Schwellbrunn ist eine politische Gemeinde und eine Ortschaft im ehemaligen Bezirk Hinterland des Kantons Appenzell Ausserrhoden in der Schweiz.
Geographie Schwellbrunn liegt auf einem schmalen Hügelrücken, sechs Kilometer südöstlich von Degersheim und sieben Kilometer südwestlich von Herisau und ist ein beliebter Ausflugsort. Mit 966 m ü. M. ist Schwellbrunn die höchstgelegene Gemeinde im Kanton Appenzell Ausserrhoden. Es bietet sich nicht nur ein eindrücklicher Blick Richtung Alpstein und Säntis im Süden, sondern ebenso eine Aussicht bis ans Nordufer des Bodensees und zum Schwarzwald. Der Wissbach entspringt westlich, die Glatt östlich des Hügelrückens. Schwellbrunn hat eine Gesamtfläche von 1740 Hektaren. Davon sind 103 Hektaren bewohnte, 1039 Hektaren landwirtschaftliche und 589 Hektaren bestockte Flächen, also Wälder und Gehölze. Die restlichen 9 Hektaren gelten als unproduktive Flächen.
Nachbargemeinden sind im Uhrzeigersinn die appenzell-ausserrhodischen Gemeinden Herisau, Waldstatt, Urnäsch, Schönengrund sowie die sanktgallischen Neckertal und Degersheim.
Geschichte mini|Post, Kirche und Pfarrhaus mini|Luftbild von Walter Mittelholzer aus dem Jahr 1920 Seit 900 wurden Einzelhöfe schriftlich erwähnt, darunter 1268 die Hofstatt Schwellbrunnen. 1280 wurde diese «Swelbunnin» und 1346 «Swelbrunnen» genannt. Es wird vermutet, dass der Ortsname auf «beim Brunnen, der gestaut wird» zurückgeführt werden kann. Die Bewohner vom Bergland Schwellbrunn gehörten noch im 14. Jahrhundert politisch zum Gau an der Thur. Dreimal jährlich mussten sie am Gerichtsort Oberuzwil erscheinen. 1345 herrschte der Abt von St. Gallen über das ganze Appenzeller Hinterland, also die appenzellischen Orte «hinter der Sitter». Spätestens ab 1400 gehörten die Höfe im heutigen Gemeindegebiet mehrheitlich zur Kirchhöri Herisau. Als Teil der Rhode und Kirchgemeinde Herisau trat Schwellbrunn 1529 zur Reformation über. Der Wunsch nach einer eigenen Kirche wuchs. Der Weg zum Gottesdienst in Herisau war lang und im Winter gar nicht begehbar. Doch es fehlte den Schwellbrunnern an finanziellen Mitteln. Deswegen ersuchten sie 1648 an einer Tagsatzung in Baden um finanzielle Unterstützung. Auch Herisau erklärte sich bereit, Beihilfe zu leisten, unter der Bedingung, dass Schwellbrunn noch immer zur Kirchhöri und Rhode Herisau gehören solle. Doch noch im selben Jahr löste sich Schwellbrunn kirchlich, im darauffolgenden Jahr politisch ganz von Herisau.
Erst nach dem Kirchenbau bei der Hofstatt Schwellbrunn und der politischen Verselbständigung 1649 bildete sich entlang der Hauptlandstrasse von St. Gallen ins Toggenburg das noch heute charakteristische Strassendorf. Zu dieser Zeit zählte das Dorf ungefähr 800 Einwohner.
Die neue Gemeinde organisierte sich in einer Oberen und Unteren Schar, die im Wechsel bis 1818 den Gemeindehauptmann, das heisst den Gemeindepräsidenten, stellten. Die alte Zweiteilung der Gemeinde lebt in den Namen von zwei der drei Lesegesellschaften fort.
Zwischen 1688 und 1695 hatte die junge und für die landwirtschaftliche Selbstversorgung fast schon zu alpine Gemeinde unter gehäuft auftretenden schlechten Wetterbedingungen zu leiden. Die Ernten fielen spärlich aus. Dies führte zu einer Teuerung der Lebensmittel, eine Hungersnot hatte zahlreiche Todesfälle zur Folge. In den Jahren 1770/71 und 1816/17 verhungerten erneut zahlreiche Menschen aufgrund schlechter Ernten.
Die phasenweise florierende Textilindustrie hinterliess in Schwellbrunn im 18. und 19. Jahrhundert zahlreiche bauliche Spuren. Im Jahr 1798 zählte das Dorf 335 Häuser. Das Strassendorf erhielt bis etwa 1820 als Gewerbezentrum innerhalb der Streusiedlung seine heute charakteristische Gestalt. Ab 1880 entwickelte sich Schwellbrunn – wie viele ausserrhodische Gemeinden – zum Luftkurort. Spazierwege wurden angelegt, und an passenden Stellen wurden Sitzbänke aufgestellt. Das Klima war für die Kurgäste wohltuend. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts florierte die Gemeinde, und die Bevölkerungszahl blieb konstant oder wuchs.
In den 1930er-Jahren verschwanden die bisherigen Haupterwerbszweige Weberei und Stickerei aufgrund der Krisen beinahe vollständig. Seither ist die Gemeinde von Vieh- und Milchwirtschaft geprägt. In Schwellbrunn findet deswegen jährlich die grösste Viehschau des Kantons statt. Da der Dorfkern von Schwellbrunn bis ins 20. Jahrhundert weitgehend unverändert geblieben ist, wurde dieser als Ortsbild von nationaler Bedeutung unter Schutz gestellt. Dank seiner ruhigen Lage wurde die Gemeinde im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts als Wohnort sehr geschätzt; seit Beginn des 21. Jahrhunderts hat sich allerdings die Zunahme an Bewohnern gemässigt.
2015 drehte das Schweizer Fernsehen im Rahmen seiner Sendung «SRF bi de Lüt – Unser Dorf» seine vierte Staffel à vier Sendungen zur Gemeinde Schwellbrunn. 2017 wurde Schwellbrunn in einer von den Zeitschriften Schweizer Illustrierte, L’illustré und il Caffè zusammen mit Sendern der SRG veranstalteten Publikumswahl zum schönsten Dorf der Schweiz gewählt. Schwellbrunn ist Mitglied des 2015 gegründeten Vereins «Die schönsten Dörfer der Schweiz».
Bevölkerung Bevölkerungsentwicklung Jahr 1667 1794 1850 1880 1900 1920 1941 1960 1980 1990 2000 2010 2020 2022 Einwohner 1012 2436 2254 2197 1888 1758 1412 1344 1142 1438 1468 1477 1539 1543
Politik Seit 2019 ist Ueli Frischknecht Gemeindepräsident der Gemeinde Schwellbrunn. Schwellbrunn verfügt über einen siebenköpfigen Gemeinderat, der unter der Leitung des Gemeindepräsidenten steht. Der Rat wird für eine vierjährige Amtszeit von den Stimmbürgern im Majorzverfahren bestimmt. Der Gemeinderat ist ein politisches Organ der Exekutive und kümmert sich im Rahmen seiner Kompetenzen um die laufenden Geschäfte der Gemeinde. Es gibt auf Gemeindeebene keine begrenzte Anzahl Amtszeiten. Folgende Personen bilden aktuell den Gemeinderat in Schwellbrunn:
Ueli Frischknecht, Gemeindepräsident, seit 2019 Markus Schmidli, Gemeinderat, seit 2016 Rolf Handschin, Gemeinderat, seit 2018 Roland Danuser, Gemeinderat, seit 2019 Silvano Huber, Gemeinderat, seit 2021 Peter Schläpfer, Gemeinderat, seit 2023 Monika Freund Schoch, Gemeinderätin, seit 2023
Aufgrund der Einwohnerzahl hat Schwellbrunn im Kantonsrat in Herisau, der Legislative des Kantons, zwei Sitze. Die Personen werden im Majorzverfahren von den Stimmbürgern für eine Amtszeit von vier Jahren gewählt. Die Kantonsräte vertreten die Interessen der Gemeinde auf kantonaler Ebene. Folgende Personen vertreten aktuell Schwellbrunn im Kantonsrat (Stand Februar 2024):
Markus Schmidli, Kantonsrat, FDP Walter Raschle, Kantonsrat, SVP
Mit der Gründung einer SVP-Sektion in den 1990er Jahren gewann auch die bürgerliche Ortspartei der FDP an Bedeutung, seit 2010 kam eine Sektion der Sozialdemokraten hinzu.
Wirtschaft mini|hochkant|Spätbarockes Fabrikantenhaus auf der Egg Die mehrheitlich bäuerliche Bevölkerung nahm am Aufschwung der Textilindustrie im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts teil. Fast alle, ausgenommen Geistliche und Lehrer, waren mit Weben beschäftigt. Das Spinnen und Spulen fand in der Stube unmittelbar über den Webkellern statt. Von 1740 an führte die Baumwollweberei zu einer Hochkonjunktur. Die feuchten Keller waren für die Baumwolle geeignet. Zuvor war vor allem die Fabrikation von Leinwand vorherrschend gewesen. Der erste Fabrikant Schwellbrunns war Hans Mock (1632–1721): Er war auch als Landwirt, Metzger, Rinderhäutehändler, Wirt, Spezereihändler, Schulmeister, Gemeindeschreiber und Bankier tätig. Nach ihm erlangten nur wenige Schwellbrunner im Baumwollgewerbe als Fabrikanten und Kaufleute Bedeutung. Einer davon war Johannes Schläpfer (gestorben 1765). Der ehemalige Weber wurde aufgrund der günstigen Wirtschaftslage und dank seiner Verbindungen in die Westschweiz wohlhabend. Er wurde Gemeindehauptmann und hinterliess nach seinem Tod eine bedeutende Summe von 36'000 Gulden. In seiner Amtszeit entstanden in Schwellbrunn mehrere Fabrikantenhäuser. Mitte des 18. Jahrhunderts, 100 Jahre nach der Entstehung der Gemeinde, zählte das hinterländische Dorf bereits 1510 Einwohner.
Neben der Textilindustrie lebte die Bevölkerung hauptsächlich von der Butter- und Käseherstellung, der Bienenzucht und dem Export von Köhlerholz. Die Neuanlage der Hauptstrasse von Herisau ins Toggenburg über Waldstatt 1789 stiess in Schwellbrunn auf Widerstand, denn sie stellte das Dorf verkehrsmässig ins Abseits und leitete schon früh seinen ökonomischen und demografischen Niedergang ein.
In den Jahren zwischen 1798 und 1847 wurde das Textilgewerbe mechanisiert; auch dieser Umstand war wegen der topografischen Lage Schwellbrunns ungünstig. Im Dorf gibt es keine Wasserläufe, deren Wasserkraft für den Betrieb von Fabriken hätte genutzt werden können. Die Textilarbeiter fertigten ihre Ware weiterhin von Hand in ihren eigenen Häusern an. 1860 folgte die Umstellung auf Handstickmaschinen, 1871 entstand eine erste Stickfabrik. Bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts – also früher als anderswo – und bis etwa 1950 steckte die Textilbranche in Schwellbrunn in einer langanhaltenden Krise, sodass viele Familien verarmten.
Seither ist der Haupterwerbszweig der Bevölkerung die Landwirtschaft. Insgesamt 43 Prozent der Erwerbstätigen in der Gemeinde arbeiten im Landwirtschaftssektor. Das liegt deutlich über dem kantonalen (8,5 %) und gesamtschweizerischen Durchschnittswert (7 %).
Heute sind in Schwellbrunn 47 Unternehmen ansässig, darunter die Auto Preisig AG und die Danuser AG.
Medien 2015 lösten Marcel und Yvonne Steiner den Appenzeller Verlag aus dem Appenzeller Medienhaus in Herisau heraus und verlegten ihn nach Schwellbrunn ins ehemalige Schulhaus Rank. Das Haus war in seiner Geschichte schon Wirtshaus, Schulhaus, Kulturhaus und in den 1960er-Jahren Polizeibüro. Im Verlagshaus Schwellbrunn sind fünf Verlage zusammengefasst: Appenzeller Verlag, Toggenburger Verlag, Orte Verlag mit der Literaturzeitschrift Orte, Edition Punktuell und Verlag FormatOst. Das Verlagshaus ist spezialisiert auf regionale Literatur und Sachbücher und verlegt Kalender, Wanderführer und Jahrbücher. In der Gaststube zur Linde werden auch Veranstaltungen durchgeführt. 2022 haben im Zuge einer Nachfolgeregelung die Steinegg-Stiftung und die Appenzeller Druckerei einen Teil der Aktien übernommen.
Das «Schwellbrunner Blättli» ist das Informationsblatt der Gemeinde. Es erscheint sechsmal pro Jahr in einer Auflage von 800 Exemplaren. Es wird von einer kleinen Redaktion betreut.
Bildung mini|hochkant=.85|Das Schulhaus zur Linde (im Rank), 1780 als Fabrikantenhaus erbaut, heute Sitz des Verlagshauses Schwellbrunn; Federzeichnung von 1857 Um 1637 bestimmte die Landesregierung, dass die Schule am Gallustag beginnen und den ganzen Winter durch gehalten werden soll. 1650 wurde angeordnet, dass die Schule auch während des Sommers stattfinden müsse. Jedoch kamen nur wenige Kinder zum Unterricht. Als Pfarrer Johann Ulrich Schiess (1746–1817) um 1780 bekanntgab, dass er keine Kinder in den Konfirmandenunterricht aufnehme, die kein Gedrucktes lesen können, schickten die Eltern ihre Kinder in die Schule. Insgesamt wurde um 1800 an elf verschiedenen Orten – in Schulstuben von Privathäusern – Schule gehalten.
1841 wurde das erste Schulhaus in der Gemeinde gebaut. Auch die Bewohner der Oberen Schar wollten nun ein eigenes Schulhaus haben und erhielten ein solches im Juli 1843. 1873 beschloss die Landsgemeinde von Appenzell Ausserrhoden, die obligatorische Schulzeit von sechs auf sieben Jahre zu verlängern. Die um 1855 gegründete Mädchenarbeitsschule wurde im selben Jahr obligatorisch. 1875 eröffnete eine Kleinkinderschule. Nach mehreren Anläufen stimmte das Stimmvolk 1951 dem Vorschlag einer neuen Schule zu, 1953 wurde das Schulhaus «Weiher» eingeweiht. Ab 1971 wurden die Sekundarschüler in Waldstatt und Herisau unterrichtet.