mini|Pissoir als Abteilung einer Männertoilette mini|Zeitgenössische Lithographie zur ersten Berliner Litfaßsäule, links mit integriertem Pissoir Ein Pissoir, veraltet auch Pissort, ist ein für das Urinieren im Stehen vorgesehener Ort. Ein Pissoir kann sowohl ein eigenständiges Gebäude als auch eine Abteilung einer Toilette sein. Gelegentlich werden auch die Pinkelrinne und fälschlicherweise das Urinal als Pissoir bezeichnet.
Etymologie Das Wort ist en Ursprungs und setzt sich zusammen aus dem Verb („pissen“) und dem Suffix -oir (von -orium – der Ort, wo etwas geschieht). Im Französischen selbst wurden diese Orte früher vespasienne genannt (nach dem römischen Kaiser Vespasian, der eine Sondersteuer auf das Sammeln von Urin erhob, welcher damals als Ammoniakquelle zum Gerben von Leder verwendet wurde). Dieser Begriff ist laut dem Wörterbuch Petit Larousse Illustré 1994 allerdings veraltet (Seite 1062: „VESPASIENNE n.f....Vx...“, Seite 24: „vx...vieux (mot qui n'est généralement plus compris ni employé...)“). Der standardsprachliche Begriff ist nach Larousse urinoir. Der Begriff pissoir existiert ebenfalls, ist jedoch als pop. (populaire) gekennzeichnet.
Als 1834 der Präfekt Claude-Philibert de Rambuteau in Paris die ersten öffentlichen Pissoirs errichten ließ, wurden sie von der Opposition spöttisch colonne Rambuteau (Säule des Rambuteau) genannt. Rambuteau lancierte daraufhin die offizielle Bezeichnung colonne vespasienne (vespasianische Säule). Es existieren die Bezeichnungen urinoir und – etwas weniger gepflegt – pissoir, pissotière. Das Wort épissoir hat damit nichts zu tun, es bezeichnet einen Pfriem, der beim Spleißen (épisser) verwendet wird (Marlspieker).Le grand Robert, 2001
Besonderes
Als Café Achteck werden in Berlin euphemisch jene mit Dach versehenen Blechkioske mit einer Pissrinne am Boden oder in halber Höhe wegen der acht Sichtwände benannt. Eine Seite bildet durch übergreifende Wände den Eingang. Ähnliche Kioske mit Pissoirs – teilweise in runder Form – finden sich gleichfalls in anderen Städten. In Dresden-Pieschen (Leipziger Straße) befand sich bis in die 1980er Jahre ein rechteckiges Pissoirhäuschen am Pieschener Hafen, von dessen Pissrinne in halber Höhe der Abfluss durch ein Rohr direkt in die Elbe erfolgte.
In Wien wurden in der Jugendstilzeit Pissoire als Teil einer Anlage mit Klosetts I. und II. Klasse als Pissort bezeichnet.
In den Niederlanden sind teilweise offene Pissoiranlagen, aber auch schneckenförmig eingedrehte Blechkonstruktionen vorhanden.So erleichtert sich die Welt – unterschiedliche Toiletten-Modelle. Stichwort Niederlande, mit Bild
In der Schweiz wird seit dem Jahr 2000 bei Musikfestivals mit „Peeasy“ ein Frauen-Pissoir (Missoir) eingesetzt, wo Frauen stehpinkeln können.Frauen-Pissoir: Kein leichtes Unterfangen, Berner Zeitung, 18. Juli 2011 Auch an anderen Orten findet man hin und wieder Pissoirs für Frauen.
Um unerlaubtes Wildpinkeln an bestimmten Plätzen zu verhindern, wurden in Basel an ausgewählten Standorten mobile Kunststoffhäuschen aufgestellt. Diese aufgrund zahlreicher Reklamationen ergriffene Maßnahme des Basler Baudepartements gegen das Wildpinkeln sollte zunächst mit mobilen Anlagen geprüft werden, wie und ob dies genutzt wird. Die Akzeptanz kann bei diesen mobilen Pissoirs am erreichten Tankinhalt kontrolliert werden.Pissoirhäuschen sollen Wildpinkler bremsen. In: Basler Zeitung, 12. Juli 2012 Basel startet Versuch mit mobilen Pissoirhäuschen. In: Baublatt, 12. Juli 2012 Die Pissoirhäuschen aus Plastik seien von rund 70'000 Personen genutzt worden, laut einer Schätzung nach der gesammelten Urinmenge von 35'000 Litern. Die Anlagen waren von den Nutzern akzeptiert worden, doch sei das „Wildpinkeln“ verringert, aber nicht verhindert worden. Kritik gab es aus dem nächsten Umfeld der Standorte. Ein saisonales Angebot werde gegenüber fixen Installationen eher toleriert.Bau- und Verkehrsdepartement (BVD): Mobile Pissoirs werden in Basel gut genutzt. In: Tageswoche, 19. November 2012
Jorge Jeffersson präsentiert. Bericht zur Ausstellung Dark Room, 5. – 7. Februar 1999 in Zürich
Oft werden nicht mehr genutzte Pissoirhäuschen einem anderen Nutzungszweck zugeführt. So wurde ein ehemaliges Pissoir in Prenzlauer Berg mit der Sanierung des Platzes (Erich-Weinert-/Gudvanger Straße) zum Müllhaus umgebaut (dazu Bild in der Galerie). In Nürnberg bestand 2009 ein zum Künstlerautomaten umfunktionierte, denkmalgeschütztes Pissoir-Häuschen.Vermerk auf nuernberg.bayern-online.de/magazin, Künstlerautomat Willstraße 50/Ecke Roonstraße.
Bio-Pinkel-Blumentröge gefüllt mit Sägespänen werden seit 2017 in Paris eingesetzt. Das Verfahren spart Wasser und Chemikalien, die Sägespänefüllung kann kompostiert werden.Bepflanzte „Katzenklos“ gegen Wildpinkler in Paris orf.at, 9. Februar 2017, abgerufen am 9. Februar 2017. Das aufgeklebte Bild einer Fliege im Pissoirbecken motiviert den Nutzer zu höherer Zielgenauigkeit.
Siehe auch Urinal am Oudezijds Voorburgwal Frauenurinal
Literatur Bettina Möllring: Toiletten und Urinale für Frauen und Männer: die Gestaltung von Sanitärobjekten und ihre Verwendung in öffentlichen und privaten Bereichen. (Dissertation Universität der Künste Berlin 2003/2004 176 Seiten (Volltext online), PDF, kostenfrei, 176 Seiten, 3,5 MB).
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Einzelnachweise
Kategorie:Sanitärtechnik