mini|Hergé (1962) mini|Signatur mini|Hergé (1940)
Georges Prosper RemiOpstal, H. van (1994) Essay RG. Het fenomeen Hergé, S. 8+10+132-133+195Goddin, Philippe (2008) Hergé. Levenslijnen, S. 25 alias Hergé (; * 22. Mai 1907 in Etterbeek in Brüssel; † 3. März 1983 in Woluwe-Saint-Lambert, Brüssel) war ein belgischer Comiczeichner. Sein Pseudonym ergibt sich aus seinen französisch ausgesprochenen und umgedrehten Initialen RG. Hergés bekanntestes und umfangreichstes Werk sind die Abenteuer von Tim und Struppi, die er von 1929 bis zu seinem Tod schrieb und zeichnete. Andere Serien aus Hergés Feder sind Stups und Steppke, Paul und Virginia und Jo, Jette und Jocko. Mit seinem Werk beeinflusste er die Comic-Kultur in Europa erheblich.
Leben Kindheit und Jugend mini|Hergés Geburtshaus in der Rue Philippe Baucq 33, der früheren Rue Cranz 25. Eine Gedenktafel erinnert an ihn.
Georges Remi wurde als Sohn von Alexis und Elisabeth Remi am 22. Mai 1907 geboren und wuchs in einem konservativen katholischen Milieu auf. Seine ersten vier Schuljahre fielen in die Zeit des Ersten Weltkriegs, in dessen Verlauf Brüssel von den Deutschen besetzt wurde. Georges, dessen Vorliebe für das Zeichnen sich früh zeigte, porträtierte in der Grundschule am Rand der Seiten seiner Schulbücher deutsche Soldaten. Er war ein ausgezeichneter Schüler.
Im Jahr 1920 wechselte Georges auf Wunsch des katholischen Arbeitgebers seines Vaters an die Saint-Boniface-Schule, wo jeder Tag mit einer Messe begonnen wurde und die Lehrerschaft vollständig aus Priestern bestand.Benoit Peeters: Hergé. Fils de Tintin. Paris 2002. Für Georges Remi bedeutete dies den Eintritt in ein streng katholisches Milieu, das für seine weitere Entwicklung große Bedeutung haben sollte. Dieser Einfluss verstärkte sich noch, als er kurz darauf auch der Association des Scouts Baden-Powell de Belgique, einem katholischen Pfadfinderbund, beitrat, der ihm die Möglichkeit eröffnete, in verschiedenen Sommerlagern viele europäische Länder zu bereisen. Auch seine Arbeit als Comiczeichner war später stark von der Ethik der Pfadfinderbewegung und seinen frühen Reiseerlebnissen geprägt.
Hergé sagte im Nachhinein über seine Kindheit: „Sie […] war gänzlich unbedeutend und in keiner Weise ein poetisch verklärtes Paradies“.Numa Sadoul: Tintin et moi. editions Casterman, 1975, S. 60.
Arbeit als Comiczeichner Im Jahr 1921 veröffentlichte Hergé in der Zeitschrift Jamais assez seine erste Zeichnung. Im Februar 1924 veröffentlichte er im Pfadfindermagazin Le Boy-Scout Belge seinen noch mit Untertiteln versehenen Comic Die Abenteuer von Totor. Für Le Boy-Scout Belge fertigte er noch diverse andere Zeichnungen. Hiermit begann sein Aufstieg als Zeichner innerhalb des katholischen konservativen Lagers. Er wurde Mitglied des Mouvement d’action catholique und trat der Association catholique de la jeunesse belge (A.C.J.B.) bei. Dadurch kam er in Kontakt mit katholischen Jugendorganisationen, die sich im Laufe der 1920er und 1930er Jahre radikalisierten,Martin Conway: Collaboration in Belgium. Léon Degrelle and the Rexist Movement 1940–44. London 1993, S. 8. und machte die Bekanntschaft von Personen wie Léon Degrelle und Raymond De Becker, die später bereitwillig mit den deutschen Besatzern kollaborierten. Die Bekanntschaft ging so weit, dass Hergé sich bereit erklärte, Bücher Degrelles (Histoire de la guerre scolaire, 1932) und De Beckers (Le Christ, roi des affaires, 1930, und Pour un ordre nouveau, 1932) zu illustrieren.
Nach dem Realschulabschluss 1925 arbeitete Hergé bei der katholischen Zeitung Le XXe Siècle (auch als Le Vingtième Siècle ausgewiesen), wo er sich zunächst mit einer Verwaltungsstelle beim Abonnentenservice begnügen musste. Le XXe Siècle war eine in klerikalen und konservativen Kreisen Brüssels und dessen Umgebung vielgelesene Zeitung, die unter der Führung von Pater Norbert Wallez eine radikale Wandlung erlebte.Pierre Assouline: Hergé. Biographie. Paris 1996. Wie sehr Wallez’ Persönlichkeit sich in der politischen Ausrichtung des Blattes niederschlug, belegt folgendes Zitat:
Nachdem er 1927 seinen Militärdienst absolviert hatte, wurde Hergé 1928 die Verantwortung für die Kinderbeilage Le Petit Vingtième übertragen. Er begann, darin Geschichten zu illustrieren, was ihm zwar erste Anerkennung im Verlag einbrachte, ihn selbst jedoch nicht zufriedenstellte. So beschloss er, im Stil amerikanischer Comicstrips mit Sprechblasen statt Untertiteln eine eigene Geschichte zu zeichnen. Vom 10. Januar 1929 bis zum 8. Mai 1930 erschien im Petit Vingtième das erste Tim-und-Struppi-Abenteuer mit dem Titel Tim im Lande der Sowjets auf direkten Wunsch des antibolschewistisch eingestellten Wallez. Hergés Hauptquelle stellte das Buch Moscou sans voiles (dt. Moskau ohne Schleier) von Joseph Douillet dar, in dem dieser ein stark antikommunistisches Bild zeichnete, das sich auf Hergés Comic übertrug. Der Kritiker Michael Farr meinte später hierzu: „Eine seiner [gemeint ist der Comic] größten Schwächen liegt in der starken Abhängigkeit von Douillets geradezu absurd tendenziösem Buch, das im Grunde genommen Hergés einzige Quelle darstellte.“Michael Farr: Auf den Spuren von Tim & Struppi. Carlsen, Hamburg 2005, ISBN 3-551-77110-3. Tim im Lande der Sowjets zeigt dennoch auch Passagen, die aus heutiger Sicht ein nicht übertriebenes Bild der Zeit des Stalinismus zeichnen.
Ab Januar 1930 veröffentlichte Hergé mit Stups und Steppke (im Original: Quick et Flupke) den ersten Comic einer weiteren Reihe, die die Abenteuer zweier Brüsseler Straßenjungen schildert. Viele Jahre produzierte er diese vergleichsweise erfolglosen Einseiter parallel zu den langen Geschichten von Tim und Struppi. Deren zweites Abenteuer, Tim im Kongo, gilt heute als ebenso umstritten wie der Erstling Tim im Lande der Sowjets. War es bei Letzterem die Verteuflung des Bolschewismus, so ist es in Tim im Kongo der Kolonialismus, der aus späterer Perspektive ein schlechtes Licht auf die Publikation wirft. Wieder hatte Norbert Wallez großen Einfluss auf Hergés Werk; er hatte ihn davon abgehalten, Tim wie geplant in seinem zweiten Auftritt direkt nach Amerika reisen zu lassen. Auf Wallez’ ausdrücklichen Wunsch hin begaben sich Tim und Struppi stattdessen zunächst in den Kongo, um bei den jugendlichen Lesern des Petit Vingtième Begeisterung für die belgische vocation coloniale und für die katholische Missionierung in Afrika zu wecken. Vor dem Hintergrund der Ausbeutung und der Kongogräuel erscheinen die kolonialismusfreundlichen Darstellungen in Hergés Geschichte zumindest als naiv, wenn nicht gar als explizit rassistisch. Nicht in Ansätzen übt er Kritik an der belgischen Herrschaft.
Einen Umbruch brachte das fünfte Tim-und-Struppi-Abenteuer, Der blaue Lotos. Hergé hatte am Schluss des vorherigen Abenteuers erwähnt, dass Tim nach China reisen würde. Pater Gosset, der Kaplan der chinesischen Studenten an der Katholischen Universität Löwen, schrieb daraufhin an Hergé und bat ihn, bei diesem Unterfangen vorsichtig vorzugehen. So kam es im Frühjahr 1934 zu einem Treffen zwischen Hergé und Gosset, der ihn zudem mit Zhang Chongren (Tschang Tschong-jen) bekannt machte, einem jungen Studenten der Bildhauerei an der Kunstakademie Académie royale des Beaux-Arts de Bruxelles. Die beiden jungen Künstler wurden rasch Freunde, und Tschang führte Hergé in die chinesische Geschichte, Kultur und Kunst ein. Beeinflusst durch diese Erfahrungen wollte Hergé fremde Kulturen und Schauplätze fortan so exakt wie möglich beschreiben. Als Zeichen der Dankbarkeit fügte er zudem einen erfundenen Tschang Tschong-jen in Der blaue Lotos ein, einen jungen Chinesen, der Tim begegnet und sein Freund wird.
Eine andere Auswirkung seiner Freundschaft mit Tschang war, dass Hergé den Kolonialismus kritischer zu betrachten begann, hier speziell die Interessen Japans in China. Der blaue Lotos hat als Folge eine deutlich antiimperialistische Botschaft und stand damit im Gegensatz zur vorherrschenden Meinung im Westen, die den Japanern wohlmeinend gegenüberstand. Von verschiedener Seite gab es nach dem Erscheinen scharfe Kritik; japanische Diplomaten protestierten beim belgischen Außenministerium. Tschang beendete sein Studium in Brüssel und kehrte nach China zurück. Der Kontakt brach bei der Eroberung Chinas durch die Japaner ab und konnte erst mehr als vierzig Jahre später wieder aufgenommen werden.
1935 zeichnete Hergé für die französische Wochenzeitschrift Coeurs vaillants die ersten Seiten der Serie Jo, Jette und Jocko, die von zwei Geschwistern und ihren Schimpansen handelt. Die Serie ist die einzige, die nicht auf Hergés Initiative entstand. Die Zeitungsredaktion hatte als Kontrast zur Figur des Tim eine Geschichte mit einem Kind gefordert, „das einen Vater hat, der arbeiten geht, und das eine Mutter, eine Schwester und ein Haustier hat“. In dieser Serie erschienen im Laufe der Zeit drei Abenteuer in fünf Bänden, von denen vor allem das letzte, Das Tal der Kobras, als den Tim-und-Struppi-Abenteuern qualitativ ebenbürtig angesehen wird. 1939 begonnen, wurde es 1954 fertiggestellt.
Zweiter Weltkrieg Im Jahr 1939 wurde Hergé von Song Meiling, der Ehefrau Chiang Kai-sheks, in die Republik China eingeladen, weil er in Der blaue Lotos zugunsten des chinesischen Volkes Stellung bezogen hatte; der beginnende Weltkrieg verhinderte die Reise. Noch im selben Jahr wurde Hergé zum Wehrdienst einberufen, und die Arbeit am neuesten Abenteuer, Im Reiche des schwarzen Goldes, wurde unterbrochen. Nach der Besetzung Belgiens durch deutsche Truppen 1940 wurde Hergé aus der Armee entlassen.
Die Zeitschrift Le Petit Vingtième, die bis dahin Tims Abenteuer veröffentlicht hatte, musste auf Weisung der deutschen Besatzer das Erscheinen einstellen. Daraufhin erhielt Hergé von Le Soir, der führenden französischsprachigen Tageszeitung der belgischen Hauptstadt, in deren Chefredaktion inzwischen sein alter Freund Raymond De Becker berufen worden war, das Angebot, einen neuen Tim-und-Struppi-Comic zu produzieren. Der Chef der deutschen Militärverwaltung, Alexander von Falkenhausen, bemühte sich, Le Soir als wichtigste Zeitung Belgiens für die Interessen der Besatzungsmacht zu instrumentalisieren und sie zu deren Sprachrohr zu machen. Hergé folgte De Becker und nahm das Angebot an. Die Abhängigkeit von den Deutschen machte Kompromisse erforderlich, und daher blieb Im Reiche des schwarzen Goldes wegen der anti-faschistischen Grundaussage der Geschichte zunächst unvollendet. Unterdessen begann Hergé die Arbeit an Die Krabbe mit den goldenen Scheren, das erste von sechs Alben, die er während des Krieges herausgab. Es wurde als Fortsetzungsgeschichte in der Zeitschrift Le Soir Jeunesse ab Oktober 1940 vorveröffentlicht und enthielt den ersten Auftritt der Figur des Kapitäns Haddock.
Während des Krieges ergaben sich zwei wesentliche Änderungen in der Arbeitsweise Hergés. Wegen Papiermangels wurden nicht mehr zwei Seiten pro Woche produziert wie beim Petit Vingtième, sondern täglich ein drei bis vier Bilder umfassender Bildstreifen. Um unter diesen Voraussetzungen kurze Spannungsbögen zu erzeugen, flocht Hergé mehr witzige Wendungen und Action in die Geschichten ein. Da er wegen der politischen Lage nicht mehr auf aktuelle Ereignisse eingehen konnte, wich er auf eher fantastische Stoffe aus: eine Expedition zu einem Meteoriten in Der geheimnisvolle Stern, eine Schatzsuche in Das Geheimnis der Einhorn und Der Schatz Rackhams des Roten, ein alter Inka-Fluch in Die sieben Kristallkugeln und Der Sonnentempel.