Okkultismus (von ‚verborgen‘, ‚verdeckt‘, ‚geheim‘) ist eine unscharfe Sammelbezeichnung für verschiedenste Phänomenbereiche, Praktiken und weltanschauliche Systeme, wobei okkult etwa gleichbedeutend mit esoterisch, paranormal, mystisch oder übersinnlich sein kann.Eberhard Bauer, Bernhard Wenisch: Okkultismus, in: Hans Gasper, Joachim Müller, Friederike Valentin: Lexikon der Sekten, Sondergruppen und Weltanschauungen, Herder, Freiburg, 6. Aufl. 2000, S. 768–775, hier S. 768. In einem engeren, vorwiegend in der Wissenschaft gebräuchlichen Sinn wird die Bezeichnung für bestimmte esoterische Strömungen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts verwendet. Diesem Verständnis schließt sich der vorliegende Artikel an. Im heutigen Sprachgebrauch hat der Begriff vielfach eine abwertende Konnotation.Gerhard Wehr, Lexikon der Spiritualität, Köln 2006, S. 251; Helmut Zander: Anthroposophie in Deutschland. Theosophische Weltanschauung und gesellschaftliche Praxis 1884–1945. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007, ISBN 978-3-525-36753-7, S. 936.

Begriffsgeschichte Das lateinische Adjektiv occultus ist abgeleitet von dem hypothetischen Verb obcelere, woraus auch occulere („verdecken, verbergen“) herrührt. In obcelere, das die proto-indoeuropäische Verbalwurzel *kele/-o („verhüllen, verbergen“) besitzt, findet sich celere („verhehlen, verbergen, verheimlichen“).Alois Walde: Lateinisches etymologisches Wörterbuch. 3. Aufl. besorgt von Johann Baptist Hofmann, I–III, Heidelberg 1938–1965, I (1938), S. 196 f., und II, S. 198.Michiel de Vaan: Etymological Dictionary of Latin and the Other Italic Languages. Koninklijke Brill NV Leiden, Boston 2008, ISBN 978-90-04-16797-1, S. 423 f. Das Adjektiv okkult wurde schon im Mittelalter gebraucht. Im Rahmen der aristotelischen Naturphilosophie unterschied man damals wahrnehmbare Qualitäten der Dinge wie Farbe oder Geschmack von nicht wahrnehmbaren okkulten Qualitäten wie dem Magnetismus, den Einflüssen der Sterne (im Sinne der Astrologie) und den Heilkräften verschiedener Substanzen, die nur indirekt über ihre Effekte erfahrbar sind. Die mittelalterliche Scholastik war der Meinung, dass die okkulten Qualitäten im Unterschied zu den direkt wahrnehmbaren nicht Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen sein könnten. Als die Naturwissenschaft im 17. Jahrhundert begann, auch Erscheinungen wie den Magnetismus zu untersuchen, erhielt die Rede von okkulten Qualitäten eine abwertende Bedeutung, da sie im Zusammenhang mit der scholastischen Ansicht der Unerforschbarkeit gesehen wurde.Wouter J. Hanegraaff: Occult/Occultism, in Dictionary of Gnosis and Western Esotericism, Leiden 2005, S. 884 f.

Seit dem frühen 16. Jahrhundert ist der Begriff okkulte Philosophie nachgewiesen.Wouter J. Hanegraaff: Occult/Occultism, in Dictionary of Gnosis and Western Esotericism, Leiden 2005, S. 886. Er scheint auf Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim zurückzugehen, der ihn 1510 in einer ersten, handschriftlichen Fassung seines Werks De occulta philosophia verwendete.Carl Kiesewetter: Geschichte des neueren Okkultismus, Wiesbaden 2007, S. 20 f. In diesem Buch, das zunächst in Form von Abschriften verbreitet wurde und erst 1531 in gedruckter Form erschien, verband Agrippa Elemente der Hermetik, des Neuplatonismus und der christlichen Kabbala.Kocku von Stuckrad: Was ist Esoterik? Kleine Geschichte des geheimen Wissens, C. H. Beck, München 2004, S. 107 f. Okkulte Philosophie oder Philosophia occulta etablierte sich als Bezeichnung für derartige religiös-philosophische Lehren, insbesondere für solche des späten 15. bis zum 17. Jahrhundert.Wouter J. Hanegraaff: Occult/Occultism, in Dictionary of Gnosis and Western Esotericism, Leiden 2005, S. 887.Antoine Faivre: Esoterik im Überblick, Freiburg 2001, S. 73–77.Siehe auch Frances A. Yates: The Occult Philosophy in the Elizabethan Age, 1979; deutsch: Die okkulte Philosophie im elisabethanischen Zeitalter, Clemens Zerling, Berlin 2001; sowie Martin Dembowsky: Okkulte Philosophie: Geschichte einer vergessenen Inspirationsquelle bei Philognosie. Vertreter der okkulten Philosophie wie Agrippa und Giovanni Pico della Mirandola versuchten, Philosophien zu entwickeln, die hermetisches, hebräisches und klassisches Wissen assimilieren, und diese Fusion mit der christlichen Theologie zu vereinigen. Trotz ihres esoterischen Charakters wurden die der okkulten Philosophie zugrundeliegenden hermetischen und kabbalistischen Ideen im Europa der Renaissance anfangs positiv aufgenommen. Die Historikerin Frances A. Yates betrachtete die okkulte Philosophie sogar als zentrale Triebkraft hinter der Renaissance selbst. Vermutlich ist es kein Zufall, dass die okkulte Philosophie, die Wert auf Einheit legte, während der Zeit der Reformation und der Renaissance populär wurde; möglicherweise wurde von ihr und ihrer Vereinigung so unterschiedlicher Quellen wie der klassischen Weisheit, der Magie, der hebräischen Kabbala und des Christentums erwartet, eine Lösung für das religiöse und politische Schisma der Zeit zu bieten. Während das scholastische Mittelalter Glauben und Frömmigkeit forderte, forderte die Renaissance individuelles Streben und die Suche nach Wissen; die Hermetik versuchte, Wissen und Glauben zu vereinigen. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts wurden christliche Magi wie Agrippa und John Dee jedoch wegen ihrer Theurgie verdächtigt, und als Teil der Gegenreformation wuchs auch die Reaktion gegen den Renaissance-Neuplatonismus und damit assoziierte okkulte Strömungen. Die christliche Kabbala, die zunächst der Legitimation okkulten Denkens diente, wurde nun wegen der okkulten Assoziation abgewertet und mit Hexerei assoziiert. Dee und andere Philosophen wurden diskreditiert; ersterer verbrachte seine letzten Jahre in Armut.

Ebenfalls im 16. Jahrhundert kam die Bezeichnung Okkulte Wissenschaften auf, womit vor allem die Astrologie, die Alchemie und die Magie gemeint waren.

Im Rahmen einer Gegenbewegung zur Aufklärung und der mit ihr verbundenen mechanistischen und materialistischen Naturwissenschaft wurden ab dem 18. Jahrhundert okkulte Kräfte postuliert, die der „normalen“ Wissenschaft unzugänglich sein sollten. Hinzu kamen Spekulationen, wonach letztlich alles auf nur eine okkulte Kraft zurückgeführt werden könnte. Beliebte Kandidaten waren der Magnetismus und die Elektrizität. Ihren Höhepunkt erreichten diese Spekulationen in Blavatskys synkretistischem Werk Die Geheimlehre (The Secret Doctrine, 1888).Wouter J. Hanegraaff: Occult/Occultism, in Dictionary of Gnosis and Western Esotericism, Leiden 2005, S. 885 f.

Das deutsche Lehnwort okkult kam erst um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert auf, obwohl Agrippa von Nettesheim alle Geheimlehren seiner Zeit bereits als „Occulta Philosophia“ bezeichnete. Die neulateinische Bildung des Substantivs Okkultismus erfolgte besonders nach der Gründung der Theosophischen Gesellschaft erst am Ende des 19. Jahrhunderts und wurde erstmals in einem französischen Wörterbuch von 1842 nachgewiesen, wenn auch lediglich als Bezeichnung für ein politisches „System der Okkultizität“, das sich gegen Priester und Aristokraten richte. Populär wurde es zunächst im Französischen durch Éliphas Lévi, der es zuerst 1856 in Dogme et rituel de la haute magie gebrauchte. Im Jahr 1853 hatte es bereits der freimaurerische Autor Jean-Marie Ragon in seinem populären Buch Maçonnerie occulte verwendet, das Lévi gut bekannt war. Ähnlich wie Lévi verband Ragon den Begriff occultisme nicht nur mit den neumodernen okkulten Wissenschaften, sondern auch mit zeitgenössischen sozialistischen Theorien, insbesondere denen Charles Fouriers. Ins Englische wurde der Begriff anscheinend 1875 durch Helena Petrovna Blavatsky eingeführt; im Deutschen prägte vor allem Carl Kiesewetter diesen Sprachgebrauch in den 1890er Jahren. In der wissenschaftlichen Literatur gibt es keine allgemein anerkannte Okkultismus-Definition. Im weitesten Sinn wird das Wort mitunter als Synonym für Esoterik gebraucht. In der engsten, vor allem von Antoine Faivre vertretenen Fassung steht es speziell für die französische, durch Lévi und Papus begründete Richtung der Esoterik. Zumeist werden jedoch ähnliche und etwa zeitgleiche Strömungen in anderen Ländern hinzugenommen.Wouter J. Hanegraaff: Occult/Occultism, in Dictionary of Gnosis and Western Esotericism, Leiden 2005, S. 887 f.; Antoine Faivre: Access to Western Esotericism, Albany 1994, S. 34 f.; Eduard Gugenberger, Roman Schweidlenka: Mutter Erde – Magie und Politik zwischen Faschismus und neuer Gesellschaft, Wien 1987, S. 69.

Ein weiterer, etymologisch verwandter Begriff neueren Ursprungs ist das Okkulte, der u. a. durch Colin Wilson (The Occult: A History, 1971) geprägt wurde und vor allem in der Soziologie und im Journalismus als vage Sammelbezeichnung für das Unerklärte verwendet wird.Wouter J. Hanegraaff: Occult/Occultism, in Dictionary of Gnosis and Western Esotericism, Leiden 2005, S. 888.

Richtungen Grundsätzlich lassen sich zwei Richtungen des Okkultismus unterscheiden: der empirische und der esoterische Okkultismus. Ersterer befasst sich mit okkulten Erscheinungen und will diese erforschen. Seine Ursprünge liegen im Mesmerismus und im experimentellen Spiritismus. Der esoterische Okkultismus hingegen befasst sich mit „Geheimwissen“, das nur „Eingeweihten“ zugänglich sei.Eberhard Bauer, Bernhard Wenisch: Okkultismus, in: Hans Gasper, Joachim Müller, Friederike Valentin: Lexikon der Sekten, Sondergruppen und Weltanschauungen, Herder, Freiburg, 6. Aufl. 2000, S. 768–775, hier S. 769.

Nach einem Vorschlag von Edward A. Tiryakian soll nur die praktisch orientierte Richtung als Okkultismus bezeichnet werden, während die theoretische Richtung der Esoterik zugerechnet werden soll.Edward A. Tiryakian: Toward the Sociology of Esoteric Culture. In: On the Margin of the Visible – Sociology, the Esoteric, and the Occult, 1974, S. 257–280. Dieser Sprachgebrauch fand eine weite Verbreitung, wurde jedoch auch grundsätzlich als künstliche Unterscheidung zurückgewiesenRobert Galbreath: Explaining modern occultism. In: Howard Kerr, Charles L. Crow (Hrsg.): The Occult in America – New Historical Perspectives, 1983, S. 11–37. und konnte sich nicht allgemein durchsetzen.

Geschichte mini|Éliphas Lévi (1862) Die Wurzeln des Okkultismus lassen sich bis in die Antike zurückverfolgen (Gnosis, Hermetik, Neuplatonismus, Kabbala).Nicholas Goodrick-Clarke, Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus, Lizenzausgabe Wiesbaden 2004, S. 23. (Siehe Geschichte der westlichen Esoterik.) Im engeren Sinn oft auch als moderner Okkultismus bezeichnet, wurde er in Frankreich durch Alphonse-Louis Constant alias Éliphas Lévi begründet, der in den Jahren 1854 bis 1861 einige einflussreiche Kompilationen über diverse Themen der Esoterik herausbrachte und auch die Bezeichnung Okkultismus populär machte.Antoine Faivre: Esoterik im Überblick, Freiburg 2001, S. 111. Lévi entwickelte seine Ideen im Kontext frühsozialistischer und progressiv-katholischer Strömungen. Diese stark ausgeprägte sozialistische, sozialreformerische Tendenz rührte von der engen Verflechtung von Frühsozialismus und Esoterik seit der Julimonarchie her und setzte sich bis in die Jahrzehnte um 1900 fort. Weitere bedeutende Vertreter des französischen Okkultismus waren Papus, Stanislas de Guaita und Joséphin Péladan; im englischen Sprachraum sind vor allem G. R. S. Mead und Arthur Edward Waite zu nennen, in Deutschland Carl du Prel und Franz Hartmann, in Russland P. D. Ouspensky.Antoine Faivre: Esoterik im Überblick, Freiburg 2001, S. 112–114. Die okkulten Bücher des 19. Jahrhunderts wirken laut Hans Biedermann „meist wie mißverstandene Abklatsche der älteren mag. Werke, wenn auch ein Bestehen echter Traditionen als Bindeglieder von der Zeit der neueren ‚Hermetiker‘ zum 19. Jh. nicht völlig von der Hand zu weisen ist“.

mini|Helena Blavatsky (1877)