ende des Investiturstreites setzten sich allerdings die kaiserliche Investitur wie auch die Konflikte mit dem Papsttum noch lange fort.Vgl. Egon Boshof: Die Salier. 4., aktualisierte Auflage. Kohlhammer, Stuttgart [u. a.] 2000; Karl Jordan: Investiturstreit und frühe Stauferzeit. 1056–1197. 10. Auflage. DTB, München 1999, sowie die darin angegebene Literatur und überhaupt die ganze überaus zahlreiche Literatur zum Investiturstreit
Zu einer Fehldeutung kann der Titel der Schrift De civitate Dei (wörtlich: „Von der Bürgergemeinschaft Gottes“) des Kirchenvaters Augustinus verleiten, welche oft unzutreffend mit dem Begriff „Gottesstaat“ übersetzt wird. Dieser epochemachende Text behandelt jedoch keine theokratische Verschmelzung von Religion und Politik, sondern stellt vielmehr die unsichtbare, aber umfassende Herrschaft Gottes über die gesamte Weltgeschichte heraus. Augustinus unterscheidet dabei grundsätzlich zwischen der „Gemeinschaft Gottes“ (civitas dei) und der rein „irdisch-orientierten Gemeinschaft“ (civitas terrena). Damit liefert Augustinus bereits die theoretische Grundlage für die spätere Zweiteilung von geistlicher und weltlicher Macht, die im christlichen Mittelalter durch die gleichsam rivalisierende Verbindung zwischen Papst und Kaiser – in den modernen politischen Systemen seit der Aufklärung als organisatorische Trennung von Kirche und Staat zum Ausdruck kommt.
Kalifate In der muslimischen Welt gab es die theokratische Regierungsform des Kalifats, in der der Kalif, der Nachfolger oder Stellvertreter des Gesandten Gottes, sowohl die weltliche als auch die geistliche Herrschaft übernahm.
Präkolumbische Hochkulturen Maya In der Maya-Kultur kam der Priesterschaft eine überragende Stellung in Staat und Gesellschaft zu, sodass sogar von einer totalitären Theokratie gesprochen wird.Louis Carlen (Hrsg.): Forschungen zur Rechtsarchäologie und rechtlichen Volkskundes Band 1, Schulthess Verlag, 1978, S. 27
Inka Das Reich der Inka war eine Art staatsozialistische Theokratie, mit einem dynastisch legitimierten „Inka-Kaiser“ an der Staatsspitze, der als Sohn des Sonnengottes Inti und der Mondgöttin Mama Killa absolut herrschte. Der Begriff „Inka“ war ursprünglich der Titel des Priesterkönigs in der heiligen Hauptstadt Cuzco.Alexander Demandt: Kleine Weltgeschichte, C. H. Beck, München 2003, S. 199.
Azteken Auch das Reich der Azteken wird von einer Vielzahl von Historikern als Theokratie betrachtet, da der Herrscher der Azteken ab etwa 1350 als Feuergott und Nachfolger Quetzalcoatls und Huitzilopochtlis verehrt wurde.Christoph Auffarth ua. (Hrsg.): Metzler Lexikon Religion: Band 4, J.B. Metzler, 2002, S. 282.
Florenz, Genf und Zürich (15. und 16. Jahrhundert) mini|rechts|alt=Genf in 1602|Genf in 1602 Als Theokratie werden von einigen Historikern auch die Regierungen der Städte Florenz, Genf und Zürich bezeichnet.
In Florenz errichtete der Bußprediger Girolamo Savonarola 1494 eine theokratische Republik, mit Christus als König, 1498 wurde er gestürzt und als Ketzer hingerichtet.Michael Basse: Von den Reformkonzilien bis zum Vorabend der Reformation, Evangelische Verlagsanstalt, 2008, S. 123.
Bei Genf unter Johannes Calvin wurde von den Befürwortern einer solchen Einschätzung hervorgehoben, dass der Klerus enorme politische Macht im Alltäglichen hatte, von den Gegnern einer solchen Einordnung, dass Calvins Theologie für die Trennung von Staat und Kirche argumentiert.Harro Höpfl, The christian polity of John Calvin (Cambridge University Press, 1985)
Das politische System von Zürich unter Ulrich Zwingli wurde von einigen Autoren als Theokratie bezeichnet.
Andere Beispiele Unter dem Patriarch von Jerusalem, Dagobert von Pisa, gab es im 12. Jh. Bestrebungen, den Kreuzfahrerstaat Königreich Jerusalem in eine Theokratie unter dem Patrimonium des Heiligen Stuhls zu verwandeln. Tatsächlich übergab Gottfried von Bouillon, der Regent des Königreiches, Dagobert die Davidszitadelle und musste ihm versprechen, nach der Invasion Ägyptens ganz Jerusalem und Jaffa, sobald es erobert sein würde, dem Papst zu übergeben. Nach dem Tod Gottfrieds im Juli 1100 musste Dagobert allerdings Balduin von Boulogne als König von Jerusalem akzeptieren und seine Pläne zur Errichtung einer Theokratie aufgeben. Steven Runciman: Geschichte der Kreuzzüge. München, 1995. S. 302 u. 312.
Weitere christliche Theokratien in Europa waren das Täuferreich von MünsterMartin H. Jung: Die Reformation: Theologen, Politiker, Künstler. Göttingen, 2008. S. 147. von 1534/35 sowie das sich ab dem 16. Jahrhundert langsam herausbildende Fürstbistum Montenegro, in dem der von den montenegrinischen Clans gewählte Fürstbischof (Vladika) zugleich als weltliches und geistliches Oberhaupt des Staates fungierte. 1852 wurde es dann mit russischer Unterstützung in das säkulare Fürstentum Montenegro umgewandelt. Heiner Grunert: Glauben im Hinterland: Die Serbisch-Orthodoxen in der habsburgischen Herzegowina 1878–1918. Göttingen, 2016, S. 56.Jagos Jovanovic: Stvaranje Crnogorske drzave i razvoj Crnogorske nacionalnosti. Obod-Cetinje 1947, S. 233.
In Amerika gilt die Jesuitenreduktion,Reinalter, Helmut: Die Gesellschaftsutopie des Wiener Jakobiners Franz Hebenstreit und der Jesuitenstaat in Paraguay. In: Die Politisierung des Utopischen im 18. Jahrhundert. Vom utopischen Systementwurf zum Zeitalter der Revolution. Hrsg. v. Monika Neugebauer-Wölk u. Richard Saage. Tübingen, 1996. S. 198–212, hier S. 207. die im Zuge der Missionsarbeit der Jesuiten zwischen 1609 und 1767 in Südamerika bestand, als Theokratie.
Auch einige britische Kolonien entlang der Atlantikküste Nordamerikas trugen Züge einer Theokratie, beispielsweise das calvinistisch geprägte Massachusetts des 17. Jh.Adams, Willi Paul: Die USA vor 1900. München, 2000. S. 27. und das als Quäkerstaat angelegte Pennsylvania zwischen 1681 und 1756.