mini|Der Wotansknoten versinnbildlicht die neun Welten und ist ein beliebtes Symbol der Forn Siðr- oder Ásatrú-Anhänger. mini|Der Thorshammer wird von vielen germanischen Neuheiden als Symbol ihres Glaubens getragen. Im Bild eine neuere Nachbildung des Fundes von Skåne.

Als germanisches Neuheidentum, auch germanisches Heidentum, neugermanisches Heidentum oder einfach Heidentum im engeren Sinne bezeichnet man zeitgenössische Bestrebungen zur Wiederbelebung einer vorchristlichen ethnischen Religion unter Berufung auf Kultur, Mythologie und Glaubenswelt der Germanen.René Glünder: Germanisches (Neu-)Heidentum in Deutschland: Entstehung, Struktur und Symbolsystem eines alternativreligiösen Feldes. Logos Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-8325-2106-6. Am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts zeigten völkische und rechtsesoterische Bewegungen in Deutschland und Österreich auch neuheidnische Bestrebungen. Eine zweite Wiederbelebungswelle begann in den frühen 1970er Jahren. Die Glaubensvorstellungen und Schwerpunkte der einzelnen Anhänger können sehr unterschiedlich sein. Sie reichen vom streng-historisch-polytheistischen Rekonstruktionismus und romantisch-folkloristischen Ansätzen (Folktro), über synkretisch-eklektische und pragmatisch-psychologische (jungianische Archetypen) bis hin zu mystischen Herangehensweisen. Es gibt weltweit ein weites Spektrum germanisch-neuheidnischer Organisationen.

Begriffsdefinitionen Es existieren viele verschiedene Begriffe für die unterschiedlichen Strömungen des germanischen Neuheidentums. Einige Bezeichnungen stehen in einem spezifischen Bezug zu einer Gruppe, während andere Bezeichnungen eine übergreifende Verwendung finden. 1997 wurde in einem Artikel der Zeitschrift Pagan DawnArlea Anschütz, Stormerne Hunt: eine ganze Reihe von Begriffen aufgelistet, die mehr oder minder Synonyme sind, darunter die Bezeichnungen nordische Tradition, nordische Sitte, Ásatrú, Odinismus, germanischer Paganismus und teutonische Religion.

Allgemein (sowohl von Laien als auch in der Fachliteratur) wird der Begriff germanisches Heidentum oder Neuheidentum als Überbegriff für alle Strömungen verwendet, während andere Termini geprägt wurden, um spezifische kulturelle Strömungen oder Glaubensschwerpunkte zu benennen. So wurden z. B. Forn Siðr und seine moderne skandinavische Form Forn Sed zu verbreiteten religiösen Eigenbezeichnungen im skandinavischen neuheidnischen Milieu, wohingegen Urglaawe das Neuheidentum der Pennsylvania Deitchen bezeichnet.

Das Adjektiv heidnisch (althochdeutsch heidan, altenglisch hæðen, altnordisch heiðinn) findet historisch seine erste Verwendung in der gotischen Form *haiþi bzw. haiþno in der gotischen Bibel des Wulfila als Übersetzung des Ausdrucks gynē Hellēnis („griechische Frau“) im Markus-Evangelium 7:26, wobei „griechisch“ als Gegenbegriff zu „christlich“ oder „jüdisch“ die Anhänger des griechischen Polytheismus bezeichnet. Es geht möglicherweise auf eine Entlehnung des armenischen hethanos zurück, das selbst eine Entlehnung des griechischen Begriffs éthnos ist. Nach anderen Theorien geht es auf urgermanisch *haiþinaz zurück, das mit dem neuhochdeutschen Heide „nicht urbar gemachtes, unfruchtbares Land“ verwandt ist. Heutzutage bezeichnet Heidentum allgemein eine nicht-abrahamitische Religion. In den Isländersagas bilden heiðinn siðr und kristinn siðr ein Gegensatzpaar, das die heidnische der christlichen Religion gegenüberstellt.

Strömungen und deren Bezeichnungen Asatro, Ásatrú, Asatru Bei Asatro handelt es sich um einen dänisch-schwedischen Neologismus bestehend aus asa, dem Genitiv Plural von dänisch æser bzw. schwedisch äser „Ase“, und tro „Glaube“. Das nordische Wort tro ist etymologisch verwandt, doch nicht bedeutungsgleich mit dem deutschen Wort Treue sowie dem englischen Wort truth „Wahrheit“. Der Begriff Asatro taucht erstmals zu Beginn des 19. Jahrhunderts in den Schriften der skandinavischen Nationalromantiker auf. Diese prägten damals eine ganze Reihe von Bezeichnungen für die alte Religion der Wikinger wie z. B. Asalære, Asareligion, Asadyrkan, Asakult und eben Asatro.Gunnar Creutz: Begreppen asatro och forn sed. (PDF; 1,4 MB). In: Mimers Källa. Nr. 22, Sommer 2009, . Angestoßen wurden diese Bestrebungen im Wesentlichen von dem dänischen Dichter und Pastor Nikolai Frederik Severin Grundtvig mit seinem Werk Om asalæren.Om asalæren (PDF; 260 kB). Im Schwedischen wurde der Begriff dem Svenska Akademiens Ordbok zufolge erstmals von Carl Gustaf af Leopold verwendet.

Im Norwegischen taucht der Begriff Asatro erstmals 1870 bei Bjørnstjerne Bjørnson in seiner unvollendeten Oper Olaf Tryggvason als Bezeichnung für den heidnischen Glauben der Nordländer auf. Die Musik zu dieser Oper wurde von dem norwegischen Komponisten Edvard Grieg komponiert.pluto.nobergen.folkebibl.no (PDF; 682 kB).

Die isländische und international weit verbreitete Schreibweise Ásatrú wurde erstmals 1945 von Ólafur Briem in seinem Werk Heiðinn siður á Íslandi („Heidnische Sitten auf Island“) verwendet. Die Ásatrú-Anhänger werden im Isländischen als Ásatrúarmenn bezeichnet. Heutzutage wird der Begriff Asatro oder Ásatrú hauptsächlich von nordisch-skandinavisch bzw. wikingerzeitlich-rekonstruktionistischen Gruppen für ihren Glauben verwandt. Jörmundur Ingi Hansen definierte Ásatrú 1992 in folgender Weise: „Meiner Ansicht nach wird die Welt durch zwei wesensverschiedene Urkräfte geprägt, die erbauenden Kräfte der Æsir und die zerstörerischen Kräfte, die wir als Riesen bezeichnen. […] Ásatrú oder Heidentum besteht im Grunde nur darin, diese Zweiteilung zu erkennen und sich für die Seite der Æsir zu entscheiden.“

Der Begriff Ásatrú wird zum Teil, insbesondere von schwedischen Gruppen, als Eigenbezeichnung für die germanisch-heidnische Religion kritisch betrachtet und sogar explizit abgelehnt. Gründe dafür sind seine Wurzeln in der Nationalromantik,– Samfälligheten för Nordisk Sed – Summary in English die semantische Implikation einer Glaubenslehre (tro) und seine Assoziation mit der Theorie der Metagenetik In: RUNESTONE. #26, Sommer 1999. bei amerikanischen Organisationen wie dem Asatru Folk Assembly. Asatru wird als englische Kurzbezeichnung für die isländische Glaubensbewegung Ásatrúarfélagið verwendet und ist inzwischen auch in Deutschland gebräuchlich. Die Schreibweise Asatro wird im deutschen Sprachraum weniger verwendet. Die Anhänger dieser Bewegung berufen sich zum Teil auf die Heimskringla.Stefanie von Schnurbein: Norse Revival. Transformations of Germanic Neopaganism. Leiden, Brill 2016, ISBN 978-1-60846-737-2, S. 10. Ásatrú wird manchmal – vor allem in den USA – als „Asentreue“ übersetzt, was jedoch auf viele Anhänger dieser Bewegung nicht zutrifft, da bei ihnen nicht immer die Asen im Mittelpunkt stehen, sondern auch andere skandinavische Gottheiten verehrt werden.Matthew H. Amster: It’s Not Easy Being Apolitical: Reconstructionism and Eclecticism in Danish Asatro. In: Kathryn Rountree: Contemporary Pagan and Native Faith Movements in Europe: Colonialist and Nationalist Impulses. Berghahn, New York und Oxford 2015, ISBN 978-1-78238-646-9, S. 43–63. Im US-amerikanischen Sprachraum wird spätestens seit 2016 als Abgrenzung von der dortigen okkultistischen Ásatrú-Bewegung oft von Heathenry (Heidentum) gesprochen, wenn Ásatrú gemeint ist.

Odinismus

Im englischsprachigen Raum wird für das germanische Neuheidentum, teilweise synonym zu der Bezeichnung Ásatrú, auch gerne der Begriff Odinism (Odinismus) gebraucht. Der Begriff taucht zunächst beim US-amerikanischen Philosophen Orestes Brownson 1848 in seinen Letters to Protestants aufHenry Francis Brownson, T. Nourse (Hrsg.): The Works of Orestes A. Brownson: Containing the Second Part of the Political Writings. 1884, S. 257. und wurde in den 1930er Jahren in Australien von Alexander Mills und seiner First Anglecyn Church of Odin sowie in seinem Werk The Call of Our Ancient Nordic ReligionAlexander Rud Mills: The Call of Our Ancient Nordic Religion. Northern World Pub. wiederbelebt. Die Bezeichnung wurde seit den 1960er Jahren auch in Nordamerika von Else Christensen zuerst im Namen ihrer Odinist Study Group und später der ebenfalls von ihr begründeten Odinist Fellowship sowie ab 1973 in Großbritannien vom Odinic Rite (ursprünglich und bis 1980 Committee for the Restoration of the Odinic Rite/Odinist Committee) verwendet. Letzterer verwahrt sich dezidiert gegen Bezeichnungen wie z. B. Ásatrú mit der Begründung, das Wikingerzeitalter bilde nur eine kleine Epoche der germanischen Glaubens- und Religionsgeschichte.Odinism – A Defining Moment. Vortrag von Hengest Thorsson OR, später abgedruckt in: Odinic Rite Briefing. Heft 213, 2009.

Der oft missverstandenen Auffassung, es handle sich hierbei um eine tendenziell mono- oder henotheistische Variante des Glaubens, entgegnet der Odinic Rite in seinem Flugblatt Odinism – A European Folk Religion, indem er den Begriff als Synonym zu anderen verbreiteten Glaubensbezeichnungen wie z. B. Ásatrú erklärt. (PDF; 175 kB).

Vanatrú, Waincraft Analog zu dem Begriff Ásatrú wurde der Begriff Vanatrú („Vanenglaube“) geprägt, um den Glaubensfokus auf dem Göttergeschlecht der Wanen zu verdeutlichen.Nicanthiel Hrafnhild: An Introduction to Vanatru. Vanatrú kann demnach, wie auch Ásatrú, als Zweig innerhalb des nordischen Heidentums (Forn Siðr) verstanden werden. Im Gegensatz zu den Vanatrú-Anhängern, die neben ihrem Wanenfokus auch die Asen in ihren Glauben einbeziehen, verehren die Waincraft-Anhänger ausschließlich die Wanengötter, die sie als vor-indoeuropäische Gottheiten auffassen, welche bereits vor der Ankunft der Asen in Europa verehrt wurden.Nicanthiel Hrafnhild: An Introduction to Waincraft. 2011.Nicanthiel Hrafnhild: Walking the Wagon-Ways: Mastering the Elements of Waincraft. 2011.

Rökkatrú RökkatrúWhat is Rokkatru? Northern Traditional Paganism, abgerufen am 30. Juli 2011.Galina Krasskova: The Demonization of Loki. Teil III. Patheos.com. The author discusses Rokkatru.Galina Krasskova: Exploring the Northern Tradition. New Page Books, New Jersey 2005. ist eine Richtung innerhalb des germanischen Neuheidentums, deren Anhänger vornehmlich die Jötunn, die Riesen der Urzeit wie zum Beispiel die Unterweltgottheit Hel, die Midgardschlange Jǫrmungandr, den Fenriswolf und den von den Göttern „adoptierten“ Riesen Loki verehren. Innerhalb der weiteren germanisch-neuheidnischen Bewegung wird Rökkatrú weitläufig nicht als Teil der Religion angesehen, da die hier im Fokus stehenden Wesenheiten in ihrem Wirken den anderen Gottheiten zumeist entgegengestellt sind.

Rekonstruktionen auf der Grundlage lokaler Überlieferungen Folketro Der Folketro („Volksglaube“) ist eine Richtung innerhalb des germanischen Neuheidentums, die ihre Grundlage in erster Linie in dem jeweiligen regionalen Volksbrauchtum sieht. Mythologische Grundlagen bilden regional überlieferte Sagen. Brauchtumselemente wie Volkstänze und Volkslieder mit zum Teil angenommenen vorchristlich-heidnischen Wurzeln werden aufgegriffen und in einem neuen bzw. alten Kontext betrachtet.

In Teilen distanziert man sich sogar von der eigentlichen Ásatrú-Bewegung, da hier Ásatrú im engeren Sinne als die Rekonstruktion der wikingerzeitlichen Religion und in Teilen als nationalromantische Verklärung dieser Zeit aufgefasst wird. Im Folketro versteht man die damalige Religion vielmehr als Ausdruck des damaligen Volksglaubens. Vertreter des Folketro sind insbesondere die beiden Vereinigungen Foreningen Forn Sed (norwegisch „Vereinigung Firne Sitte“) in Norwegen und Samfälligheten för Nordisk Sed (schwedisch „Union für nordische Sitte“) in Schweden.

Stringent werden von den Vertretern der Folketro Einflüsse aus New Age, Wicca und den thelemischen Lehren Aleister Crowleys abgelehnt. Die Folketro wird aufgrund dieser Haltung von ihren Kritikern herabsetzend auch als funtrad, was eine Abkürzung für fundamentalistisk traditionalisme („fundamentalistischer Traditionalismus“) ist, bezeichnet.

Forn Siðr