Chur (; ; Rumantsch Grischun , Sursilvan , Sutsilvan Cuera oder Cuira, Surmiran , Putèr und Vallader ) ist der Hauptort des Schweizer Kantons Graubünden sowie der Region Plessur. Chur liegt am Alpenrhein und ist Sitz des Bistums Chur. Am 1. Januar 2020 wurde Maladers eingemeindet, 2021 Haldenstein. Am 1. Januar 2025 fusionierte Tschiertschen-Praden mit Chur.

Name Im lokalen Dialekt wird der Name als [] oder [] ausgesprochen, in anderen deutschen Mundarten Graubündens sowie überhaupt in der Schweiz als [, ].Originalmaterial des Sprachatlasses der deutschen Schweiz auf sprachatlas.ch. Die bündnerromanischen Namen sind Cuira (Rumantsch Grischun), (Vallader), (Puter), (Surselvisch), Cuera oder Cuira (Sutselvisch), Coira (Surmeirisch); vgl. ferner , und mittellateinisch Curia R(h)aetorum.

Die ältere Forschung leitete den erstmals um 280 in einem römischen Strassenverzeichnis () als Curia bezeugten Ortsnamen von ab und fasste ihn als auf. Der Sprachwissenschafter Johann Ulrich Hubschmied wies jedoch darauf hin, dass der Stammvokal der heutigen bündnerromanischen Formen Cuera, Cuoira usw. nicht auf ein ū (langes u) zurückgehen kann, sondern nur auf ein ǔ (kurzes u) oder ein ō (langes o). Schon der Historiker Theodor Mommsen hatte die Herleitung von cūria abgelehnt, da Chur zur Zeit des Erstbelegs noch gar nicht Hauptstadt der Raetia prima war. Hubschmied stellte den Namen deshalb zu beziehungsweise älter , vielleicht auch ‚Stammsitz‘, ein Wort, das in den keltischen Sprachen und in vielen Ortsnamen nachgewiesen ist (und übrigens mit urverwandt ist). Diese Deutung ist heute unbestritten.Johann Ulrich Hubschmied: Chur und Churwalhen. In: Sache, Ort und Wort. Festschrift für Jakob Jud (= Romanica Helvetica. Band 20). Zürich-Erlenbach/Genf 1943; Rätisches Namenbuch. Band 2: Etymologien. Bearb. und hrsg. von Andrea Schorta. Francke, Bern 1964, S. 658 f.; Paul Zinsli: Ortsnamen. Strukturen und Schichten in den Siedlungs- und Flurnamen der deutschen Schweiz (= Schriften des deutschschweizerischen Sprachvereins. Heft 7). 2., durchges. und erg. Auflage. Huber, Frauenfeld 1975, S. 19; Lexikon der schweizerischen Gemeindenamen. Hrsg. vom Centre de Dialectologie an der Universität Neuenburg unter der Leitung von Andres Kristol. Frauenfeld/Lausanne 2005, S. 247 f.; Deutsches Ortsnamenbuch. Hrsg. von Manfred Niemeyer. De Gruyter, Berlin/Boston 2012, S. 111 f. Für ein ursprünglich kurzes u spricht auch die offene Aussprache als [] in der älteren rezenten Mundart.

Geographie mini|Chur, Altstadt, historisches Luftbild von Werner Friedli (1947) mini|Altstadt Chur, Blick nach Westen

Chur liegt im breiten Tal des Alpenrheins, der hier von Westen kommend in die nördliche Richtung umbiegt, die er bis zum Bodensee im Wesentlichen beibehält. Von rechts mündet die Plessur, ein geschiebereicher Wildfluss, der die Bündnerschieferschichten zwischen Montalin und Dreibündenstein in einer tief eingeschnittenen Schlucht durchbricht. Er verlagert mit seinem Geschiebe das Bett des Rheins bis an die Flanke des Calanda: Der von der Plessur im Haupttal abgelagerte, breit ausladende Schwemmfächer – ein Viertelkreis mit 2,5 Kilometer Radius – besteht aus Bündnerschiefer, während der Calanda aus Kalkstein aufgebaut ist. Das rechtsrheinische Territorium der Stadt erreicht im Nordosten am Montalin (ca. ), im Süden an den Spundisköpf () seine grössten Höhen, den tiefsten Punkt bildet der Rhein an der nördlichen Gemeindegrenze (knapp ).

Ausgehend vom rechten Plessurufer unterhalb des auf einer Felsrippe stehenden bischöflichen Hofes hat sich die Siedlungsfläche etappenweise auf den Schwemmfächer ausgebreitet, so dass die Bebauung fast den Rhein erreicht und die Kernstadt mit dem zwei Kilometer nördlich gelegenen Weiler Masans zusammengewachsen ist.

1997 waren 52 Prozent der Gemeindefläche von Wald und Gehölz bedeckt; 50 Prozent im Jahr 2021. Landwirtschaftlich genutzt wurden 19 Prozent, die Siedlungen nahmen 25 Prozent ein, und 4 Prozent galten als unproduktiv. «Hausberge» Churs sind neben dem Calanda (höchster Punkt der Stadt auf seit Eingemeindung Haldensteins zum 1. Januar 2021) der Mittenberg mit dem darüber liegenden Fürhörnli und dem Montalin sowie der Pizokel. Einige Bekanntheit erlangte der nördliche Abhang des Pizokel an der Grenze zu Domat/Ems mit der Rüfe im dortigen Val Parghera. 2013 bewegten sich mehrere Hunderttausend Kubikmeter Geschiebe von dort hinunter zum bald aufgefüllten Auffangbecken. Sie wurden zum Schutz der Autobahn und der Bahnlinie auf Landwirtschaftsland geleitet. Die Kantonsstrasse war zunächst unterbrochen und führte danach für einige Jahre über ein Provisorium. 2019 wurde der 26 Millionen Schweizer Franken kostende neue Geschiebefang mit 170'000 Kubikmeter Fassungsvermögen fertiggestellt.Rüfe Val Parghera. In: valparghera.ch, abgerufen am 7. März 2020.

Nachbargemeinden sind im Uhrzeigersinn von Norden beginnend Trimmis, Arosa, Vaz/Obervaz, Churwalden, Domat/Ems, Felsberg, Pfäfers im Kanton St. Gallen sowie Untervaz.

Kreise und Quartiere Kreis Quartiere Chur West Foral-Trist Grossbruggen Kleinbruggen Kornquader-Freifeld Fürstenwald Fürstenwald Innenstadt Altstadt Brandis Chur Zentrum Gäuggeli Kaserne Boletta Pulvermühle Welschdörfli Winterberg Loë-Lürlibad Loë Lürlibad Stampagarten Masans Kreuzfeld Ober Masans Salufer-Schellenberg Unter Masans Mittenberg Mittenberg Neustadt Daleu Scaletta Segantini Wiesental Pizokel Pizokel Plessur Araschgen Bodmer Sand Plessur-Scaletta Plessurgüter Rheinau Rhein Lacuna-Lachen Titt Untere Au Ross­boden Geissweid Obere Au Waffenplatz Haldenstein Haldenstein Maladers Maladers Praden Praden Tschiertschen Tschiertschen 600px|mini|links|Kreise und Quartiere von ChurStadtplan Chur

+ Die Stadtquartiere von Chur nach dem Bundesamt für Statistik (Stand vor Gemeindefusion mit Haldenstein am 1. Januar 2021)Quartier Nr. BFS-Code 300px|Quartiere von ChurAltstadt 1 3901001Sand 2 3901002Kasernenquartier 3 3901003Industriegebiet 4 3901004Loestrasse-Lürlibad 5 3901005Masans 6 3901006Rheinquartier I 7 3901007Rheinquartier II 8 3901008

Klima Die Jahresmitteltemperatur für die Normalperiode 1991–2020 beträgt 10,3 °C, wobei im Januar mit 1,0 °C die kältesten und im Juli mit 19,3 °C die wärmsten Monatsmitteltemperaturen gemessen werden. Im Mittel sind hier rund 73 Frosttage und 10 Eistage zu erwarten. Sommertage gibt es im Jahresmittel rund 56, während im Schnitt bis zu 15 Hitzetage zu verzeichnen sind. Die Wetterstation von MeteoSchweiz liegt auf einer Höhe von .

Geschichte Vorrömische Zeit Einige aufsehenerregende Funde aus dem Gebiet Sennhof/Karlihof belegen die Anwesenheit von Menschen in der Gegend des heutigen Chur sogar für die Zeit um 11'000 v. Chr. Ausgrabungsfunde belegen, dass Chur bereits in der Jungsteinzeit (etwa 4500 v. Chr.) besiedelt war, wobei für diese Zeit mit Sicherheit nicht von einer dauerhaften, festen Siedlung ausgegangen werden darf. Siedlungsreste und Gegenstände aus der Bronze- und Eisenzeit sind für das Gebiet Welschdörfli und das Areal Sennhof/Karlihof belegt.

Chur wird daher oft als älteste Stadt der Schweiz bezeichnet, was aber als touristischer Marketingslogan im Nachgang zu den sensationellen Funden im Gebiet Karlihof bezeichnet werden darf.Siehe die Selbstbezeichnung Churs, Chur – die älteste Stadt der Schweiz. In: chur.ch, abgerufen am 14. November 2018 («Die Geschichte Churs reicht weit zurück. Vor 13.000 Jahren lebten altsteinzeitliche Jäger und Sammler zeitweise auf dem heutigen Stadtgebiet. Daher bezeichnet sich Chur als älteste Stadt der Schweiz.»).

Antike

Nachdem die Römer im Jahre 15 v. Chr. Rätien erobert hatten und zur Provinz Raetia machten, entstand im heutigen Welschdörfli eine bäuerlich-gewerbliche Siedlung, ein sogenannter Vicus, der vom 1. bis ins 4. Jahrhundert besiedelt war. In diversen Ausgrabungen, vor allem seit den 1960er Jahren, wurden bedeutende Teile dieser antiken Kleinstadt freigelegt – überwiegend Wohnbebauung, aber auch öffentliche Gebäude, verschiedene Bauten für Handel und Handwerk sowie mindestens eine Thermenanlage.Zur Forschungsgeschichte zusammenfassend Jürg Rageth: Chur – Welschdörfli, Schutzbau Areal Ackermann. Urgeschichtliche und römische Funde und Befunde (= Archäologische Führer der Schweiz. Nr. 29). Gasser, Chur 1998, S. 6–10 (Übersichtskarte auf S. 7). Auf dem Platz vor der damaligen Markthalle (heute: Stadthalle) wurde 1965 ein Stück einer Ehreninschrift für den Augustus-Sohn Lucius Caesar gefunden, das wohl ursprünglich Teil eines Ehrenmonuments wie etwa eines Triumphbogens war. (Abbildung der Inschrift bei Ubi erat lupa). Beschreibung der Inschrift in: Christian Witschel: Die Wahrnehmung des Augustus in Gallien, im Illyricum und in den Nordprovinzen des römischen Reiches. In: Detlev Kreikenbom u. a. (Hrsg.): Augustus – der Blick von außen. Die Wahrnehmung des Kaisers in den Provinzen des Reiches und in den Nachbarstaaten (= Königtum, Staat und Gesellschaft früher Hochkulturen. Band 8). Harrassowitz, Wiesbaden 2008, ISBN 978-3-447-05715-8, S. 41–120, hier S. 97 ().

Weitere römische Siedlungsspuren wurden auf dem «Hof», einem nach Süden zur Plessur felsig abfallenden Plateau mit dreieckigem Grundriss, nachgewiesen. Dort existierte spätestens in spätrömischer Zeit (3.–5. Jahrhundert) ein Kastell – ob dieses bereits während der Kaiserzeit bestand, ist nicht sicher. Aus dieser militärischen Struktur entwickelte sich wohl bereits im 4. Jahrhundert das Bistum Chur, bei dem es sich damit um das erste Bistum nördlich der Alpen handelt. Der erste namentlich bekannte Bischof ist Asinio, der 451 bezeugt ist. Aus dieser Zeit stammen wohl auch die ersten Phasen der Kathedrale von Chur und der Bischofsresidenz. Das Siedlungszentrum verlagerte sich auf das rechte Plessurufer.

Ein lokales Verwaltungszentrum war Chur bereits in den ersten Jahrhunderten seines Bestehens gewesen, worauf unter anderem das Ehrenmonument für Lucius Caesar hindeutet. Möglicherweise wurde der Ort nach Aufteilung Rätiens unter Kaiser Diokletian zur Hauptstadt der neu gegründeten Provinz Raetia prima, die sich vom Bodensee bis zu den oberitalienischen Seen und in den Vinschgau erstreckte. Dafür spricht vor allem die Tatsache, dass die spätantiken Bistümer oft aus den politischen Verwaltungsstrukturen heraus entstanden.

In der Völkerwanderungszeit diente Chur als nördlicher Vorposten des ostgotischen Reichs und gelangte dann im 6. Jahrhundert unter fränkische Herrschaft.

Mittelalter