mini|Silvio Berlusconi (2010) rahmenlos|hochkant|zentriert|klasse=skin-invert-image notpageimage|Unterschrift von Silvio Berlusconi
Silvio Berlusconi (* 29. September 1936 in Mailand, Lombardei; † 12. Juni 2023 in Segrate, Metropolitanstadt Mailand) war ein italienischer Politiker und Unternehmer. Er war viermal Ministerpräsident Italiens (1994–1995, 2001–2005, 2005–2006 und 2008–2011) sowie übergangsweise Außen-, Wirtschafts- und Gesundheitsminister. Von 1994 bis 2013 war er Mitglied der italienischen Abgeordnetenkammer. Von 2022 bis zu seinem Tod gehörte er dem Senat an, dessen Mitglied er bereits von März bis November 2013 gewesen war. Von der Europawahl 2019 bis Oktober 2022 war er Mitglied des Europäischen Parlaments. Berlusconi war Eigentümer von Fininvest. Laut Forbes-Liste 2023 war er mit einem Vermögen von rund 7 Milliarden US-Dollar einer der reichsten Italiener. Von 1986 bis 2004 und von 2006 bis 2008 war er außerdem Präsident des Fußballvereins AC Mailand.
1993 gründete Berlusconi die Partei Forza Italia, die 2009 zusammen mit der Alleanza Nazionale, einer langjährigen Verbündeten seiner Partei, in der auf seine Initiative gegründeten Partei Il Popolo della Libertà (PdL) aufging. Auf dem Gründungsparteitag wurde er am 29. März 2009 zu deren Vorsitzendem gewählt. Am 12. November 2011 trat er letztmals von seinem Amt als Ministerpräsident Italiens zurück; sein Nachfolger wurde Mario Monti. Am 16. November 2013 ließ Berlusconi den PdL wieder in Forza Italia umbenennen, nachdem sich eine PdL-Gruppierung aus der Regierung Enrico Lettas unter der Führung von Angelino Alfano Berlusconi in den Weg gestellt und bereits am 15. November 2013 die Partei Nuovo Centrodestra als Abspaltung der PdL gegründet hatte. Nach Berlusconi ist der Berlusconismus benannt, eine Form des Populismus in Italien.
Italienische Medien gaben Berlusconi die Spitznamen Il Cavaliere („Der Ritter“) und Il Caimano („Der Kaiman“). In der Öffentlichkeit war Berlusconi neben seiner politischen Laufbahn durch Affären und Bunga-Bunga-Partys bekannt. Vor italienischen Gerichten waren mehrere Verfahren gegen ihn anhängig. Im August 2013 wurde er wegen Steuerbetrugs rechtskräftig verurteilt und infolgedessen mit einem sechsjährigen Verbot der Bekleidung öffentlicher Ämter belegt.
Leben Privatleben mini|hochkant|Silvio Berlusconi in den 1960er Jahren Berlusconi war der älteste Sohn von Luigi Berlusconi und Rosa Bossi und der Bruder von Maria Antonietta und Paolo Berlusconi. Sein Vater war Angestellter der Banca Rasini, in der er bis zum Geschäftsführer avancierte. 1954 erlangte Silvio Berlusconi das Reifezeugnis am Salesianer-Gymnasium Sant’Ambrogio in Mailand. Anschließend begann er an der Universität Mailand das Jura-Studium, das er 1961 mit einer Diplomarbeit über Werbeverträge cum laude abschloss. Für seine Arbeit gewann er einen von der Werbeagentur Manzoni ausgeschriebenen Preis über 2 Millionen Lire. Neben dem Studium arbeitete er als Staubsaugervertreter und als Sänger und Conférencier in Nachtclubs und auf Kreuzfahrtschiffen. Nach dem Studium leistete Berlusconi den – damals noch obligatorischen – Militärdienst nicht ab.
1965 heiratete er Carla Elvira Lucia Dall’Oglio, mit der er zwei Kinder hatte: Maria Elvira, genannt Marina (* 1966), und Pier Silvio (* 1969). 1985 ließ Berlusconi sich scheiden. 1990 folgte die Heirat mit der Schauspielerin Veronica Lario (* 1956, bürgerlicher Name Miriam Bartolini), mit der er drei Kinder hatte: Barbara (* 1984), Eleonora (* 1986) und Luigi (* 1988). Anfang Mai 2009 gab Lario bekannt, dass sie die Scheidung einreichen wolle.Spiegel Online, 4. Mai 2009Veronica Lario vs. Silvio Berlusconi Der ewige Rosenkrieg. sueddeutsche.de; abgerufen am 17. Dezember 2012. Im Mai 2010 einigte sich Berlusconi mit seiner Noch-Ehefrau auf eine Unterhaltsregelung. Demnach erhielt Lario jährlich 3,6 Millionen Euro sowie ein lebenslanges Wohnrecht in der Villa bei Mailand, die sie mit ihren drei Kindern bewohnt.spiegel.de, 11. Mai 2010 Lario hatte zuvor 43 Mio. Euro pro Jahr gefordert.spiegel.de, 26. November 2009 Im Februar 2014 wurde in einem Zwischenurteil die Ehe aufgelöst, die Scheidung war damit aber noch nicht abgeschlossen,Silvio Berlusconi e Veronica Lario hanno divorziato. Tribunale scioglie matrimonio, abgerufen am 24. Juni 2018. da über die Höhe der Unterhaltszahlungen noch Jahre prozessiert wurde. Im Dezember 2012 verkündete Berlusconi seine Verlobung mit dem Showgirl Francesca Pascale (* 1985),, abgerufen am 12. Juni 2023. die auf seine Initiative von 2009 bis 2012 dem Provinzrat von Neapel angehörte. Pascale war als Tänzerin in der Show Telecafone des Senders Telecapri bekannt geworden. Sie hatte nach der Wahlniederlage Berlusconis 2006 die Unterstützungsgruppe Silvio ci manchi (Silvio, du fehlst uns) gegründet.Berlusconi hat sich verlobt. ksta.de; abgerufen am 17. Dezember 2012. (PDF) unita.it; abgerufen am 17. Dezember 2012. 2020 trennte sich Berlusconi von Pascale und ging mit der Abgeordneten Marta Fascina (* 1990) eine Beziehung ein.
mini|Begräbnisfeier für Berlusconi im Mailänder Dom
Anfang April 2023 wurde bei Berlusconi eine chronische myelomonozytäre Leukämie diagnostiziert.Berlusconi ist an Leukämie erkrankt. In: faz.net, 6. April 2023. Er starb am 12. Juni 2023 im Alter von 86 Jahren im Ospedale San Raffaele in Mailand.
Wenige Stunden nach seinem Tod wurde Berlusconi in die Villa San Martino in Arcore gebracht, wo er in der Privatkapelle aufgebahrt wurde. Aus Sicherheitsgründen hatten nur ausgewählte Personen Zutritt. Am folgenden Tag wurde durch den Priester von Arcore in Anwesenheit von Verwandten und engen Freunden in der Kapelle eine Privatmesse abgehalten.
Berlusconis Staatsbegräbnis wurde am 14. Juni im Mailänder Dom mit 2500 Gästen von Mario Delpini, dem Erzbischof von Mailand, abgehalten. Unter den Anwesenden waren die amtierende Ministerpräsidentin Giorgia Meloni mit fast dem gesamten Kabinett und Staatspräsident Sergio Mattarella sowie zahlreiche Staats- und Regierungschefs aus aller Welt. Etwa 20.000 verfolgten die Übertragung der Begräbnismesse auf Großleinwänden außerhalb des Doms. Die Staatstrauer am Tag der Beerdigung wurde von Oppositionspolitikern als „nicht angemessen“ kritisiert.
Berlusconi als Unternehmer Die Holding Fininvest Silvio Berlusconi bündelte seine unternehmerischen Aktivitäten in Fininvest, einer Holding mit Sitz in Rom und Mailand (Umsatz 2021: 3,8 Milliarden Euro, Nettogewinn: 360 Millionen Euro, rund 16.300 Mitarbeiter). Ihm gehörten 63,3 % der Anteile, seiner Tochter Marina und seinem Sohn Pier Silvio aus erster Ehe je 7,65 %, seinen drei weiteren Kindern Barbara, Eleonora und Luigi die restlichen 21,4 %. Die früheren Bauaktivitäten und der Fußballklub AC Mailand waren noch zu Lebzeiten veräußert worden. Fininvest hielt Stand April 2023 Anteile an folgenden Unternehmen: 50 %: MFE – MediaForEurope (ehemals Mediaset); größter Anbieter für kommerzielles Fernsehen in Italien und Spanien sowie Mehrheitsaktionär der deutschen ProSiebenSat.1-Media-Gruppe. 50,3 %: Arnoldo Mondadori Editore; italienische Verlagsgruppe und der größte Buchverlag Italiens. 30 %: Banca Mediolanum; italienisches Finanzdienstleistungs- und Versicherungsunternehmen. 100 %: Teatro Manzoni (Manzoni-Theater); in der Via Manzoni in Mailand. 100 %: AC Monza; Fußballklub aus Monza.
Laut Forbes-Liste 2023 war Silvio Berlusconi mit einem Vermögen von rund 7 Milliarden US-Dollar einer der reichsten Italiener.Silvio Berlusconi & family. In: Forbes. 15. Februar 2021.
Beginn im Bauwesen Nach einigen Erfahrungen als Immobilienmakler während seiner Studienzeit gründete Berlusconi im Jahr 1961 zusammen mit dem Bauunternehmer Pietro Canali sein erstes Unternehmen, die Cantieri Riuniti Milanesi Srl. Dank einer Bürgschaft des Bankiers Carlo Rasini (Inhaber und Mitbegründer der Banca Rasini, für die Berlusconis Vater arbeitete) konnte die Firma ein Grundstück in der Via Alciati erwerben. 1963 gründete Berlusconi das Unternehmen Edilnord Sas. Das dazu nötige Geld stellten Carlo Rasini und der Schweizer Unternehmer Carlo Rezzonico mit der Aktiengesellschaft für Immobilienlagen in Residenzzentren AG mit Sitz in Lugano zur Verfügung. Die anonymen Geldmittel der Schweizer Aktiengesellschaft wurden zum Teil bei der International Bank in Zürich hinterlegt und gelangten über die Banca Rasini zur Edilnord Centri Residenziali. 1964 begann der Bau mehrerer Hochhäuser in Brugherio, wo eine Modellstadt für 4000 Bewohner entstehen sollte. 1965 wurden die ersten Häuser fertiggestellt, die sich jedoch nicht leicht verkaufen ließen. 1968 wurde die Edilnord Sas di Lidia Borsani e C. gegründet (Lidia Borsani ist eine Cousine Berlusconis), die 712.000 m² Grund in der Gemeinde Segrate erwarb und 1969 mit dem Bau der riesigen Wohnanlage Milano 2 begann. 1972 wurde die alte Edilnord aufgelöst, und es entstand die Edilnord Centri Residenziali Sas, wieder trat Lidia Borsani als Gesellschafterin auf, wieder stellte die Aktiengesellschaft für Immobilienlagen in Residenzzentren AG die nötigen Finanzmittel bereit. 1973 gründete Berlusconi Italcantieri, zunächst als S.r.l. (GmbH), dann als S.p.A. (italienische Aktiengesellschaft). Finanziert wurde die Firma von Schweizer Treuhandgesellschaften, nämlich von der Cofigen, die mit der Banca della Svizzera Italiana verbunden war, und der Eti AG Holding in Chiasso. Im selben Jahr erwarb er durch Vermittlung des Anwalts Cesare Previti die Villa Casati Stampa in Arcore, seinen letzten Hauptwohnsitz. Verkäuferin war eine minderjährige Erbin, die von Previti vertreten wurde. 1974 entstand die Immobiliare San Martino in Rom mit dem Geschäftsführer Marcello Dell’Utri, einem alten Freund aus Studienzeiten, der ihm später bei der Gründung der Partei Forza Italia half und 2010 wegen Verbindungen zur Mafia in zweiter Instanz zu sieben Jahren Haft verurteilt wurde. Das Kapital stellten zwei Treuhandgesellschaften der BNL bereit. 1978 fusionierten die Firmen „Edilnord“ und „Immobilie San Marino“ zur Milano 2 SpA. mini|Einfahrt zur Villa San Martino in Arcore, ehemals Villa Casati Stampa, Wohnsitz Berlusconis vor seinem Tod
Fernsehen Für die Bewohner der von ihm gebauten Trabantenstadt „Milano 2“ gründete Berlusconi 1972 den lokalen TV-Sender „Milano 2“, der ursprünglich nur in einem Umkreis von etwa zwei Kilometern empfangen werden konnte und vorwiegend leichte Unterhaltung und Kurznachrichten sendete. Das war der Einstieg Berlusconis in die italienische Medienwelt, die er wenige Jahre später dominieren sollte.Kathrin Ackermann-Pojtinger: Berlusconis Mediokratie und italienische Fernsehgeschichte. In: Romanische Studien. 3, 2016 (online). Weiträumig oder gar landesweit übertragende, private TV-Sender waren damals und noch für fast ein Jahrzehnt verboten. Das Übertragungsgebiet dieses ersten Berlusconi-Senders wurde in den folgenden drei bis vier Jahren über ganz Mailand und große Teile der Lombardei ausgeweitet, wobei der Sender in „Telemilano“ umbenannt wurde.
1980 wurde ein Fußballturnier zwischen den Nationalmannschaften von Argentinien, Brasilien, Deutschland, Italien, den Niederlanden und Uruguay ausgetragen (die so genannte Mundialito). Es kam zu landesweiten Protesten, unterstützt von großen Tageszeitungen wie dem Corriere della Sera und der Gazzetta dello Sport, da die staatliche Fernsehgesellschaft RAI die Spiele nicht live übertrug. Schließlich musste die RAI dem Berlusconi-Sender Canale 5 (dem Nachfolger von Telemilano) den Gebrauch von Satelliten für eine landesweite Übertragung erlauben. 1982 begann Berlusconi über alle seine regionalen Sendestationen dasselbe Programm abzuspielen, so dass de facto ein neuer landesweiter Fernsehsender entstand.