mini|Idol von Sbrutsch Die slawische Mythologie beschreibt die Mythen und die religiösen Vorstellungen der slawischen Völker vor ihrer Christianisierung und ihr Fortdauern in Form heidnischer Bräuche in christlicher Zeit. Allgemein ist die Quellenlage zur vorchristlichen slawischen Mythologie sehr dünn, die meisten Quellen wurden von christlichen Autoren verfasst, die der alten heidnischen Mythologie gegenüber feindlich eingestellt warenVictor A. Shnirelman: Obsessed with Culture: The Cultural Impetus of Russian Neo-Pagans. In: Kathryn Rountree: Cosmopolitanism, Nationalism, and Modern Paganism. New York: Palgrave Macmillan. S. 87–108, ISBN 978-1-137-57040-6. Überliefert ist ein polytheistisches System mit einer Vielzahl von Gottheiten, Naturgeistern und Naturkulten, das Übereinstimmungen mit der ursprünglichen indoeuropäischen Religion aufweist und Einflüsse benachbarter Kulturen erkennen lässt.

Quellen mini|Bildstein in der St.-Marienkirche in Bergen auf Rügen. Es stellt mutmaßlich einen Priester des Gottes Svantevit dar; nach anderer Interpretation handelt es sich um den Grabstein des Fürsten Jaromar I. Die Kenntnis der slawischen Glaubenswelt stammt aus vier Hauptgebieten: Schriftliche Dokumente, die mit Methoden der Geschichtswissenschaft untersucht werden können, wie Chroniken, Urkunden oder kirchliche Traktate, sind im Wesentlichen aus der Spätzeit des 10. bis 12. Jahrhunderts überliefert, auch wenn der älteste Bericht des Prokopios von Caesarea bereits aus dem 6. Jahrhundert stammt. Im 10. Jahrhundert beschrieben arabische Reisende wie Ahmad Ibn Fadlān das slawische Gebiet. Detaillierte Schilderungen der Götter und Kulte der Elb- und Ostseeslawen finden sich in den Chroniken des Thietmar von Merseburg, bei Saxo Grammaticus und in der Chronica Slavorum des Helmold von Bosau. Die vorchristliche Religion der Böhmen beschrieb Cosmas von Prag, die Nestorchronik und das Igorlied legen Zeugnis vom Kult der Kiewer Rus ab. Die Archäologie liefert Erkenntnisse über Kultstätten und Begräbnisriten, aber auch andere Bereiche des religiösen Lebens werden beispielsweise durch Funde von Waffen, Masken oder Schmuck erhellt. Die Ethnographie hat im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen reichen Fundus an Material über Volksbräuche und Glaubensvorstellungen gesammelt, die zum Teil auf vorchristliche Überlieferung zurückgeführt werden konnten. Die Sprachwissenschaft schließlich beschäftigt sich mit den überlieferten Bezeichnungen von Göttern und religiösen Begriffen und ermöglicht Vergleiche der lokalen Kulte untereinander und mit anderen Sprachgebieten. Ebenso widmet sie sich der Rekonstruktion ursprünglicher sakraler Texte und heiliger Lieder aus aufgezeichnetem Folkloregut. Wichtigste Vertreter sind Wjatscheslaw Iwanow, Wladimir Toporow, Boris Uspenski und Radoslav Katicic.

Beziehungen zu anderen Kulturen Der augenfälligste Hinweis auf die Verbindung der slawischen zur indoeuropäischen Mythologie ist der Kult des Donnergottes, der bei den Slawen Perun genannt wurde. Zahlreiche andere Parallelen bestehen auch zur Mythologie der Iraner, Balten, Germanen, Kelten und den antiken Kulturen der Griechen und Römer. Beispiele dafür sind Orakelkulte, die Totenverbrennung oder die Vielköpfigkeit der Götterbilder. Die Vergleichende Sprachwissenschaft hat auch gemeinsame Wurzeln von Götternamen und anderen religiösen Bezeichnungen herausgearbeitet. Es ist aber nicht immer zweifelsfrei erkennbar, ob die Übereinstimmungen der gemeinsamen indogermanischen Basis entstammen oder aus späteren Kulturkontakten herrühren.

Kosmogonie und Kosmologie Die slawische Kosmogonie ist ähnlich der anderer indoeuropäischer Mythologien. Der absolute Grundzustand ist ein Nichts, das durch Rod (-Rodzanice) repräsentiert wird. Mit dem Beginn des Zeitflusses entsteht aus Rod ein Weltenei, aus dem sich der Weiße Gott, Bieleboh, und der Schwarze Gott, Czorneboh, entwickeln. Rod ist nichtdualistisch, der weibliche Aspekt wird durch Rodzanice repräsentiert. Erst durch das Schlüpfen aus dem Weltenei entstehen die dualistischen Gottheiten Bieleboh und Czorneboh. In unterschiedlichen Regionen der slawischen Mythologie werden der Bieleboh und der Czorneboh durch unterschiedliche Gottheiten repräsentiert.Dmitriy Kushnir : Songs of Bird Gamayun: The Slavic Creation Myth (The Slavic Way Book 3), CreateSpace Independent Publishing Platform; Auflage: 1 (7. Dezember 2014), ISBN 978-1-5054-2424-9, S. 5

Im Folgenden existieren mehrere Varianten der Mythologie. In einer entsteht die Welt aus dem Körper Rods, ähnlich wie in der Nordischen Mythologie die Welt aus dem Riesen Ymir entsteht, in einer zweiten erschaffen der Weiße Gott und der Schwarze Gott die Welt :

Diese gute und böse Macht heben die Erde aus dem Meer empor und lassen sie wachsen, wobei die gute Macht für die fruchtbaren Landstriche, die böse für Ödland und Sümpfe verantwortlich ist. Im Verlauf der Christianisierung wurden die beiden Mächte, Bieleboh und Czorneboh, als Gott und Teufel umgedeutet. Sie wurden als zwei Vögel dargestellt, die Sand vom Meeresgrund picken und herauftragen. Auch an der Erschaffung des Menschen sind das Gute und das Böse gleichermaßen beteiligt: Göttlichen Ursprungs ist die Seele, der Teufel schafft den Körper und damit die Grundlage für alle Schwächen und Krankheiten bis hin zum Tod.

Die Vorstellung der Welt ist personifiziert. Der Himmel, die Erde und die Himmelskörper werden als übernatürliche Wesen vorgestellt. Der Erde ist die Göttin Mokosch, dem Himmel der Gott Svarog zugeordnet. Unter den Himmelskörpern genoss neben Sonne und Mond besonders die Venus kultische Verehrung.

Götter Hauptgötter mini|Relief an einem Mauerstein der Pfarrkirche Altenkirchen, das eventuell den Gott Svantevit darstellt. Dass die lokalen Götterkulte einen gemeinsamen Ursprung haben, belegt unter anderem das Wort bog für Gott, das sich in allen slawischen Sprachen findet. Aus dem ursprünglichen slawischen Pantheon sind vier Hauptgötter bekannt: Svarog, Schöpfer allen Lebens, Gott des Lichtes und des himmlischen Feuers, Himmelsschmied Svarožić, auch Dažbog, der Sohn von Svarog, Sonnengott, Vermittler des göttlichen Lebens auf der Erde, Spender des Guten Perun, Gott des Gewitters, des Donners und der Blitze, Kriegsgott und oberster Gott der Slawen, sowie Veles, ursprünglich Beschützer der Toten, Gott des Viehs, der Fruchtbarkeit, des Reichtums, später auch Gott des Rechts

Svarog erscheint als Gott-Vater, der nach der Erschaffung der Welt untätig bleibt und die Macht an die jüngere Göttergeneration abgibt. Der oberste aktive Gott und Weltenherrscher ist Perun, der von Prokopius sogar als einziger Gott der Slawen angeführt wird. Neben ihm stehen der Sonnengott Svarožić und der Fruchtbarkeitsgott Veles. Diese Aufteilung entspricht der funktionalen Dreiteilung indogermanischer Gottheiten nach der Theorie von Georges Dumézil.

Götter der Ostslawen Neben den Hauptgöttern wurden in allen slawischen Gebieten regionale und lokale Gottheiten verehrt. Für die Kiewer Rus berichtet die Nestorchronik, Fürst Vladimir I. habe 980 sechs Idole aufgestellt. Neben Perun und Dažbog handelt es sich um: Stribog, mutmaßlich ein Windgott Chors, wahrscheinlich eine Mondgottheit Simargl, ein Gott in Tiergestalt, dessen Zuständigkeit unklar bleibt, und Mokosch als einzige Göttin im Kiewer Pantheon, die Erdmutter und Personifizierung der „feuchten Mutter Erde“, Göttin der Fruchtbarkeit und der Weiblichkeit, Beschützerin der Schafe und des Spinnens und Webens

Ob der mehrfach in russischen Quellen erwähnte Trojan als ein Gott, ein mythischer Held oder ein Dämon anzusehen ist, bleibt unklar. Oft wird er mit dem römischen Kaiser Trajan in Verbindung gebracht, der auch bei den Sarmaten und Alanen vergöttlicht wurde. In serbischen Sagen erscheint Zar Trojan als dreiköpfiger Dämon, der Mensch, Vieh, und Fische verschlingt.

Götter der Elb- und Ostseeslawen Im Gegensatz zu den anderen slawischen Stämmen haben die Elb- und Ostseeslawen unter dem Druck christlicher Missionare einen organisierten Tempelkult mit einer eigenen Priesterkaste entwickelt. Die ursprünglichen Naturgottheiten wurden bei ihnen zu Stammesgöttern, oft bekamen sie auch neue Funktionen zugewiesen. In ihren Tempeln fanden Orakelriten statt, die über den Ausgang von Kriegen oder zukünftige Ernten Auskunft gaben. Die Hauptgötter der drei mächtigsten Stämme waren: Svarožić oder Radegast. Der ursprüngliche Sonnengott wurde zum Stammes- und Kriegsgott der Redarier, später bekam er im gesamten Stammesverband der Liutizen und auch bei den Obodriten eine führende Rolle. Svantovit, der Gott der Ranen. Sein Kult verbreitete sich im 12. Jahrhundert von Rügen auch auf das Festland, sein Tempel in der Jaromarsburg wurde zum religiösen Hauptzentrum aller noch nicht unterworfenen Stämme. Triglaw, ein Gott der Pomoranen, wurde ursprünglich nur in Wollin, Vineta und Stettin verehrt, später auch in Brandenburg.

Aus einigen Regionen sind außerdem Nebengötter bekannt. Die Ranen verehrten Rugievit, Porevit und Porenutius, in Wolgast und Havelberg ist der Kult des Jarovit belegt, die Wagrier ehrten Prove und Podaga, die Polaben Siva. Auf dem Gebiet der Lausitzer Sorben liegen zwei Berge namens Bieleboh und Czorneboh. Czorneboh (der schwarze Gott) wird von Helmold von Bosau erwähnt, Bieleboh (der weiße Gott) ist sein hypothetischer Gegenspieler. Diese geographischen Bezeichnungen stammen jedoch aus späterer Zeit.

Naturgeister und Dämonen mini|Moderne Statue des Rübezahl im Riesengebirge Die Dämonolatrie, also der Kult der Naturgeister und Dämonen, nahm in der vor- und außerchristlichen slawischen Religion einen breiten Raum ein. Während die Götterkulte bald nach der Christianisierung verschwanden, hielt sich der Glaube an die niederen Wesen, die die Naturkräfte verkörpern, bis in die Neuzeit. Viele der ursprünglichen Naturgeister wurden dabei im Volksglauben zu Gespenstern.

Elementargeister Die Verehrung der vier Elemente Erde, Wasser, Luft und Feuer findet sich im gesamten slawischen Gebiet. Bezeichnend ist dabei die Personifizierung: Es wurden meist nicht die Elemente selbst, sondern die in ihnen wohnenden Wesen verehrt.

Als Erdgeister galten Wesen, die Felsen, Grotten, Steine und Berge bewohnten. „Heilige“ Berge waren zum Beispiel Sobótka in Schlesien, Říp und Milešovka in Böhmen, Radhošť in Mähren und Bieleboh und Czorneboh in der Lausitz. Berggeister traten als Gruppen in Gestalt von Nymphen auf – Kosmas nennt sie Oreaden – oder als Einzelwesen. Oft waren es Riesen wie Rübezahl oder der russische Swjatogor, oder Zwerge wie die Permoniki, die von den Bergleuten verehrt und gefürchtet wurden. Ein materielles Zeugnis der Steinkulte sind die Schalensteine, die in Belarus bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts zu rituellen Handlungen verwendet wurden.

Wassergeister fanden sich in Seen, Brunnen, Quellen und Flüssen. Zauberkräftige Seen, die als Orakel fungierten, erwähnt Thietmar von Merseburg aus dem Gebiet der Daleminzier und Redarier, Opfer für Quellen und Brunnen werden aus Böhmen im 11. Jahrhundert, aus Russland noch im 13. Jahrhundert bezeugt. Die Wassergeister, als Vilen oder Rusalken bekannt, waren ebenso wie die Bergnymphen weibliche Gruppenwesen, der männliche Wassermann war dagegen ein Einzelgänger.

Zu den Luftgeistern zählen die Winddämonen und ihr Bruder Djed Moros, der winterliches Wetter bringt. Die Mutter oder Frau des Windes, Meluzína, warnte vor Unglücken und Naturkatastrophen. Ein sehr böses, im ganzen slawischen Gebiet bekanntes Luftwesen war die Baba Jaga, die auf einer Feuerwalze durch die Luft flog und sich von Menschenfleisch ernährte.