Der Nationalrat (abgekürzt NR; , CN; , CN; ) ist die grosse Kammer des Parlaments der Schweizerischen Eidgenossenschaft mit 200 Mitgliedern und bildet gemeinsam mit dem Ständerat die Bundesversammlung. Sein Sitz befindet sich im Berner Bundeshaus.

Mitgliederzahl mini|Nationalratssaal (Wintersession 2006)

Mit 200 Mitgliedern bildet der Nationalrat die grosse Kammer des Zweikammersystems der Bundesversammlung.

Bei der Gründung des Bundesstaates 1848 war diese Anzahl noch nicht festgelegt, sondern ergab sich aus der Einwohnerzahl der einzelnen Kantone. Gemäss den Vorgaben der damaligen Bundesverfassung sollte ein Nationalratsmitglied 20'000 Einwohner repräsentieren. Daher verfügte der erste Nationalrat, der 1848 zusammentrat, über 111 Mitglieder.Der erste Schweizerische Nationalrat 1849/50. In: Die Schweiz. Schweizerische illustrierte Zeitschrift. 22. Jg. 1918, S. 400.Der erste Schweizerische Nationalrat 1849, 1850/51. In: Die Schweiz. Schweizerische illustrierte Zeitschrift. 22. Jg. 1918, S. 401.

Mit der in der Volksabstimmung vom 4. November 1962 angenommenen Verfassungsänderung wurde die Zahl der Nationalratsmitglieder auf 200 festgelegt. Die Aufteilung auf die einzelnen Kantone erfolgt seither aufgrund der jeweiligen Volkszählungsergebnisse der Wohnbevölkerung (also inklusive Personen ohne Schweizer Bürgerrecht und damit ohne Stimmrecht) nach dem Hare/Niemeyer-Verfahren. Eine Änderung in der Verteilung erfolgte im Jahre 2003 nach den Ergebnissen der eidgenössischen Volkszählung aus dem Jahre 2000. Auch danach erfolgten von Zeit zu Zeit Änderungen der Sitzzuteilung. Jeder Kanton hat Anspruch auf mindestens einen Nationalrat.

Wahlverfahren

Die Nationalräte werden alle vier Jahre für eine Legislaturperiode von vier Jahren vom Volk gewählt, die letzte Wahl fand am Sonntag, dem 23. Oktober 2023, statt.

Die Wahl erfolgt seit 1919 nach der Annahme einer entsprechenden Volksinitiative mittels Proporzwahl, wobei jeder Kanton einen Wahlkreis bildet. Jeder Wahlkreis bildet ein in sich geschlossenes Wahlgebiet. Eine Sperrklausel, wie die beispielsweise in Deutschland übliche sogenannte Fünf-Prozent-Hürde, gibt es nicht, da in der Schweiz möglichst klare Fraktionsstärken zugunsten von Regierungsbildungen nicht elementar sind. Wählbar sind alle stimmberechtigten Schweizer Bürger. Seit 1971 können Frauen bei Nationalratswahlen wählen und gewählt werden. Im Jahr 1991 wurde das Alter von 20 auf 18 gesenkt. Unvereinbarkeitsregeln der Bundesversammlung sind anwendbar.

Wahltag ist jeweils alle vier Jahre am zweitletzten Sonntag im Oktober.

Seit der Modernisierung der Volkszählung und der Verwendung der Verwaltungsdaten zur Erhebung der Bevölkerungszahlen (2007) basiert die Verteilung der Sitzzahlen auf die Kantone auf dem Stand der ständigen Wohnbevölkerung (inklusive nicht Stimmberechtigter) im auf die letzten Gesamterneuerungswahlen folgenden Jahr.Bundesgesetz über die politischen Rechte, Art. 161 Verteilung der Sitze auf die Kantone in Fedlex (in Kraft seit dem 1. Januar 2008). Es gilt dabei der Grundsatz, dass jeder Kanton Anspruch auf mindestens einen Sitz hat. Die Sitze innerhalb der Kantone mit Anspruch auf mehr als einen Sitz werden nach Hare/Niemeyer verteilt. Kantone, die nur einen Vertreter in den Nationalrat entsenden können, wählen mittels Majorzwahl, wobei das relative Mehr entscheidet.

Bei den Wahlen stellen die Parteien in den Kantonen Listen mit Kandidaten auf. Jede Liste enthält maximal so viele Kandidaten, wie dem Kanton Nationalratssitze zustehen. Jeder Stimmbürger kann somit so viele Personen wählen, wie seinem Kanton Nationalräte zustehen: ein Bewohner des Kantons Zürich also 36 (bei den Wahlen 2023), ein Bewohner des Kantons Uri nur eine.

Ausserdem kann jede Partei mit mehreren Listen pro Kanton antreten (beispielsweise Männer- und Frauen-, Jugend- und Senioren-, in grösseren Kantonen auch Stadt- und Landlisten). Ebenfalls möglich ist eine Listenverbindung zwischen mehreren verschiedenen Parteien. Dagegen hat der Bundesrat in einem Kreisschreiben vom 19. Oktober 2022 präzisiert, dass Unterlistenverbindungen (d. h. Listenverbindungen innerhalb von Listenverbindungen) zwischen verschiedenen Parteien (welche bei früheren Wahlen oft toleriert wurden) nicht gestattet sind.

Die Stimmbürger haben die Möglichkeit, die Listen unverändert abzugeben oder sie durch Kumulieren bzw. Panaschieren zu verändern. Einerseits kann der Wähler einem einzigen Kandidaten die Stimme geben und die restlichen seiner Partei überlassen. Andererseits ist es möglich, dass der Wähler die ihm zustehenden Stimmen auf Kandidaten von mehreren Parteien verteilt. Es ist möglich, einen oder mehrere Kandidaten doppelt aufzuführen.

Sitzverteilung Nach Parteien

In den Wahlkreisen erfolgt die Sitzzuteilung wiederum nach dem Hagenbach-Bischoff-Verfahren. Zunächst werden nicht die Stimmenanzahlen der einzelnen Listen, sondern die der Listenverbindungen berücksichtigt. Erst nach stimmenproportionaler Verteilung aller im Wahlkreis zu vergebenden Sitze auf die einzelnen Listenverbindungen werden die errungenen Sitze innerhalb der Listenverbindungen auf die einzelnen Listen wiederum nach Hagenbach-Bischoff unterverteilt.

Gewählt sind auf den Parteilisten die Kandidaten gemäss den erhaltenen Stimmenzahlen. Nachträgliche Umreihungen durch die Parteizentralen, um als wichtig erachteten Kandidaten doch den Einzug in den Nationalrat zu sichern, sind nicht möglich. Eine Abwahl oder ein Ausschluss eines Mitglieds des Nationalrats ist nicht möglich. Auch die vorzeitige Auflösung des Nationalrates ist in der Verfassung nicht vorgesehen. Nur im Falle einer vom Volk beschlossenen Totalrevision der Bundesverfassung wird die gesamte Bundesversammlung (National- und Ständerat) aufgelöst und neu gewählt.

1995 setzte nach einer längeren Phase der parteipolitischen Stabilität die Polarisierung im schweizerischen Parteiensystem ein. Sie brachte vor allem der SVP Stimmengewinne. Gleichzeitig verschwanden mit der Freiheitspartei oder dem Landesring verschiedene Parteien auf nationaler Ebene. Da die Parteien an den Polen gestärkt wurden, spricht man häufig auch von Polarisierung oder Bipolarisierung.

mini|zentriert|450x450px|Historischer Verlauf des Sitzanteils der einzelnen ParteienParteistärken 1995 bis 2019. Bundesamt für Statistik.

Nach Kantonen

Entwicklung der Sitzzahlen Die nachfolgende Tabelle zeigt, wie viele Sitze den Kantonen im Verlaufe der Jahre zustanden. Bis einschliesslich 2011 waren die Ergebnisse der alle zehn Jahre stattfindenden Volkszählungen massgeblich, ab 2015 werden zur Verteilung die Einwohnerregister herangezogen.verschiedene Ausgaben des BundesblattesÄnderungen bei der Sitzverteilung auf die Kantone für die Nationalratswahlen 2019. Bundeskanzlei, 30. August 2017 (Medienmitteilung).Lukas Leuzinger: Bevölkerungsentwicklung. Wie sich die Gewichte im Nationalrat mittelfristig verschieben dürften. In: Neue Zürcher Zeitung. 30. August 2017.

Bei den Nationalratswahlen 2027 erhalten die Kantone Luzern und Freiburg jeweils einen weiteren Sitz, die Kantone Bern und Graubünden verlieren jeweils einen Sitz. Die durch den Bundesrat per 27. August 2025 beschlossene Verordnung über die geänderte Sitzverteilung ist auf die kantonalen Bevölkerungszahlen zurückzuführen.

+1848–1939 Kanton 1848 1851–1860 1863–1869 1872–1878 1881–1887 1890–1899 1902–1908 1911–1919 1922–1928 1931–1939 12 13 13 14 16 17 22 25 27 28 20 23 23 25 27 27 29 32 34 31 6 7 7 7 7 7 7 8 9 9 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 2 2 2 2 3 3 3 3 3 3 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 2 2 2 2 2 2 2 2 2 1 1 1 1 1 1 1 1 2 2 5 5 5 6 6 6 6 7 7 7 3 3 3 4 4 4 5 6 7 7 1 1 2 2 3 4 6 7 7 7 2 2 3 3 3 3 3 4 4 4 2 2 2 2 2 2 2 2 3 2 2 2 2 2 3 3 3 3 3 2 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 8 8 9 10 10 11 13 15 15 13 4 4 5 5 5 5 5 6 6 6 9 10 10 10 10 10 10 12 12 12 4 4 5 5 5 5 6 7 7 6 6 6 6 6 7 6 7 8 8 7 9 10 11 11 12 12 14 16 16 15 4 4 5 5 5 5 6 6 6 6 3 4 4 5 5 5 6 7 7 6 3 3 4 4 5 5 7 8 9 8 Schweiz 111 120 128 135 145 147 167 189 198 187

+1943–2028 Kanton 1943–1947 1951–1959 1963–1967 1971–1979 1983–1987 1991–1999 2003–2011 2016–2020 2020–2024 2024–2028Nationalratswahlen 2023: Änderung bei der Sitzverteilung auf die Kantone. Bundesverwaltung, 1. September 2021 (Medienmitteilung). 31 32 35 35 35 34 34 35 35 36 33 33 33 31a 29 27 26 25 24 24 9 9 9 9 9 10 10 10 9 9 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 3 3 3 3 3 3 4 4 4 4 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 2 2 2 1 1 1 1 1 1 1 2 2 2 2 2 3 3 3 3 3 7 7 6 6 6 6 7 7 7 7 7 7 7 7 7 7 7 6 6 6 8 8 8 7 6 6 5 5 5 4 4 4 5 7 7 7 7 7 7 7 2 2 2 2 2 2 2 2 2 2 2 2 2 2 2 2 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 13 13 13 12 12 12 12 12 12 12 6 6 5 5 5 5 5 5 5 5 12 13 13 14 14 15 15 16 16 16 6 6 6 6 6 6 6 6 6 6 7 7 7 8 8 8 8 8 8 8 16 16 16 16 17 17 18 18 19 19 7 7 7 7 7 7 7 8 8 8 5 5 5 5 5 5 5 4 4 4 8 8 10 11 11 11 11 11 12 12 2a 2 2 2 2 2 2 Schweiz 194 196 200 200 200 200 200 200 200 200

a 1979 gingen zwei Sitze vom Kanton Bern an den neu gegründeten Kanton Jura

Durch einen Sitz vertretene Bevölkerung Durch den Verteilungsschlüssel nach ständiger Wohnbevölkerung repräsentiert ein Nationalrat im Durchschnitt 0,5 % der Wohnbevölkerung der Schweiz. Im für die Wahlen von 2015 massgeblichen Jahr 2012 betrug dieser Wert 40'195 (ständige Wohnbevölkerung 8'039'060 Personen per 31. Dezember 2012). Durch die diskrete Verteilung auf Kantone und die Klausel, dass jedem Kanton mindestens ein Sitz zusteht, variiert diese Zahl aber von Kanton zu Kanton, zwischen 15'717 (Appenzell Innerrhoden) und 53'438 (Appenzell Ausserrhoden). Mit Ausnahme der extremen Werte in Appenzell liegt die vertretene Bevölkerung pro Sitz zwischen 35'471 und 43'638 Einwohnern, d. h. von −11,8 % unter bis +8,6 % über dem Durchschnitt. Die Zahl der Wahlberechtigten pro Nationalratssitz (bei 5'124'034 Personen bei der Wahl von 2011 im Schnitt 25'620) lag bei den Wahlen 2011 (mit Ausnahme der Appenzell) zwischen 21'830 (Genf mit überdurchschnittlich hohem Ausländeranteil) und 27'459 (Bern) Personen, oder −14,8 % bis +7,2 % Abweichung vom Durchschnitt.

Kanton 2011 Wahlen (Wohnbevölkerung Ende 2009) 2015 Wahlen (Wohnbevölkerung Ende 2012) Sitze Wohnbevölkerung Bevölkerung pro Sitz Wahlberechtigte. Bundesamt für Statistik. Wahlberechtigte pro Sitz Sitze Wohnbevölkerung Bevölkerung pro Sitz Wahlberechtigte Wahlberechtigte pro Sitz 34 1 406 083 41 355 877 817 25 818 35 1 408 575 40 245 907 623 25 932 26 985 046 37 886 713 938 27 459 25 992 617 39 705 729 203 29 168 10 381 966 38 197 260 101 26 010 10 386 082 38 608 271 143 27 114 1 35 382 35 382 26 110 26 110 1 35 693 35 693 26 414 26 414 4 147 904 36 976 98 193 24 548 4 149 830 37 458 102 145 25 536 1 35 878 35 878 25 221 25 221 1 36 115 36 115 26 244 26 244 1 41 311 41 311 30 363 30 363 1 41 584 41 584 30 810 30 810 1 39 217 39 217 26 078 26 078 1 39 369 39 369 26 268 26 268 3 113 597 37 866 71 845 23 948 3 116 575 38 858 74 803 24 934 7 284 668 40 667 185 485 26 498 7 291 395 41 628 196 027 28 004 7 259 836 37 119 173 356 24 765 6 259 283 43 214 177 292 29 549 5 194 090 38 818 114 064 22 813 5 187 425 37 485 113 717 22 743 7 277 973 39 710 186 806 26 687 7 276 537 39 505 187 863 26 838 2 77 139 38 570 49 783 24 892 2 77 955 38 978 51 036 25 518 1 53 313 53 313 37 678 37 678 1 53 438 53 438 38 498 38 498 1 15 789 15 789 11 358 11 358 1 15 717 15 717 11 565 11 565 12 483 101 40 258 311 495 25 958 12 487 060 40 588 317 969 26 497 5 193 388 38 678 135 141 27 028 5 193 920 38 784 137 126 27 425 15 624 681 41 645 399 092 26 606 16 627 340 39 209 414 745 25 922 6 254 528 42 421 160 453 26 742 6 256 213 42 702 167 720 27 953 8 336 943 42 118 212 103 26 513 8 341 652 42 707 218 580 27 323 18 725 944 40 330 410 956 22 831 18 734 356 40 798 428 569 23 809 7 317 022 45 289 205 917 25 739 8 321 732 40 217 216 041 27 005 5 173 183 34 637 109 926 21 985 4 174 554 43 638 111 304 27 826 11 472 530 42 957 240 126 21 830 11 463 101 42 100 248 915 22 629 2 70 542 35 271 50 629 25 315 2 70 942 35 471 51 936 25 968