Rehetobel () ist eine politische Gemeinde im Vorderland des Kantons Appenzell Ausserrhoden in der Schweiz.

Geographie Rehetobel ist mit einer Höhe von 953 Metern ü. M. nach Schwellbrunn und Wald die dritthöchstgelegene Gemeinde des Kantons Appenzell Ausserrhoden. Das Dorfzentrum liegt 12 Kilometer östlich von St. Gallen und 5 Kilometer südwestlich von Heiden. Eine Postautolinie verbindet Rehetobel mit diesen beiden lokalen Zentren. Südlich grenzt das Gemeindegebiet von Rehetobel an Wald, südwestlich an Trogen und Speicher. Die natürlichen Grenzen zu diesen Nachbargemeinden bilden die tiefen Einschnitte von Goldach und Moosbach. Im Norden liegt die Gemeinde Grub. Der tiefste Punkt auf Rehetobler Gemeindegebiet ist die Achmüli an der Goldach mit 610 Metern ü. M., der höchste Punkt ist der Kaienspitz mit 1120 Metern ü. M.

mini|Rehetobel auf einer Tuschfederzeichnung, ca. 1830 mini|Historisches Luftbild aus 200 m von Walter Mittelholzer von 1923

Geschichte Anders als das Gebiet der Gemeinde Trogen westlich der Goldach wurde Rehetobel nicht vom Kloster St. Gallen, sondern vom Hoheitsgebiet des Bistums Konstanz her erschlossen und besiedelt, und zwar im Vergleich mit anderen Ausserrhoder Gemeinden spät. Im Klingenberger Urbar, dem ältesten Abgabeverzeichnis, werden Höfe wie Klingenbuoch oder Nuwenswendi (Neuschwendi) erst um 1300 erwähnt. Kirchlich gehörte das Gebiet zu der seit 1259 bezeugten Mauritius-Kirche in Goldach.

Der Name Rehetobel erscheint 1463 in einem Stiftungsbrief der Kirche in Trogen zum ersten Mal. Die Urkunde erwähnt Güter, welche an Wald, an das Reh Tobel und an das Troger Tobel stossen. Ein weiteres Gut an der Nasen grenzt ebenfalls an das Reh Tobel.

Rehetobel bezeichnet demnach ursprünglich lediglich das Waldtobel unterhalb des Rechbergs, das Moosbachtobel. Dieses wurde vom Rechberg aus benannt und Rehetobel ist daher eine Abkürzung aus Rechbergtobel. In der noch gebräuchlichen Mundartform Rechtobel ist der althochdeutsche Tiername Réh vor dem anschliessenden Konsonanten zu rech verändert worden, ähnlich wie bei Rechberg oder Rechstein.

Im Zuge der Appenzellerkriege im frühen 15. Jahrhundert besetzten die Appenzeller die Hügelzüge von Eggersriet bis Walzenhausen. Rehetobel wurde 1458 der Appenzeller Rohde Trogen zugeteilt. In der Folge wurde auch die kirchliche Verbindung mit Goldach aufgelöst, ab 1463 gehörte Rehetobel zur Kirchhöri Trogen, mit der es 1525 zur Reformation übertrat.

Gemeindegründung 1669 Als im 17. Jahrhundert immer mehr ausserrhodische Flecken durch Kirchenbauten zu eigenständigen Gemeinden wurden, zogen auch die Bewohner von Rehetobel in Erwägung, eine eigene Kirche zu errichten – zumal der Kirchweg durch das Tobel beschwerlich war. Trotz des Widerstands aus Trogen begannen sechs Männer, die Materialien für die Kirche zu beschaffen, und erreichten schliesslich, dass der Grosse Rat den Bau am 22. Oktober 1668 genehmigte. Am 29. August 1669 wurde die Rechtobler Kirche nach einer Bauzeit von zweieinhalb Jahren eingeweiht. Tags darauf wurden Pfarrer, Hauptleute und Räte gewählt. Damit war die Gründung der Gemeinde und der Kirchgemeinde Rehetobel besiegelt.

Die Kirche war schon bald zu klein und wies bauliche Mängel auf. Aus diesem Grund wurde sie bereits im Jahr 1737 von Jakob Grubenmann neu gebaut. Um die Kirche entstand innerhalb der Streusiedlung allmählich der Dorfkern.

Dorfbrände 1796 und 1890 1796 verwüstete eine Feuersbrunst das Dorfzentrum ein erstes Mal. Vom damals dort ansässigen Pfarrer Johannes Lutz ist der folgende Satz erhalten geblieben: «Anno 1796 den 9. April nachmittags war eine schreckliche Feuersbrunst oben im Dorf in einem Backenhaus entstanden, da ob der Kirche alle Häuser abgebrannt und die Kirche wurde wie durch ein Wunder Gottes gerettet.» Bei späteren Untersuchungen fand man heraus, dass zur Brandzeit ein «relativ starkes» Erdbeben wütete und so den Backofen des Bäckerhauses beschädigte. Ein starker Nordwestwind trug dazu bei, dass das Feuer schnell auf die umliegenden Häuser übergriff. Insgesamt gingen elf Häuser und neun Nebengebäude in Flammen auf.

Beim zweiten verheerenden Dorfbrand am 21. Juni 1890 wurde auch die Kirche ein Opfer der Flammen. Das Feuer brach nach 18 Uhr in den beiden zusammengebauten Häusern von Leonhard Rohner und Konrad Tanner aus. Ein starker Südwestwind übertrug es sogleich auf das gegenüberstehende Pfarrhaus, auf das Haus der Witwe Egger und das Spritzenhaus. Kurze Zeit später brannte auch die Kirche mit dem erst vier Jahre zuvor renovierten Turm lichterloh. Um 21 Uhr stürzte der Turm ein. Einzig das Gemäuer blieb dank des neuen eisernen Glockenstuhls stehen. Die Glocken wurden unbrauchbar und mussten neu gegossen werden. Die Schadenssumme war hoch, konnte jedoch durch Geldspenden der umliegenden Dörfer etwas verkleinert werden.

20. Jahrhundert mini|Das Gemeindehaus von 1990 Die Entwicklung der Gemeinde ist eng verbunden mit der Blüte und dem Niedergang der Textilindustrie. Die ursprüngliche Leinwandproduktion verlagerte sich ab Mitte des 18. Jahrhunderts hin zur Baumwollweberei, Ende des 19. Jahrhunderts war die Stickerei dominant. Die Heimarbeiter von Rehetobel lieferten vor allem an Fabrikanten in Trogen und Speicher. Die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen mit der Wirtschaftskrise traf die Gemeinde hart, weil die Textilindustrie stark betroffen war. Ein Strukturwandel setzte ein, von 1910 bis 1970 ging die Bevölkerungszahl von 2416 auf 1503 zurück. Die Lage des Dorfs an einem Südhang mit Blick auf den Alpstein machte Rehetobel indes zu einem bevorzugten Wohnort. Die Gemeinde verbesserte 1956 die Wasserversorgung, eröffnete 1961 ein Schwimmbad und nahm 1966 eine Kläranlage in Betrieb. Ab den 1960er-Jahren kam die Raumplanung in der ganzen Schweiz auf die politische Agenda. Die Diskussion um Siedlungsentwicklung und den Schutz der Landschaft erfasste auch Rehetobel, wo ab den 1970er-Jahren viel gebaut wurde. Einerseits machte sich der Fotograf Herbert Maeder in seinem Dorf und als Nationalrat für den Landschaftsschutz stark. Andererseits entbrannte ein mehr als zehn Jahre dauernder Streit um die Überbauung des Gebiets Fernsicht-Berg. Dieses ist heute geschützt, für andere Gebiete hat die Gemeinde Quartierpläne erarbeitet. Neue Quartiere entstanden hingegen am Sonnenberg oder an der Gartenstrasse. Auch der Dorfplatz wurde erneuert. 1976 eröffnete der neue Kindergarten Oberdorf, 1976–1977 wurde eine katholische Kirche errichtet, 1980 wurde das Schulhaus Dorf renoviert und 1990 das neue Gemeindezentrum eingeweiht.

Bevölkerung Bevölkerungsentwicklung Jahr 1850 1870 1888 1900 1920 1941 1960 1980 1990 2000 2010 2020 2022 2024 Einwohner 1984 2321 2229 2184 2209 1554 1629 1416 1688 1742 1687 1754 1706 1714

Politik Seit 2019 ist Urs Rohner Gemeindepräsident von Rehetobel. Die Gemeinde verfügt über einen siebenköpfigen Gemeinderat, der unter der Leitung des Gemeindepräsidenten steht. Der Rat wird von den Stimmbürgern im Majorzverfahren für eine vierjährige Amtszeit bestimmt. Der Gemeinderat ist ein politisches Organ der Exekutive und kümmert sich im Rahmen seiner Kompetenzen um die laufenden Geschäfte der Gemeinde. Es gibt auf Gemeindeebene keine begrenzte Anzahl Amtszeiten. Die aktuelle Zusammensetzung des Gemeinderats ist auf der Webseite der Gemeinde ersichtlich.Gemeinderat Rehetobel auf rehetobel.ch.

Aufgrund der Einwohnerzahl darf Rehetobel zwei Personen im Kantonsrat in Herisau stellen, der die Legislative des Kantons bildet. Die Personen werden im Majorzverfahren von den Stimmbürgern für eine Amtszeit von vier Jahren gewählt. Die Kantonsrätinnen und Kantonsräte vertreten die Interessen der Gemeinde auf kantonaler Ebene. Die aktuellen Vertretungen aller Gemeinden sind auf der Webseite des Kantonsrats verzeichnet.Mitglieder des Kantonsrates auf ar.ch.

Als eine von vier Ausserrhoder Gemeinden hat Rehetobel das Stimm- und Wahlrecht für Ausländer eingeführt. Das bedeutet, dass sie auf kommunaler Ebene gleichberechtigt politisch mitbestimmen dürfen, sofern sie einige vom Kanton gestellte Bedingungen erfüllen (10 Jahre Wohnsitz in der Schweiz, 5 Jahre Wohnsitz in Appenzell Ausserrhoden, aktueller Wohnsitz in Rehetobel).. Gemeinde Rehetobel, 17. April 2007.

Wirtschaft Die wirtschaftliche und demografische Entwicklung von Rehetobel wurde massgebend von der Textilindustrie beeinflusst. Um 1400 begannen die Menschen mit dem Flachsanbau und der Leinenstoffverarbeitung. Auch in Rehetobel erarbeitete sich die kleinbäuerliche Einwohnerschaft dadurch einen Nebenverdienst. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts wechselte man vom Leinwandgewerbe zur Baumwollverarbeitung, und so wurde noch in protoindustrieller Zeit die Baumwollindustrie zum wichtigen Erwerb. Mit der Hinwendung zur Baumwolle wechselten auch die Geschäftsbeziehungen mehrheitlich von Trogen und der Familie Zellweger nach Speicher zu der ursprünglich aus Rehetobel stammenden Textilhandelsfamilie Schläpfer. Seit 1770 existierte eine Stoffdruckerei und im Kastenloch, an der Goldach und den Weggabelungen nach Trogen und Speicher gelegen, entstand eine Färberei. Diese textile Blüte in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts führte zu einem Bevölkerungswachstum.

mini|Stickerhäuser an der Sägholzstrasse Es ist ein Charakteristikum der Textilindustrie, dass sie starken Schwankungen unterliegt – davon war auch die Gemeinde Rehetobel betroffen. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wirkten sich die napoleonischen Kriege und später die Industrialisierung mit ihrer Konzentration auf Wasserkraft und Fabriken negativ auf die in der Heimarbeit beschäftigten Weberinnen und Weber aus. Um 1840 aber war Rehetobel neben Herisau führend in der Herstellung weisser Baumwollgewebe, bis 1862 wurden drei Webfabriken gegründet. Der Boom der St. Galler Maschinenstickerei schliesslich liess zwischen 1892 und 1910 die zuvor rückläufige Bevölkerungszahl emporschnellen und führte zu einer markanten Vergrösserung des Dorfkerns. Fast 90 Prozent der Rechtobler Erwerbstätigen waren um 1900 im Stickereibereich tätig, die meisten davon in Heimarbeit. Architektonische Zeugen dieser Zeit sind die nach 1900 entlang der Heidener Strasse – damals «Neugasse» genannt – und im Oberdorf erbauten typischen «Stickerhäuser». Mit dem Ersten Weltkrieg und bis hinein in die 1930er-Jahre kam es zur Stickerei- und Textilkrise, die Rehetobel besonders hart traf. Heute ist die Textilindustrie nur noch von untergeordneter Bedeutung. Erhalten hat sich die Tobler & Co. AG, die 1901 als Nollenstickerei gegründet wurde, später zur Strumpffabrik wurde und seit der 1980er-Jahre auf Arzt- und Spitalbedarf spezialisiert ist.

Ausserhalb der Textilindustrie war die Optiprint ein wichtiges Unternehmen im Dorf. Die Firma wurde 1985 gegründet. Sie produzierte Leiterplatten unter anderem für Hörgeräte und Computer. Im Gründungsjahr arbeiteten 14 Angestellte im Unternehmen. 1999 konnte die AG bereits 130 Arbeiter entlöhnen. Das Wachstum führte zu vermehrter Kritik aus der Bevölkerung. Der ätzende Geruch sei kaum auszuhalten, und der Holdernbach schäume stark. 1997 stand ein weiterer Ausbauschritt an, nachdem die Optiprint einen Auftrag aus der deutschen Autoindustrie erhalten hatte. Zuvor wurden 260'000 Leiterplatten geliefert, 1999 waren es dann eine halbe Million. Die Firma kaufte wegen Platzmangels ein weiteres Gebäude in Berneck. Dort konnte ein Erweiterungsbau realisiert werden und somit zog 2013 die gesamte Produktion in die St. Gallische Gemeinde. Seit 2018 befindet sich im ehemaligen Optiprint-Gebäude ein Traktorenmuseum.