Speicher ist eine politische Gemeinde im Mittelland des Kantons Appenzell Ausserrhoden in der Schweiz.

Geographie Speicher liegt im Appenzellerland an der Bahnstrecke Appenzell–St. Gallen–Trogen der Appenzeller Bahnen, etwa sieben Kilometer südöstlich von St. Gallen und zwei Kilometer nordwestlich von Trogen. Speicher grenzt an den Kanton St. Gallen sowie an die Ausserrhoder Gemeinden Teufen, Bühler, Trogen und Rehetobel. Zur politischen Gemeinde Speicher gehört auch die Speicherschwendi, eine etwas tiefer gelegene Ortschaft. Speicher liegt auf 936 m ü. M., wobei sich der tiefste Punkt auf 566 und der höchste auf 1084 m ü. M. befindet. Das Gemeindegebiet Speichers beträgt 819 Hektaren, wovon 157 besiedelt sind. 427 ha sind landwirtschaftliche und 230 ha bestockte Flächen, 5 ha sind unproduktiv.

Geschichte mini|Luftbild von 1923 aus 200 m Höhe von Walter Mittelholzer mini|Schlachtdenkmal auf der Vögelinsegg von Otto Steiger Der Name Speicher entstand im Mittelalter, während der Hochblüte des Klosters St. Gallen. Erstmals urkundlich erwähnt wurde der Ort im 13. Jahrhundert als «Speycher». Damals stand bei der heutigen Dorfkirche ein Kornspeicher des Klosters.

Zwischen den Appenzeller Bauern und dem Städtebund (u. a. mit der Stadt St. Gallen) fand unterhalb der Vögelinsegg und oberhalb des Hofs Loch 1403 die erste wichtige Schlacht der damit begonnenen Appenzellerkriege statt. Die zu allem entschlossenen Bauern konnten diese erste militärische Herausforderung für sich entscheiden; sie täuschten mit einem listigen Ablenkungsmanöver den Gegner. Ein Schlacht-Denkmal wurde 1903 erstellt. Es stellt einen mahnenden Appenzeller Bauern mit Morgenstern dar. Er späht in Richtung der nahen Stadt St. Gallen und thront auf der Krete der Vögelinsegg.

Vor der Reformation gehörte Speicher zur St. Galler Kirchgemeinde St. Laurenzen. Ab 1525 bekannte sich die Gemeinde zum evangelisch-reformierten Glauben und wurde ab 1603 im Linsenbühl St. Gallen kirchgenössig. Mit dem Kirchenbau 1614 wurde Speicher eine autonome Gemeinde. Die heutige evangelische Kirche ist 1810 eingeweiht worden. 1882 wurde eine kleine Kirche für die katholische Diaspora erbaut; 1974 konnte das Pfarreizentrum Bendlehn eingeweiht werden. Die katholische Kirchgemeinde umfasst Speicher, Trogen und Wald.

Speicher galt noch im ersten Drittel des 17. Jahrhunderts als arm und spärlich bevölkert, was sich jedoch durch die Textilindustrie rasant änderte. Die Textilindustrie wuchs ab 1638 massgeblich und wurde dadurch für gut 250 Jahre das wirtschaftliche Rückgrat der Gemeinde. Während der Hochblüte der Industrialisierung, um 1870, waren rund 3000 Personen in rund 660 Haushalten registriert. Der Niedergang der Textilindustrie ab etwa 1920 führte zu einer Abwanderung. Ab Ende des Zweiten Weltkriegs stieg die Bevölkerungszahl wieder leicht an, denn zeitgleich begannen auch andere Wirtschaftszweige in Speicher – darunter Metall- und Kunststoffverarbeitung sowie der Kurtourismus – an Bedeutung zu gewinnen. Als Kurort, der ab dem Jahre 1900 Gäste angelockt hatte, erlangte Speicher erst dann grössere Bekanntheit. Die Gemeinde wurde daraufhin als Destination so beliebt, dass sie im Jahr 1967 als offizieller Kurort anerkannt wurde.

Zum Gedenken an die Schlacht bei Vögelinsegg vor 500 Jahren fand 1903 ein Erinnerung-Freilichtspiel statt. Zu diesem Anlass wurde auch die Trogenerbahn eingeweiht. Als elektrifizierte Strassenbahn von St. Gallen nach Trogen ermöglichte sie Speicher ein erneutes, bedeutendes Wachstum. Seit der Eröffnung des Ruckhaldetunnels 2018 verkehren die Züge auf der Durchmesserlinie durchgehend von Appenzell über St. Gallen bis Trogen. Die gute verkehrstechnische Erschliessung ist ein Grund dafür, dass Speicher als Wohnort beliebt ist.

Seit 2009 ist Speicher eine sogenannte Energiestadt. Nach Herisau war Speicher die zweite Gemeinde in Appenzell Ausserrhoden, der dieser Titel zuerkannt wurde. Das Label bezeugt, dass die Gemeinde sich für eine effiziente Energienutzung, erneuerbare Energien, umweltverträgliche Mobilität sowie Klimaschutz einsetzt. Die Gemeinde wird dabei von einem Energiestadtberater unterstützt.

Bevölkerungsentwicklung

Bevölkerungsentwicklung Jahr 1850 1870 1888 1900 1920 1941 1960 1980 1990 2000 2010 2020 Einwohner 2685 3147 3038 3041 3083 2137 2778 3484 3789 3853 4027 4434

Politik Seit 2018 ist Paul König Gemeindepräsident der Gemeinde Speicher (Stand Februar 2024). Speicher verfügt über einen siebenköpfigen Gemeinderat unter der Leitung des Gemeindepräsidenten. Der Rat wird für eine vierjährige Amtszeit von den Einwohnern im Majorzverfahren bestimmt. Der Gemeinderat ist ein politisches Organ der Exekutive und kümmert sich im Rahmen seiner Kompetenzen um die laufenden Geschäfte der Gemeinde. Es gibt auf Gemeindeebene keine begrenzte Anzahl Amtszeiten. Die aktuelle Zusammensetzung des Gemeinderats ist auf der Webseite der Gemeinde abrufbar.Gemeinderat Speicher

Aufgrund der Einwohnerzahl darf Speicher fünf Personen im Kantonsrat in Herisau stellen, der die Legislative des Kantons bildet. Die Personen werden im Majorzverfahren von den Einwohnern für eine Amtszeit von vier Jahren bestimmt. Die Kantonsräte vertreten die Interessen der Gemeinde auf kantonaler Ebene. Die aktuellen Vertretungen aller Gemeinden sind auf der Webseite des Kantonsrats verzeichnet.Mitglieder des Kantonsrates

Als eine von vier Ausserrhoder Gemeinden hat Speicher das Stimm- und Wahlrecht für Ausländer eingeführt. Das bedeutet, dass Personen ohne Schweizer Pass auf kommunaler Ebene gleichberechtigt politisch mitbestimmen dürfen, sofern sie einige vom Kanton gestellte Bedingungen erfüllen (10 Jahre Wohnsitz in der Schweiz, 5 Jahre Wohnsitz in Appenzell Ausserrhoden, aktueller Wohnsitz in Speicher).

Wirtschaft und Infrastruktur 4 Prozent der Speicherer Bevölkerung ist noch in der Land- und Forstwirtschaft tätig. Betrieben wird vor allem Viehzucht. Seit 1910 wird die Alp Santmaregg in der Gemeinde Urnäsch zur Sömmerung des Viehs genutzt. Die Land- und Alpwirtschaftliche Genossenschaft Speicher führt einen Landi-Laden, sie kümmert sich um Förderung und Weiterbildung der Landwirte – und sie stellt einen Gemeinderat.

Im Juni 2022 hatten über 120 Firmen verschiedener Wirtschaftszweige einen Sitz in Speicher. Die Ersparniskasse Speicher wurde 1819 als Stiftung gegründet. Sie ist die älteste Bank im Kanton Appenzell Ausserrhoden, zudem eine der kleinsten Banken der Schweiz.

mini|Das Gasthaus Krone In Speicher gab es zeitweise bis zu 45 Gast- und Wirtshäuser, heute sind es noch 15 (Stand 2022). Das Gebäude des Spycher-Stöbli (bis 1841 Wirtschaft zur Sonne) wurde im 17. Jahrhundert gebaut und 1745/1746 an seine heutige Stelle «verschoben», weil man an die ursprüngliche Stelle das Haus des Landammanns Zuberbühler bauen wollte. 1820 wurde die Sonnengesellschaft im Wirtshaus gegründet, es war für einige Zeit auch ihr Stammlokal. 1841 schloss das Wirtshaus für mehr als 100 Jahre, wurde ab 1950 zu einer Bäckerei und ab 1976 zum Café Spycher-Stöbli. Ein weiteres, alteingesessenes Wirtshaus ist die Krone. Sie wurde 1690 erbaut und hiess damals noch Wirtshaus und Bäckerei zum Adler. Sein heutiges Aussehen und den Namen Krone erhielt das Haus etwa 1830. Es diente zeitweise auch als Postbüro und als Tagungsort der Sonnengesellschaft. 2015 wurde die Krone umfassend renoviert und wird seither als Hotel und Restaurant betrieben.

Für Speicher ist vor allem die Textilindustrie von Bedeutung. Ab dem zweiten Drittel des 17. Jahrhunderts wurde in Speicher zunehmend mit Textilien – zunächst mit Leinwand, später mit Mischgeweben und Baumwollprodukten – gehandelt. Dies verhalf der Gemeinde zu mehr Wohlstand. Seit dem 19. Jahrhundert waren Stickereien wichtige (Export-)Güter. Die Gebrüder Jacob und Matthias Schläpfer, zusammen mit ihrem Neffen Johannes Schläpfer-Gonzenbach, begannen im Jahr 1750 mit ihrer Unternehmung, Textilfernhandel zu betreiben. Sie verkauften die Textilien der Familien Zellweger (Trogen) und Wetter (Herisau) im Ausland, vorwiegend in Italien. Durch sie wurde Speicher als Handelsort so zentral, dass um 1780 bis zu 120 Fabrikanten tätig waren. 1837 ist eine Jacquardfabrik nachgewiesen, und 1846 sind 30 Web- und 27 Stickfabrikanten verzeichnet. Von 1836 bis 1843 wurde im Ortsteil Speicherschwendi eine Seidenraupenzucht betrieben. Mitte des 19. Jahrhunderts war Speicher zusammen mit der Nachbargemeinde Trogen die reichste Gemeinde im Appenzellerland.

Textilunternehmen von Speicher: Schefer & Cie wurde 1883 von Hans Ulrich Schefer gegründet. Die Firma war in der Feinweberei tätig und besonders für ihre Plattstichweberei bekannt. Trotz der Weltkriege und Krisen zu Beginn des 20. Jahrhunderts überdauerte der Betrieb. Er beschäftigte zeitweise bis zu 200 Personen. Durch die mehrheitlich maschinelle Arbeit war es dem Unternehmen möglich, sich schnell der Nachfrage anzupassen. Als eines der ersten Unternehmen der Region stellte die Firma ihren Angestellten Arbeiterwohnungen zur Verfügung. Ende der 1960er-Jahre begann die Schweizer Textilindustrie aufgrund der preiswerteren, ausländischen Konkurrenz zu schrumpfen. 1980 wurde die Schefer & Cie schliesslich von der Teufner Weberei Schläpfer & Co aufgekauft. Trèfle: Firmengründer Oscar Rohrer stellte ab 1938 feine Herrensocken her. Auch er hatte den Ruf als sozialer Arbeitgeber. Während des Zweiten Weltkriegs war es schwierig, an Ressourcen zu gelangen, doch die Firma konnte sich über Wasser halten. Nach Kriegsende erfolgte die Herstellung des Luxusprodukts vollautomatisch. Die Firma hiess von 1948 an Oscar Rohrer AG. 1982 wurde sie mangels Nachfolge in der eigenen Familie an Otmar Bachmann weiterverkauft. Sie wurde 1991 liquidiert. Die Maschinen gingen in die Türkei. Die Scherlerei Tanner war die grösste mechanische Scherlerei der Schweiz. Sie veredelte die fertigen Stickereien und Webereien, indem sie die überschüssigen Fäden auf- oder abschnitt. 1915 wurde das Unternehmen in Trogen gegründet und 1936 nach Speicher verlegt. 2008 wurde die Firma an einen in Trogen wohnhaften Besitzer verkauft. Dadurch konnte das Unternehmen sein Überleben sichern. Es ist das einzige, alteingesessene Textilunternehmen von Speicher, das es bis heute noch gibt (Stand 2024). Akris betreibt in Speicher einen Standort. 1981 kaufte der Sohn Max der Akris-Gründerin Alice Kriemler-Schoch eine Fabrikliegenschaft, um die für die Kleidung verwendeten Stoffe zu lagern. Das ehemalige Aussenstoffhandelsgebäude ist seit 1995/96 ein Logistikzentrum, das jedes Jahr für kurze Zeit weltweit nicht verkaufte Artikel vergünstigt in Speicher verkauft.

Medien Das Gemeindeblatt Speicher erscheint 11-mal im Jahr in einer Auflage von 2350 Exemplaren (Stand 2024) und wir gratis an alle Haushaltungen verteilt. Die Redaktionsleitung liegt bei der Gemeinde Speicher, hergestellt wird es von der Druckerei Lutz.

Bildung mini|Zentralschulhaus und Turnhalle Speicher AR Die ersten Lehrer in Speicher waren Geistliche, welche die Schüler im Pfarrhaus unterrichteten. Im Jahr 1705 wurde das erste Schulhaus im «Moos» errichtet. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde das Wirtshaus Hirschen zu einem Schulraum umgenutzt. 1828 erbaute man ein weiteres Schulhaus in der Erlen, da bereits über 100 Kinder den Unterricht besuchten. 1843 kam das Dorfschulhaus dazu. Die Schule war damals Pflicht bis zum 12. Lebensjahr. 1909 wurde das Zentralschulhaus im «Schupfen» eingeweiht, das heute der Sekundarschule dient. Nach 1945 war ein starker Schüleranstieg erkennbar. 1953 gab es über 300 Schüler. Das «Buchenschulhaus», das als heutige Primarschule dient, wurde 1970 bezogen. Auch im Ortsteil Speicherschwendi gab es 1709 schon eine Schule, 1763 das erste Schulhaus. Dieses musste nach einem Brand 1971 saniert werden.